Kunstakut-Logo

 Volker Frechen




Wochenfotos 2016



  • Graf Fiti I.
  • KW 52: Geschenkt

    Das Sprayen ist natürlich eine sehr politische Kunst. Sie provoziert vielleicht weniger, weil sie nicht gestattet ist, sondern weil sie geschenkt ist. Meine Utopie ist, die Kunst zu verschenken,

    sagt Harald Naegeli (*1939) in einem aktuellen Beitrag des WDR.

    Harald Naegeli hat bereits in den 1970ern angefangen, den öffentlichen Raum als Leinwand für seine Stichzeichnungen zu nutzen. Tanzt, tanzt aus der Reihe, war sein Motto. Wer begriffen hat und nicht handelt, hat nicht begriffen, sein Antrieb.

    Als „Sprayer von Zürich“ wurde er international bekannt und 1984 in der Schweiz inhaftiert. Zwar hatte er in Deutschland Asyl gesucht, wurde aber trotz prominenter Fürsprecher wie Böll, Beuys und Brandt wieder abgeschoben. Nach sechs Monaten Haft wurde Harald Naegeli in die Freiheit entlassen, die er seitdem in Düsseldorf sucht.

    Zwar sind die Zeichnungen des Street-Art-Pioniers inzwischen mehr oder weniger als Kunst anerkannt. Doch Anlass für Streit bieten sie noch immer, wie die Diskussion über ein mutmaßliches Naegeli-Werk an der Rheinuferpromenade in Düsseldorf im letzten Jahr zeigt. Dem Politikum aus Bewahren oder Entfernen setzte ein unbekannter Saubermann ein Ende, indem er die Zeichnung einfach überpinselte.

    Andererseits widmet ihm das Stadtmuseum Düsseldorf derzeit eine umfangreiche Einzelausstellung („Harald Naegeli – der Prozess“). Noch bis zum 1. Januar 2017 ist hier ein konzentrierter Einblick in sein Schaffen, vom Frühwerk bis heute, zu sehen, und vielleicht sogar der Künstler selbst, hat er doch sein Atelier für die Zeit der Ausstellung ins Museum verlegt.

    Harald Naegeli zeichnet übrigens nicht nur mit Sprühfarbe, sondern auch mit Tusche, Kohle, Nadel und Feder. Warum er das macht? Um seine Seele in Schwingung zu bringen.

    Wie auch immer Ihr Eure Seele in Schwingung bringt, tut und genießt es, trotz allem. Wir werden sehen, was das neue Jahr bringt – und was wir dazu beitragen können. Hoffen wir das Beste – und machen wir das Beste daraus!

  • nach oben


  • Selbstbeseelt
  • KW 51: McLuhland's Coup

    Den Einblick in mein Bücherregal in der letzten Woche hätte ich gut mit einem Shelfie1 garnieren können.

    Stattdessen servierte ich als Fotobeilage, verfeinert mit einer Prise Baumaschine, die mindestens ebenso gut mundende Plastik „Der moderne Buchdruck“.2

    Denn Anlass für die Auswahl meiner Lebensbücher war wie erwähnt die Erkundung der Gutenberg-Galaxis.3

    Wer mehr über deren Entdecker erfahren will: Douglas Coupland hat eine angenehm unkonventionelle und durchaus lesenswerte Biografie über Marshall McLuhan geschrieben.4

    Mit diesem Buchtipp schließe ich für heute, folge der Message auf dem Foto und mache jetzt mal Pause.

    Denen, die feiern:
    Frohes Fest!

    Allen anderen:
    Eine gute Zeit!


    Shelfies, Fotos des eigenen Bücherregals, waren 2014 ein kurzer Internethype. Sie haben es selbstverständlich nicht geschafft, den Selfies den Rang abzulaufen (vgl. KW 30/2015) .

    Meine ersten Shelfies und andere Detailaufnahmen meiner Wohnung machte ich 2000. Für den Zeitraum eines Jahres war mein Lebensraum arg auf meine vier Wände beschränkt. Meine Diplomarbeit und mein erster Internetauftritt forderten vollste Konzentration.

    Ab und an mache ich noch „@home-Fotos“. Spannender ist aber, mit meiner Kamera jenseits meiner Wohnung auf Entdeckungsreise zu gehen.


    Die Plastik war 2006 neben fünf anderen beim „Walk of Ideas“ in Berlin zu sehen. Dieser wiederum war Teil der Imagekampagne „Deutschland - Land der Ideen“, initiiert von der Bundesregierung und dem Berufsverband der Deutschen Industrie e. V. (BDI).


    Marshall McLuhan (1962): The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man. In deutscher Übersetzung erstmals 1968 unter dem Titel „Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters.“ veröffentlicht.


    Der kanadische Autor und Künstler Douglas Coupland (*1961) wurde durch seinen ersten Roman „Generation X“ international bekannt. Seitdem hat er sich immer wieder als feiner Beobachter der Postmoderne profiliert. Die besagte Biographie ist 2010 unter dem Titel „Marshall McLuhan: You Know Nothing of My Work!“ erschienen. In deutscher Übersetzung wurde sie 2011 im Tropen-Verlag herausgegeben.

  • nach oben


  • Buchstäpel-ich
  • KW 50: Buchstapler

    Letztes Jahr kollidierte hier im Wochenfoto Marshall McLuhan (1911-1980), Begründer der Medientheorie, mit zwei Wegbereitern der Wissensgesellschaft.

    Die Jubiläen 365 Jahre Tageszeitung und 410 Jahre Zeitung waren 2015 Anlass genug, die Geschichten ihrer Urheber Timotheus Ritzsch (1614-1678) und Johann Carolus (1575–1634) zu erzählen.

    Meine Entdeckung der Gutenberg-Galaxis, McLuhans großem Werk von 1962, stiftete das ganze letzte Jahr Verwunderung.

    Ich habe das Buch Ende 2014 bis Anfang 2015 gelesen. Zuvor hatte ich nur die üblichen Slogans (wie: Das Medium ist die Message.) gehört.

    Die gesamte Galaxis zu erkunden, war eine inspirative Herausforderung. McLuhans „Abrechnung“ mit der Buchkultur mag verworren und überzogen sein. Für mich war sie aber vor allem eines: mind-blowing.

    Ich kann nicht sagen, welchen Einfluss das Buch auf mich haben wird. Vielleicht bleibt die Revolution auch aus. 2015 sind jedenfalls einige davon inspirierte Wochenfotos und die Collage „Schlundrian“ entstanden.

    Außerdem habe ich mich gefragt, welche Bücher mich in vergleichbarer Weise beeindruckt haben? Ich stellte fest:

    Es ist gar nicht so leicht, die Bücher des Lebens zu fassen, also diejenigen, die einen grundlegend geprägt und verändert, überwältigt, gefordert oder vielleicht auch nur besonders berührt haben.

    Wie steht es mit Kinder- und Jugendbüchern? Was wirkt mehr: Sachbuch oder Belletristik? Inwieweit müssen Qualität auf der einen und Plausibilität auf der anderen Seite in das Urteil einbezogen werden? Zählen auch Bildbände?

    Welches Werk wird in der Rückschau überschätzt? Welches passt heute so gar nicht mehr in das eigene Bild? Gelten auch Bücher, die nur in Auszügen gelesen wurden? Was, wenn die Wirkung längst verblasst ist?

    Wie auch immer. Nach einiger, vielleicht sogar reiflicher, zumindest aber einjähriger Überlegung bin ich für mich zu folgender Top 30 gekommen:


    Die Bibel (???) (1980)

    H.P. Richter: Damals war es Friedrich (1961) (1985)

    G. Wallraf: Ganz unten
    (1985) (1985)

    M. Ende: Die unendliche Geschichte (1979) (1986)

    G. Pausewang: Die letzten Kinder von Schewenborn (1983) (1986)

    Klaus Gerosa: Das ÖkoABC
    (1986) (1987)

    E. Fromm: Haben oder Sein
    (1976) (1989)

    F. Xenakis: Frau Freud ist wieder mal vergessen worden! (1986) (1990)

    G. Kachold: zügel los (1989) (1990)

    S. Beckett: Ausgewählte Erzählungen (1990) (1991)

    J. Joyce: Ulysses
    (1922) (1991)

    F. Kafka: Die Verwandlung
    (1912/1915) (1991)

    A. Warhol & P. Hackett: Popism. The Warhol Sixties. (1980) (1992)

    B. Toban: Raum-Zeit und erweitertes Bewusstsein (1990) (1992)

    J.W. Goethe: Faust
    (1808) (1992)

    S. Heym: Ahasver
    (1981) (1992)

    H. Mania: Scintilla Seelenfunke (1987) (1992)

    H. Hesse: Siddharta
    (1922) (1993)

    B. Brecht: Die Dreigroschenoper
    (1928) (1993)

    D. Coupland: Generation X
    (1991) (1995)

    H. Stachelhaus: Joseph Beuys
    (1988) (1996)

    F. Schulz von Thun: Miteinander reden 1+2 (1981/1989) (1998)

    T. Stahl: Neurolinguistisches Programmieren
    (1991) (1999)

    G. Bateson: Ökologie des Geistes (1981) (1999)

    G. Lakoff & M. Johnson:
    Metaphors We Live By
    (1980) (2000)

    K. Wilber: Das Spektrum des Bewusstseins (1977) (2000)

    G. Schaub (1993): Kurt Schwitters: "Bürger und Idiot" (1993) (2001)

    I. Stone: Michelangelo
    (1961) (2005)

    R. Burmeister (Hrsg.): Hannah Höch. Aller Anfang ist Dada! (2007) (2007)

    M. McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis (1962) (2015)


    Auflistung in chronologischer Reihenfolge der Erstkontakts

    In Klammern jeweils 1. das Jahr der Erstveröffentlichung und 2. das ungefähre Jahr der Erstkontakts, also das Jahr, in dem ich das Buch erstmals gelesen habe.

  • nach oben


  • Lookohlook
  • KW 49: Binzenweisheit

    Liegt es am aufkommenden Winter, dass ich mich auf das dünne Eis der Religion begeben habe?

    Es ist ein großer Bogen vom Bärtierchen (KW 46) zum eigenen Glaubensbekenntnis (KW 48).

    Mag sein, dass ich die ein oder andere Gedankenkurve zu schnell genommen habe, und die Nachvollziehbarkeit ein wenig ins Schlingern geriet.

    Manch einer/einem mögen die Beiträge der letzten drei Wochen daher verworren oder düster erschienen sein. Bringe ich ein wenig Klarheit ins Dickicht und zum Abschluss ein wenig Licht in die Dunkelheit.

    Für viele ist die Vorstellung, die Menschheit könne ein Ende nehmen, undenkbar. Im Lichte mancher Religion ist es gar Frevel bis Gotteslästerung.

    Da können Kopernikus, Darwin und Freud noch so lange am Baum der Erkenntnis rütteln, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Mensch bleibt Mensch, durch Gott gewollt und legitimiert.

    Solch Gottvertrauen beflügelt. Standardmäßig bis zur Selbstüberschätzung. Es gibt uns die Zuversicht. Und das Recht zur Ausbeutung. Es nimmt uns die Sorge. Und entbindet uns von der Verantwortung. Denn es schenkt uns die Garantie der Unsterblichkeit. Komme, was da wolle.

    Unsere Erde ist ein Phänomen. So viel Leben, wo weit und breit nur Leere ist. So viel Fülle, wo drumherum nur Vakuum ist. Da muss schon viel zusammenkommen, damit so was gelingt. Selbst ein Gott muss dafür einen ziemlich guten Tag gehabt haben.

    Das Leben auf der Erde muss nicht unbedingt einzigartig sein, bei den vielen Milliarden Galaxien, die es geben soll. Aber es ist dennoch wunderbar. Und zerbrechlich.

    Wenn wir überleben wollen, müssen wir uns einen weiteren Zacken aus der Schöpfungskrone brechen. So Gott will, wird es uns gelingen.

    Ansonsten sind wir die nächsten Dinosaurier – und unser Schmachten, so ganz ohne Diesseits, dauert im Jenseits womöglich an.

    Möglicherweise spielt aber all das auch keine Rolle. Weil es so oder so weitergeht. Mit und ohne uns. Weil wir trotz allem Teil von allem sind. Eins und einerlei. Endlich ewiglich.

  • nach oben


  • Holy Shit
  • KW 48: Bunsenweisheit

    Über die beiden Astrophysiker Stephen Hawking und Martin Rees ließe sich eine spannende Geschichte schreiben - und ich bin sicher, dies wird irgendwann geschehen.

    Die beiden sind Landsleute und Altersgenossen, Kollegen und Kontrahenten, Weggefährten, Fürsprecher und Widersacher.

    Ich denke, diese Zuspitzung wäre legitim, um britisches Understatement nicht nur mit kosmischen Höhenflügen, sondern auch mit ein wenig shakespeareschem Drama zu vermischen.

    Beide kennen sich bereits seit den 1960ern aus ihrer Doktorandenzeit an der Universität Cambridge. Dort haben sie in den vergangenen Jahrzehnten auch als Profs geforscht und gelehrt. Zum Teil Tür an Tür, doch nicht immer Hand in Hand.

    Im letzten Beitrag kamen Hawking und Rees mit ihrer Prognose zum Untergang der Menschheit zu Wort. Heute stellen sie sich (ohne es zu wissen) der Gretchenfrage.

    1981 nahm Hawking an einer Tagung im Vatikan teil. Hier vertrat er bereits die These, das Universum komme ganz gut ohne Schöpfergott aus. Daran hält der bekennende Atheist bis heute fest - und glaubt sogar, den Beweis gefunden zu haben.

    Selbst die einst von Papst Johannes Paul II. vorgebrachte Bitte, er möge den Urknall, da Gottes Werk, nicht näher erforschen, konnte ihn nicht aufhalten, in die Tiefen des Alls vorzudringen. Schon gar nicht seine seit 1986 andauernde Mitgliedschaft in der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

    Auch Martin Rees hat sich intensiv mit der Erschaffung versus Entstehung des Uni- beziehungsweise Mulitversums befasst. Auch er glaubt nicht an einen Gott, obschon er ein sporadischer Kirchgänger ist.

    Rees spricht sich allerdings für eine friedliche Koexistenz von Wissenschaft und Religion aus - und bezieht damit klar Stellung gegen Hawking. Der habe wenig Philosophie und noch weniger Theologie gelesen und sei damit in Glaubensfragen kaum qualifiziert.

    Religion und Wissenschaft seien einfach zwei verschiedene Dinge, vom Verhältnis her so in etwa wie Wissenschaft und Musik. Beides hat seine Existenzberechtigung.

    Ich persönlich halte es mit Rees: Wissenschaft und Glaube schließen einander nicht aus. Und ich glaube überdies und obendrein:
    Ohne Glaube fehlt der Sinn.

    Glaube hat viele Sonnen- und im Raster der Religion auch viele Schattenseiten. Glaube erlöst und knechtet, verspricht und verweigert.
    Er spendet Segen und Verdammnis, fördert Liebe und Hass, schafft Zugehörigkeit und Ausgrenzung.

    Doch unterm Strich, so glaube ich, überwiegt das Licht:
    Glaube gibt Halt und Hoffnung, Orientierung und Sinn. Und ohne ein Mindestmaß an Sinn macht das alles einfach keinen.

    Dafür braucht es keine Religion. Vielleicht noch nicht mal einen Gott. Aber es braucht das Gefühl von Zusammenhang und -halt.
    Vertrauen und Verantwortung.
    Bedeutung und Belanglosigkeit.

    Gott ist dafür möglicherweise nicht mehr das treffendste Wort und Religion nicht das passende Konzept. Aber Glaube, so glaube ich, ist die beste Grundlage.

    Mir ist übrigens nicht bekannt, was Papst Benedikt XVI. auf dem Herzen hatte, als er Stephen Hawking im Oktober 2008 im Vatikan empfing. Oder was in dieser Woche besprochen wird, wenn ihn Papst Franziskus zur Audienz empfängt.

    Es ist jedenfalls ein Zeichen der Versöhnung, dass diese Treffen zustande kommen. Galileo Galilei musste auf eben dieses Zeichen ganze 350 Jahre warten (vgl. KW 9/2013).

  • nach oben


  • Ende tut allem gut.
  • KW 47: Binsenweisheit

    Wem mein spiritueller Ausflug in KW 10 zu abgehoben war, den hat das Schäferstündchen mit dem Bärtierchen in KW 46 vielleicht wieder versöhnt.

    Wem die Sache mit dem Bärtierchen allerdings zu pessimistisch war, den muss ich enttäuschen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit ewig überdauert, ist leider Gottes gering. Da muss ich weder Pessimist, noch Fatalist, noch Atheist sein.

    Ein wenig Menschenverstand reicht da schon aus. Denn was hat schon ewig Bestand (wenn selbst die Unendlichkeit des Universums fraglich ist)? Die Lebensdauer von Sternen jedenfalls ist begrenzt. Somit kennt auch unsere maximale Lebensdauer im gegenwärtigen Sonnensystem Grenzen.

    Es sei denn, wir schaffen den Absprung, schwärmen ins All und finden einen neuen Heimatplaneten. So zumindest die Einschätzung des britischen Astrophysikers Stephen Hawking (*1942). Maximal 1.000 Jahre gibt er der Menschheit noch auf der hiesigen Erde.

    Auch sein Kollege Martin Rees (*1942) ist nur bescheiden zuversichtlich. Er räumt uns eine Chance von 50:50 ein, dass wir das 21. Jahrhundert überstehen.

    Warum? Wir erledigen das, also uns ganz von selbst. (Atom-) Krieg, Klimawandel, Umweltzerstörung, Ausbeutung der Ressourcen, Überbevölkerung, Pandemien durch Resistenzen oder gentechnisch erzeugte Viren sind die Top-Desaster.

    Daher von beiden der dringliche Appell zu handeln. Während Hawking empfiehlt, nach den Sternen zu greifen, mahnt Rees, die Probleme hier und jetzt anzugehen.

    Denn aufgeschoben
    ist nicht aufgehoben.
    Und abgehoben
    scheint verschroben.

    Aber wer weiß das schon?

    Was ich weiß: Mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit werde ich in der nächsten Woche die Gretchenfrage stellen.

  • nach oben


  • Eselsbrücke?
  • KW 46: Bärenweisheit

    Mein Tier des Jahres, vielleicht sogar des Jahrhunderts, ist der Wasserbär.

    Schließlich ist es der possierliche Wasserbär (auch Bärtierchen genannt), in den wir getrost unsere Hoffnung setzen können.

    Wenn das alles hier den Bach runtergeht, dann gibt es irgendwo da draußen mit ziemlicher Sicherheit ein Bärtierchen, das die Stellung hält.

    Denn Bärtierchen sind extrem anpassungsfähig. Wir finden sie im Himalaya, genauso wie im Marianengraben und sogar direkt vor unserer Haustür.

    Sie vertragen Temperaturen von 150 Grad plus bis 270 Grad minus. Sie baden in ätzender Säure, sonnen sich in radioaktiver Strahlung und schweben im Vakuum des Weltraums (allerdings auch nur begrenzte Zeit).

    Röntgen- und UV-Strahlung, extremer Druck von 1.000 bar (wie in 10 Kilometern unter Wasser), Sauerstoff- und Wassermangel, all das lässt die Bärtierchen kalt.

    Und wenn es doch mal zu ungemütlich wird, stellen sie sich einfach tot. Nach landläufiger Definition des Lebens sind sie es sogar: Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung werden komplett eingestellt.

    Weit über 100 Jahre können sie in diesem Tönnchen genannten Zustand verharren, vielleicht auch noch länger. Erst wenn draußen wieder halbwegs passable Bedingungen herrschen, erwachen sie nach einer kleinen Dusche von den Toten. 10 bis 20 Minuten später sind sie wieder quietschfidel.

    Zumindest auf ihre Art. Denn der Wasserbär an sich, ist nicht nur ein possierliches, sondern auch ein gemütliches, ich möchte fast sagen stoisches Tier. Nicht umsonst bedeutet Tardigrada, sein wissenschaftlicher Name, frei übersetzt Langsamgeher, Schlurfer.

    Mit Geschwindigkeiten unter 20 Zentimetern pro Stunde sind die meisten Arten tatsächlich sehr gemütlich unterwegs. „In der Ruhe liegt die Kraft“, fällt mir da ein. Oder auch: „Die Letzten werden die Ersten sein“.

    Denn Bärtierchen überleben auf diese Weise schon seit einer ganzen Weile. Zwar gibt es nur wenige Fossilienfunde (was die Spekulation befeuert, es könne sich um Aliens handeln). Die ältesten Funde, die zur Diskussion stehen, haben aber immerhin schon 530 Millionen Jahre auf dem Buckel.

    Dabei handelt es sich beim Bärtierchen ganz und gar nicht um eine kuriose und seltene Erscheinung. Etwa 1.200 Arten sind bekannt, insgesamt 10.000 werden vermutet, über zehn kommen jährlich hinzu.

    Martin Mach, der den Bärtierchen seit 2000 ein monatliches Online-Journal widmet, schätzt, dass die Erdoberfläche von 125 Billiarden Bärtierchen bevölkert ist. Allein in München leben demnach mehr als 100 Milliarden Wasserbären. Hinzu kommen die Exemplare der 160 Arten, die in den Meeren zu Hause sind.

    Sie sind halt auch ein bisschen kleiner und brauchen nicht ganz so viel Platz. Die meisten könnten sich locker „hinter einem Salzkorn verstecken“, so Martin Mach. Mit einer Länge zwischen 0,05 und 1,5 mm und einer Masse von rund ein Millionstel Gramm sind sie in der Tat winzige Wesen, sozusagen in Mini-Miniatur.

    Aber sie haben alles, was man zum Leben so braucht: Gehirn, Nervensystem, Stoffwechsel, Muskulatur, Mund, Magen, Geschlechtsorgane, Beine, Krallen.

    Doch das Beste ist: Sie haben diese wundersame, außerordentliche Überlebenskraft. Vermutlich werden sie uns alle, nicht nur uns Menschen, sondern auch all die anderen, überdauern. Und darum geht's doch, oder? Dass das Leben weitergeht! In welcher Form auch immer.

    [zurück zu KW 47/2016]
    [zurück zu KW 49/2016]

  • nach oben


  • Wahlqual
  • KW 45: Ultimativ

    Was wäre, wenn „alle Welt“ in dieser Woche am 8. November nicht auf die „Neue Welt“ schauen würde, weil alle mit den Feierlichkeiten zum „Internationalen Tag der Putzfrau“ beschäftigt wären?

    Was wäre dann -
    und wär' das was?
    Wir können es nicht wissen,
    nicht einmal erahnen.
    Eines ist aber sicher:

    Die ewig breit getretene Berichterstattung zum US-Wahlkampf, die auch in deutschen Medien traditionell schon immer mit Beobachtungen zu den Vorbereitungen des Vorwahlkampfs beginnt, wird endlich ein Ende nehmen (vgl. KW 5/2012).

    Das erhöht die Chancen, dass wir unsere Aufmerksamkeit auch wieder auf andere Themen und Ereignisse richten können, zum Beispiel auf die die 22. UN-Klimakonferenz (COP22), die vom 7. bis 18.11. in Marrakesch, Marokko stattfindet.

    Knapp ein Jahr ist seit der COP21 mit dem so wertvollen wie nutzlosen Paris Agreement vergangen. Binnen dieses einen Jahres - und das ist Rekordzeit - wurde das als historisch gefeierte Klimaschutzabkommen von genügend Ländern unterzeichnet, so dass es pünktlich zur COP22 ratifiziert werden konnte.

    Mein Optimismus bleibt trotzdem getrübt (vgl. KW 52/2015), wenn selbst Deutschland mit einem nur mühsam errungenen und am Ende ziemlich verwässerten Plan daherkommt.


    PS:
    Das Wochenfoto wartet diesmal mit einer Überraschung auf: Ein Klick offenbart meine Collage „American Scream“ von 1999.

    PPS:
    Der Internationale Tag der Putzfrau geht auf die Krimiautorin Gesine Schulz zurück - und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Als Zeichen der Anerkennung wird eine weiße Rose überreicht.

    PPPS:
    Die US-Wahl ist inzwischen gelaufen. Das Ergebnis unterstreicht einmal mehr: Es ist die Stunde der Populisten und Nationalisten, nicht allein in den USA. Das ist beängstigend, wenn auch nachvollziehbar. Zu viele fühlen sich abgehängt und ausgegrenzt.

    Ich bezweifle nur, dass es den Populisten gelingen wird, die gesellschaftlichen Gräben zu überwinden, die allerorten entstanden sind - nicht innerhalb und erst recht nicht außerhalb der eigenen Landesgrenzen.

  • nach oben


  • Ansinn
  • KW 44: Assoziativ

    Diese Woche ein kleines assoziatives Zwischenspiel:

    Ein Ausschnitt aus meiner Gedankenwelt, aufgeschrieben in der Nacht vom 8. auf den 9.11.1991 (auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her).

    Das passt zu den beiden vorvergangenen Beiträgen, weil das Automatische Schreiben von André Breton und seinen surrealistischen Konsorten großgeschrieben wurde.

    Und das passt zum Beitrag der letzten Woche, weil die Magie der Assoziation eine weitere Quelle der Inspiration für mich ist.

    Achtung, das Gedankenkarussell beginnt, sich zu drehen:

    vasenförmige wüsten
    schraubverschlußgläser
    talgebirge
    soft touch sexuality
    spitzentreiber
    waagerechte konsequenzen
    riegelbeschläge
    brillenetui
    fragenschwarm
    kabelanschluß
    nachttischmechanik
    widerspruchgedanken
    nähgarnrollen
    klagende blickaugen
    besitzergreifung
    stoffdesign
    grüne schreibstifte
    stündliche wachkontrolle
    4/4 kontakt
    tonsexuelle
    beziehungskiste
    leiernde wellenreiter
    erinnerungsschwund
    fliessende linien
    der vergangenheit
    kunstledertasche
    verstarrung
    schwarzsicht
    papierrollengebilde
    kleberandstreifen
    kurzstreckenkarte
    fechtweltmeister
    beneidenswerte beinarbeit
    blinde unwissenheit
    scheibenkloster
    paprikaaufstoßen
    fallende wandbilder
    mottenkugeln und mozart
    wundersamer wutanfall
    durchfallerkrankung
    ungeeignet
    untauglich
    taugenichts
    karikaturengelaber
    kehrmaschine
    gewissensbank
    insekten fressende menschen
    menschen fressende insekten
    sakrale begebenheiten
    überflüssige gangarten
    wandmaserung
    hautbilder
    buchbunker
    streng steigender
    stromverbrauch
    facettenende
    kassettenwende
    opportunistische
    gewalttäter
    masochistenpack
    quarktaschen
    mehrwegflaschen
    die erleuchtung
    des lampenschirms
    waldstück
    gewaltstück
    stoffverbrauch
    hüllending
    vererbungskette
    gedankliche schlafstörung
    auswegsuche
    einwegsuche
    rosinenkuchen
    glitzernde perlenkette
    halsschmuck
    mitternachtsspuk
    5 vor 12 !

  • nach oben


  • Hören mit Terzen
  • KW 43: Inspirativ

    Seit 2003 bin ich Teil von MIKADO, einer Gruppe von KünstlerInnen aus dem Köln-Bonner Raum.

    2013 haben wir begonnen, uns gezielt in das Spannungsfeld aus Inspiration und Kopie zu begeben.

    Seitdem sind einige Einzelarbeiten, ein Konzept („Schöner Klauen mit MIKADO“) und das seit 2015 laufende Projekt mit dem Arbeitstitel „Stille Post“ entstanden:

    JedeR bringt ein eigenes Werk ein und gibt es an eine andere Person weiter. Diese lässt sich von dem Bild inspirieren und fertigt ein eigenes neues Bild an. Dieses wird wiederum an eine dritte Person weitergegeben usw., bis jedes Mitglied an der Reihe war.

    Dadurch entstehen bei acht Personen acht Reihen mit je acht Bildern, insgesamt also 64. Die einzige Vorgabe: Ein einheitliches Format von 30 x 30 cm.


    Als wir uns an das Konzept machten, ging jedeR der Frage nach, durch was und vor allem durch wen wir inspiriert sind.

    Ich kam 2013 zu folgendem Ergebnis:

    „Bis heute sind es insbesondere Kurt Schwitters, Andy Warhol und Marcel Duchamp, die mich geprägt haben.

    Weitere Einflüsse sehe ich bei Joseph Beuys, Salvador Dalí, Max Ernst, M. C. Escher, H. R. Giger, John Heartfield, Kasimir Malewitsch, Piet Mondrian, Robert Rauschenberg, Man Ray, Gerhard Richter und Victor Vasarely.

    Erst vor wenigen Jahren habe ich Leben und Œuvre von Hannah Höch kennengelernt. Es gibt niemandem sonst, dem/der ich mich derzeit derart verbunden fühle.“


    Von der „Stillen Post“ sind inzwischen 58 Bilder vollendet. Manche aus der Gruppe sind schon durch, ich arbeite an meinen letzten beiden.


    Bevor ich mich nach einer längeren Pause Mitte September 2016 wieder an die MIKADO-Bilder begeben hatte, musste ich allerdings erst mal etwas anderes machen. Ich brauchte ein wenig Abstand, freien Fluss.

    In dieser Zeit (15.7. bis 13.9.) ist die neue Serie „Fox Marks“ entstanden, elf Papiercollagen auf Buchdeckeln alter Bücher (v. a. aus den 1920ern) mit Schnipseln aus alten Schulbüchern (v. a. aus den 1950ern).

    Zwei dieser Collagen zierten die beiden letzten Beiträge, in denen es um Bosch und Dalí ging. Von der Bildsprache durchaus passend, auch wenn ich in diesem Fall keine direkte Referenz zu den beiden sehe.

    Das Material war Inspiration genug. Und all die Bilder und Themen, die ich in all den Jahren aufgesaugt, runtergeschluckt und wieder ausgespuckt habe.


    Der kreative Prozess wurde wie üblich durch Musik unterstützt, in diesem Fall durch genau eine Platte: „Still Smiling“ von Blixa Bargeld und Teho Teardo, erschienen 2013.

    Den Scherenschnitt von Blixa Bargeld, das hiesige diesige Wochenfoto, hatte ich unmittelbar vor den „Fox Marks“ gemacht.


    In „Mi Scusi“, dem Opener der Platte, fragt Blixa Bargeld: „Wer bin ich in einer anderen Sprache?“

    Ich schließe an und ab mit der Frage:
    „Wer wurd´ ich durch dessen Sprache?“

  • nach oben


  • Geschwundheit, Detail
  • KW 42: Copy and Waste

    Welch Frevel! Welch Anmaßung! Maestro Dalí derart vorzuführen, wie in der letzten Woche geschehen. Das Ganze dann auch noch mit einem eigenen Werk zu garnieren. Geht's noch? Oder grenzt das schon an Hybris?

    Nein, doch, es geht ganz gut. Ich bin völlig am Boden. Oder wie sagt man noch? Richtig, auf dem Boden, nämlich dem der Tatsachen.

    Tatsache ist, dass ich von Dalís Kunst inspiriert wurde. Auch wenn ich mich dann irgendwann sattgesehen hatte (vgl. KW 4/2014).

    Tatsache ist, dass ich Querverweise herstelle, zwischen meinen Bildern und den Großen und Kleinen der Kunstgeschichte.

    Stelle ich mich damit auf eine Stufe?
    Will ich mich im Ruhm der anderen sonnen?

    Kann es nicht auch eine Art Ehrerbietung sein? Oder eine Form der Reflexion? Ein Ausdruck von Dankbarkeit? Ein Zeichen der Integration? Oder ganz banal: eine Konsequenz des Urheberrechts?

    Sich seiner Inspirationsquellen bewusst zu sein, ist nach meinem Verständnis jedenfalls ein Zeichen von Demut, nicht von Selbstüberschätzung.

    Dalí war dazu anscheinend nur bedingt in der Lage. Was nichts über die Qualität seiner Arbeiten und die meiner Persönlichkeit sagt.

    Für André Breton (1896-1966), den „Chef-Surrealisten“ gab es jedenfalls keinen Zweifel:

    Hieronymus Bosch war ein Vorreiter des Surrealismus. Und Dalí war für ihn untragbar - aus politischen, konzeptionellen und vermutlich auch aus persönlichen Gründen.

    1934 sorgte Breton dafür, dass Dalí von den Treffen der Surrealistengruppe in Paris ausgeschlossen wurde. 1939 kam es zum endgültigen Bruch.

  • nach oben


  • Mit Leib + Lunge, Detail
  • KW 41: Große Monster, kleine Geister

    „Ist doch Scheiße“, lautete das Urteil Salvador Dalís (1904-1989) zur Bildwelt von Hieronymus Bosch (um 1450–1516).

    Selbstverständlich drückte sich der Zwirbel-Meister etwas gewählter aus, als es um die Frage ging, welchen Einfluss der niederländische Renaissance-Maler auf den modernen Surrealismus habe:

    Boschs Kreaturen seien das „Produkt des nebelverhangenen Nordens und der schrecklichen Verdauungsstörungen des Mittelalters.“

    Folglich sei er „an diesem Universum [...] nicht interessiert.“ Denn der Surrealismus schaffe „das genaue Gegenteil von Monstern, die [...] von einem Überschuss an mediterranem Licht leben.“

    Ich weiß nicht, wie gut Dalí Boschs einzigartiges Wimmelbild „Der Garten der Lüste“ (um 1500) kannte. Dass er es kannte, steht außer Frage. Seit dem 19. Jahrhundert befindet sich das Bild im Prado in Madrid, wo Dalí studiert hat.

    Doch hat er auch das Bild studiert? Hat er es verinnerlicht? War er mit Details vertraut? Zumindest scheint es ihn inspiriert zu haben. Auch wenn Dalí das nicht gesehen oder behagt haben mag.

    In der englischsprachigen Wikipedia findet sich jedenfalls ein aufschlussreicher Vergleich zwischen Dalís „Der große Masturbator“ von 1929 und einem Detail aus Boschs „Garten der Lüste“ (have a look!).

    Die großen Jubiläumsausstellungen in ’s-Hertogenbosch und Madrid zum 500. Todestag von Hieronymus Bosch sind inzwischen gelaufen. Im „Garten der Lüste“ lässt es sich aber auch virtuell ganz gut flanieren (have another look!).

  • nach oben


  • Locker aus dem Handgelenk?
  • KW 40: Rede aus? - Ausrede!

    Was tun, wenn die Worte fehlen?
    Oder die Zeit, sie zu fassen?

    Die ein oder andere Phrase stehlen?
    Oder es einfach lassen?

    Weder noch! Ich habe mir hierfür just eine Sammlung möglicher Ausreden angelegt:


    Ich bin zu beschäftigt. Aber
    ich lasse meinen Taten Worte folgen.

    Meine Gedanken verweigern
    mir eine Audienz.

    Meine Sprachzentren verzetteln sich
    in föderalistischen Strukturen.

    Ich bin auf Diät. Bei mir gibt es heute nur Buchstabensalat auf Worthülsen an Phrasendressing.

    In meiner Phrasendreschmaschine
    ist eine Schraube locker.

    All meine Wortstämme sind entwurzelt.

    Ich habe heute einen Knick in der Semantik.

    Mein - hicks - Hirn hat - hicks - Schluckauf.

    Mein Gedankenfluss ist über die Ufer getreten.

    Es liegt mir auf der Zunge, aber die Worte wollen mir einfach nicht über die Lippen.

    Ich war so lange in Gedanken versunken,
    jetzt sind sie ertrunken.

    Heute achte ich auf meine Worte
    und lasse sie erst gar nicht los.

    Ich hatte mit einem Gedanken gespielt,
    aber leider verloren.

    Meine syntaktischen Synapsen sinnieren über sinnige Synonyme. Über sinnige Synonyme sinnieren meine syntaktischen Synapsen.

    Ich hatte meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Jetzt sind sie mit mir durchgebrannt.

    Aus Versehen habe ich statt eines Schreibblocks eine Schreibblockade gekauft.

    Wer schreibt, der schreit,
    wer schweigt, der bleibt.

    Ich wähle meine Worte mit Bedacht,
    und schweige, bis es kracht.

    Mein Gedankengang folgte verschlungenen Pfaden. Jetzt finde ich weder Weg noch Worte.


    Manchmal mögen auch Zitat
    oder Redewendung reichen:

    Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

    Taten sagen mehr als Worte.

    Wo Worte selten sind, haben sie Gewicht.
    (oder auch: Sparsame Worte werden selten vergebens aufgewandt.) [heißt es bei William Shakespeare in „Richard II.“, 2. Akt, 1. Szene]

    Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

    Schöne Worte kann man nicht essen.

    Hettstu geschwiegen vnd gedacht/.
    So hett man dich fur witzig geacht.

    [so schließt Fridericus Petri sein Buch „Der Teutschen Weisheit“ von 1605, eine Sammlung von Sprüchen und Sprichwörtern. Und ich diesen Beitrag.]

  • nach oben


  • Bustransfer
  • KW 39: Gedankentransit

    Als ich gut zwei Jahre nach 9/11 mit dem Bus von Tangalle nach Colombo, reiste, hatte ich nicht nur eine überraschende Erkenntnis, sondern machte auch eine verstörende Beobachtung.

    Ich war am Ende meiner Reise durch Sri Lanka angekommen, musste also zurück in die Hauptstadt, um meinen Flieger zu erwischen. Was vor mir lag, waren knapp 200 Kilometer, rund viereinhalb Stunden Busfahrt.

    Ich hatte einen Platz in der letzten Reihe ergattert. Es war schwül, stickig, beengt. Neben mir ein buddhistischer Mönch, auf meinem Schoß ein Berg von Rucksack.

    Die Fahrt war ein Fest für die Sinne: ein Potpourri aus Gerüchen, Geräuschen, Gefühlen, Geschmecktem und Gesehenem.

    Ich guckte und staunte, döste und dachte, sinnierte und lachte. Die Welt zog an mir vorbei. Wie ein Film. Wie das nun mal so ist.

    Plötzlich sah ich an einer Hauswand einen Schriftzug vorbeihuschen, wie aus dem Nichts, ein Statement pro Osama bin Laden. Ein Riss im Film.

    Meine erste Reaktion: Ich war empört. Wie kann man nur? So verbohrt sein? Was kann jemanden fernab vom Geschehen der Welt zu so einer Ungeheuerlichkeit veranlassen?

    Dann begann ich nachzudenken. Ich hatte ja sonst nichts zu tun. Und ich fragte mich, was, wenn ich es bin, der verbohrt ist? Was, wenn dieser Fanatismus Ausdruck berechtigter Empörung ist? Fehlgeleitet zwar, und in der Wahl der Mittel indiskutabel, aber im Kern berechtigt?

    Manch Perspektivenwechsel schmerzt. Er mag falsch erscheinen. Illegitim, pietätlos oder unmöglich. Doch nur, wenn er gewagt wird, können wir „die“ und damit „uns“ verstehen.

    Daran musste ich denken als mir die Tage eine Tageszeitung vom 12. Juli 2006 in die Hände fiel. Die Headline: „Anschläge auf Züge in Bombay“.

    Stimmt, dachte ich, da war ja was. Prompt hatte ich mich ertappt: Da hatte ich 9/11 erinnert, während ich Mumbai ausgeblendet hatte. So fängt's doch an. Asche auf mein Haupt!

    Und die Erkenntnis? Auch Mönche schwitzen.

  • nach oben


  • Orange County?
  • KW 38: Aufgegriffen

    Nehme ich den Faden wieder auf. Denn aus dem Beitrag der vorvergangenen Woche (KW 36) ergab sich die ein und die andere Frage. Stehe ich nun Rede und Antwort.


    Welche anderen Ereignisse sind auf diese Weise mit meiner Erinnerung verwoben?

    Der Tag nach der Bundestagswahl von 1982. Die Todestage von Kurt Cobain (1994, vgl. KW 15/2014), Prinzessin Diana (1997) und Michael Jackson (2009). Der Tag der Bundestagswahl von 1998 (vgl. KW 32/2015).


    Ist es angemessen, derart ichbezogen
    über 9/11 zu schreiben?


    Keine Frage, diese Frage nagte an mir.
    Was ich mir zugutehielt: Immerhin hatte ich Bezug zu einem sogenannten Kunstwerk genommen und nicht den Terror selbst als Kunstwerk bezeichnet, wie es vor 15 Jahren der entrückte Karlheinz Stockhausen tat.

    Was mich milde mit mir stimmte: Letzte Woche erreichte mich die aktuelle CD von Laurie Anderson, „Heart of a Dog“, der Soundtrack zu ihrem gleichnamigen Film.

    Darin erzählt sie von ihrem Hund Lolabelle – und verwebt diesen Erzählstrang mit Kindheitserinnerungen, dem Tod ihrer Mutter, Reflexionen über Leben und Sterben, angereichert mit Anekdoten, Träumen und Ideen. Scheinbar beiläufig erzählt sie auch von 9/11 und der Zeit danach. Als New Yorkerin hat sie die Anschläge sehr viel unmittelbarer erlebt als unsereins.

    Lolabelle ist der rote Faden, der die scheinbar losen Gedanken- und Erinnerungsfetzen zusammenbellt. Auf diese Weise ist eine sehr persönliche Meditation über Liebe, Leben und Tod entstanden, die doch weit über das Persönliche hinausreicht. Das funktioniert – und geht mitunter ziemlich unter die Haut. Und ja, es ist legitim, so dem Schrecken in der Welt zu begegnen - und zugleich den Verlust eines Hundes zu betrauern.


    Hätte ich nach besagtem Küchendisput
    alarmiert sein müssen?

    Damals war die Welt noch eine andere, will sagen, die Bedrohung durch den inter- und transnationalen Terrorismus war noch nicht in unseren Köpfen und Ängsten angekommen (vgl. KW 14/2016). Terrorakte wie die Angriffe auf das World Trade Center schienen gar nicht im Bereich des Möglichen (auch wenn es bereits 1993 einen Bombenanschlag auf das Trade Center gegeben hatte).


    Wieso kann ich die Intention der gezeigten Collage nicht mehr genau erinnern?

    Seitdem sind über 1.000 Collagen entstanden. Die unweigerliche Folge: Ich kann nicht bei jeder Collage in Gänze erinnern, was Anlass oder Auslöser waren, was mir im Prozess durch Kopf und Herz ging, warum ich diesen und nicht jenen Schnipsel verwendete, was die intendierte Bedeutung war.

    Manchmal gehe ich sehr planvoll vor - und treffe bewusste Entscheidungen hinsichtlich Bildaufbau, Materialwahl et cetera. Doch selbst dann kann es passieren, dass die Erinnerung verblasst. Dieses Phänomen ist freilich ausgeprägter, wenn eine Collage weitgehend assoziativ entsteht. Denn auch das kommt vor. Doch meist liegt meine Herangehensweise irgendwo dazwischen.

    Zu guter Letzt: Es ist eine Illusion, dass die einzig wahre Bedeutung eines Kunstwerks bewusst hineingelegt wird und auch wieder herausgelesen werden kann (vgl. KW 27/2014).


    Inwiefern hängt das
    alles mit Dada zusammen?


    Dada war ja nicht einfach nur Klamauk. Dada entstand 1916 auch und vielleicht sogar vor allem als Reaktion auf den Schrecken des ersten Weltkrieges (vgl. KW 19/2016).

    Was verblüffend ist: Selbst nach 100 Jahren hat Dada wenig an seiner provokativen Kraft verloren. Was erschreckend ist: Die Zeiten scheinen so finster wie damals.


    Welche anderen Gedenktage
    hatte ich im Sinn?


    Die Überschrift suggerierte eine Mehrzahl von Festen (obwohl das Teekesselchen auch im Singular Sinn macht). In der Tat hatte ich in KW 35 angekündigt, auf weitere ambivalente Gedenktage des Jahres zu sprechen zu kommen.

    Eine Auswahl:
    5 Jahre Fukushima, 30 Jahre Tschernobyl
    (vgl. KW 17/2016).
    25 Jahre Unabhängigkeit der Ukraine.
    25 Jahre Auflösung des Warschauer Pakts.
    Diverse Jubiläen der UN (z.B. 40 Jahre Inkrafttreten des UN-Zivil- und des UN-Sozialpakts, 55 Jahre Verabschiedung der Genfer Flüchtlingskonvention).
    60 Jahre Volksaufstand in Ungarn.

    Und nicht zu vergessen:
    5 Jahre Arabischer Frühling (vgl. KW 1/2016)

  • nach oben


  • Kurze Pause
  • KW 37: Wer? - Bung!

    Wir unterbrechen die ohnehin schon von Sprunghaftigkeit geplagte Kontinuität dieses Blogs für einen Werbeblock:


    Spot 1:
    Derzeit ist die Out-of-Home-Kampagne eines Bonner Saftladens in mancher Munde. Selbst Jan Böhmermann twitterte sich zu Wort. Nun prüft der Werberat die vier Plakatmotive (z.B. „Oralverzehr - schneller kommst Du nicht zum Samengenuss.“). Mancherorts wurden sie angeblich bereits verboten (oder war das auch nur Teil der Werbestrategie?).

    Sind die Plakate sexistisch? Ich denke nicht. Sind sie anzüglich? Durchaus. Sind sie geschmacklos? Leider nein. Denn ich für meinen Teil kann nur sagen: Abgesehen davon, dass mir True Fruits zu teuer ist, möchte ich den Genuss eines Smoothies nicht mit Sperma assoziieren.


    Spot 2:
    Wie wäre es, nochmal neu anzufangen, um der inneren Bestimmung zu folgen? Die Berufung zum Beruf machen, den eigenen Traum leben? Ein Traum, oder?

    Mitte August tauchten bundesweit Plakate auf, die all jenen änderungswilligen Träumern Mut machen wollten. So schien es. Unter dem Hashtag #restart erzählte ein Haufen Testimonials (z.B. Wotan Wilke Möhring) von der eigenen Wandlung, um mantragleich zu bekräftigen: Es lohnt sich.

    Anfang des Monats wurde nun offengelegt, wer hinter der Kampagne steckt: die RWE-Tochter innogy. Ein Krisen geplagter Energieriese, dessen Hinwendung zu erneuerbaren Energien kaum aus freien Stücken geschah, als Mutmacher für gewagte Wandlungen, als Pate für den ultimativen Neuanfang? Da gibt es definitiv Abzüge in der C-Note, denn so sympathisch die Kampagne auch daherkommt, ihrem Absender mangelt es an Credibility.


    Spot 3:
    Nun sind sie endlich angekommen, die Schockbilder auf Tabakerzeugnissen. Alles, was seit dem 20.5. produziert wird, kommt an den visuellen Schockern nicht vorbei. Das erste Bild, das mich erreichte, war ein unbekleideter Mann, der in Embryonalstellung auf einem weißen Laken liegt. Eine Schockreaktion blieb aus.

    Die ganze Sache erinnert mich jedenfalls an eine Projektwoche in der 5. Klasse Mitte der 1980er. Unser Klassenlehrer fragte sich und uns, warum der Gefahrenhinweis auf Zigarettenpackungen so klein sei, dass er kaum gelesen werden könne.

    Daraufhin kehrten wir den Spieß um: Wir kreierten Werbung und Verpackungen für Tabakprodukte, bei denen der Warnhinweis übermächtig, der verbleibende Raum für die Produktkennung minimal war. 30 Jahre hat es gedauert, bis aus dieser kindlichen Vision auch in Europa Wirklichkeit wurde.

    30 Jahre ist es nun auch her, dass Herbert Grönemeyer „Kinder an die Macht“ ins Mikrofon und auf Platte presste. Das Lied wurde am 31.3.1986 veröffentlicht. Aber das nur am Rande.


    Spot 4:
    Zum Abschluss ein weiterer Schwank aus meiner Jugend: das Scheitern meiner ersten PR-Aktion. Ende der 1980er fand ich mich mit einer Handvoll Gleichgesinnter an meiner Schule in einer Umweltschutz-IG zusammen.

    Unsere erste Aktion war zugleich die letzte. Das ist umso bedauerlicher, da sie nie stattgefunden hat. Wir wollten unseren Mitschülern vor Augen führen, wie kurzsichtig es ist, das eigene Umfeld zu verschmutzen. Dazu wollten wir den Müll von den Pausenhöfen einsammeln und - sobald wir genügend beisammen hatten - öffentlichkeitswirksam am Eingang der Schule auftürmen.

    Der Hausmeister setzte unserem Ansinnen ein jähes Ende. Ratten hatten unser Mülldepot in den Katakomben der Schule entdeckt. Damit war nicht nur unser Müllsammelplatz, sondern gleich die ganze Aktion vom Pult. Und irgendwie war dann auch die IG gestorben.

  • nach oben


  • Propheteus?

    KW 36: Gefallene Feste

    Es gibt nur wenige Ereignisse von öffentlichem Interesse, die sich derart in mein Hirn gebrannt haben, dass ich genau sagen kann, wie, wann und wo ich davon erfuhr. Der 11. September 2001 ist so ein Tag. 15 Jahre sind seitdem vergangen.

    Nun liegt es nahe zu vermuten, dass nebenstehende Collage als Reaktion darauf entstanden ist. Doch dem ist nicht so. Bereits 1995 hatte ich mit ihr begonnen, Anfang 1997 war sie dann fertiggestellt. Also einige Jahre vor 9/11.

    Wie es dazu kam?
    Ich kann es nicht mehr genau sagen. Prophetische Fähigkeiten? Wohl kaum. Antiamerikanische Vernichtungsphantasien? Mitnichten.

    Auch folgende Begebenheit, die mich noch immer verstört, wenn ich sie mir vergegenwärtige, war nicht der Auslöser:

    Eines Abends, es muss Anfang 1997 gewesen sein, katapultierte mich der Zufall in die Küche einer WG in einem Wohnheim der TUHH und verstrickte mich in eine Diskussion mit einem späteren Mitglied der sogenannten Hamburger Zelle und einem seiner Freunde über die Legitimation von Gewalt zur Verfolgung politischer Ziele.

    Ich kann nur sagen: Eine abstruse Vorstellung respektive Erinnerung. Kamen wir zu einem Ergebnis? Nein. Ich sprach mich gegen jegliche Form von Gewalt aus, der „Zellenbewohner“ hielt sich bedeckt, sein Freund jedoch hatte Gewaltiges vor Augen.

    Doch ich vermute, dass selbst er zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorstellung von den späteren und heutigen Dimensionen des inter- und transnationalen Terrorismus hatte.

    Was also hat mich stattdessen zu der Collage bewogen? Nach eigenem Bekunden (zu meiner ersten Ausstellung 1999 hatte ich alle ausgestellten Bilder kurz erläutert) hatte ich mich mit der Vorstellung vom Tod auseinandergesetzt; insbesondere mit der im Westen verbreiteten traurigen Idee, der Tod sei das Ende des Weges.

    Vermutlich spielten unbewusst noch andere Aspekte eine Rolle. Es hatte Anfang der 1990er den Anschein, „die USA“ (und ihre Verbündeten) würden das Ende des Kalten Krieges als persönlichen Sieg verbuchen - und ihre Stellung als einzige Weltmacht im Zweiten Golfkrieg (vgl. KW 37/2014) zu festigen suchen.

    All das erschien mir unangebracht, unbedacht, überheblich - und gefährlich (und es brauchte wirklich keine prophetischen Fähigkeiten, um zu vermuten, dass sich das daraus resultierende Gebaren irgendwann rächen würde). Allerdings habe ich die USA damals wie heute nicht als isolierte Macht betrachtet. Auch Deutschland beteiligte sich schließlich 1990/91 am Zweiten Golfkrieg, wenn auch nicht militärisch, so doch finanziell.

    Insofern habe ich die Anschläge vom 11. September 2001 auch nie ausschließlich als Angriff auf die USA verstanden. Tatsächlich starben im World Trade Center Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft.

    Mitte bis Ende der 1990er sind einige Collagen entstanden, die sich kritisch mit dem „Herrschaftsanspruch“ des Westens auseinandersetzen. „Die USA“ tauchten darin mitunter als Sinnbild für die gesamte „westliche Welt“ auf. Da diese Collagen thematisch und ästhetisch zu „100 Jahren Dada“ passen, wird in diesem Jahr noch die eine und die andere zu sehen sein.

    [zurück zu KW 38/2016]

  • nach oben


  • Flügelmacher
  • KW 35: Fliegende Wörter

    „Man muss die Feste feiern, wie sie fallen“, schallt es 1865 von der Bühne des neuen Wallner-Theaters. Es ist eines der größten und schönsten Theater Berlins. Der prachtvolle Neubau in Mitte wurde erst vor einem Jahr eröffnet.

    Aufgeführt wird das aktuelle Stück von Hermann Salingré: „Graupenmüller“, eine Posse mit Gesang in drei Akten. Die Musik dazu stammt von Kapellmeister Heinrich Bossenberger.


    Hermann Salingré (1833-1879) war ein „kreuzbraver, allzeit lustiger Kumpan“, der zu den beliebtesten Vertretern seines Genres zählte. Er „kalauerte mit unglaublicher Kühnheit“. Rund 30 überwiegend erfolgreiche Possen brachte er auf die Bühne, darunter „Des Friseurs letztes Stündlein“ und „Die Reise durch Berlin in 80 Stunden“ (weiß sein Kollege Adolf L'Arronge in Band 30 der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ von 1890 zu berichten).

    Warum ich darüber schreibe? Die eingangs zitierte Redewendung ging mir durch den Kopf, als ich mich fragte, ob der 150. Jahrestag des „Prager Friedens“ die Verschwendung eines Gedankens wert sein könnte? Immerhin beendete der am 23. August 1866 in Prag von Preußen und Österreich unterzeichnete Friedensvertrag den so- und auch anders genannten „Deutschen Krieg“.

    Allerdings besiegelte dieser Vertrag die Niederlage Österreichs und die Auflösung des Deutschen Bundes, förderte damit die Vormachtstellung Preußens, führte zur Gründung des Norddeutschen Bundes und mündete 1871 schließlich im Deutschen Reich.

    Ein Grund zum Feiern? Eher nicht. Vielleicht aber die Einladung zu einem Gedankenspiel: Was wäre gewesen, wenn Österreich und seine Verbündeten (darunter die Königreiche Bayern und Sachsen) gesiegt hätten? Oder noch besser: Was, wenn es gar nicht erst zum Krieg gekommen wäre?

    Doch für solch mentale Herausforderung ist es in meinem Büro und folglich auch in meinem Hirn momentemang zu heiß.

    So kann ich nur mit einer banalen Erkenntnis schließen, die ich allein einer Assoziation (die mit den fallenden Festen) und der gefundenen Quasi-Koinzidenz (1865: Premiere des Graupenmüllers und 1866: Unterzeichnung des Prager Friedens) zu verdanken habe.

    Nämlich, dass die besagte Wendung mit dem Feiern der fallenden Feste überhaupt erst durch Hermann Salingré zum geflügelten Wort wurde.

    In der Erstauflage des großen Büchmann (Georg Büchmann, 1864: „Geflügelte Worte – der Citatenschatz des deutschen Volkes“. Berlin: Haude & Spener) ist noch nichts dergleichen zu finden. Doch spätestens ab der 19. Auflage von 1898 wird Salingré ein Plätzchen mit seinem Zitatenschätzchen reserviert.

    Immerhin: Auch wenn von seinen Possen wenig Substanz erhalten geblieben ist, so hat er doch eine Redewendung geprägt. Ach, was sag' ich, mindestens zwei. Denn im „Graupenmüller“ findet sich auch noch der Ursprung folgender im Sprachgebrauch verbreiteten Sentenz:

    „Es gibt sonne und solche“. Im vollen Wortlaut: „Et jibt sonne, und et jibt solche, / Denn jibts ooch noch andre - / Und det sind de Schlimmsten.“

    Ich schweife ab? Oh ja, und das mit Freude. Mit so großer Freude gar, dass ich schon jetzt versprechen kann, dass ich in einer der nächsten Wochen sämtliche geflügelten Worte aus der Sammlung des Oberlehrers Büchmann auflisten werde.

    Zuvor werde ich aber in der nächsten Woche auf weitere ambivalente Gedenktage zu sprechen kommen. Ein weiteres, abschließend erwähntes Rechercheergebnis möge den Nonsens dieser Woche, wenn schon nicht wettmachen, so aber doch beenden: Die besagte, eingangs genannte Wendung ist auch in Österreich verbreitet.

    [zurück zu KW 38/2016]

  • nach oben


  • Gezeichnete Gezeiten
  • KW 34: Hey Wiki Hey

    Vor fünf Jahren begann ich, nach eben solchen Personen zu fahnden, die ich in der letzten Woche beschrieben habe. Also jene zu Unrecht Vergessenen, jene Gesichts- oder Namenlosen und jene unzureichend Gewürdigte.

    Dabei stellte ich bald fest, dass es derer viele gibt. Sehr viele um genau zu sein.

    So fand sich in meiner Liste neben Leif Eriksson (ca.970-ca.1020), jenem isländischen Seefahrer, der lange vor Christoph Kolumbus (ca.1451-1506) Amerika „entdeckte“, auch Ian Spector (*1988), jene Person, die das Internetphänomen der „Chuck Norris Facts“ ins Rollen brachte.

    Alles in allem viel zu viele Personen, um sie zu fassen und sie der Vergänglich- wie auch der Beliebigkeit zu entreißen.

    Daher kam ich irgendwann auf den Trichter, eine Geschichte des Wissens erzählen zu wollen, vom Buchdruck zur Wikipedia sozusagen. Nicht von der technischen Seite her, sondern in biographischen Sequenzen. Weniger die Errungenschaft, sondern vielmehr den Menschen dahinter ergründen. Also eher Tagebuch und Testament als Recherchequelle und weniger Traktat und technisches Handbuch.

    Unter diesen Vorzeichen sind einige längere Geschichten entstanden, von denen einige hier bereits zu lesen waren; wenn auch zum Teil in gekürzter Form. Weitere werden folgen.

    Jetzt folgt aber erstmal eine Übersicht der bisherigen Beiträge mit entsprechenden Links.

    Und vielleicht erzähle ich in diesem Jahr ja sogar noch die Geschichte von Ephraim Chambers (ca.1680-1740), dem „Großvater des Hyperlinks“.

    Und möglicherweise schreibe ich in diesem Jahr auch noch einen Beitrag zur Wikipedia, schließlich feiert sie in diesem Jahr ihren 15. Geburtstag.

    Eines kann ich aber mit Gewissheit sagen: Dies war das letzte Meeresfoto in 2016!

    KW 40/2012: Post
    KW 18/2013: Internet
    KW 20/2013: Schallplatte & Grammophon
    KW 35/2013: Kassettenrekorder
    KW 38/2013: Mobiltelefon
    KW 10–13/2014: Schreibmaschine
    KW 51/2014: Fotografie
    KW 14-17/2015: Zeitung
    KW 48-51/2015: Tageszeitung
    KW 27–31/2016: Dualsystem

  • nach oben


  • Bezeiten
  • KW 33: Nach Wie Vor Wort

    Als Telefone noch Wählscheiben hatten, war die 119 die am häufigsten gewählte Nummer in der BRD. Circa 600.000 Anrufe täglich verfolgten ein und dasselbe Ziel, zu erfahren, wie viel Uhr es ist. Mich beschäftigte damals vor allem die Frage, wer hinter der Stimme steckt?

    Als in der Schule das Phänomen der Konditionierung auf der Agenda stand, war selbstverständlich auch das klassische Experiment von John B. Watson Thema. Einzige Versuchsperson: Little Albert, während der Versuchsreihe neun bis zwölf Monate alt. Mich hat die Sorge nicht mehr losgelassen, was aus Albert geworden ist, der mit einer konditionierten Angst vor Fell ins Leben entlassen wurde?

    Als ich James Restons Biographie über Galileo Galilei las, erfuhr ich, dass der große Astronom gar nicht der Erfinder des Fernrohrs ist, obwohl er landläufig dafür gehalten wird. Der eigentliche Erfinder ist vermutlich Hans Lipperhey aus Middelburg. Reston zufolge trug Galileo selbst dazu bei, dass er, und nicht Lipperhey, die Lorbeeren für diese revolutionäre Erfindung einheimste. Über Galileos Leben wissen wir so einiges, doch wie ist das von Hans Lipperhey verlaufen?


    Solche und ähnliche Fragen treiben mich um und dazu an, hier von Zeit zu Zeit Personen vorzustellen, die nicht das Ausmaß an Anerkennung erfahren haben, das ihnen eigentlich gebührt, als da wären:

    1. Vergessene Erfinder
    Sie stecken hinter bahnbrechenden Ideen, haben davon jedoch kaum oder gar nicht profitiert. Manche sind posthum gewürdigt worden. Manche sind gänzlich in Vergessenheit geraten. Ihre Erfindungen werden anderen zugeschrieben.

    2. Unbekannte Stars
    Ihr Name, ihr Gesicht oder ihre Stimme (manchmal auch nur eines ihrer Körperteile, wie etwa die „Tatort“-Augen) sind bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Sie sind omnipräsent, aber selten prominent.

    3. Unzureichend Gewürdigte
    Ihre Idee wird unzählige Male verwendet, zitiert und kopiert. Manch andere/r verdient sich damit eine goldene Nase. Sie selbst aber haben nur eine bescheidene Abfindung erhalten, wenn überhaupt.

    4. Unentschädigt Geschädigte
    Vielleicht waren sie zur falschen Zeit am falschen Ort. Oder wussten nicht, worauf sie sich einlassen. Ein prägendes Ereignis hat ihr Leben maßgeblich beeinträchtigt. Entschädigt wurden sie dafür nie.


    Manch eine dieser Personen mag sich im Verlauf ihres Lebens an Murphys Gesetz erinnert haben (oder hat es gedanklich vorweggenommen): „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“

    So vielleicht auch John W. Campbell Jr. (1910-1971), ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor und -Verleger. Er ist nämlich der eigentliche Urheber des Zitats. Während Edward A. Murphy Jr. (1918-1990), ein US-amerikanischer Air-Force-Ingenieur, als Zitatspender in die Annalen der Geschichte eingegangen ist, werden die Werke Cambells heute kaum noch aufgelegt.


    Manch eine/r mag sich auch gefragt haben, warum ihr/ihm der Nobelpreis verwehrt geblieben ist. Nicht unbedingt der Italiener Ascanio Sobrero (1812-1888), der Erfinder des Nitroglycerins, denn zu seiner Zeit wurden noch keine Nobelpreise verliehen. Er wird sich aber dennoch geärgert haben.

    Vielleicht hat er sich sogar um Ruhm und Reichtum betrogen gefühlt. Denn erst Alfred Nobel (1833-1896) wurde mit seiner Erfindung des Dynamits, das immerhin zu 75 Prozent aus Nitroglycerin besteht, so richtig erfolgreich. Nobel zitierte Sobrero zwar als Erfinder des Nitroglycerins und ließ ihm eine lebenslange Zahlung zukommen. Diese stand allerdings, so wird behauptet, in keinem Verhältnis zu den Mitteln, die Nobel mit Sobreros Erfindung vereinnahmte.


    Ich komme in der nächsten Woche noch einmal auf diese biografischen Exkurse zu sprechen. Für heute, zum Abschluss nur noch drei Links zu früheren Beiträgen:

    Galileo Galilei vs. Hans Lipperhey
    (KW 09/2013)


    Das Schicksal des kleinen Alberts
    (KW 39-41/2013)


    Alfred Nobel vs. Ascanio Sobrero
    (KW 43/2013)


  • nach oben


  • Laber Rhabarber
  • KW 32: Zwischenruf

    bla blablablablablablabla bla
    bla blablablablablablabla bla
    bla blablablablablablabla bla
    blabla blablablablabla blabla
    blabla blablablablabla blabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablablabla bla blablablabla
    blablablabla bla blablablabla
    blablablabla bla blablablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blabla blablablablabla blabla
    blabla blablablablabla blabla
    bla blablablablablablabla bla
    bla blablablablablablabla bla
    bla blablablablablablabla bla
    blabla blablablablabla blabla
    blabla blablablablabla blabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablablabla bla blablablabla
    blablablabla aha blablablabla
    blablablabla bla blablablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blabla blablablablabla blabla
    blabla blablablablabla blabla
    bla blablablablablablabla bla
    bla blablablablablablabla bla
    bla blablablablablablabla bla
    blabla blablablablabla blabla
    blabla blablablablabla blabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablablabla bla blablablabla
    blablablabla bla blablablabla
    blablablabla bla blablablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blablabla blablabla blablabla
    blabla blablablablabla blabla
    blabla blablablablabla blabla
    bla blablablablablablabla bla
    bla blablablablablablabla bla
    bla blablablablablablabla bla

  • nach oben


  • Wunderwelle
  • KW 31: Hinterm Mond
    geht's weiter (5/5)


    Vielleicht misst Thomas Harriot der öffentlichen Anerkennung keine Bedeutung bei. Vielleicht möchte er auch lieber kein Risiko eingehen. Denn der Verdacht, ein Ketzer zu sein, machte ja schon 1593 die Runde. Vielleicht ist er aber auch einfach nur zu beschäftigt – mit seinen zahlreichen Interessen und den zeitaufwändigen Besuchen im Tower. Oder zu bequem – neben seinem Gehalt hat ihm der Earl auch noch Ländereien überschrieben, die mit zusätzlichen Einnahmen einhergehen. Oder es fehlt ihm aus gesundheitlichen Gründen der Antrieb.

    Bereits 1606 hat Thomas Harriot nicht die Kraft, Johannes Kepler seine Erkenntnisse in Optik darzulegen. Seine Gesundheit lasse eine ausführliche Antwort nicht zu, schreibt er auf dessen Anfrage hin zurück. Und Theodore de Mayerne, der Leibarzt des Königs, diagnostiziert ihn 1616 als „somewhat melancholy“.

    Bis in das zweite Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts zeigt Thomas Harriot eine rege Forschungstätigkeit. 1612 (oder 1613) bemerkt er dann ein Geschwür an seiner Nase, das sich später als Krebs herausstellt. Vielleicht das Ergebnis allzu exzessiven Tabakkonsums. Denn auch wenn offenbleibt, ob Thomas Harriot den Tabak (und vielleicht sogar die Kartoffel) in England eingeführt hat oder ob dies spanischen Händlern zuzuschreiben ist, dass er dem Tabakrauchen zugetan ist, gibt er bereits 1588 in seinem Bericht über Virginia zu Protokoll.

    “We ourselues”, schreibt er, “during the time we were there vsed to suck it after their maner, as also since our returne, & haue found manie rare and wonderful experiments of the vertues thereof”. Offensichtlich hat er sich in der – wie er glaubt – heilsamen Wirkung des Tabaks getäuscht. Der Krebs beeinträchtigt zunehmend seine körperliche und seelische Verfassung, zwangsläufig auch seine Arbeitskraft.

    1616 geht es Thomas Harriot anscheinend etwas besser, da er sich als „somewhat hopeful“ beschreibt. Glücklicherweise bleibt ihm sein Patron Henry Percy auch in Zeiten schwindender Gesundheit wohlgesinnt. 1616 erhöht er, noch immer im Tower weilend, Harriots Gehalt auf 100 Pfund.

    Zwei Jahre später verfinstert sich Harriots Horizont jedoch weiter: Walter Raleigh, mit dem er seit über 35 Jahren verbunden ist, wird hingerichtet.

    Im Frühjahr 1618 war Raleigh kurzzeitig begnadigt worden, um eine weitere Expedition nach Guyana zu unternehmen. Er hatte dem König versprochen, den legendären Goldschatz der Inkas zu bergen. Alle ihm verbliebenen Besitztümer fließen in dieses 30.000 Pfund teure Unterfangen, seine letzte Chance. Doch die Expedition nimmt einen desaströsen Verlauf. Nicht nur seinen Sohn verliert Walter Raleigh unterwegs, sondern auch jegliche Aussicht auf Rehabilitation. Kaum ist er zurück, wird er verhaftet und am 29. Oktober 1618 enthauptet.

    Ein Jahr vor seinem Tod sucht Thomas Harriot die Meinung eines weiteren renommierten Arztes, Alexander Read (um 1586–1641), auf. Dieser schlägt zwar eine Behandlung vor, hat aber nur noch wenig Hoffnung, wie er später in seinen „Chirurgicall Lectures of Tumors and Vlcers“ berichtet.

    Am 29. Juni 1621 verfasst Thomas Harriot, der sich Zeit seines Lebens in Schwarz kleidete, sein Testament. Er ist um die 60, der Krebs ist weit fortgeschritten, und er spürt, dass seine Tage gezählt sind. Dezidiert schreibt Thomas Harriot nieder (oder diktiert), wer was erhalten und wer sich um was kümmern soll. Aus seiner Familie werden nur ein Neffe und ein Cousin erwähnt. Vermutlich war er nicht verheiratet und hatte keine Kinder.

    Drei Tage später, am 2. Juli 1621, stirbt Thomas Harriot schließlich. Er wird auf dem Friedhof der nahegelegenen St. Christopher-Kirche beerdigt (dort, wo heute die Bank of England steht). Henry Percy, vielleicht auch seine Nachlassverwalter lassen einen marmornen Gedenkstein errichten, dem „hochgelehrten Thomas Harriot aus Syon an der Themse, geboren und ausgebildet in Oxford“ zu Ehren.

    Was er hinterlässt, sind mehr als 4.000 handbeschriebene Seiten voll mit Berechnungen, Beobachtungen, Zeichnungen, Traktaten und diversen Notizen. Ein Buch zur Algebra ist nahezu fertig, die Papiere allerdings wie alles andere ein wenig durcheinandergeraten.

    Es dauert zehn Jahre, bis seine mathematischen Aufzeichnungen durchgesehen und für eine Veröffentlichung aufbereitet sind. 1631 erscheint „Artis analyticae praxis, ad æquationes algebraïcas nouâ (…): tractatus e posthumis Thomæ Harrioti“.

    Sehr viel länger dauert es, bis erkannt wird, dass sein Nachlass noch viel größere Schätze birgt. Denn Walter Warner (um 1557–1643), der die „Praxis“ zuletzt bearbeitet, ist der Aufgabe nicht ganz gewachsen. Er lässt wichtige Passagen vermutlich aus mangelndem Verständnis einfach weg.

    Nathaniel Torporley (1564–1632), ein ehemaliger Schüler Harriots und laut Testament Wunschkandidat für die Herausgabe seiner mathematischen Arbeiten, wird aus unerfindlichen Gründen von dem Unterfangen entbunden. Mit seiner Schrift „Corrector analyticus artis posthumae Thomae Harrioti“ wirft Torporley den Herausgebern vor, Harriots Arbeit verunstaltet und seine wahre Essenz verkannt zu haben. Sein Tod im folgenden Jahr verhindert, dass er sich weiter für Harriots Reputation einsetzen kann.

    Den nächsten Schritt, den eigentlichen Erkenntnisgewinn von Thomas Harriot zu würdigen, unternimmt der englische Mathematiker John Wallis (1616–1703) im Jahre 1685 mit „A Treatise of Algebra“. Eine wirkliche Wiederentdeckung Harriots wird erst Ende des 18. Jahrhunderts durch Baron von Zach (1754–1832) eingeläutet. Sie dauert bis heute an, wie etwa die seit 1990 jährlich stattfindenden Harriot-Lectures am Oriel College oder auch das „Harriot Online Project”, ein Gemeinschaftsprojekt der British Library, der University of Oxford und des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte zeigen.

    Bleibt abschließend noch die Geschichte von John White und der Kolonie auf Roanoke Island zu Ende zu erzählen:

    Nachdem White am 18. August 1590, dem dritten Geburtstag seiner Enkeltochter Virginia Dare, nach drei Jahren endlich wieder auf Roanoke Island eintrifft, findet er die Kolonie zerstört und verlassen vor. Dem einzigen Hinweis, in einen Baum ist das Wort „CROATAN“ geritzt, kann er nicht nachgehen. Seine Mannschaft drängt wegen aufkommender Stürme zur Rückkehr.

    Kein weiteres Mal wird White nach Nordamerika segeln, Enkelin und Tochter sieht er nie wieder. Die aufgegebene Kolonie ist unter dem Namen „The Lost Colony“ in die Geschichte eingegangen. Das Schicksal der Siedler galt lange Zeit als ungewiss und ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es gibt jedoch plausible Indizien dafür, dass sie von den Croatan aufgenommen wurden.

    John White zieht sich irgendwann nach Irland zurück. Über seine letzten Lebensjahre ist nichts bekannt. Es wird angenommen, dass er um 1593 stirbt. Seine Bilder von der „Neuen Welt“ prägen über Generationen hinweg das europäische Bild von den Indianern Nordamerikas. Seine verschollene Enkelin Virginia Dare hat bis heute als US-amerikanische Ikone „überlebt“.

  • nach oben


  • Wunderwelle
  • KW 30: Hinterm Mond
    geht's weiter (4/5)


    Spätestens ab 1597 gewährt der „Zaubergraf“ Thomas Harriot ein jährliches Salär von zunächst 80 Pfund (nach heutigen Maßstäben etwa 280.000,– Euro). Vermutlich verlagert Thomas Harriot seinen Lebens- und Arbeitsschwerpunkt im selben Jahr in das Haus des Earls. Dessen Anwesen, das Syon House, ein ehemaliges Kloster mit einem 80 Hektar großen Park, liegt knapp 20 Kilometer westlich vom Durham House und grenzt wie dieses an die Themse (heute zählt die Gegend zu Greater London).

    Thomas Harriot kann sich von nun an intensiver seinen Forschungsinteressen widmen. War er für Raleigh in erster Linie in praktischen Dingen tätig, bietet ihm der Earl deutlich mehr Freiraum. Thomas Harriot beschäftigt sich in diesen Jahren viel mit Optik, Chemie, Geometrie und Algebra.

    Er experimentiert auch mit verschiedenen Zahlensystemen. Zwar hat sich das Dezimalsystem indo-arabischer Prägung längst durchgesetzt, nachdem es der Italiener Leonardo Fibonacci (um 1180 – nach 1241) um 1202 in Europa eingeführt hat. Doch so sehr es auch bei unseren zehn Fingern auf der Hand liegen mag, das einzig mögliche Zahlensystem ist es nicht.

    Als erster stellt Thomas Harriot ein binäres Zahlensystem auf der Basis von „0“ und „1“ auf. Etwa 100 Jahre vor Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646–1716), dem die diesbezügliche „Urheberschaft“ bis 1951 zugesprochen wird (bis nämlich der Harriot-Forscher John W. Shirley im „American Journal of Physics“ Harriots „dualistische“ Zahlenspiele anhand von Originaldokumenten nachweist).

    Selbstverständlich kann Thomas Harriot nicht voraussehen, welche Bedeutung das Dualsystem einmal haben wird. Vermutlich handelt es sich tatsächlich um eine reine Spielerei – wenn auch auf hohem Niveau. Dennoch legt er um 1600 sozusagen den Grundstein der Digitaltechnik.

    1601 beschreibt und berechnet er, in welcher Weise das Licht seine Richtung ändert, wenn es auf unterschiedliche Medien wie Glas, Wasser oder Luft trifft. Diese Gesetzmäßigkeit wird heute als „Snelliussches Brechungsgesetz“ bezeichnet – nach seinem vermeintlichen Entdecker Willebrord van Roijen Snell (1580–1626), der 1621 ebenfalls zu den richtigen Ergebnissen kommt, auch wenn er sie wie Harriot nicht selbst veröffentlicht. [Eine korrekte Beschreibung findet sich allerdings schon bei dem persischen Mathematiker Abu Sad al-Ala ibn Sahl (um 940–um 1000)]

    Ab Anfang des 17. Jahrhunderts nimmt Thomas Harriot auch Privatschüler an. Anfragen erhält er aus dem ganzen Land. Insbesondere auf dem Gebiet der Mathematik hat er sich inzwischen einen Namen gemacht. Seine Reputation gründet sich vor allem auf Mundpropaganda und löbliche Erwähnung in den Publikationen anderer.

    Doch bald schon wird Thomas Harriot vor Augen geführt, wie schnell auch das Glück seine Richtung ändern kann.

    Walter Raleigh fällt nach dem Tod von Elisabeth I. im Jahre 1603 bei ihrem Nachfolger James I. gänzlich in Ungnade und kommt wegen Hochverrat in den „Tower of London“. Der ist zwar ein Gefängnis erster Klasse mit vergleichsweise komfortablen Haftbedingungen, dennoch sind die Aussichten für Raleigh denkbar ungünstig. Von seinen Ämtern, zuletzt vertritt er drei Grafschaften im Parlament und ist Gouverneur von Jersey, wird er entbunden, ebenso von seinen Handelsprivilegien. Selbst das Durham House wird ihm genommen. 13 Jahre wird Walter Raleigh dafür kämpfen und vergeblich darauf hoffen, dass ihm nicht auch noch das Leben genommen wird.

    1605 wird auch Harriots zweiter Patron, Henry Percy, festgenommen und in den Tower gesperrt. Er wird zu Unrecht verdächtigt, am „Gunpowder Plot“, einem für den 5. November 1605 geplanten, aber vereitelten Sprengstoffanschlag auf König und Parlament beteiligt gewesen zu sein.

    Selbst Thomas Harriot wird verhaftet und für etwa drei Wochen festgehalten. Er wird ebenfalls der Mithilfe verdächtigt. Zudem soll er ein Horoskop über den König erstellt haben, um dessen Schicksal mit Magie zu beeinflussen.

    Der Verdacht kann nicht bekräftigt werden, Ende des Jahres ist Harriot wieder auf freiem Fuß. Dennoch wird der Tower auch für Thomas Harriot in den nächsten anderthalb Jahrzehnten zu einem zweiten Zuhause. Regelmäßig macht er sich per Boot von Syon auf den Weg, seine beiden Patrone zu besuchen (drei bis vier Stunden Fahrt pro Strecke).

    Der Komet des Jahres 1607 lenkt Harriots Blick auf die Astronomie. Seine Aufzeichnungen über den inzwischen als „Halleyschen Kometen“ bekannten Himmelskörper vergleicht er mit Johannes Kepler, der bereits 1606 den Kontakt zu Thomas Harriot aufgenommen hat. [Für Kepler ist Harriot ein „fürtrefflicher Philosophus“, wie er 1616 bekundet.]

    1608 bezieht Thomas Harriot bei Syon ein eigenes Haus mit eigener Bibliothek. In der Nacht des 26. Juli 1609 beobachtet und zeichnet er die Mondoberfläche – fast vier Monate vor Galileo Galilei. Hierzu benutzt er jenes neuartige Instrument, Teleskop genannt, das Hans Lipperhey (1570–1619) erst kürzlich in Middelburg entwickelt hat.

    Ebenfalls mit Hilfe des Teleskops, dessen Vergrößerungsleistung er inzwischen verbessert hat, studiert er ab 1610 systematisch die Oberfläche der Sonne. Diese gilt nach vorherrschender Meinung als rein und makellos. Mit dem bloßen Auge wahrnehmbare Flecken wurden bislang als Sinnestäuschung oder vorbeiziehende Himmelskörper abgetan. Außerdem nimmt er sich den Jupiter und dessen Monde vor.

    Spätestens in dieser Phase seines Lebens könnte Thomas Harriot zu einer weit über die Grenzen Englands bekannten Koryphäe in Astronomie und Mathematik werden, würde er seine Ergebnisse veröffentlichen.

  • nach oben


  • Wunderwelle
  • KW 29: Hinterm Mond
    geht's weiter (3/5)


    Im Frühjahr 1584 stechen die ersten Schiffe in See, Kurs auf Virginia, wie Walter Raleigh das zu entdeckende Land der Königin zu Ehren tauft (Elisabeth I. wird – da unverheiratet – auch „The Virgin Queen“ genannt).

    Die Expedition verläuft vielversprechend: Die Flotte landet im Juli auf Roanoke Island im heutigen North Carolina und bleibt mehrere Wochen zur Erkundung vor Ort. Die Begegnung mit den ansässigen Indianerstämmen, den Secotan und den Croatan, ist von freundlicher Neugier geprägt.

    Im September 1584 läuft die Flotte wieder in England ein. Mit an Bord sind auch die beiden Croatan Wanchese und Manteo. Leibhaftige Boten aus der „Neuen Welt“, im London jener Tage eine Sensation. Wanchese und Manteo werden in Raleighs Haus, dem Durham House, untergebracht.

    Dort hat auch Thomas Harriot sein Quartier bezogen. Nun soll er lernen, sich mit den Croatan zu verständigen. Hierzu entwickelt er ein phonetisches Alphabet, und tatsächlich – so wird gesagt – beherrscht er bis Weihnachten 1584 halbwegs ihre Sprache.

    Im Mai 1585 setzt eine weitere Flotte aus sieben Schiffen die Segel. Das Kommando hat Raleighs Cousin Richard Grenville (1542–1591). Unter den fast 200 Passagieren sind neben Wanchese und Manteo auch der Maler John White und der gerade mal 25-jährige Thomas Harriot.

    Über ein Jahr bleibt er mit 108 weiteren Personen auf Roanoke Island. Zum Ende kommt es allerdings zu einem Versorgungsengpass. Da trifft es sich, dass im Juli 1586 Francis Drake auf der Rückreise nach England einen Abstecher auf Roanoke Island einlegt.

    Der „Weltumsegler“ Drake war mit mehreren Schiffen auf einem Beutezug in den „West Indies“ unterwegs. Da der versprochene Nachschub auf sich warten lässt und die Stimmung im Keller ist, entschließen sich die Siedler die Kolonie aufzugeben und mit Drake nach England zurückzukehren.

    In London plant Walter Raleigh derweil schon die nächste und damit vierte Expedition. Er steht unter Erfolgsdruck: Parlament und Königin haben ihm Ende 1584 das alleinige Recht zur Besiedlung der „Neuen Welt“ übertragen – mit der Klausel, binnen sechs Jahren eine Kolonie zu gründen, die auch Bestand hat.

    Im April 1587 machen sich also erneut drei Schiffe auf den Weg nach Virginia. Mit an Bord ist abermals John White, der inzwischen zum Gouverneur der neuen Kolonie ernannt worden ist.

    Für Thomas Harriot hat Raleigh einen anderen Auftrag: Harriot soll einen Bericht über die Vorzüge der „Neuen Welt“ verfassen. Denn mittlerweile gelangen Gerüchte in Umlauf, die Besiedlung Amerikas sei gescheitert, das Land hierfür nicht geeignet.

    Auch am Hof hat keiner mehr einen Kopf für Raleighs Vorhaben. England steht eine Invasion der spanischen Armada bevor. Bereits 1587 ist die Lage angespannt. Ende Mai 1588 nehmen 130 spanische Schiffe Kurs auf die britische Insel. Alle größeren Schiffe, ganz gleich ob sie in königlicher oder privater Hand sind, werden zur Verteidigung Englands herangezogen.

    Raleigh sieht sich gezwungen zu handeln: Die Besiedlung Virginias muss gelingen. Vor diesem Hintergrund entsteht Thomas Harriots „A Briefe and True Report of the New Found Land of Virginia”, der 1588 erscheint. Eine Art Imagebroschüre, die interessante Einblicke in das vorkoloniale Amerika eröffnet.

    1590 bringt der Frankfurter Verleger Theodor de Bry (1528–1598) Harriots Bericht mit Aquarellen von John White bebildert in vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch und Latein) heraus. Es wird Harriots einzige Veröffentlichung bleiben.

    Im selben Jahr bricht John White ein weiteres Mal nach „Virginia“ auf. Im November 1587 war er nach England zurückgekehrt, um Vorräte und Unterstützung für die Kolonie zu organisieren. Auf Roanoke Island hatte er seine Tochter und sein frisch geborenes Enkelkind mit Namen Virginia Dare (die erste Engländerin, die in Amerika geboren wird) zurückgelassen. Eine eigenständig organisierte Reise war 1588 gescheitert. Raleighs fünfte Expedition nach „Virginia“ soll nun endlich den vor drei Jahren versprochenen Nachschub bringen.

    Thomas Harriot bleibt an der Seite von Walter Raleigh in London. Ist Raleigh unterwegs, vertritt er ihn in seinen geschäftlichen Belangen. Längere Zeit muss Thomas Harriot nach Irland, Raleighs dortige Ländereien verwalten.

    Doch das abenteuerliche Leben des Walter Raleigh verliert in den 1590ern zunehmend an Kontinuität und Stabilität. Die Gunst der Königin hat er sich durch eine nicht gebilligte Heirat verscherzt. Seine kostspieligen Expeditionen haben noch immer nicht gefruchtet.

    Für Thomas Harriot ist es eine glückliche Fügung, dass in dieser Zeit ein neuer Patron auf den Plan tritt. Ab Anfang der 1590er taucht er sporadisch auf der Gehaltsliste des Neunten Earl of Northumberland Henry Percy (1564–1632) auf. Der Earl, wegen seines Faibles für Alchemie und seiner außerordentlichen Bibliothek auch „The Wizard Earl“ („Der Zaubergraf“) genannt, entstammt einer reichen englischen Adelsfamilie. Mit Walter Raleigh steht er bereits seit 1586 in Kontakt.

    Gemeinsam treffen sie sich häufig mit anderen illustren Persönlichkeiten ihrer Zeit, darunter Schriftsteller, Wissenschaftler und Querdenker. Erörtert werden Fragen der Theologie, Philosophie, Astronomie, Geographie und Chemie. Mitunter wird dieser Zirkel „The School of Night“ genannt. Den Beteiligten wird nachgesagt, ketzerisches Gedankengut zu diskutieren und alchemistische Versuche durchzuführen.

    Auch Thomas Harriot ist mitunter mit von der Partie. Ebenso der Schriftsteller Christopher Marlowe (um 1564–1593), der 1593 öffentlich der Ketzerei bezichtigt wird. In einem Beweisstück (den sog. Baines-Notizen) tauchen auch die Namen Raleigh und Harriot auf. Doch noch lässt die Justiz sie in Ruhe.

  • nach oben


  • Wunderwelle
  • KW 28: Hinterm Mond
    geht's weiter (2/5)


    Ein Mondkrater ist nach ihm benannt, nach Thomas Harriot, dem ersten Menschen, der den Mond mit Hilfe des Teleskops zeichnete. Ist es eine Ironie des Weltalls, dass sich der Krater auf der „Mondrückseite“ befindet, also von der Erde aus nicht zu sehen ist? Nein, eigentlich ist es ganz passend.

    Thomas Harriot war talentiert. Er hat vieles entdeckt und herausgefunden; einiges offenbar als erster überhaupt. Er hätte der Galileo, Kepler oder auch Descartes des Englands seiner Zeit werden können. Methoden, Gesetze und Kometen hätten nach ihm benannt werden können. Doch Thomas Harriot hat nichts von alldem veröffentlicht – und manches vielleicht auch nicht tief genug ergründet.

    Zu Lebzeiten macht er sich einen gewissen Namen. Selbst Johannes Kepler (1571–1630) in Prag wird auf ihn aufmerksam – auch wenn Theodore de Mayerne (1573–1655), der Leibarzt des englischen Königs, Thomas Harriot vor allem deshalb in Erinnerung behält, weil er das Tabakrauchen populär gemacht hat. Von der Geschichtsschreibung jedenfalls ist er lange Zeit weitgehend übersehen worden. Zu Unrecht, wie eine inzwischen rege Harriot-Forschung zeigt. Werfen wir also einen Blick hinter den Mond, werfen wir einen Blick auf Thomas Harriot.


    Als Thomas Harriot um 1560 in Oxford (oder irgendwo in der Grafschaft Oxfordshire) geboren wird, ist Oxford ein beschaulicher Ort mit etwa 4.000 Einwohnern (2016: knapp 160.000). Ein wichtiges Aushängeschild ist auch damals schon die Universität. Immer mehr Studenten lockt sie an.

    Auch Thomas Harriot nimmt hier Ende 1577 sein Studium auf. Er schreibt und quartiert sich in die St. Mary Hall ein. Am 20. Dezember 1577 findet in der gegenüber gelegenen Universitätskirche die Aufnahmefeier der Erstsemester statt, 259 an der Zahl. Laut Immatrikulation stammt Thomas Harriot aus bürgerlichen Verhältnissen, sonst ist nichts über seine Herkunft bekannt.

    Möglich, dass er sein Studium aus finanziellen Gründen bereits nach zweieinhalb Jahren beendet. Mit einem erfolgreichen Abschluss zwar, einem „Bachelor of Arts“, doch bevor er sich intensiver mit seinen eigentlichen Interessen beschäftigen kann. Mathematik und Astronomie stehen erst im Master-Studium auf dem Lehrplan.

    Im Frühjahr 1580 verlässt er Universität und Oxford, um nach London zu gehen. In der großen Stadt mit ihren seinerzeit etwa 200.000 Einwohnern sind die beruflichen Aussichten mit einem Uni-Abschluss vielversprechend. Wo Thomas Harriot in seinen ersten Londoner Jahren Fuß fasst, ist nicht überliefert. Erst als er von Walter Raleigh (vermutlich Ende 1583, vielleicht aber auch schon 1582) angeheuert wird, finden wir ihn wieder.

    Raleigh hat sich bislang hauptsächlich als Soldat (in Frankreich auf der Seite der Hugenotten) und als Kommandant (in Irland auf Seiten der Engländer) verdingt. Mit seinem Halbbruder Humphrey Gilbert (um 1537–1583) hat er 1578 eine erste ambitionierte, aber erfolglose Expedition unternommen. Beide haben sich der Besiedlung der „Neuen Welt“ verschrieben.

    Ab 1581 kommt Walter Raleigh an den Hof von Elisabeth I. und steigt schnell zu ihrem Günstling auf. Die Königin gewährt Raleigh großzügige Privilegien, überträgt ihm zahlreiche Ländereien und 1583 das Durham House, eine Palastanlage an der Themse, am „Strand“ zwischen London und Westminster gelegen. Raleigh erlangt beträchtlichen Wohlstand, 1585 wird er sogar zum Ritter geschlagen.

    Während seiner Zeit am Hof engagiert er verschiedene Geistesgrößen, darunter den Maler John White (um 1540–um 1593), den Geographen Richard Hakluyt (um 1552–1616) und eben Thomas Harriot. Harriots Aufgabe ist zunächst die Unterweisung von Raleigh und seiner Seeleute in Mathematik und Navigation. Denn Raleigh ist nach wie vor von der „Neuen Welt“ angefixt. Fünf Flotten schickt er in den kommenden Jahren nach Nordamerika. Später wird er selbst zwei Mal nach Südamerika segeln, auf der Suche nach dem sagenumwobenen Eldorado.

  • nach oben


  • Wunderwelle
  • KW 27: Hinterm Mond
    geht's weiter (1/5)


    Wir schreiben das Elisabethanische Zeitalter. Francis Bacon (1561–1626) begründet die moderne Wissenschaft. William Shakespeare (um 1564–1616) verfasst seine Dramen und Sonette. Francis Drake (um 1540–1596) umsegelt als erster Engländer die Welt. Walter Raleigh (um 1554–1618) gründet die erste englische Kolonie in Nordamerika.

    In verklärender Weise wird die Epoche um die Regentschaft von Elisabeth I. (1533–1603, r. 1558–1603) mitunter als das goldene Zeitalter Englands bezeichnet.

    Doch wenn es um bedeutende Briten dieser Epoche geht, wird einer meist vergessen, der Wissenschaftler Thomas Harriot (1560-1621). Das liegt in erster Linie daran, dass er seine Erkenntnisse nicht veröffentlicht hat. Gerade mal ein Buch gibt er zu Lebzeiten heraus, Eindrücke seiner Nordamerikareise, die er im Auftrag Walter Raleighs 1585 unternimmt.

    Es dauert Jahrzehnte, zum Teil sogar Jahrhunderte, bis die Aufzeichnungen in seinem Nachlass ausgewertet und gewürdigt werden. Immerhin hinterlässt Thomas Harriot mehrere tausend Seiten handschriftlicher Notizen.

    Heute steht fest, dass er als erster Mensch mit Hilfe des Teleskops die Mondoberfläche zeichnete – vier Monate vor Galileo Galilei. Auch im Bereich der Optik zeigt Thomas Harriot Weitsicht: Er stellt eine Formel zur Lichtbrechung auf, die allerdings nach jemand anderen benannt wird.

    Seine Königsdisziplin aber ist die Mathematik. Er befasst sich intensiv mit komplexen Gleichungen, erneuert die Notation und experimentiert mit verschiedenen Zahlensystemen. Als erster arbeitet er mit einem binären Zahlensystem auf der Basis von „0“ und „1“. Das Dualsystem, die Grundlage der Digitaltechnik, ist geschaffen.

    --------------------------------------

    Dies soweit als kleine Einstimmung und zur besseren Einordnung unseres Protagonisten der nächsten Wochen hinsichtlich seines Stellenwerts und des historischen Kontexts, in dem er agierte.

    Bei dem Text, der in den folgenden Wochen zum Besten gegeben wird, handelt es sich um eine leicht gekürzte Fassung. Die komplette Version inklusive Quellenangaben schicke ich Ihnen auf Anfrage gern per E-Mail zu.

  • nach oben


  • Switch
  • KW 26: Brückenschlager

    Das Foto der letzten Woche, das Anonymous-Graffito, war der Versuch einer galanten Überleitung. Möglicherweise hat es auf die falsche Fährte gelockt.

    Weder das Internetphänomen Anonymous noch Guy Fawkes (1570-1606), „der Mann hinter der Maske“, werden in den nächsten Wochen im Mittelpunkt meiner und – wenn Sie mögen – Ihrer Aufmerksamkeit stehen.

    Stattdessen werde ich die Geschichte von Thomas Harriot (1560-1621) erzählen.

    Jener Thomas Harriot wurde zu Unrecht verdächtigt, 1605 am Gunpowder Plot beteiligt gewesen zu sein, einem vereitelten Anschlag auf den König von England. Guy Fawkes hingegen war eine treibende Kraft dieser sogenannten „Pulververschwörung“.

    Zugegebenermaßen ist diese Verknüpfung ziemlich weit hergeholt. Worauf läuft es also hinaus? Ich bleibe im weitesten Sinne beim digitalen Wandel und ergründe seine Ursprünge.

    Thomas Harriot hat nämlich keine Lunte, sondern eine wesentliche Grundlage der digitalen Revolution gelegt. Im 16. Jahrhundert? Nein, nicht wirklich (und erst recht nicht virtuell). Thomas Harriot war allerdings der mutmaßlich erste Mathematiker, der mit dem Dualsystem experimentierte.

    Ich gehe also sehr, sehr weit zurück in der Geschichte des Digitalen. Tatsächlich werde ich das Dualsystem auch nur am Rande streifen. Denn eigentlich geht es in den nächsten vier bis fünf Wochen um

    → Seefahrer und Zaubergrafen,
    → Pionier- und Forschergeister,
    → Ketzer, Kerker, Könige –
    → und vor allem um Thomas Harriot,
      den englischen Galileo.

    Und da ich vermute, dass 51,9 Prozent aller potenziellen Leserinnen und Leser bei diesem Thema abschalten, wünsche ich jenen einen schönen Sommer und allen anderen eine unterhaltsame Lektüre.

  • nach oben


  • Copylight
  • KW 25: Übern Gutenberg

    Was sagt uns der historische Exkurs der vergangenen Woche? Dass das Urheberrecht zwar vom Ego gegeißelt, aber längst nicht in Stein gemeißelt ist. Kopiert wurde schon immer. Doch lange Zeit hat sich niemand so recht daran gestört.

    Erst im 15. Jahrhundert gewinnt die Idee von Urheberschaft, Schöpferkraft und vom geistigen Eigentum an Bedeutung. Sie wird durch die Revolution im Buchdruck (ab 1450) durch Johannes Gutenberg (um 1400-1468) befeuert.

    Die Möglichkeit, Manuskripte mit nur geringem Aufwand zu vervielfältigen, ändert so einiges. Sie bringt auch das Thema Urheberrecht auf den Plan - schon allein deshalb, weil überall nicht autorisierte Nachdrucke auf den Markt drängen.

    Der digitale Wandel der „heutigen“ Zeit bedeutet eine neuerliche Zäsur. Unendlich viele Ideen und Werke sind im Internet verfüg- und mit einem Klick kopierbar. Das fordert Urheber, Verwerter und Gesetzgeber heraus - und bringt „Netzaktivisten“ gegen sie auf.

    Während auf der einen Seite heftig gestritten wird (etwa um zwei Sekunden Musik wie zuletzt im Rechtsstreit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham), wird auf der anderen Seite freudig kopiert.

    Das wird zum Problem, wenn finanzielle oder persönliche Interessen des Urhebers (oder Verwerters) verletzt werden. Das wird andererseits zur Chance, wenn Inhalte dadurch geteilt und verbreitet werden. Und es kann zum Geschenk werden, wenn sie weiterbearbeitet werden - womit ich wieder bei meinem Ausgangspunkt angelangt wäre (vgl. KW 23/2016).

    Im Fall Kraftwerk, vertreten durch Ralf Hütter (*1946), gegen Moses Pelham (*1971) hat das Bundesverfassungsgericht am 31.5.2016 jedenfalls für die Kunstfreiheit entschieden - und Sampling sozusagen als Kunstform anerkannt. Kunstfreiheit umfasst eben auch das Recht auf die künstlerische Auseinandersetzung mit vorhandenen Werken.

    Schließe ich mit zwei Empfehlungen zum Weiterhören, nämlich zwei Meilensteinen in der Geschichte des Samplings:

    Brian Eno & David Byrne (1981):
    My Life in the Bush of Ghosts.
    Niemals zuvor wurde so exzessiv gesamplet. Groundbreaking - allerdings keine „Fahrstuhlmusik“.

    DJ Shadow (1996): Endtroducing.
    Das erste Album, das ausschließlich aus Samples besteht. Dafür gab es nicht nur einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde, sondern verdientermaßen auch viel positive Resonanz.

  • nach oben


  • Urheberschmutz
  • KW 24: Ururheber

    1506 kommt es zum vermutlich ersten Urheberstreit der Kunstgeschichte:

    Marc Antonio Raimondi (* um 1475, † um 1534) kopiert nicht nur zahlreiche Stiche und Holzschnitte Albrecht Dürers, sondern auch dessen Signatur.

    Das Kopieren an sich ist seinerzeit ein verbreitetes und einträgliches Unterfangen – und Raimondi ist ein Meister seines Fachs: Seine Kopien sind vom Original kaum zu unterscheiden. Allerdings signieren die Kopisten üblicherweise mit ihrem eigenen Namen.

    Albrecht Dürer (*1471, †1528) hört von der Sache und reist nach Italien. Er verklagt Raimondi, um dessen Treiben ein Ende zu bereiten.

    Die Causa wird vor Gericht in Venedig verhandelt. Und tatsächlich: Raimondi wird wegen der widerrechtlichen Nutzung von Dürers Signatur verurteilt, nicht aber wegen des Kopierens an sich.

    Von da an setzt er neben Dürers berühmtes AD-Kürzel ganz einfach sein eigenes, MAF (Marc Antonio fecit / Marc Antonio hat es gemacht).

    Wirklich geschadet hat ihm die Verurteilung nicht. Kurze Zeit später erhält Raimondi eine Anstellung bei Raffael (*1483, †1520), wo er viele Jahre bleiben und im Namen seines Meisters malen wird.

  • nach oben


  • For Exsample
  • KW 23: Ein Sample statuieren

    Nehmen wir mal an, Sie hätten da eine Idee und wüssten, dass die Umsetzung dieser Idee mehr als zwei Jahre Ihres Lebens in Anspruch nehmen würde.

    Und nehmen wir weiterhin an, dass Sie dafür keinen Heller bekommen würden. Würden Sie diese Idee verfolgen oder verwerfen?

    Den Sorte Skole hatten Mumm, Mut, Muße und Musik genug, um ein solches Unterfangen zu wagen.

    Den Sorte Skole ist ein dänisches Musikerkollektiv, das über zweieinhalb Jahre hinweg Samples von mehr als 250 Vinyl-Platten aus 51 verschiedenen Ländern von sechs Kontinenten neu zusammensetzte.

    Lektion III heißt das 2013 vollendete Ergebnis (und die III verweist darauf, dass dies nicht der erste und seit Indians & Cowboys von 2015 mit Samples von mehr als 350 Platten aus 75 Ländern auch nicht der letzte Streich dieser Art ist).

    Lektion III ist eine musikalische Reise durch die Welt, ist idealer Soundtrack fürs Kopfkino - und meine Platte des Jahres (vgl. KW 45/2015 für meine Platten aller Jahre).

    „Zwischen bravem Kunsthandwerk und gegenwärtigem Pop“ urteilte die Süddeutsche über Lektion III.

    Die ZEIT hingegen meinte:

    „Langsam, fast sphärisch entfaltet sich das Album. Es besteht aus sechs Erzählsträngen, manche Hymne ist dabei. Immer wieder hält die Musik inne, verharrt und sortiert sich von Neuem.

    So entstehen anderthalb Stunden wahrhaft neuer Musik. Genres, Kontinente und Jahreszahlen verschmelzen. Das klingt mal wie Jazz und oft wie ganz etwas anderes. Als ginge das Ohr zur Welt auf.“

    Ich bin auch sieben Monaten, nachdem ich im Dezember 2015 auf Den Sorte Skole gestoßen bin, beeindruckt und verzückt.

    Ist die Musik zu „brav“? Ich finde nicht. Eingängig schon, dadurch lässt sie sich aber wenigstens oft hören, nebenbei und mittendrin.

    Manches „Freche“ lässt sich dann auch erst mit der Zeit heraushören, wie zum Beispiel der lakonische Einwurf „Ich fress Euch alle auf“ in Track 11, einem Sample aus dem 1971 veröffentlichten Lied „Karlchen“ von Witthüser + Westrupp, einem ehemaligen Liedermacherduo aus Essen.

    Die Urheberrechte konnten längst nicht alle geklärt werden, sodass Lektion III nicht kommerziell vertrieben werden kann.

    Aber Lektion III steht zum Download bereit.

    Und während mein Über-Ich noch der Frage nachgeht, ob allein die Verlinkung auf die Seite von Den Sorte Skole rechtlich bedenklich sein könnte, sagt mein Künstler-Ich:

    Leute, das ist nicht einfach nur gute Musik. Rares Vinyl zu digitalisieren und damit zu verhindern, dass sich die Musik ein für allemal in Schall auflöst, daraus dann etwas völlig Neuartiges zu schaffen, das ist große Kunst - und die muss ja nicht unbedingt immer atonal sein.

    Leute, hört Euch das an.
    Und unterstützt die Jungs.
    Unter: www.densorteskole.net/lektion-3

  • nach oben


  • shalalalala
  • KW 22: Spacebye

    sha la la la la knack
    sha la la la knack la

    so hast du dich
    in mein hirn gebrannt

    ich hatte diese
    ronny's-pop-show-compilation
    der erste song
    auf der b-seite war
    this is not america

    deine stimme hat mich berührt
    niemand konnte so schön
    nein singen

    selbst der kleine kratzer
    auf der platte
    daher das knack
    machte mir nicht viel aus

    doch dann das
    hat den zauber
    gebrochen hüpftest du
    ein wenig albern im trench
    coat an der seite von
    mick jagger durchs bild

    für die straße ward ihr
    einfach schon zu alt

    da waren inzwischen
    andere unterwegs
    die hielten was
    ihr verspracht

    von dem ganzen ziggy-
    stardust-rummel
    wusste ich noch nichts

    das hätte mich vielleicht
    milder gestimmt
    und erwartungsvoller

    erst mitte der neunziger
    hast du mich wieder erreicht

    durch outside bist
    du mein wegbegleiter
    geworden durch ver-
    zweiflung und zuver-
    sicht zu hören

    auch wenn wir uns
    selbstverständlich
    nie begegnet sind

    wenn sie jetzt
    vom chamäleon sprechen
    von ziggy dem duke
    und dem eintagshelden

    wenn sie die alten
    klamotten ausgraben
    und die neuen als
    vorahnung sehen

    haben sie dich schon
    fast ein wenig
    vergessen zu hören

    wenn du jetzt auf-
    oder untergehst
    als schwarzer stern
    und sterbender schwan

    wenn du steigst
    und fällst
    als spaceboy und
    earthling zugleich

    dann schwebe ich
    ein stück mit dir
    und verbleibe doch
    summend hier

    A little piece of you,
    The little piece in me
    Will die

    danke, dass ich
    durch wild as the wind
    wieder weinen und

    this could be a miracle

    zugleich auch wieder
    fliegen kann

                         für David Bowie
                         (1947-2016)
                         im März + Mai 2016

  • nach oben


  • Pas de dEUx
  • KW 21: Dissonanziert

    Achtung, das ist jetzt Realsatire: In dieser Woche findet in Istanbul der erste UN-Weltgipfel für Humanitäre Hilfe statt (23. + 24.5.).

    Ob dann auch zur Sprache kommt, was Amnesty International jüngst verkündete, nämlich "dass die Türkei seit Januar fast täglich syrische Männer, Frauen und Kinder in Gruppen von bis zu 100 Menschen nach Syrien abgeschoben hat"?

    Vermutlich nicht, denn jede/r, die/der in der Türkei die Stimme gegen die Türkei erhebt, begibt sich in Gefahr. So zumindest die Einschätzung des Auswärtigen Amtes, das in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen für die Türkei mittlerweile dringend davon abrät, "in der Öffentlichkeit politische Äußerungen gegen den türkischen Staat zu machen".

    Präsident Erdoğan würde diese beschränkte Sichtweise wohl kaum unterschreiben. Wenn es nach ihm ginge, sollte niemand niemals irgendwo die Stimme gegen die Türkei und schon gar nicht gegen ihn erheben.

    Um dies ein für allemal klarzustellen, hat er in den letzten beiden Jahren in etwa 2000 Fällen Anklage wegen Beleidigung erhoben.

    Und nachdem er nun auch noch die "Springer-Presse" im Visier hat, kann wirklich niemand mehr sicher sein (erst recht nicht die 138 Abgeordneten des türkischen Parlaments, deren Immunität in der vergangenen Woche aufgehoben wurde).

    Keine Frage, die seit 2005 andauernden Beitritts-Verhandlungen mit der EU sind damit - trotz ihrer paktischen Anbiederung - faktisch vom Tisch. So taugt mein "Wochenfoto" weder als Hoffnungsschimmer noch als Steinbach-Tweet.

    Doch lassen wir das. Nur eins noch: Amnesty International feiert in diesem Monat 55. Geburtstag. Gut, dass es Dich gibt.


    [Mit seinem Artikel „The Forgotten Prisoners“, der am 28.5.1961 im Observer erschien, legte der britische Anwalt Peter Benenson (1921-2005) den Grundstein von Amnesty International.]

  • nach oben


  • Neben der Spur
  • KW 20: Darbenlaben

    αΩαΩαΩαΩαΩαΩαΩαΩα
        outtakes
        zu Labendarben
        in KW 19/2016
    αΩαΩαΩαΩαΩαΩαΩαΩα

    wenn dada klar ist
    ist dada dann schall
    oder knall, rauch
    über jedem hort

    wenn dada rar ist
    ist dada dann weit
    oder breit, zugegen
    nach jedem hinfort

    wenn dada sogar ist
    ist dada dann wohl
    oder weder, als auch
    bei jedem an bord

    wenn dada gaga ist
    ist dada dann klug
    oder trug, gebetet
    auf jedem abort

    wenn dada tata ist
    ist dada dann ent
    oder weder, verspätet
    zu jedem sofort

    wenn dada jaja ist
    ist dada dann hü
    oder hott, stillstand
    durch jeden transport

    wenn dada bar ist
    ist dada dann blank
    oder reich, mittellos
    dank jedem export

    wenn dada blabla ist
    ist dada dann auf
    oder nieder, erstanden
    aus jedem mord

    wenn dada so lala ist
    ist dada dann hart
    oder weich, beschwerlich
    unter jedem komfort

    wenn dada hurra ist
    ist dada dann viel
    oder leicht, verloren
    trotz jedem rekord

    ■-□-■-□-■-□-■-□-■-□-■
       vgl. auch 
       Nehmt Scheren!
       in KW 9/2016.
    ■-□-■-□-■-□-■-□-■-□-■

  • nach oben


  • Frei von der Leben
  • KW 19: Labendarben


    wenn dada da ist
    ist dada dann hier
    oder dort, nirgends
    an jedem ort

    wenn dada nah ist
    ist dada dann nie
    oder immer, nimmer
    in einem fort

    wenn dada wahr ist
    ist dada dann richtig
    oder wichtig, nichtig
    mit jedem wort

    -----------------------------------

    Sie trafen sich in Zürich. Viele hatte der Krieg zu Flüchtlingen gemacht. Im Obergeschoss der Spiegelgasse 1 eröffneten

    Hugo Ball (1886–1927) und
    Emmy Hennings (1885–1948)

    am 5. Februar 1916
    das Cabaret Voltaire,
    die Geburtsstunde von Dada.

    Mitten im Krieg, und nicht nur durch ihn, sondern auch wegen ihm, versammelten sich dort neben Ball und Hennings

    Tristan Tzara (1896–1963)
    Hans Arp (1886–1966)
    Richard Huelsenbeck (1892–1974)
    Marcel Janco (1895–1984)
    Sophie Taeuber (1889–1943)
    und andere,

    um die Kunst\Welt durch Welt/Kunst auf den Kopf zu stellen.

    Es folgten Dada-Zellen in Berlin, Köln, Paris, Hannover, Dresden und anderswo. Mit von der Artie:

    Johannes Baader (1875–1955)
    Johannes Theodor Baargeld (1892–1927)
    Otto Dix (1891–1969)
    Theo van Doesburg (1883–1931)
    Marcel Duchamp (1887–1968)
    Max Ernst (1891–1976)
    George Grosz (1893–1959)
    Raoul Hausmann (1886–1971)
    John Heartfield (1891–1968)
    Hannah Höch (1889–1978)
    Francis Picabia (1879–1953)
    Man Ray (1890–1976)
    Kurt Schwitters (1887–1948)
    und andere.

    Manche sagen, Dada sei 1922 beim „Kongress von Paris“ gestorben. Aber mal ehrlich:

    Wenn Dada dahin ist,
    ist jede/r Dadaist.

    Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt unter dem Titel „Genese Dada“ noch bis zum 10. Juli 2016 eine Ausstellung zu "100 Jahre Dada Zürich".

    [zurück zu KW 38/2016]

  • nach oben


  • Poison Euvy
  • KW 18: Abgesang

    Mitten in der Nacht erwacht. Ein Alptraum. Von der Europäischen Union, nein, schlimmer noch, von der Europäischen Idee war nichts weiter geblieben als der European Song Contest (ESC). Doch was den Nachtmahr richtig gruselig macht: Selbst bei Tage betrachtet, ist diese Euro-Vision gar nicht so abwegig.

    Die Euro-Krise war noch längst nicht überwunden (und ist es ja immer noch nicht), da schlitterten wir auch schon in eine handfeste, allumfassende Europa-Krise. Denn durch die sogenannte Flüchtlingskrise offenbarten sich weit tiefgreifendere Differenzen zwischen den einzelnen Mitgliedsländern als zuvor - auch wenn man sich so langsam aber unsicher nach außen hin wieder auf Abschottung einschwingt.

    Doch nicht nur nach außen: selbst im Innern schlagen die Schlagbäume aus. Die Re-Nationalisierung schreitet voran, verbunden mit einem Rechtsruck, der in manchen Ländern bedenkliche Einschnitte in "europäische Grundwerte" mit sich bringt.

    Allerdings kann sich kein Land Europas momentan mit seinen Orden schmücken, weder mit dem Karls- noch mit dem Friedensnobelpreis. An den Außengrenzen findet der Ausverkauf der europäischen Werte statt. An der Ägäis kostet der sogar sechs Milliarden Euro.

    Die Feierlichkeiten zu den beiden Europatagen (5. und 9.5.) werden in diesem Jahr vermutlich "bescheidener" ausfallen. Aber der 61. ESC, der vom 10. bis 14.5. in Stockholm stattfindet, wird so glamourös sein wie eh und je - und das Finale wird von rund 200 Millionen Menschen verfolgt werden. Dass dem ESC 2016 die Karlsmedaille für europäische Medien verliehen wurde, wird daran wenig ändern können.

    Die Ernüchterung wird dann gut einen Monat später kommen, wenn in Großbritannien über den Verbleib in der EU abgestimmt wird (23.6.). Wie auch immer das Ergebnis ausfallen wird, es wird amtlich machen, wie tief die Spaltung Europas sitzt. Selbst die Euphorie zur Fußball-Europameisterschaft (vom 10.6. bis 10.7. in Frankreich) wird das nicht verhindern können.

    Und wem das jetzt zu pessimistisch klingt, der/die möge mein "Loblied" aus dem vergangenen Jahr zur Kenntnis nehmen (KW 37 / 2015)

  • nach oben


  • Was strahlst Du?
  • KW 17: Kernproblem

    Zum 30. Jahrestag von Tschernobyl (26.4.1986) gehe ich der Frage nach, ob die Bedeutung der Kernkraft zur Energiegewinnung seitdem abgenommen hat?

    Die Antwort ist ernüchternd: Ende 1986 waren insgesamt 394 Kernkraftwerke in 26 Ländern in Betrieb. Aktuell liegt die Zahl bei 444 Kernkraftwerken in 35 Ländern. Weitere 64 befinden sich im Bau.

    Nun gut, relativierend könnte ich einwenden, dass der Energiebedarf in den letzten drei Jahrzehnten enorm gestiegen ist. So gesehen hat die Kernkraft an Bedeutung verloren: Trugen Kernkraftwerke 1986 noch zu rund 17 Prozent zur Weltenergieerzeugung bei, ist der Anteil inzwischen auf etwa elf Prozent gesunken.

    Aber jetzt will ich's wirklich wissen: Hat wenigstens die Nuklearkatastrophe von Fukushima, die sich Mitte März 2011 ereignete, ein Umdenken bewirkt?

    Gemessen an der Zahl der aktiven Reaktoren muss ich leider feststellen: Es sieht nicht so aus. 2011 wurden 448 Kernkraftwerke weltweit betrieben. Der marginale Rückgang fällt nicht ins Gewicht. Bereits seit Mitte der 1990er schwankt die Zahl um die 440.

    OK, ein letzter Versuch zur Beschwichtigung: Lassen wir die gern als Restrisiko bezeichnete Gefahr eines atomaren Unfalls einfach mal außen vor.

    Wie sieht es denn eigentlich heutzutage, 62 Jahre nach Inbetriebnahme des ersten Kernkraftwerks mit der Entsorgung des sogenannten Atommülls aus (das russische Kernkraftwerk Obninsk, der erste wirtschaftlich genutzte Reaktor, nahm am 1.6.1954 den Betrieb auf)?

    Kernenergie an sich ist ja im Vergleich zur Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen schön "sauber". Wenn da nur nicht das Problem mit den radioaktiven Rückständen wäre. Die strahlen so herz- und dauerhaft vor sich hin, dass etwa drei Milliarden Jahre vergehen, bis die Strahlung ihr Ausgangsniveau erreicht hat.

    Mensch könnte denken, 62 Jahre sind eine ganz gute Zeitspanne, um ein derart dringliches Problem anzugehen und zu minimieren. Gibt es also inzwischen irgendeinen Weg, die Strahlung einzudämmen oder zumindest so etwas wie ein halbwegs sicheres "Endlager" für hochradioaktive Abfälle? Leider nein, weder das eine noch das andere.

    Aber ach, das bisschen Müll! Wie viel davon ist denn überhaupt unterm Strich angefallen? So ganz genau weiß das selbst die IAEO, die Internationale Atomenergie-Organisation nicht. In den Anfangsjahren wurde noch nicht so genau hingeschaut.

    Ende 2010 sprach die IAEO von 345.000 Tonnen hochradioaktiven Mülls. Schätzungen zufolge wird die Menge 2022, also dann, wenn in Deutschland der Atomausstieg gelungen sein soll, auf 450.000 angestiegen sein. Laut GEO (3/2012) "eine Menge, die den Berliner Hauptbahnhof bis unters Dach ausfüllen könnte".

    Aber es wird doch fieberhaft nach Lösungen gesucht, oder? Also mit Hochdruck. Wie war das noch mit der Endlagerkommission in Deutschland. Ach ja, die gibt's und die fahndet nach einem Standort "der die bestmögliche Sicherheit für einen Zeitraum von einer Million Jahren gewährleistet" (vgl. KW 18 / 2014).

    Ja, ja, beruhigend all das. Da spüre einen Hauch von Unendlichkeit, von Ewigkeit, eine Million Jahre, das sind die nächsten 40.000 Generationen.

    Also wer soweit vorausschauen kann, der wird sich auch nicht davon beirren lassen, dass selbst nach einer Million Jahre die Strahlung noch lange nicht harmlos ist. Jeder zweite von denen, die dieser Strahlendosis ausgesetzt wären, würde - nach heutigem Stand der Wissenschaft - nach etwa acht Monaten sterben.

    Was soll ich sagen? - Meine Hoffnung liegt einzig und allein im Wasserbären. Dazu demnächst mehr.

    Quellen: Power Reactor Information System (PRIS) der IAEO, Website des Deutschen Atomforum e.V., GEO Magazin Nr. 03/2012, DIE ZEIT Nr. 45/2010, "Die Chronik: Geschichte des 20. Jahrhunderts bis heute" (2006, Chronik Verlag), wikipedia.

    [zurück zu KW 38/2016]

  • nach oben


  • Achtung Satire
  • KW 16: Integralabrechnung

    Während meine innere Bildredaktion noch zwischen dem Foto eines Esels und dem einer Ziege schwankt, entscheide ich mich für zwei Bildtafeln aus einem geplanten Integrationsratgeber der Bundesregierung.

    Zum Hintergrund:

    Das soeben auf den Weg gebrachte Integrationsgesetz soll crossmedial durch flankierende PR-Maßnahmen zielgruppengerecht aufbereitet und kommuniziert werden, nicht nur um den Kenntnisstand der angesprochenen Rezipienten und Rezipientinnen über das Themenfeld zu erhöhen, sondern auch um Akzeptanz für die Marke „Integration“ zu schaffen und damit die Compliance zu erhöhen, die letztlich Voraussetzung dafür ist, dass Integrationskurse proaktiv aufgesucht werden, was wiederum a) auf Mikroebene potentiellen Sanktionsmaßnahmen für einzelne Integrationsverweigerer vorbeugen, und b) auf Makroebene die zu bewerkstelligende Aufgabe der Integration sämtlicher AfD-Anhänger und -Anhängerinnen, was im übrigen als gesamtgesellschaftliche Herausforderung verstanden wird, mit einer Schubkraft zu versehen, die dazu führt, dass deren Eingliederung samt Selbstverpflichtung auf kulturnationale Werte, bundesrepublikanische Verfassung und folglich Einhaltung aller (un)bekannten und (un)sinnigen Gesetze zum viralen Selbstläufer wird.


    Ich bitte um Entschuldigung, Ihr Ziegenfreunde, jetzt kam es doch aus mir raus, das böse F-Wort. Mein Lektor tanzt Tourette und schwebt in anderen Hülsen. Aber was kann er schon dafür, dass die Entnazifizierung den Führer selbst aus der deutschen Sprache nicht eliminiert hat? Und was kann die bewusst verletzte Angela für den flotten 103er?

    Doch ich schweife ab. Denn die Bildtafeln schweigen ja für sich selbst. Was ich ihretwegen jedenfalls eigentlich sagen wollte, war zweierlei (denn der ganze Schmu mit der PR war natürlich nur Quatsch):

    1. Meine „Wochenfotos“ entstammen zwar stets meiner Kamera (oder meiner Schere oder Software), sie zitieren aber oft Werke anderer, insbesondere unbekannter und daher ungenannter Straßenartisten. Daher mal wieder vielen Dank an Unbekannt.

    2. Banksy, der teuerste Street Artist der Welt, und zweifelsohne einer der besten, ist möglicherweise enttarnt. Bye-bye, Banksy!

    Und um Missverständnissen vorzubeugen: Mit „Ihr“ meinte ich selbstredend nicht Euch, sondern sie und uns.

  • nach oben


  • In der Grube
  • KW 15: Kein Name ist Hase

    „Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut soll immer wieder mit Blut abgewaschen werden.“

    So brachte Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914) einst die Sinnlosigkeit von Krieg und Gewalt auf den Punkt.

    Eine überzeugende Logik, oder? Da braucht eigentlich nichts hinzugefügt werden, oder?

    Doch da höre ich schon die Unken rufen: Jajaja, diese pazifistischen Fantasten, weltfremd und naiv. Immer einen neunmalklugen Spruch auf den Lippen, aber keine praktikablen Lösungen parat.

    Tatsächlich macht ein "Bonne Mot" noch keine "Bonne Action" [eben dies wollte ich noch loswerden, als ich über des Außenministers Statement zu Deutschlands Engagement in Syrien schrieb, vgl. KW 10].

    Abgesehen davon, dass durchaus Alternativen zur militärischen Intervention vorhanden sind, diese aber nicht konsequent genug gedacht und umgesetzt werden, sollte der Kampf mit dem "Sogenannten" uns allen, auch den Unken, eines ein für alle Mal klar machen: Gewalt schafft keine Lösung, sondern Gegengewalt. Die Folge: Eine unaufhör- und ungeheuerliche Eskalation.

    Gewalt schafft sich selbst nicht ab, im Gegenteil, sie erschafft sich immer wieder neu und immer wieder weiter. Denn Gewalt hält sich durchs Sterben selbst am Leben.

    Der IS hat eine "Mutter", schrieb der algerische Schriftsteller Kamel Daoud (*1970) im November 2015 in der New York Times, nämlich die Invasion des Irak. Und weiter: Der IS hat aber auch einen "Vater", und das ist Saudi-Arabien.

    Wir erinnern uns: Im März 2003 zogen USA und Großbritannien in den Dritten Golfkrieg. Die Rechtfertigung der Intervention fußte auf der unwahren Behauptung, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen und unterstütze Al-Qaida.

    Durch diesen Krieg und seine Folgen wurde der IS, der aus einer damals noch zu vernachlässigenden Gruppierung um Abū Musʿab az-Zarqāwī (1966-2006) erwuchs, erst richtig groß.

    Und Saudi-Arabien? Da mache ich es mir bequem - und verweise (und verlinke) auf den besagten Essay von Kamel Daoud.

    Wieder bequem gemacht in Sachen Saudi-Arabien hat es sich auch die Bundesregierung. Hatte es im Januar 2016 noch den Anschein, sie wolle Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien endlich eine Absage erteilen (vgl. KW 36/2014), ist das vermeintliche Exportverbot inzwischen längst wieder aufgehoben.

    Das Votum des EU-Parlaments vom 25.2.2016, dass Europa keine Waffen mehr ins saudische Königreich liefern soll, wird daran wenig ändern. Es ist für Europas Mitgliedsländer nicht bindend.

    So ist das EU-Embargo nichts weiter als eine Empfehlung - und damit nichts wert. Zumindest nicht so viel wie die lukrativen Geschäfte mit dem zweitgrößten Waffenimporteur der Welt.

  • nach oben


  • Terrornasszelle?
  • KW 14: Unter Beschiss

    Vor 30 Jahren erschütterte die Detonation einer Bombe zunächst eine Diskothek in Berlin ("La Belle"), anschließend die ganze Republik. Da war wieder Terror im Land. Denn für US-Präsident Ronald Reagan war sofort klar, dass der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi den Anschlag beauftragt hatte.

    Warum ich darüber schreibe? Weil es wieder einmal den Anschein hat, als sei der Terror zurück - noch nicht konkret in Deutschland, so aber doch in nächster Nähe (wie die Anschläge von Paris und Brüssel zeigen).

    Tatsächlich aber war er ja nie fort. Weder in Europa noch in Deutschland.
    Ein Wesensmerkmal des Terrors ist, dass er unerwartet zuschlägt. Er trifft uns unvorbereitet, mit tragischen Konsequenzen - und wird umgehend als ungerecht und feige verurteilt (was er ohne Frage ja auch ist).

    Wir können von Glück sagen, dass Deutschland in den letzten 70 Jahren selten Schauplatz terroristischer Akte war (auch wenn wir früher oder später mit einem Anschlag des IS rechnen müssen und wir bedauerlicherweise immer Gefahr laufen, den bei uns viel präsenteren rechten Terror auszublenden).

    Dennoch werden die jüngsten islamistischen Anschläge in Europa zum Anlass genommen, die inneren und die äußeren Streitkräfte zu mobilisieren. Von Bundespräsident bis BILD werden wir darauf gedrillt, dass wir uns im Krieg befänden.

    Wenn der Terror des IS dann noch zu einem "Krieg gegen unsere Art zu leben" hochstilisiert und von einer "realen Bedrohung" gesprochen wird, ist der vermeintlichen Legitimation für eine militärische Intervention Tür und Tor geöffnet.

    Es stimmt, weltweit nimmt der Terror zu und betrifft immer mehr Länder, wie der aktuelle Global Terrorism Index des Institute for Economics and Peace (IEP) belegt. Die Zahl der durch Terror getöteten Personen ist demnach 2014 um 80 Prozent auf 32.658 gestiegen. Boko Haram und IS sind für etwa die Hälfte der Todesopfer verantwortlich.

    Der Index zeigt aber auch: 78 Prozent aller Todesfälle und 57 Prozent aller Terrorakte erfolgten 2014 in nur fünf Ländern (Afghanistan, Irak, Nigeria, Pakistan und Syrien). Weniger als drei Prozent aller durch Terror bedingten Todesfälle wurden seit 2000 in westlichen Ländern verbucht.

    Die Angst und Hysterie, die sich hierzulande breitmachen, die Kriegs-Rhetorik und -metaphorik, die bemüht werden, und die daraus abgeleitete "Generalmobilmachung" sind vor diesem Hintergrund aber vor allem eines: überzogen - und leider wenig zielführend.

    In Teilen ist die Argumentation auch falsch (z. B. hat es der IS auf so ziemlich alles und jeden abgesehen; "unsere Art zu leben" ist nur eine von vielen, die verachtet und bekämpft wird). Darüber hinaus steht die militärischen Intervention Deutschlands rechtlich auf wackeligen Beinen.

    Doch was langfristig vielleicht am schlimmsten ist: In gewisser Weise ist "unsere" Reaktion auf den Terror genau das, worauf er abzielt. Nicht nur unsere Angst ist beabsichtigt, auch, dass wir unsere eigenen Werte verraten.

    Es geht mir nicht darum, irgendetwas kleinzureden oder gar Opfer gegen Opfer auszuspielen. Der Terror ist real. Jedes Opfer ist zu bedauern. Dennoch sind wir in Europa nach wie vor relativ sicher und die Zahl der Opfer verhältnismäßig klein.

    Gerade deshalb beschleicht mich bei allem Entsetzen immer auch das ungute Gefühl, die europäischen Opfer zählten mehr und ein Terrorakt in einem westlichen Land legitimiere jegliche militärische Härte.

    Vielleicht erinnert sich die ein oder der andere daran, dass nach den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015 etwa 50 internationale Staatsmänner und -frauen ein Zeichen setzten, indem sie Seite an Seite durch die Straßen von Paris marschierten (nunja, tatsächlich posierten sie nur in einer Seitenstraße für ein Foto).

    Dass Kämpfer von Boko Haram fast zeitgleich mehrere Dörfer in Nigeria überrannten und hunderte, vielleicht sogar tausende Menschen töteten, erzielte im Vergleich dazu kaum öffentliche Aufmerksamkeit.

    Zweierlei Maß? Ich finde schon - und auch nur ein kleiner Ausdruck der globalen Ungleichheit, die wir nicht nur in Kauf nehmen, sondern auch befördern. Solange wir an dieser Ungerechtigkeit festhalten (und das tun wir, weil wir von ihr profitieren), werden wir bedroht sein. Zu Recht? Nein. Es ist aber auch nicht verwunderlich.

    [vgl. auch die Beiträge zu den Anschlägen auf Charlie Hebdo in KW 3 und KW 4 / 2015]

    [zurück zu KW 38/2016]

  • nach oben


  • Tätäräää
  • KW 13: Was wirklich quält

    Da wär' in der letzten Woche ja fast der Tucholsky1 über mich gekommen. Und das wo davor die Woche schon der Heartfield2 und der Kästner3 reingeätzt hatten.

    Beginne ich den Beitrag dieser Woche also lieber etwas versöhnlicher. Damit sich die Gemüter ein wenig beruhigen. Auch das meine.

    Kann das gelingen, wenn auf der ausgewählten Collage4 der Schalk des Hausmann5 durchblitzt? Nun, stoßen wir als Geste des Entgegenkommens vielleicht mit einem feingeistigen Hildebrandt6 an.

    Ich merke schon, ich schreibe mich wieder um Kopf und Kragen. Und um den heißen Brei herum.

    Was mich so anficht? Dass das Militärische selbst im 21. Jahrhundert weiterhin so hofiert und glorifiziert wird. Als Mittel der Wahl und nicht als Ultima Ratio. Und dass Deutschland dabei kräftig mitmischt.

    Damit belasse ich es für heute dabei. Ich schließe mit einer Buchempfehlung und einem in gewisser Weise noch immer zeitgemäßen Zitat daraus. Schöpfer des Buches sind die beiden eingangs genannten Kurt Tucholsky und John Heartfield7:

    „Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“


    Auf den Journalisten und Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) geht der Satz „Soldaten sind Mörder“ zurück, der in einer Glosse in der Wochenzeitschrift "Die Weltbühne" 1931 enthalten war. Selbst in der relativierenden Form "Soldaten sind potentielle Mörder" erregt der Satz bis heute die Gemüter und beschäftigt bisweilen die Gerichte.

    Tucholsky selbst wurde wegen dieser Aussage nie angeklagt. Der damals verantwortliche Redakteur und spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky hingegen schon. Verurteilt wurde er deswegen jedoch nicht. Die Nazis machten ihn trotzdem weitgehend mundtot. Über Jahre war er inhaftiert, nach seiner Entlassung 1936 ein gebrochener und schwer kranker Mann.

    Bereits 1933 waren die Werke von Tucholsky und von Ossietzky verbrannt worden (mit dem "Feuerspruch": „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!“).

    Tucholsky wurde zugleich die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Allerdings war er bereits 1929 nach Schweden ausgewandert, wo er 1935 an einer Überdosis Tabletten starb. Der Schriftsteller in ihm war bereits einige Jahre zuvor verstummt.


    John Heartfield (1891-1968) war ein Meister der politischen Fotomontage. Eigentlich als Helmut Herzfeld geboren, gab er sich 1916 aus Protest gegen den im Kaiserreich vorherrschenden Nationalismus seinen neuen englischsprachigen Namen.

    1917 gründete er mit seinem Bruder Wieland (1896-1988) den Malik-Verlag, der u.a. viele Arbeiten von George Grosz (1893-1959) veröffentlichte. 1918 trat er der soeben gegründeten KPD bei. Ab 1919 war Heartfield (aka Monteurdada) aktiver Teil der Berliner Dada-Szene.

    1924 erschien seine erste politische Fotomontage ("Väter und Söhne"). Bereits ab 1916 (oder 18) hatte er diese damals noch junge Technik entwickelt und perfektioniert. Zunehmend richtete sich sein mahnender Spott gegen die aufkeimende "Dritte Reichspest" (O-Ton Heartfield).

    1933 floh Heartfield aus Deutschland nach Prag, 1938 weiter nach Großbritannien. 1950 ging er in die DDR, wo er zwar respektiert, seine Ausdrucksweise in Form der Fotomontage jedoch zeitlebens mit Skepsis bis Ablehnung betrachtet wurde.


    Erich Kästner (1899-1974) ist vor allem wegen seiner Kinderbücher (wie „Emil und die Detektive“) bekannt. Kästner war aber auch scharfzüngiger Kritiker und Satiriker.

    Die Erfahrungen des 1. Weltkrieges machten ihn zum überzeugten Antimilitaristen. In seinem 1. Buch nach dem 2. Weltkrieg „Die Konferenz der Tiere“ berufen Vertreter aller Tierarten eine internationale Konferenz ein, um den Weltfrieden zu verhandeln - denn die Menschen kriegen es nun mal nicht auf die Reihe.

    Abgesehen davon hinkt der Bezug jedoch, weil Kästners Romanstil vielmehr eine "Neue Sachlichkeit" realisierte und nicht in Märchen- und Fabelwelten abdriftete.

    Auch Kästners Schriften wurden von den Nazis verbrannt. In der Folge traf ihn offiziell ein Publikationsverbot. Unter Pseudonymen konnte er in Deutschland jedoch relativ erfolgreich weiterarbeiten, so schrieb er u.a. 1942 das Drehbuch zu dem Film "Münchhausen".

    Über Kurt Tucholsky (s.o.) schrieb Kästner 1945 in der "Weltbühne": der „mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten“ wollte."


    Bei der Collage „Ich als Soldat – nie und nimmer“ [Foto unbekannter Herkunft, Passfoto von 2002, Fotomontage 2010] handelt es sich um ein Detail aus dem Objektkasten "GENERATIONAUTEN" (2010) [Mixed Media, ca. 45 x 42 x 10 cm].

    Der Objektkasten war und ist eine Reise in die eigene Familiengeschichte und zugleich in die Geschichte Polens.

    Als ich daran arbeitete, ging mir auf, dass ich der erste männliche Nachkomme bin, der niemals Soldat war. Für all die anderen vor mir gab es keine Wahl. Manch einer von ihnen kämpfte in unsinnigen Schlachten. Wie so viele bin ich also der Spross fragwürdiger Helden. Das bestärkte mich umso mehr in der Überzeugung: "Ich? - Nie und nimmer!" [vgl. auch den Beitrag zu KW 43/2014]


    Raoul Hausmann (1886-1971) war ein Pionier der künstlerischen Fotomontage. Bei einem gemeinsamen Urlaub mit Hannah Höch (1889-1978) an der Ostsee kam ihm 1918 die zündende Idee.

    In ihrem Zimmer hing ein Bild zur Erinnerung an die Militärzeit der Vermietersohnes - und zwar in einer damals sehr verbreiteten Form: Auf vorgefertigten Lithographien posierten Soldaten vor Kasernen oder in malerischer Landschaft. Fotografen montierten dann den Kopf des jeweiligen Rekruten auf die vorhandenen Modelle. Et voilà, fertig war das Erinnerungsstück (aka Fotomontage).

    Nach eigener Auskunft traf es ihn wie einen Blitz: Auf diese Weise könnte man ganze Bilder machen, allein aus zerschnittenen Fotos montiert. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin schufen sowohl Hausmann als auch Höch ihre ersten Fotomontagen und Collagen.

    Übrigens wurde innerhalb des Berliner Dada-Kreises mitunter darüber gestritten, wer denn nun die Fotomontage erfunden habe. Auch John Heartfield (s.o.) und George Grosz sollen die Urheberschaft für sich beansprucht haben.

    Hannah Höch waren diese Hahnenkämpfe relativ schnuppe. Vielleicht, weil ihr bewusst war, dass bereits Kubisten und Futuristen vor den Dadaisten das Prinzip der Collage für sich entdeckt hatten.


    In der Kabarettsendung "Scheibenwischer" vom 2.11.1989 fragte Dieter Hildebrandt (1927-2013) [laut wikipedia]: „Was wäre, wenn alle Soldaten nicht potentielle...sondern potentielle Deserteure wären? Was würde Bonn denn wohl dazu sagen?“


    Kurt Tucholsky & John Heartfield (1929). Deutschland, Deutschland über alles. Nachdruck als rororo-Tachenbuch.


  • nach oben


  • Buh-Weh
  • KW 12: Was wirklich fehlt

    Jetzt weiß ich, was schief gelaufen ist! Warum ich mich so abstrampel und trotzdem auf keinen olivgrünen Zweig komme. Mir fehlt der Crashkurs in Leben!

    Hätt' ich damals schon gewusst, dass ich "in 7 Monaten fürs ganze Leben lernen" kann, dann, ja dann,

    dann hätt' ich trotzdem verweigert!

    Denn Leute, ich schwör', was ich in 15 Monaten Zivi gecheckt, hätt' ich in 15 Jahren BuWehr nicht geschnallt.

    Ok, ohje, genug gedisst. Und überhaupt, diese Anbiederung an die Jugendsprache. Wer soll denn da die Zielgruppe sein?

    Na, die Grünschädel und Jungspinde, die da händeringend Handgranate schwingend gesucht werden.

    Nach der ersten Phase seiner Werbeoffensive "Was wirklich zählt" Ende letzten Jahres (mit Stilblüten wie "Grünzeug ist auch gesund für deine Karriere."), hat das BuMi für Verteidigung schnell nachgeladen und geht in die zweite Runde.

    Rund 12,5 Millionen Euro kostete die Kampagne allein 2015. Mit 30.000 Plakaten und 5,5 Millionen Feldpostkarten sollen neue Rekruten geködert werden.

    Auf diesen, gemeint sind die Werbeträger, findet sich unter anderem eben jene generalstabsfräßige Frage: "Kannst du in 7 Monaten fürs ganze Leben lernen?"

    Darauf ein dreifaches
    "Bufdi, Bufdi, Bufdada"!

    ----------------------------

    Und nur, weil es nahe und in dieser Woche liegt: Vor 40 Jahren trat der UN-Zivilpakt in Kraft (am 23.3.1976).

  • nach oben


  • Hurrarara
  • KW 11: Märlein vom Michel

    Der alte Krautmichel gleitet wieder durch die Lüfte. Hat schon die Argusaugen aufgesetzt. Ist schon dahin, wo die Isis blühen,

    ist schon dahin.


    Zwerg Nase weint. Hat das Rezept der Königin vergessen, das Rezept, den Zwist zu beenden. Zuletzt war ein wenig zu viel Fliegenpilz an die Pastete geraten.

    Die Liebe war dahin.


    Richard Rabe, der raubauzige Recke, ist rasend vor Rage. Er rotiert. Fieberhaft fantasiert er alles daran, die Fäden im Kreuze zu halten.

    Die Vernunft ist dahin.


    Doch was führt Reinhart der Fuchs nur im Schilde? So in Schale geworfen. Was ist des Listes Kern? Mir deucht, der feine Zwirn trügt. Hat sich doch schon gewappnet.

    Ist die Moral denn dahin?


    Die Eule Bertha weiß keinen Rat. Ihr schwindelt der Kopf, ihr schwindet das Herz. Der graue Star lässt sie nur mehr schwarze Raben und andere finstere Gesellen schauen.

    Die Weitsicht ist dahin.


    Und wenn's doch nur die Augen wären! Ihr ist zu Ohren gekommen, Stürme zögen auf, Wolken fielen vom Himmel und selbst die Sonne verdunkle sich.

    Ist denn alles dahin?

  • nach oben


  • Buddhadadaaa
  • KW 10: Mir dünkt, es wankt

    Der Schrecken von Terror und Krieg hat viele Fratzen. Warum also sollte Erwähnung finden, dass die Taliban am 12. März 2001 die Buddha-Statuen von Bamiyan im Zentrum Afghanistans sprengten?

    Wo doch der IS ganz gegenwärtig seine Skrupellosigkeit unter Beweis zu stellen sucht, indem er öffentlichkeitswirksam kulturelles Erbe der Menschheit zerstört (während er sich gleichzeitig mit dessen Verkauf bereichert).

    Weil die Statuen die größten ihrer Art waren?

    Weil wir dazu tendieren, Kultur zu erhöhen, um den sogenannten Feind zu erniedrigen, indem wir ihn als barbarisch degradieren und damit zum Abschuss freigeben?

    Weil wir für kurze Zeit das menschliche Leid ausblenden können - während jedem akut Bedrohten das Schicksal jeglicher Kulturgüter belanglos erscheinen wird?

    Oder weil wir uns fragen könnten, was Buddha selbst sagen würde?

    Zumindest habe ich mir damals vor 15 Jahren - nach dem ersten Moment der Erschütterung - eben diese Frage gestellt. Die von mir antizipierte Antwort: Er lächelt.

    Eben ob der Grauenhaftigkeit von Krieg und Terror, von dem die Zerstörung antiken Gesteins wahrlich nur ein geringeres Übel ist, hilft in manchen Momenten nur der Rückzug auf eine "spirituelle Metaebene", um der Verzweiflung zu entgehen.

    Dort ist, was ist, ganz einfach weil es ist. Da stellt sich nicht die Frage der Bewertung und Intervention. Da sind wir nicht gefangen in der Mär von Gut und Böse. Da ist alles eins und einerlei. Dann macht alles Sinn, weil es ist, wie es ist, eben weil es ist.

    Und wenn wir dann genügend Distanz und wieder ein wenig Kraft gewonnen haben, uns dem Mahr des Alltags zu stellen, können wir uns an Egon Bahr (1922-2015) halten: "Du musst die Welt nehmen, wie sie ist – aber du darfst sie nicht so lassen."

    (Ein Zitat, das der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor wenigen Wochen bei der "Münchner Sicherheitskonferenz" bemühte, um das aktuelle Engagement Deutschlands zur "Befriedung" Syriens zu rechtfertigen. Darauf komme ich noch zu sprechen.)

    [zurück zu KW 47/2016]

  • nach oben


  • Dadadadaaa
  • KW 9: Nehmt Scheren!

    Nehmt eine Zeitung.
    Nehmt Scheren.
    Wählt in dieser Zeitung einen Artikel von der Länge aus, die
    Ihr Eurem Gedicht zu geben beabsichtigt.
    Schneidet den Artikel aus.
    Schneidet dann sorgfältig jedes Wort dieses Artikels aus und
    gebt sie in eine Tüte.
    Schüttelt leicht.
    Nehmt dann einen Schnipsel nach dem anderen heraus.
    Schreibt gewissenhaft ab
    in der Reihenfolge, in der sie aus der Tüte gekommen sind.
    Das Gedicht wird Euch ähneln.
    Und damit seid Ihr ein unendlich originellerer Schriftsteller mit
    einer charmanten, wenn auch von den Leuten unverstandenen Sensibilität.



    Tristan Tzara (1896-1963): Um ein dadaistisches Gedicht zu machen (1916)


    -----------Schnitt-----------


    Schüttelt Euch!
    Ihr seid Schnipsel in Tüte
    aus unverstandenen Scheren,
    sorgfältig
    aus der Zeitung
    herausgekommen,
    in originellerer Reihenfolge
    beabsichtigt,
    unendlich leicht.

    Schneidet aus!
    Schneidet ab in zu auch ein!
    Damit aus Zeitung Wort
    gewissenhaft Gedicht wird.

    Ihr Schriftsteller,
    wählt Artikel,
    der die das mit eine einen!
    Nehmt eine Tüte Sensibilität,
    der Länge nach
    jedes Artikels!

    Nehmt gebt nehmt!

    Und wenn dann einer
    von den Leuten
    dieser einen
    von den anderen
    der dieses Gedicht schreibt,

    dann ähneln sie Eurem
    charmanten Artikel,
    indem sie sind und geben.


    Volker Frechen (*1973): Um ein dadaistisches Gedicht zu lassen (2016)

    [unter Verwendung sämtlicher Worte aus Tzaras' Gedicht]


    -----------Schnitt-----------


    Demnächst noch mehr zu 100 Jahren Dada. Bleiben Sie am Ball (1886-1927).

    [zurück zu KW 20/2016]

  • nach oben


  • Hoch unten
  • KW 8: Meisterkleisterer                      (2/2)

    Hat Ernst Theodor Amandus Litfaß die Revolution verraten? Es hat ein wenig den Anschein.

    Der "Reklamekönig" selbst schweigt sich in der Bilanz seines beruflichen Lebens über diese Phase aus.

    Es stimmt schon: Als er 1855 die ersten Säulen errichtete, war von der sogenannten Revolution nicht mehr viel übrig. Zensur und Repression waren längst wieder die Regel.

    Dennoch waren die Säulen eine willkommene Einrichtung, plakatierte Kritik im Keim zu ersticken. Plakate wurden nur noch auf den Säulen geduldet. Damit konnte ihr Inhalt sehr viel besser zensiert und kontrolliert und werden.

    Ganz genau so, wie Ernst Litfaß es der Polizei bereits 1848 angeraten und schmackhaft gemacht hatte.

    Was ihn damals zu diesem doppelten Spiel antrieb, also einerseits die demokratischen Strömungen zu fördern, andererseits die Nähe zur Obrigkeit zu suchen?

    Schwer zu sagen. Wer aber seine späteren "Lobeshymnen" auf König und Adel liest, kann nur noch schwer glauben, dass er ein Rädelsführer der Revolution war. Wohl eher ein Opportunist mit Ambitionen.

    Ganz so eindimensional wie es scheint, verlief das Leben des Ernst Litfaß allerdings nicht.

    In jungen Jahren wollte er unbedingt Schauspieler werden. Nach seiner Ausbildung zum Drucker machte er sich erst mal aus dem Staub. Zwei Jahre lang tingelte er unter dem Pseudonym "Flodoardo" von Bühne zu Bühne.

    Ein Aufbegehren gegen die Familie, Verhältnisse und vorgezeichnete Wege: 1816 war er in eine Druckerfamilie hineingeboren worden. Da war klar, dass er die Geschäfte weiterführen soll.

    Nach seinem zweijährigen Ausbruch fügte er sich schließlich in sein Schicksal, wurde und blieb Drucker.

    1845 übernahm Ernst Litfaß schließlich den Betrieb von seinem Stiefvater (sein leiblicher Vater war acht Tage nach seiner Geburt gestorben).

    Sukzessive erweiterte er seine Geschäftsfelder. So etablierte er sich als Drucker, Herausgeber und Verleger, versuchte sich als Autor und Künstleragent, wurde später erfolgreicher Werber und Eventmanager.

    Die Anschlagsäule war seine einträglichste Idee. Es ist jedoch davon auszugehen, dass er dieses neue Werbeformat in vergleichbarer Weise bereits in Paris und/oder London gesehen, zumindest aber darüber gelesen hatte.

    Bereits 1824 hatte der Brite George Samuel Harris ein Patent auf eine Anschlagsäule angemeldet. Als Litfaß seine Säulen errichtete, waren sie in Großbritannien und Frankreich längst verbreitet.

    Dass sie dort allerdings nach dem Franzosen Gabriel Morris benannt sind ("colonne morris" bzw. "morris columns") ist eine andere Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden soll.

  • nach oben


  • Hoch auf
  • KW 7: Meisterkleisterer                      (1/2)

    Solch eine Sause hat Berlin noch nicht gesehen. Wagen an Wagen säumt "Unter den Linden". Eine Droschke nach der anderen fährt vor. Tausende begehren Einlass.

    Es ist der 19. Januar 1856.
    In "Kroll's Etablissement" nahe dem Brandenburger Tor findet einer der populären "Telegraphen-Bälle" statt.

    Es gibt Tanz und Theater, mit Pauken und Trompeten, einem Hauch von Glanz und Gloria, etwas Pomp und eine Prise Spektakel.

    Der Höhepunkt um Mitternacht:

    Die Kappelle spielt die "Litfass Annoncir-Polka" von Kéler Béla. Eine Säule wird in den Saal getragen. Unter tosendem Beifall entsteigt ihr der Gastgeber des Balles Ernst Litfaß, genau, der mit der Säule, genannt der "Säulenheilige".


    Um es gleich vorwegzunehmen:

    Ernst Litfaß (1816-1874) war kein Heiliger. Er war ein vielseitiger und gleichermaßen gewiefter Geschäftsmann mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstvermarktung.

    Er hat ein wenig Mildtätigkeit an den Tag gelegt, ein wenig Gemeinsinn gezeigt, doch scheinbar nur, weil sie seinem Geschäftssinn förderlich schienen. Kalkulierte Corporate Social Responsibility könnte man sagen.

    Noch nicht einmal erfunden hat er die "Annoncier-Säule" (vgl. KW 21/2012). Er hat sie lediglich in Deutschland auf den Plan gebracht. Am 1. Juli 1855 kann er in Berlin die ersten von zunächst 100 Säulen feierlich einweihen.

    Das Prinzip war so genial wie einfach: Werbeflächen werden im öffentlichen Raum in konzentrierter Form bereitgestellt und vermietet. Litfaß hat diese Idee reich gemacht.

    Kritiker und Gegner dieser neuen Form der Werbung gab es anfangs zuhauf - auch im Berliner Magistrat.

    Diesen hatte Litfaß schließlich mit einem falschen Versprechen locken können: Die Säulen sollten nicht nur der Reklame dienen, sondern zugleich ein öffentliches Urinal beinhalten. Das war ein schlagkräftiges Argument, denn die Stadt stank zum Himmel.

    Doch Zeit seines Lebens hat Ernst Litfaß kein einziges öffentliches Klo installiert. Obwohl der Magistrat unermüdlich versuchte, ihn in die Pflicht zu nehmen.

    Diese Ungeheuerlichkeit war möglich, weil Ernst Litfaß einflussreiche Fürsprecher im Polizeipräsidium hatte. Denen wiederum war daran gelegen, der unkontrollierbaren wilden Plakatierwut Einhalt zu gebieten.

    Vor allem im Zuge der Märzrevolution von 1848, als Zehntausende für Demokratie und nationale Einheit auf die Straße gingen, waren immer mehr Plakate gedruckt und überall im öffentlichen Raum verklebt worden.

    Ernst Litfaß war in dieser Zeit ein Sprachrohr der Revolution: Er druckte politische Plakate und brachte sie unters Volk. Auch den "Berliner Krakehler", wichtiges Blatt der demokratischen Bewegung, druckte er.

    Gleichzeitig empfahl er der Polizei bereits im April 1848 schriftlich: Es wäre doch "beruhigender", wenn Plakate und Aushänge - trotz der neu eingeführten Pressefreiheit - weiterhin dem billigenden Blick der Polizei unterworfen blieben.

    Offensichtlich wollte er sich ein Hintertürchen offenhalten.

    Die Strategie zahlte sich aus: Der "Krakehler" wurde verboten, Litfaß jedoch nicht belangt. Stattdessen wurde er mit einem 25 Jahre währenden Monopol auf seine Säulen beschenkt.

  • nach oben


  • Angstfrei
  • KW 6: Angstbefreit

    Wenn die größte Sorge das Wetter ist (und die Frage: Findet der Rosenmontagszug statt oder nicht?), hat das etwas Dekadentes.

    In Zeiten wie diesen ist es vielleicht auch ein Zeichen der Entspannung:

    Nach all der Aufregung in den letzten Monaten, dem subtilen Gefühl der Bedrohung und der latenten Angst, scheinen Narren und Jecken wieder in ihrer Mitte angekommen: Das Leben geht weiter und der Zug muss rollen.

    Oder ist doch eher ein Mechanismus der Verdrängung am Werk?

    Vor 25 Jahren wurden Karneval und Fastnacht wegen des Golfkriegs abgesagt. Der seit fünf Jahren andauernde Krieg in Syrien könnte ein ebenbürtiger Anlass sein.

    Dass Narretei und Narrenspiel nun aber weder durch Krieg noch durch Terror, sondern durch "höhere Gewalt" gefährdet sind, mutet auf den ersten Blick ganz banal an. Es könnte aber auch als Lektion in Demut verstanden werden.

    So wie die nebenstehende Losung, die derzeit auf diversen Litfaßsäulen in Köln und Karlsruhe zu sehen ist, als Affirmation für "stürmische" Zeiten verstanden werden könnte.

    Der Künstler Christian Sievers (*1974) hat aber anderes im Sinn. Mit seiner Plakataktion "Hop 3" thematisiert er die Massenüberwachung durch Nachrichten- und Geheimdienste.

    Auch wenn die schleichende Einschränkung demokratischer Grundrechte im Zeichen des sogenannten internationalen Terrorismus kaum noch jemanden von den Stühlen reißt, geschweige denn auf die Barrikaden gehen lässt, wer mehr über die gelungene Aktion wissen will: www.hop3.de

    Zum Abschluss: Dass in diese Woche der 200. Geburtstag von Ernst Litfaß (1816-1874) fällt, ist mir heute nur eine Randnotiz wert. Im Beitrag der nächsten Woche wird der "Säulenheilige" dann ganz im Mittelpunkt stehen.

  • nach oben


  • Positionsbestimmung
  • KW 5: Quel Courage?

    Versprochen war eine Klarstellung meiner Position (vgl. KW 4).

    Doch statt ausufernder Manöverkritik bediene ich mich heute eines Kunstgriffs.

    Anstatt in epischer Breite meine Meinung zu erläutern, erinnere ich einfach nur an eine Sternstunde des epischen Theaters.

    75 Jahre ist es her, dass das Stück seine Uraufführung erlebte. Mutter Courage und ihre Kinder schrieb Bertolt Brecht (1898-1956) 1938/39 im dänischen oder schwedischen Exil. Die erste Aufführung fand 1941 in Zürich statt.

    Denn in Deutschland wurden Brechts Werke verbannt und verbrannt. Schon 1933 war er daher geflohen. Zuerst nach Prag, Wien, Zürich, Paris, dann nach Skandinavien, 1941 in die USA und zuletzt in die Schweiz, bevor er 1948 nach Deutschland zurückkehrte.

    1949 folgte dann auch die Premiere der Courage in Deutschland. Seitdem ist das Drama der Anna Fierling, genannt Courage, die als Händlerin vom und für den Krieg lebt, unzählige Male aufgeführt worden.

    Das Stück ist im 30-jährigen Krieg angesiedelt, wurde in Vorahnung des Zweiten Weltkriegs geschrieben, unter dessen Schrecken überarbeitet und inszeniert, und ist heute mal wieder, noch immer brandaktuell.

    Und die Moral v Und die Moral von der Geschicht? Und seht, da war es noch nicht Nacht, Da sah die Welt die Folgen schon: Die Gier hat uns so weit gebracht! Beneidenswert, wer frei davon!

  • nach oben


  • Paroliparole
  • KW 4: Neustart

    Nun melde ich mich zurück und wieder zu Wort, nachdem mein alter Freund Egon in der letzten Woche Griffel und Rüffel übernommen hatte.

    Auch 2016 werde ich allwöchentlich einen Wort-Bild-Beitrag verfassen. Dabei folge ich keinem größeren Plan und keiner inneren Logik.

    Meist sinniere ich über Kunst und die Welt. Oft nehme ich ein Ereignis zum Anlass, mal historisch, mal aktuell, mal politisch, mal kulturell.

    Das Bild kann ein Foto, eine Collage oder eine Grafik sein. Die Verbindung zwischen Text und Bild ist meist assoziativ, zuweilen aber auch ganz konkret.


    In der hiesigen Woche greife ich ein "silbernes Jubiläum" aus dem Mahlstrom der Geschichte, um eine Frage aufzuwerfen und die Klarstellung meiner Position in Aussicht zu stellen. Aber der Reihe nach:

    Vor einem Vierteljahrhundert, am 26.01.1991, versammelten sich an die 250.000 Menschen im Bonner Hofgarten, um gegen den "Zweiten Golfkrieg" zu demonstrieren.

    Selten kamen in Deutschland so viele Menschen für den Frieden zusammen. 1981 und 1983 etwa (gegen atomare Bedrohung und NATO- Doppelbeschluss).

    Die vermutlich größte Friedensdemo in der Geschichte der BRD fand 2003 in Berlin statt. Rund 500.000 Menschen setzten ein Zeichen gegen den Irakkrieg.


    Die Frage: Warum eigentlich geht dieser Tage kaum jemand auf die Straße, um für den Frieden zu demonstrieren?

    Immerhin hat die Bundesregierung erst vor kurzem im Eiltempo beschlossen, in den Krieg zu ziehen.

    Nicht mehr nur indirekt durch Waffenlieferungen, sondern proaktiv mitmischen. Ohne UN-Mandat, ohne Plan und Strategie. Gegen einen "Sogenannten-Feind", den eben jener vermaledeite Irakkrieg erst hervorgebracht hat.


    Doch da ich die Aufmerksamkeitsspanne - meine und die des gemeinen Twitterusers - schon längst überschritten habe, das Thema aber viel zu sehr auf Nägeln und Seele brennt, folgt die Klarstellung in der nächsten Woche (vgl. KW 5).

  • nach oben


  • En Kölle verlore
  • KW 3: Fehlstart

    Im Eintrag der vergangenen Woche wurde offensichtlich, was sich bereits in der Woche zuvor angedeutet hatte: Der Autor dieses Blogs ist noch nicht wirklich im neuen Jahr angekommen.

    Keine Geschichte, die erzählt, kein Gedankenblitz, der entladen, kein Wortspiel, das gewonnen, kein Plan, der offengelegt, kein Wunsch, der verkündet wurde.

    Was ist los im Hirne Frechen? Warum stocken der Schreib- und vielleicht sogar der Gedankenfluss?

    Zwei Gründe nennt der Autor, wenn er im Stillen gefragt wird:

    1. Er lässt vernehmen, er habe den "Zeitraum zwischen den Jahren" ein wenig ausgedehnt.

    In Ermangelung einer verbindlichen Definition, wie viele Tage eben dieser Zeitraum umfasse, habe er sich dies einfach mal herausgenommen.

    Nicht, um zu schludern und zu schlunzen, sondern um seinen Arbeitsraum einer dringend erforderlichen "Renovierung" zu unterziehen.

    2. Er weist zudem darauf hin, dass ihn die Ereignisse der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof fassungslos gemacht hätten.

    Er, der den Jahreswechsel nur wenige Kilometer davon entfernt verbracht habe, sei unsicher gewesen, inwieweit er an dieser Stelle darauf reagieren solle.

    Da weder die Renovierung abgeschlossen, noch die Verunsicherung aufgelöst seien, lässt er ausrichten, der und die geneigte Leser /-in möge sich noch ein wenig gedulden.

    Trotz allem sei es ihm aber ein Anliegen, all jenen und auch allen anderen ein frohes neues Jahr zu wünschen.

  • nach oben


  • Schaurig
  • KW 2: Aus Stellung Ein

    Bevor ich so richtig ins neue Wochenfoto-Jahr starte, gibt's in dieser Woche einfach "nur" vier Ausstellungstipps.

    Denn auch in den Tempeln der Kunst beginnt bald das neue Ausstellungsjahr. Es lohnt sich aber, die auslaufenden Schauen noch zu besuchen. Als da wären:

    Hanne Darboven (1941-2009): Zeitgeschichten / Aufklärung. Ausstellungen in der Bundeskunsthalle, Bonn (bis 17.1.) und im Haus der Kunst, München (bis 14.2.)

    Sturm-Frauen. Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910–1932. Schirn Kunsthalle Frankfurt (bis 7.2.)

    Joan Mitchell (1925-1992): Retrospektive im Kölner Museum Ludwig (bis 22.2.)

  • nach oben


  • Alla gut
  • KW 1: Früh [im] Jahr

    Schon sind wir hineingeworfen in ein neues gregorianisches Jahr.

    Was wird es bringen? - Nichts, denn schließlich ist es nicht, zumindest nichts weiter als ein Konstrukt aus Tagen und Wochen.

    Wir hingegen sind. Auch wenn nicht alles in unseren Händen liegen mag, so kann unser Handeln doch Großes bewirken.

    Das zeigt das Schicksal jenes Mannes, dessen Todestag sich am ersten Tag dieser ersten Kalenderwoche des Jahres 2016 zum fünften Mal jährt.

    Mohamed Bouazizi (1984-2011), ein kleiner Gemüsehändler aus Sidi Bouzid in Tunesien, startete den Arabischen Frühling.

    Nachdem sein Vater früh verstorben war, trug Mohamed Bouazizi Zeit seines Lebens zum Unterhalt der Familie bei.

    Jeden Morgen machte er sich mit seinem mobilen Marktstand auf den Weg. Abends brachte er die spärlichen Einnahmen nach Hause.

    Er war daran gewöhnt, von den örtlichen Polizeibeamten drangsaliert zu werden. Auch das gehörte zum Alltag, nicht nur für Mohamed Bouazizi.

    Doch der 17. Dezember 2010 verlief anders als all die Tage zuvor. Niemand kann wirklich sagen, was geschah. Es kursieren verschiedene Geschichten.

    Fakt ist, Mohamed Bouazizi übergoss sich an jenem Tag mit Benzin und ging in Flammen auf.

    Er kam mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus nach Ben Arous bei Tunis, wo er am 4. Januar 2011 starb.

    Fakt ist auch, dass sein Verbrennen der Funke war, der die tunesische Revolution zum Ausbruch brachte. Im ganzen Land kam es in der Folge zu Protesten gegen Machthaber Ben Ali.

    Zehn Tage nach Mohamed Bouazizis Tod flüchtete das tunesische Staatsoberhaupt nach Saudi-Arabien.

    Und der Funke sprang schließlich auch auf andere (arabische) Länder über.

    [zurück zu KW 38/2016]

  • nach oben