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 Volker Frechen




Wochenfotos 2014



  • Memo:
  • KW 52: Träume sind Räume

    Am 24. Juli 1895 enthüllt sich dem Sigmund Freud (1856-1939) das Geheimnis des Traumes.

    Gut vier Jahre später erscheint im November 1899 sein bahnbrechendes Werk "Die Traumdeutung". Darin enthalten: rund 200 Träume und ihre Deutung.

    Um das Epochale seines Werkes zu unterstreichen, lässt Freud die Erstausgabe auf 1900 vordatieren.

    Auf der anderen Seite des Atlantiks wird am 10. September 1904 im New Yorker Evening Telegram erstmals ein "Traum vom bösen Geist des Käsetoasts" (Dream of the Rarebit Fiend) abgedruckt.

    Ein gewisser Winsor McCay (um 1867-1934) zeichnet dafür verantwortlich. Seine erste Anthologie wird ein Jahr später, also 1905, veröffentlicht. Darin enthalten: 61 Träume umgesetzt als Comicstrips.

    Vier Jahre später reist Sigmund Freud 1909 in die USA, um seine Lehre der Psychoanalyse vorzustellen. Bis seine "Traumdeutung" jedoch in englischer Übersetzung erscheint, vergehen weitere vier Jahre.

    Dass Winsor McCay von Freud inspiriert war, ist daher unwahrscheinlich - auch wenn in Freuds Buch ein Comicstrip abgedruckt ist. Stattdessen hat Winsor McCay die Kraft der Träume auf seine Art erkannt und genutzt.

    1905 beginnt Winsor McCay mit seinem Meisterwerk, der Comic-Serie "Der kleine Nemo im Schlummerland" (Little Nemo in Slumberland). Auch hier stehen Träume im Mittelpunkt, nämlich die eines kleinen Jungen namens Nemo.

    In jeder Folge erlebt Nemo fantastische, surreale, aberwitzige Abenteuer, um in der letzten Sequenz jedes Mal verdattert zu erwachen.

    Die Comicstrips erscheinen von 1905 bis 1911 wöchentlich im New York Herald, von 1911 bis 1914 dann unter dem Namen "In the Land of Wonderful Dreams" in der Zeitung New York American.

    Das Grandiose an Winsor McCays Comics sind die vor Phantasie strotzenden Einfälle einerseits und die gestalterische, vom Jugendstil inspirierte Umsetzung andererseits.

    In seiner Symbolik greift er vieles vorweg, was in der Kunstwelt später als Surrealismus bezeichnet wird. Dalís Stelzenbeine (vgl. KW 4) zum Beispiel - aus McCays Sicht ein alter Hut.

    Pünktlich zu Winsor McCays 80. Todestag ist nun im TASCHEN-Verlag erstmals eine Gesamtausgabe von "Little Nemo" mit allen 549 Folgen erschienen.

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  • Foutopie
  • KW 51: Fotovision

    Joseph Nicéphore Niépce (1765-1833) war von einer Vision beseelt. Er wollte nicht nur sehen, was er sah, er wollte den Anblick auch festhalten. Nicht allein in der Erinnerung. Nicht mit Worten oder Pinsel. Nein, mit Licht wollte er malen, was er sah.

    Ab 1811 begann er zu experimentieren. Fünf Jahre später zeigte sich der erste, wenn auch flüchtige Erfolg: Es gelang ihm, die Bilder einer Camera obscura festzuhalten. Nach kurzer Zeit hatten sie sich jedoch wieder in Luft aufgelöst.

    1822, vielleicht aber auch erst 1826 gelang ihm dann die erste lichtbeständige Fotografie der Welt.

    Für das Foto von 1826, ein Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, benötigte er eine Belichtungszeit von rund acht Stunden. Eine Zinnplatte im Format 16,5 x 21 cm fungierte als „Fotopapier“.

    Lichtempfindlicher Asphalt, Lavendelöl, und Petroleum waren die entscheidenden Ingredienzen, um das Gesehene zunächst abzubilden und anschließend zu fixieren.

    Damit war die Fotografie geboren – auch wenn Joseph Nicéphore Niépce von „Heliographie“ sprach, und schon bald effektivere Verfahren folgen sollten.

    Dass in diesem Jahr häufig zu lesen war, die Fotografie feiere 2014 ihren 175. Geburtstag, ist damit ein Trugschluss. Eigentlich war es ihr 188., vielleicht sogar ihr 192. Geburtstag.

    Was aber geschah vor 175 Jahren? Nun, am 19. August 1839 wurde ein anderes fotografisches Verfahren, die Daguerreotypie, offiziell vorgestellt. Entwickelt hatte es der französische Maler Louis Jacques Mandé Daguerre (1787-1851) zwischen 1835 und 1839.

    Auch Louis Daguerre hatte sich bereits seit über einem Jahrzehnt mit der Frage beschäftigt, wie ein Bild fotografiert und fixiert werden könnte, als ihm 1837 der Durchbruch gelang.

    Ab 1829 stand er übrigens in regem Briefkontakt mit Joseph Nicéphore Niépce. Sie wollten sich bei der Weiterentwicklung der Fotografie gegenseitig beflügeln.

    Niépce starb allerdings schon wenige Jahre später, so dass er weder einen wirtschaftlichen Nutzen aus seinem Verfahren ziehen konnte noch den Erfolg der Daguerreotypie miterlebte.

    Die Rechte am Verfahren der Daguerreotypie kaufte vor Markteinführung die französische Regierung. Daguerre und Niépces Sohn erhielten als Ausgleich eine lebenslange Rente.

    Nach der öffentlichen Vorführung 1839 stand die Daguerreotypie als erstes praktikables Verfahren der Fotografie jedem zur freien Nutzung zur Verfügung. Außer in England, weil Daguerre die Rechte bereits zuvor an einen Lizenznehmer übertragen hatte.

    Apropos und by the way England: Auch hier war zur selben Zeit ein Lichtgestalter am Werk. William Henry Fox Talbot (1800-1877) entwickelte zwischen 1834 und 1839 das erste Negativ-Positiv-Verfahren der Fotografie.

    Auch wenn es die mittels Talbotypie angefertigten Fotos qualitativ nicht mit den Resultaten der Daguerreotypie aufnehmen konnten, hatte Talbots Verfahren doch einen entscheidenden Vorteil:
    Es ermöglichte die Vervielfältigung des Fotos durch Abzüge vom Negativ.

    Damit wurde es zur Grundlage aller wesentlichen fotografischen Verfahren von den 1860er bis zu den 1990er Jahren, bis sich allmählich die Digitalfotografie durchsetzte.

    Bis 1860 hatte die Daguerreotypie den Markt beherrscht. Ihren Niedergang erlebte ihr Entwickler nicht mehr. Er segnete vorher das Zeitliche.

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  • 42 vs. 20
  • KW 50: Würfelt wohl!

    7,5 Millionen Jahre benötigt Deep Thought in "Per Anhalter durch die Galaxis" für die Berechnung der Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

    "42" ist die ebenso knappe wie präzise Antwort. Einzig den genauen Wortlaut der Frage kennt niemand mehr, weshalb die Antwort mehr Rätsel aufgibt als sie beantwortet.

    Heute wissen wir, dass die Gotteszahl "20" lautet. Etwa drei Millionen Computer hätten drei Millionen Jahre rechnen müssen, um zu diesem Ergebnis zu kommen.

    Denn über 43 Trillionen, um genau zu sein 43.252.003.274.489.856.000 unterschiedliche Konstellationen sind möglich.

    Durch komplexe mathematische Operationen konnte die in Frage stehende Zahl der zu lösenden Kombinationen auf ein berechenbares Maß reduziert werden.

    Wovon die Rede ist? - Vom magischen Würfel, dem Rubik's Cube, in Deutschland auch als Zauberwürfel bekannt. Was die Gotteszahl zu bedeuten hat? - Die Mindestzahl an Zügen, die zur Lösung des Würfels nötig sind.

    Über Jahrzehnte haben sich Mathematiker auf der ganzen Welt den Kopf zerbrochen, mancher vielleicht sogar die Finger. 2010 gelang einem deutsch-amerikanischen Team des Rätsels Lösung.

    Ins Rollen (Drehen, Werfen und Fallen) gebracht hat das Alles (und den ganzen Rest) der ungarische Architekturprofessor Ernö Rubik. Im Alter von 30 Jahren hat er die geniale Idee für diesen großen Wurf. Das war 1974.

    Über 350 Millionen Rubik's Cubes wurden seitdem verkauft. Das macht ihn zum meistverkauften Spielzeug überhaupt.

    Und da nicht nur der Würfel, sondern auch sein Schöpfer in diesem Jahr einen runden Geburtstag feiern, Ernö Rubik wurde am 13.7. 70 Jahre alt, gibt es an dieser Stelle ein herzlich-kubisches "Gratulálok"!

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  • Hansa 20
  • KW 49: Da, die Kunst ist da!

    Köln, Hansaring Numero 20, anno 2014. Ein Bürohaus aus Glas. Das Erdgeschoss wird renoviert. Im 2. und 5. Stock sind Büros von je knapp 300 Quadratmetern Größe zu vermieten.

    Ansässig sind bereits eine Unternehmensberatung, eine Wirtschaftsredaktion, eine Kommunikationsagentur und eine Kieferorthopädin.

    Nichts kündet davon, dass hier einst ein Pakt geschlossen wurde.

    Vor 100 Jahre trafen an Ort und Stelle zwei Männer aufeinander. Sie waren sich auf Anhieb sympathisch.

    Sie besiegelten einen Freundschaftspakt. 52 Jahre sollte ihre Freundschaft währen. Sie endete keineswegs im Streit, sie nahm ein natürliches Ende.

    Seinerzeit stand hier ein anderes Haus, dreigeschossig, verklinkert, mit Ziergiebeln.

    1912 hatte Otto Feldmann (1881-1942) in diesem Haus eine Galerie eröffnet. Sie erlangte unter dem Namen „Rheinischer Kunstsalon“ überregional Beachtung.

    Gezeigt wurden Werke von van Gogh, Cézanne, Renoir, Braque, Derain, Picasso, Macke und anderen.

    Otto Feldmann gab im Eröffnungsjahr auch einem jungen Mann aus dem nahegelegenen Brühl die Chance zu seiner ersten Ausstellung.

    Erst kurz zuvor hatte dieser beschlossen, (autodidaktisch) Maler zu werden. Maximilian Maria Ernst (1891-1976) hieß dieser Mann, oder kurz einfach nur Max Ernst.

    Zwei Jahre später lernte eben dieser Max bei einer Ausstellung im Rheinischen Kunstsalon Hans Arp (1886-1966) kennen.

    Beide waren zwar schon beim „Ersten Deutschen Herbstsalon“ in Berlin im Jahr zuvor mit Werken vertreten gewesen, zu einer persönlichen Begegnung kam es aber erst 1914. Es war Freundschaft auf den ersten Blick.


    Das Max Ernst Museum in Brühl und das Arp Museum in Rolandseck haben zum Anlass des 100. Jahrestages ihrer Freundschaft eine Doppelausstellung entwickelt.

    Titel der beiden Ausstellungen, die noch bis 22. Februar 2015 zu sehen sind: „Der Max ist da!“ (Rolandseck) und „Der Arp ist da!“ (Brühl).

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  • Mit Pfiff?
  • KW 48: Schall und Rauch

    "Ich kann nicht umhin, mit einigen Worten jene neue, erstaunliche und vor wenigen Jahren aus Amerika nach unserem Europa eingeführte Mode zu tadeln, welche man eine Sauferei des Nebels nennen kann, die alle alte und neue Trinkleidenschaft übertrifft.

    Wüste Menschen pflegen nämlich den Rauch von einer Pflanze, die sie Nicotiana oder Tabak nennen, mit unglaublicher Begierde und unauslöschlichem Eifer zu trinken und einzuschlürfen."

    Johann Joachim von Rusdorff (1589 – 1640) heißt der Mann, der sich im Jahre 1627 so herzhaft empört.

    Knapp 400 Jahre später ist auch die Weltgemeinschaft überzeugt. Mit dem "Rahmenübereinkommen zur Eindämmung des Tabakgebrauchs" ist 2005 ein "völkerrechtlicher Vertrag" in Kraft getreten, der vor den Folgen des Tabakkonsums schützen möchte.

    In der Folge wurden in immer mehr Ländern die Gesetze verschärft, die das Rauchen unterbinden und Nichtraucher vor Rauchern schützen sollen.

    In Artikel 16 des WHO-Papiers wird auch empfohlen, Herstellung und Verkauf von Süßigkeiten, Spielzeugen und jeglichen anderen Gegenständen in Form von Tabakprodukten, die einen Reiz auf Minderjährige ausüben, zu unterbinden.

    Der Verbot von Schokoladenzigaretten wurde bereits auf europäischer Ebene diskutiert.

    Aber wie steht es mit der Tonpfeife des Weckmanns, der aktuell wieder Hochkonjuktur hat (je nach Region auch als Weckemann oder -männchen, Stutenkerl oder -männchen, Kiepen- oder Klaaskerl, Backsmann; Piefekopp, Puh- oder Buckmann, Kaiten Jais, Dambedei, Hefekerl, Ditz Klausenmann oder auch Weggbopp bekannt)?

    War die Pfeife einst eine Errungenschaft der Reformation, indem sie beim Männchen den Bischofsstab durch jenes säkulare Gut ersetzte, läuft sie nun Gefahr verteufelt zu werden...

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  • Rad des Lebens?
  • KW 47: Vanitas

    Tag für Tag für Tag
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    für Tag für Tag für
    Tag für Tag für Tag
    für Tag für Tag für
    Tag für Tag für Tag
    für Tag für Tag vergeht


    für Georg Trakl
    (*3.2.1887, †3.11.1914)

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  • In Gedenken an Hilma
  • KW 46: Abstrakt? - Astral!

    Wassily Kandinsky (1866-1944) gefiel sich in der Rolle des Pioniers: Mehrfach soll er verkündet haben, er habe das erste abstrakte Bild der Kunstgeschichte gemalt.

    Vorsichtshalber datierte er besagtes Werk ein paar Jahre zurück (von 1913 auf 1910).

    Denn bereits 1912 fand in Paris eine Ausstellung statt, die für einigen Wirbel sorgte.

    Der Grund: die gezeigten Bilder waren, oh Schreck, alle abstrakt. Ihr Schöpfer ist der heute weniger bekannte František Kupka (1871-1957).

    Doch auch Kupka war nicht der "Erfinder" der abstrakten Malerei. Denn bereits 1905 wagte Adolf Hölzel (1853-1934) den ersten Versuch, das Gegenständliche hinter sich zu lassen.

    Adolf Hölzel unterhielt ab 1892 eine private Malschule bei München. Sein Ruf zog Schüler von nah und fern an, darunter Emil Nolde, Johannes Itten, Oskar Schlemmer und Willi Baumeister.

    Auch Wassily Kandinsky weilte ab 1896 in München, um hier Malerei zu studieren. Möglich, dass er von Hölzel hörte, vielleicht sogar von ihm inspiriert war.

    Bis Adolf Hölzel allerdings "richtig" abstrakt malte, vergingen noch einige Jahre. Ab 1913, inzwischen an der Kunstakademie in Stuttgart tätig, komponierte er seine Werke zunehmend mit Form und Farbe anstatt mit Gegenstand und Figur.

    Was Kandinsky und die anderen nicht wussten: In Schweden malte bereits ab 1906 jemand abstrakte Bilder - konsequent und ausschließlich um ihrer Selbstwillen, also nicht etwa zu Übungszwecken.

    Sie konnten die Bilder auch gar nicht kennen. Denn die Person, die sie geschaffen hatte, sah zu Lebzeiten davon ab, sie öffentlich auszustellen. Sie war davon überzeugt, dass die Menschheit dafür noch nicht bereit sei.

    Erst Mitte der 1980er wurden die Werke wiederentdeckt, immerhin über 1.000 Gemälde, Skizzen und Aquarelle sowie rund 125 Notizbücher.

    1986 wurden einige der Arbeiten in einer Ausstellung mit Werken von Kandinsky, Malewitsch und Mondrian, also den anderen "großen Abstrakten" gezeigt. 1989 fand in Stockholm eine erste Einzelausstellung statt.

    2013 gab es schließlich eine große Retrospektive, die unter anderem in Stockholm und Berlin zu sehen war. Der Titel der Schau: "Hilma af Klint. Eine Pionierin der Abstraktion."

    Es war nicht so, dass Hilma af Klint (1862-1944) nur im stillen Kämmerlein gemalt hätte. Als eine der ersten Frauen überhaupt hat sie an der Königlichen Akademie der Freien Künste in Stockholm studiert (1882-1887).

    Die Akademie stellt ihr nach ihrem Studium für mehrere Jahre ein Atelier zur Verfügung. Sie malt naturalistische Landschaften und Portraits. Um die Jahrhundertwende arbeitet sie als Zeichnerin am Veterinärinstitut.

    Sie nimmt auch an Ausstellungen teil. 1914 werden zum Beispiel einige ihrer Arbeiten auf der Baltischen Ausstellung in Malmö gezeigt, wo übrigens auch Wassily Kandinsky vertreten ist.

    Nur ihr abstraktes Werk zeigt sie nicht öffentlich, obwohl es seit 1906 den Hauptteil ihres Schaffens ausmacht und sie bis zu ihrem Lebensende (nahezu) kontinuierlich daran arbeitet.

    Hilma af Klint widmet sich außerdem der Theosophie und später der Anthroposophie. Zeitlebens veranstaltet sie Séancen, kommt in Kontakt mit anderen Kräften, erlebt sich selbst als Medium.

    Hieraus schöpft sie die Impulse für ihre abstrakte Malerei. Während einer Séance hat sie 1904 die Eingebung, "Gemälde auf der Astralebene" zu schaffen und die unvergänglichen Aspekte des Menschen darzustellen. Wenig später beginnt sie mit ihrem ersten abstrakten Gemäldezyklus. Viele weitere werden folgen.

    Hilma af Klint stirbt am 21. Oktober 1944 an den Folgen eines Unfalls. Ihr Werk hinterlässt sie ihrem Neffen, der es vierzig Jahre lang wohlbehütet aufbewahrt. Heute wird es von der in Stockholm ansässigen Stiftung Hilma af Klint verwaltet.

    Übrigens "feier(t)en" auch Wassily Kandinsky (13.12.) und Piet Mondrian (1.2.) in diesem Jahr ihren 70. Todestag, Adolf Hölzel seinen 80. (17.10.). Vielleicht gibt es ja eine konkrete Party im abstrakten Totenreich, zusammen mit Hilma af Klint.


    [Fairerweise ist anzumerken, dass zwar relativ sicher scheint, dass Kandinsky sein Bild zurückdatierte, aber nicht bekannt ist, ob er dies wissentlich oder versehentlich tat.]

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  • Musterbeispiel
  • KW 45: An der Uhr gedreht?

    Die Uhren sind umgestellt, die Winterzeit ist eingeläutet. Ergo: Das Jahr neigt sich dem Ende zu, zwei Monate noch, also achteinhalb Wochen oder aber in anderen Zahlworten 59 Tage bzw. 1.416 Stunden, was 84.960 Minuten entspricht, was wiederum 5.097.600 Sekunden macht. Will sagen: Die Tage von 2014 sind gezählt.

    Durch meinen außerplanmäßigen Exkurs zu den „Fragen zur Kunst“ (KW 25 – 35) habe ich einige denkwürdige Jubiläen im laufenden Jahr zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht beim Schopfe gepackt, um an dieser Stelle darüber zu berichten.

    Als es dann soweit war, dass ich mich den "Fragen aller Fragen" gestellt hatte, kamen mir einige tagespolitische Ereignisse in die Gedankenquere, so dass mir nur mehr acht Einträge bleiben, das ein oder andere nachzuholen.

    Beginnen wir die nachträglichen Gedenkfeiern mit einem runden Geburtstag: Am 12. August des Jahres hat sie ihren 50. Geburtstag gefeiert.

    Wer kennt sie nicht, die Erika, Mustermann mit Nachnamen, die Musterfrau auf deutschen Ausweisdokumenten?!

    Wie sie ihren Ehrentag verbrachte, ist leider nicht bekannt. Vielleicht im Kreise ihrer Liebsten, allen voran Renate und Max Mustermann.

    Vielleicht waren auch ihre internationalen Verwandten eingeladen, als da wären:

    Tan Ah Kao, Tan Ah Beng, Ploni Almoni, Si Anu, Ashok Kumar, Joe Average, Beltrano, Jānis Bērziņš, Juan Bimba, Jos Bleau, Fred, Joe und Jane Bloggs, Joe Blow, Joe Borg, Chamar, Ciclano und Ciclana, John (Q.) und Jane (Q.) Citizen, Seán and Síle Citizen, Moshe Cohen, Cutare Cutărică, João und Zé da Silva, Menganito de Cual, Juan und Perico de los Palotes, Fulano, Fulanito und Fulanita de Tal, Juan del Pueblo, Juan dela Cruz, Ram Kumar Deshar, John, Jane, Precious und Baby Doe, Familie Doorsnee, Jean Dupont, Monsieur Durand, Manuel Dos Santos, Elan, Escu, Esperancejo und Esperanceja, Falan, Falana und Falani, Joe Farnarkle, Felani, Filan, Folan, Folana und Folani, Fulano, Fulanito und Fulana, Gheorghe, Yamada Hanako, Hong Gil-dong, Hari, Hinz und Kunz, Nisse i Hökarängen, Harry Holland, Iñaki, Ivan Ivanov, Gipsz Jakab, Janko Janković, Jan Janssen, Kovács János, Jenni a Menni, Herr und Frau Jensen, Erik Johansson, Jonas Jonaitis, Jóna Jónsdóttir, Jón Jónsson, Jos Joskens, Jyapu, Giannis und Giorgos Karamitros, A. B. Katohos, Jef Klak, Nguoi La, Jan Kowalski, Lagbaja, Josef Lazar, Majhoul, Mary Major, Marko Marković, Paul Martin, Tomáš Martiník, Meðal-Jón und Meðal-Jóna, Medelsvensson, Hans Meier, Matti und Maija Meikäläinen, Mengano, Menganito, Menganita und Mengana, Morten Menigmand, Miðalhampamaður, Jan Modaal, Jožko Mrkvička, Hans, Max und Martha Mustermann, Don und Juan Nadie, Nai-Gor, Nanno Nanigashi, Necunoscut, Người dấu tên, Zé Ninguém, Nanashi no Gombei, Ola und Kari Nordmann, Otto Normalverbraucher, Janez Novak, Jan Novák, Jan Nowak, Fred Nurk, Joe Ordinary, Seán Ó Rudaí, Herr und Frau Österreicher, Pinco Pallino, Patxi, Vardenis Pavardenis, Perencejo, Perengano, Juan und Pedro Perez, Pepe und Pepito Pérez, Pera Perić, Petras Petraitis, Petrov und Sidorov, Petar Petrović, Petar Petrovski, Piet Pietersen, Juan Piguabe, Jóska Pista, Piet Pompies, Si Polan, Janez Pouprečnik, Vasya Pupkin, John Q., Joe und Jane Public, Ram, J Random User, G. Raymond, Richard Roe, Mario Rossi, Sa boug la, Safame la, Sa Nation la, Sapitin la, Herr und Frau Schweizer, Shyam, Joe Shmoe, Sicrano, Sigdel, Sima Simić, Chan Siu Ming, Joe und Sally Sixpack, Jan Skočdopole, Somchai, Sommai, Bob und John Smith, Sultano und Sultanito, Sutano, Svenne, Kalle Svensson, Giannis, Giorgos und Maria Tade, Yamada Tarō, Vasya Tapochkin, John und Jane Q. Taxpayer, Tom, Dick und Harry, Monsieur Tout-le-monde, Koos van der Merwe, Sade Vatandaş, Karel Vomáčka, Wanjiku, Xulescu, Zutano und Zutanito.

    (mit Dank an die einzigartige Wikipedia)

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  • Auferstanden aus Urinen?
  • KW 44: Frage der Anmut

    Als Konrad Adenauer (1876-1967) einst auf Staatsbesuch in den USA weilte, soll ihm zu Ehren - in Ermangelung einer gültigen deutschen Hymne - "Heidewitzka, Herr Kapitän" aufgespielt worden sein, ein bis heute populäres Karnevalslied.

    Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als das "Deutschlandlied" niemand mehr singen mochte, und die Unverbesserlichen, die es dennoch singen wollten, dies nicht durften. Beginnt es doch mit dem unsäglichen "Deutschland, Deutschland über alles".

    Stattdessen wurde improvisiert: Mal erklang Beethovens "Ode an die Freude", mal "Ich hab mich ergeben", ein Studentenlied von 1820, oder aber auch der ein oder andere Schlager.

    1950 wollte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss (1884-1963) der klanglosen Zeit ein Ende bereiten - und für eine Zäsur sorgen und damit das historisch belastete "Lied der Deutschen" ein für allemal Geschichte werden lassen.

    So gab er eine neue Hymne in Auftrag und verlas der Nation zum Jahreswechsel den - wie er fand tief bewegenden - Text. Anschließend wurde das Lied von einem Knabenchor intoniert.

    Doch die wenigsten konnten sich mit "Theos Nachtmusik", wie das Lied mitunter spöttisch genannt wurde, anfreunden.

    Stattdessen setzte sich im "Hymnenstreit" letztlich Konrad Adenauer durch:

    Im Mai 1952 wurde verkündet, dass die alte von nun an auch die neue Hymne der Nation sein werde. Zumindest der im Westen, denn im Osten schmetterte man schon seit 1949 "Auferstanden aus Ruinen".

    Der entscheidende Unterschied: Künftig solle zu offiziellen Anlässen nur noch die dritte Strophe gesungen werden.

    Die Zeit war noch nicht reif für einen Neuanfang, weder symbolischer noch musikalischer Natur.

    ------------------------

    Vor nicht gar zu langer Zeit gab es wieder eine Phase, in der die Hymne Deutschlands zur Diskussion stand.

    Nach der Wiedervereinigung von Ost und West im Oktober 1990 kamen Stimmen auf, die ein Stück von Bert Brecht (1898-1956) und Hanns Eisler (1898- 1962) zur gesamtdeutschen Ode erklingen lassen wollten.

    Doch Bundesregierung und Bundespräsident (inzwischen ein anderer) entschieden anders:

    Im August 1991 wurde vereinbart: "Die 3. Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben mit der Melodie von Joseph Haydn ist die Nationalhymne für das deutsche Volk."

    Und wieder wurde eine historische Chance zu einem symbolischen Neuanfang vertan.

    War die Zeit noch
    immer nicht reif?

    Jedenfalls müssen wir nun weiterhin mit einer Nationalhymne leben, deren ersten beiden Strophen zwar nicht länger verboten, so aber doch brechtigterweise verpönt sind.

    Nehmen wir es als Mahnung und hoffen wir auf die nächste historische Gelegenheit. Auf dass wir dann erwachsen genug für die Brechtsche Kinderhymne sind.

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    Die zuletzt beschriebene historische Chance wurde eingeläutet durch die friedliche Revolution in der DDR, die im Herbst 1989, also vor einem Vierteljahrhundert, ihren Anfang nahm. Das wollte ich nur noch mal erwähnt haben (vgl. KW 36)

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  • nicht der Ururur, aber dessen Sohn, also mein Urur
  • KW 43: Frag' Uropa

    Es war einmal eine Produzentengalerie in Bonn, viktoria b mit Namen. Als viktoria b einen Kunstpreis zum Thema "Nauten" ausschrieb, wollte ich gerne daran teilnehmen.

    Also befragte ich das Internet nach Inspiration. Nach einiger Recherche stellte ich fest, dass Nauten (Nawty) ein Ort in Polen ist.

    Da erinnerte ich mich meiner polnischen Vorfahren und fragte mich, wo sie gelebt hatten. Es stellte sich heraus, dass mein Urururgroßvater 1790 ganz in der Nähe von Nauten geboren worden war.

    Somit wurde meine Arbeit zu besagtem Kunstpreis eine Reise in meine Familiengeschichte und ein Stück weit auch in die traurige Geschichte Polens.

    Das Ergebnis nannte ich "Generationauten".

    Warum ich diese Geschichte erzähle?

    Nun, vor kurzem, nämlich am 9. des Monats, war Polens neue Ministerpräsidentin Ewa Kopacz zu Besuch bei Angela Merkel in Berlin.

    Sie wurde mit militärischen Ehren empfangen, hörte und sah ich in der Tagesschau.

    Das ließ mich einen Moment stutzen, weil sich doch der deutsche Einmarsch in Polen und damit der Beginn des zweiten Weltkriegs im Monat zuvor zum 75. Mal gejährt hatten.

    Ich fragte mich, ob ein Empfang mit zivilen Ehren nicht angemessener gewesen wäre - und wie diese denn eigentlich aussehen könnten?

    Und an dieser Stelle möchte ich gerne ergänzen, dass mich seit längerem umtreibt, wie merkwürdig es doch ist, dass wir Pflegekräfte aus Osteuropa, darunter viele Polinnen, engagieren, damit sie die deutsche Kriegsgeneration pflegen und versorgen.

    Den Kunstpreis habe ich damals übrigens nicht gewonnen.

    Aber die polnische Fußballnationalmannschaft hat gewonnen, am 11. des Monats, und zwar ihr Spiel gegen die deutsche Elf.

    Wszystkiego najlepszego!

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  • Irropa
  • KW 42: Frag' Europa

    Fast fünf Monate ist es nun her, dass Europa gewählt hat (vgl. KW 21).

    Mensch möchte meinen: Genug Zeit, um eine Kommission auf die Beine zu stellen, die mit Kompetenz glänzt.

    Schließlich werden die designierten Kommissare in den nächsten fünf Jahren maßgeblich die Geschicke Europas bestimmen.

    Offiziell soll die 28-köpfige EU-Kommission am 1. November ihre Arbeit aufnehmen.

    Allerdings bestehen bei mindestens einer Handvoll Kandidaten berechtigte Zweifel an deren Eignung.

    Ein frappierendes Beispiel: Der Spanier Miguel Arias Cañete verfügt über enge Verbindungen zur Ölindustrie.

    Demnächst soll er in der EU-Kommission für "Klimaschutz und Energie" zuständig sein.

    Dennoch sieht es derzeit danach aus, dass die meisten Kandidaten durchkommen. Die Anhörungen im Europaparlament sind inzwischen abgeschlossen. Auf viel Widerstand sind die Kandidaten angeblich nicht gestoßen.

    Einzig eine Person wird ausgetauscht, einem anderen Kandidaten werden voraussichtlich Teile seiner Zuständigkeit entzogen.

    Und dann gibt es ja auch noch die Sache mit dem Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP).

    Seit mehr als einem Jahr wird hinter verschlossenen Türen verhandelt. Involviert sind auch zahlreiche Lobbyisten und Wirtschaftsvertreter.

    An die Öffentlichkeit gelangen nur wenige handfeste Details über den Inhalt und den Status der Verhandlungen.

    Eine derart gepflegte Intransparenz ist ein idealer Nährboden für Spekulationen.

    Kein Wunder, dass diverse Gerüchte kursieren, die vor allem eins zeigen: Die Angst geht um (Stichwort "Chlorhühnchen").

    Dagegen helfen nur Information und Partizipation. Also originäre demokratische Grundwerte.

    Will Europa, vertreten durch seine Kommission, nicht genau dafür (ein)stehen?

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  • Copy in Peace
  • KW 41: Frag' Sturtevant

    Manchmal, wenn Andy Warhol (1928-1987) zum wiederholten Male nach der Technik des Siebdrucks gefragt wurde, sagte er schlicht und einfach:

    "Ich weiß nicht. Frag' Elaine."

    Elaine war keineswegs seine Assistentin, Galeristin oder sonst jemand aus dem Dunstkreis der Factory.

    Elaine war 1965 bei Warhol aufgetaucht und hatte ihn gebeten, er möge ihr die Siebdruckvorlage seiner Blumenbilder borgen.

    Wozu? Nun, Elaine wollte ebensolche Bilder machen. Dasselbe Motiv, dieselbe Technik, dieselbe Vorlage.

    Und Warhol war Warhol genug, dass er einwilligte. Schließlich hatte er das Motiv ebenfalls entlehnt - aus der Anzeige in einer Zeitung.

    Kurze Zeit später hatte Elaine ihre erste Einzelausstellung in New York.

    Zu sehen waren ihre Versionen von Warhols Blumen, außerdem Werke nach Werken von Jasper Johns, Claes Oldenburg, George Segal, Robert Rauschenberg, Frank Stella und James Rosenquist.

    Was hier seinen Ursprung nahm, sollte das Thema ihres Lebens werden: die Repetition bestehender Kunstwerke, täuschend echt und doch anders, ähnlich und doch eigen.

    Ihr Mantra:
    Wiederholung ist Veränderung.

    Das Problem: Nicht alle waren so begeistert wie Warhol. Tatsächlich war die New Yorker Szene mit der Zeit ziemlich aufgebracht - zumal Elaine einfach nicht aufhörte, sich und damit sie zu wiederholen.

    Mitte der 1970er zog sich Elaine dann zurück - weg von New York und weg von der Kunst.

    Ihr Schweigen dauerte
    eine ganze Dekade.

    Als sie wieder auftauchte, machte sie genau da weiter, wo sie aufgehört hatte, nahm allerdings noch ein paar weitere Künstler in ihr Programm, Beuys und Duchamp beispielsweise.

    Ein Glück für Elaine: Die Zeiten hatten sich geändert. Sogenannte Appropriation Art, die Kunst der Aneignung, hatte inzwischen eine gewissen Stellenwert erlangt -
    auch wenn Elaine das Konzept der Appropriation viel zu vage war.

    Aber es half. Es verschaffte mehr und mehr Leuten Zugang zu ihrem Werk - und Elaine mehr und mehr Erfolg.

    2011 erhielt sie auf der Biennale in Venedig schließlich einen Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk, 2013 den Kurt-Schwitters-Preis ebenfalls für ihr Lebenswerk.

    Elaine sprach übrigens nicht gerne über sich selbst, über ihre Kunst schon, nicht aber über sich selbst.

    Selbst ihres Vornamens hatte sie sich wie von überflüssigem Ballast entledigt. Sie selbst nannte sich schlicht und einfach: Sturtevant.

    So verwundert es nicht, dass wenig Biographisches im Netz zu finden ist, auch kursieren verschiedene Geburtsjahre, etwa 1930 und 1938.

    Die New York Times glaubt zu wissen, dass sie 1924 als Elaine Frances Horan in der Nähe von Cleveland, USA, geboren wurde - nicht weit entfernt von Warhols Geburtsort Pittsburgh (etwa 220 km). Ihren neuen Nachnamen hatte sie von ihrem geschiedenen Mann entlehnt.

    Was relativ sicher scheint: Sturtevant verstarb am 7. Mai dieses Jahres in Paris, wo sie seit den 1990ern gelebt und gearbeitet hatte.


    Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigt ab dem 1.11. eine Ausstellung zum zeichnerischen Werk der Künstlerin mit 100 Arbeiten (bis 1.2.15), das MOMA in New York ab dem 9.11. eine große Schau mit Arbeiten aus allen Schaffensperioden (bis 22.2.15).

    2015 zieht die Frankfurter Schau an die Albertina in Wien und in den Hamburger Bahnhof in Berlin.

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  • Kopie ist nicht gleich Kopie
  • KW 40: Eine Kopie ist keine Kopie

    Kunst ist entweder
    Plagiat oder Revolution.
    Paul Gauguin (1848-1903)

    Die Kopie ist das Original.
    Elaine Sturtevant (ca. 1924-2014)


    Wir blicken auf 40.000 Jahre Kunstgeschichte. Unzählige Bilder wurden gemalt und sind wieder verblasst. Skulpturen wurden erbaut und sind zerfallen zu Staub.

    Ist es überhaupt noch möglich, Kunst zu schaffen, ohne zu klauen? Sind wir nicht alle inspiriert? Und sind wir als Kunstschaffende heutzutage deswegen allenfalls ambitioniert?

    Immer wenn sich in der Kunst ein Stil, ein Trend, eine Technik durchsetzt, sprechen wir schnell von einer »Schule«, einem »-ismus« oder retrospektiv sogar von einer »Epoche«. Doch wie entsteht ein neuer Stil? Ist die Zeit dann reif für eine »neue Kunst«? Oder wird ganz einfach massenhaft abgekupfert?

    Vielleicht ist es die gegenseitige Inspiration, die etwas Neues zustande bringt. Doch was unterscheidet die Inspiration von der Kopie?

    Kopiert wurde schon immer. Um zu üben. Aus Inspiration. Weil es gefällt. Weil es sich verkauft. Anfang des 16. Jahrhunderts kommt es zum ersten Urheberstreit (Dürer vs. Raimondi).

    Die große Frage: Was macht den Unterschied zwischen Kopie und Original aus? Die Signatur? Die handwerkliche Ausführung? Der kreative Funke? Und wann wird aus der Kopie eine Fälschung? Wann Betrug?

    Ab der Renaissance entwickelt sich ein Bewusstsein für die Originalität des künstlerischen Werks und in der Folge für die »Genialität« der Künstlerpersönlichkeit.

    Doch wie kommt das »Genie« zur Idee? Durch Geistesblitz? Durch Musenkuss? Durch Eingebung? Gibt es noch originäre Ideen? Sind schon alle Stile gemalt? Und wenn dem so ist: Ist ein Zitat automatisch ein Plagiat? Kann eine Hommage nicht auch Kunst sein?

    Die Möglichkeit der Reproduktion, insbesondere die der Fotografie, hat dem Anspruch der Kunst einen Stich versetzt. Kunstwerke sind nicht einzigartig; sie sind reproduzierbar. Sie werden vervielfältigt und verbreitet – immer häufiger, ohne Ende.

    Die meisten Kunstwerke kennen wir von Abbildungen, nicht durch das Betrachten der Originale. Haben sie deshalb ihre Aura verloren? Hat die Kunst nicht auch an Ansehen gewonnen?

    Kunst und Kunstverständnis unterliegen wie immer der Wandlung. Auf einmal entstehen Gemälde nach Fotos, Collagen aus Fotos, und Fotos um ihrer selbst Willen. Dann erfindet Marcel Duchamp das Ready-made, und alles wird infrage gestellt.

    Die Pop Art entdeckt das Serielle, kopiert sich selbst – und wird kopiert. Die Appropriation Art erhebt die Kopie zum Original. Und selbst der, der die Kunstwelt auf den Kopf stellte, fängt an, sich zu kopieren ("Remix"-Serie von Georg Baselitz).

    Durch die digitalen Medien sind der Kopierbarkeit von Kunst keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Ich lade ein Bild aus dem Netz, lasse mir bei einer Online-Druckerei einen Abdruck auf Leinwand drucken und fertig ist mein Van Gogh. Oder ich ersteigere bei ebay eine »Original-Kopie«, handgemalt in China.

    Vor diesem Hintergrund ist die Debatte um das Urheberrecht neu entfacht. Wer schützt Kunstschaffende vor Bilderklau? Wie lässt sich der Anspruch auf Originalität aufrechterhalten? Und lassen sich Ideen überhaupt schützen?

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  • macketot
  • KW 39: Mackes Macke

    "Ich wäre glücklich, wenn ich wieder heimkommen könnte in Eure Arme und malen", schreibt der Maler August Macke (1887-1914) am 17. August 1914.

    Er befindet sich im Krieg, in einem Krieg, der erst wenige Wochen dauert und der als "Erster Weltkrieg" in die Geschichtsbücher eingehen wird.

    Etwa 17 Millionen Tote werden am Ende zu beklagen sein. Unter ihnen auch August Macke, der am 26. September 1914 durch einen Schuss in den Kopf tödlich verwundet wird.

    Er hatte sich bei Kriegsausbruch freiwillig gemeldet und war am 8. August 1914 eingezogen worden.

    Wie so manch anderer, wie etwa sein Freund Franz Marc (1880-1916), ebenfalls Maler, war er an "akuter Kriegseuphorie" erkrankt.

    Anders ist kaum zu erklären, dass August Macke seine Frau und seine beiden Söhnen, zu dem Zeitpunkt ein bzw. vier Jahre alt, aus freien Stücken zurücklässt, um seinen Pinsel gegen ein Gewehr einzutauschen.

    Das Grauen des Krieges wirft ihn schnell in die Wirklichkeit zurück, wie seine Briefe bezeugen.

    Auch Franz Marc hatte sich freiwillig gemeldet. Und auch er wird schließlich am 4. März 1916, seinem letzten Einsatztag, im Krieg sterben.

    Im Oktober 1915 hatte er an Elisabeth Macke, die Witwe seines Freundes, geschrieben: Der Krieg ist der „gemeinste Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“.


    Das Kunstmuseum Bonn und das Lenbachhaus in München widmen August Macke und Franz Marc eine Ausstellung, die in dieser Woche in Bonn (am 24.9.) eröffnet wird und bis 4.1.2015 zu sehen ist. In München wird die Ausstellung vom 28.1. bis zum 3.5.2015 gezeigt.

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  • Comicpoem
  • KW 38: Der Letzte...

    ...macht das Licht an!

    Man ist da...
    Man wartet...
    Man wartet und wartet...
    Mittlerweile...
    Man ist ratlos...
    Und so...
    Man fragt...
    Man staunt...
    Man gehorcht...
    Man beginnt sogleich mit dem Training...
    Man lernt und lernt...
    Studiert und studiert...
    Mit scharfem Blick...
    Und langsam wird es Tag...
    Und da plötzlich...
    Man hat genug gehört...
    Der Tank ist voll...
    Man ist reisebereit...
    Endlich ist es soweit...
    Und ohne lange zu überlegen...
    Es dauert nicht lange...
    Schon ist man unterwegs...
    Es geht los...
    Und...
    Es geht schnell...
    Man tut es...
    Der Plan wird in die Tat umgesetzt...
    Gesagt, getan...
    Kurze Freude...
    Große Erwartungen...
    Doch...
    Manchmal kommt es anders...
    Und...
    Weit ist der Weg durch die Prärie...
    Daher...
    Man eilt...
    In aller Eile...
    Doch der Wind hat anderes im Sinn...
    Und so in Windeseile...
    Man ist wie von Sinnen...
    Man rotiert...
    Man kocht...
    Es raucht der Kopf...
    Man hat sozusagen genug...
    Doch das ist noch immer nicht alles...
    Ein Hindernislauf hat seine Tücken...
    Kein Ende in Sicht...
    Leider nicht...
    Jeder bekommt seine Aufgabe...
    Kredit wird nicht gewährt...
    Und...
    Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung...
    Und so...
    Unterdessen...
    Man ist enttäuscht...
    Allerdings...
    Bißchen viel Regen...
    Jedoch...
    Man gibt nicht auf...
    Es geht ans Werk...
    Jedoch...
    Ob das noch hilft...
    Da plötzlich...
    Plötzlich ist die Szene hell erleuchtet...
    Der allgemeine Jubel ist groß...
    Die große Feier kann beginnen...
    Die Aufklärung folgt...
    Nach dem Fest...
    ...worauf es ankommt...
    ...und was wichtig ist!
    Auf geht’s in die Freiheit!
    Endlich...


    Transkription eines Poems aus Comicschnipseln, Papiercollage „Der Letzte macht das Licht an“ [2014/15], 72 Schnipsel auf 72 6x6cm großen Quadraten aus schwarzem Passpartoutkarton (280 g/qm) auf weißem Präsentationskarton, 3-teilig, je 30,8 x 43,6 cm (gerahmt 3x 40 x 50)

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  • Yankee stay home
  • KW 37: Sad am I

    Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich zu Zeiten des 1991er Irakkrieges in der Schule als "naiv" verspottet wurde.

    Warum? Weil ich Position gegen diesen Krieg bezogen hatte. Nicht etwa, weil ich Sympathisant Saddams gewesen wäre, sondern aus grundsätzlicher pazifistischer Überzeugung.

    Und ja, ich hegte Zweifel daran, dass die Befreiung Kuwaits das eigentliche und einzige Ziel der militärischen Intervention war.

    Damals wie heute bleibt viel Raum für Spekulation darüber, warum in manchen Ländern militärisch interveniert wird, in anderen jedoch nicht.

    Ganz gleich, ob dies mit oder ohne UN-Resolution des sogenannten Weltsicherheitsrates geschieht, der meines Erachtens mehr denn je einer Revision bedarf.

    Was lehrt uns die gegenwärtige Lage im Irak? Dass der Irrsinn Krieg ein Land selten befriedet, sondern meist immer nur sich selbst befriedigt.

    Kein Wunder also, dass nebenstehende Collage knapp zwanzig Jahre nach ihrer Entstehung, wieder einmal brandaktuell ist.

    Akut ist allerdings nicht nur die Lage im Irak, sondern auch in all den anderen von Gewalt geprägten Brennpunkten dieser Erde (vgl. KW 24) wie zum Beispiel in (Teilen von):

    Afghanistan, Algerien, Angola, Birma, der Demokratischen Republik Kongo, Indien, Jemen, Kambodscha, Kaukasus, Kolumbien, Mali, Marokko, Mauretanien, Mexiko, Niger, Nigeria, Pakistan, auf den Philippinen, in Russland, Senegal, Somalia, Südsudan, Sudan, Syrien, Thailand, Tschad, Uganda, der Ukraine, West-Neuguinea, der Zentralafrikanische Republik...

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  • keine Wandertaube, trotzdem tot
  • KW 36: Taubentod

    Die Woche beginnt mit einem Gedenktag: Am 1.9. vor hundert Jahren verstarb die letzte Wandertaube, Martha mit Namen.

    Anfang des 19. Jahrhunderts zählte die Wandertaube noch zu den häufigsten Vogelarten der Welt. Das letzte wild lebende Exemplar wurde am 24. März 1900 erlegt. Martha war die letzte in Gefangenschaft lebende Vertreterin ihrer Art.

    Am 1.9. kommt auch der Deutsche Bundestag zu einer Sondersitzung zusammen.

    Kanzlerin Merkel wird eine Regierungserklärung abgeben, in der sie ihre Entscheidung rechtfertigen wird, Waffen in den Irak zu liefern (das Ganze übrigens ohne UN-Mandat und gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit der Deutschen).

    Mit dieser Entscheidung wird ein Grundsatz deutscher Außenpolitik begraben: Keine Waffenlieferungen in Kriegs- und Krisengebiete.

    Begründet wird diese Kehrtwende mit der Verantwortung Deutschlands in der und für die Welt.

    Zwar hatte sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel erst kürzlich (am 19.8.2014) mit Betriebsräten der Rüstungsindustrie getroffen, um für Verständnis dafür zu werben, dass nicht jedes Land mit Waffen beliefert werden darf (derzeit am meisten umstritten: Waffenexporte nach Saudi-Arabien).

    Andere Regierungsvertreter (allen voran Außenminister F.-W. Steinmeier und Verteidigungsministerin U. von der Leyen) haben aber bereits seit geraumer Zeit die nun vollzogene Wende in der deutschen Außenpolitik vorbereitet – in fragwürdiger Koalition mit Bundespräsident Joachim Gauck (vgl. ihre Reden auf der 50. Münchner Sicherheitskonferenz Anfang des Jahres).

    Ich jedenfalls habe die Verantwortung Deutschlands, die aufgrund unserer Geschichte ohne Frage eine besondere ist, immer anders definiert.

    Eine Nation, die zwei Weltkriege zu verantworten hat, hätte meines Erachtens eine andere Lehre ziehen können und sollen. Denn gewaltsame Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen lassen sich nicht durch militärische Mittel lösen, jedenfalls nicht dauerhaft und nachhaltig.

    Anstatt Waffen zu liefern, wäre es an Deutschland, Frieden zu säen. Das heißt nicht, sich zu drücken und wegzusehen. Frieden auf zivile, nicht-militärische Weise zu fördern, erfordert mehr Mut und auch mehr Ressourcen als simple Waffenexporte. Denn Frieden ist kein Zustand (also allein die Abwesenheit von Krieg), sondern ein Prozess, der fortwährendes Engagement erfordert.

    Und wie passt das eine (Aussterben der Wandertaube) jetzt mit dem anderen (Grundsätze begraben) zusammen? Ganz einfach: Taube = Symbol des Friedens, aussterben = begraben der Grundsätze.

    Dass der 1.9. in Deutschland seit den 1950er Jahren als Weltfriedenstag (in der DDR seit Anfang der 1950er) bzw. als Antikriegstag (in der BRD seit Ende der 1950er) begangen wird, setzt dem Ganzen schließlich noch die Krone des Sarkasmus auf. In gleicher Weise, dass der 1.9. den Beginn des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren markiert.

    Dass in diese Woche ein weiteres Jubiläum fällt, gerät dabei leider ein wenig in Vergessenheit: Am 4.9.1989, also vor 25 Jahren, fand die erste Montagsdemonstration in Leipzig statt. Sie läutete die friedliche Revolution in der DDR ein.

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  • Kunstverein?
  • KW 35: Kunstverein?
    [Fragen zur Kunst (11/11)]

    Denken wir uns einen Trommelwirbel. Nichts Geringeres als den Klassiker habe ich zum krönenden Abschluss versprochen.

    Kurzes Innehalten, gebanntes Schweigen.

    "Das hätt' ich doch
    auch machen können!"

    So oder ähnlich lautet er, der Renner unter den impliziten Verrissen moderner Kunst.

    "Stimmt", sagte einst Damien Hirst (*1965), "doch Sie haben es nicht gemacht."

    In der modernen Kunst zählt eben die Idee meist mehr als die Ausarbeitung (vgl. KW 28 & 29). Und, wer die Idee als erster hatte bzw. zuerst den Mut aufbrachte, diese Idee auch umzusetzen.

    Wenn ich nämlich der oben genannten Einschätzung Taten folgen lasse und eben solche Kunst schaffe, von der ich glaube, sie schaffen zu können, und mir dies auch tatsächlich gelingt, bin ich zunächst einmal nichts weiter als ein "Kopist".

    Dass auch die Kopie eines Kunstwerks ihrerseits Kunst sein kann, tut hier nichts zur Sache. Darauf komme ich zu einem späteren Zeitpunkt im laufenden Jahr zurück.

    Doch was ist dann des Pudels Kern, also die eigentliche Frage hinter der eingangs erwähnten Überzeugung, dies oder jenes selber machen zu können?

    Es reicht nicht, den Spieß einfach umzudrehen und zu fragen, ob wir das Gesehene tatsächlich in gleicher Güte replizieren könnten? Das mag vielfach zutreffend sein.

    Relevanter ist vielmehr die Frage, ob wir vergleichbar

    innovative,
    revolutionäre,
    substanzielle,
    avantgardistische,
    einflussreiche,
    nachhaltige,
    bahnbrechende

    (oder wie auch immer wir die Bedeutung von Kunst kennzeichnen und fassen wollen)

    Ideen und Werke vorzuweisen haben?

    Die "letzte aller Fragen" fordert uns als Kunstbetrachter/-innen also selbst heraus.

    Und mit dem gehörigen Respekt und dem nötigen Maß an Selbstkritik müssten wir uns letztlich eingestehen, dass wir es eben nicht können.

    Stattdessen sollten wir uns an der Kunst erfreuen – auch, wenn sie uns verstört, irritiert, empört. Denn gerade dann hat sie uns berührt. Was können wir uns Schöneres wünschen?

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  • Kunstideal?
  • KW 34: Kunstideal?
    [Fragen zur Kunst (10/11)]

    Mit großen Schritten nähert sich diese Reihe mit "Fragen zur Kunst" den letzten aller Fragen.

    Was kann da noch kommen, wird sich der geneigte Leser und die nicht minder wohlgesinnte Leserin wundern?

    Nun, verweilen wir vorerst noch ein wenig beim Klischee (vgl. KW 33), bevor wir beim nächsten Mal dem absoluten Klassiker begegnen.

    "Künstler müsste man sein!" Diese Phrase ist ebenso verbreitet wie vieldeutig - und der Ausgangspunkt des Beitrags dieser Woche.

    Die Phrase kann sowohl Be- als auch Verwunderung zum Ausdruck bringen, manchmal gar Abwertung.

    Damit ist sie für diese Reihe prädestiniert, obwohl es sich wieder einmal um keine explizite Frage handelt.

    Mit positiver Intention verkündet, offenbart die Phrase ein verklärtes Bild vom KünstlerInnendasein: grenzenlose Freiheit, absolute Selbstbestimmung, maximale Zufriedenheit und Erfüllung.

    Mit negativem Beigeschmack kommuniziert sie vor allem eines: Unverständnis - und in Konsequenz meist die Abwertung der Kunst oder gar des Künstlers / der Künstlerin selbst.

    Die Fragen, die sich nun stellen, sind:

    Inwieweit deckt sich das Klischee mit der Realität? Wie selbstbestimmt und frei sind Kunstschaffende tatsächlich? Macht Kunst glücklich und zufrieden?

    Schon Karl Valentin (1882-1948) brachte einen wesentlichen Aspekt der Kunst pointiert auf den Punkt: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit."

    Nicht nur der kreative Prozess kann mitunter langwierig und mühsam sein, vor allem ist es das ganze Drumherum.

    Wie bei jedem anderen Selbständigen auch fallen bei der Profession des Künstlers / der Künstlerin Tätigkeiten an, die wenig mit dem "Kerngeschäft" zu tun haben, aber dennoch erledigt werden wollen (wie Akquise, Marketing, Einkauf, Organisation, Buchhaltung).

    Da die meisten Künstler /-innen nicht allein von ihrer Kunst leben können (vgl. KW 26), sind sie durch das Zubrot durch mehr oder minder selbstbestimmte Jobs angewiesen.

    Zwar gibt es Stipendien, Preise, die Möglichkeit der Projektförderung, Sponsoren und Mäzene, doch deren Anzahl ist begrenzt.

    Genauso übrigens wie die Verfügbarkeit von Galerist /-innen, die nicht nur die Bilder, sondern auch die Interessen des Künstlers / der Künstlerin vertreten, und ihm/ihr damit viel Arbeit abnehmen.

    Neben der monetären bleibt zudem nicht selten auch die ideelle Anerkennung verwehrt (sei es in Form von Ruhm und Ehre oder auch nur durch positives Feedback).

    Können Kunstschaffende
    vor diesem Hintergrund überhaupt glücklich und zufrieden sein?

    Es hat zumindest den Anschein. Eine Studie,
    die 2012 vom Deutschen Wirtschaftsinstitut veröffentlicht wurde, zeigt, dass sie mit ihrer Arbeit glücklicher sind als Menschen in anderen Berufen. Und das, obwohl sie im Schnitt deutlich weniger verdienen und weitaus mehr arbeiten.

    Tatsächlich sind sie umso zufriedener, je mehr sie arbeiten.

    Die Verfasser der Studie erklären diesen für viele paradox erscheinenden Sachverhalt damit, dass Künstler/-innen aus ihrer Tätigkeit selbst einen sehr viel größeren Nutzen ziehen als aus dem Geld, das sie damit verdienen.

    Insofern scheint zumindest ein Aspekt bestätigt zu sein: Kunst macht glücklich. Für alles andere gilt: Oft mehr Schein als Sein.

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  • Kunstwahn?
  • KW 33: Kunstwahn?
    [Fragen zur Kunst (9/11)]

    Für viele stellt sich die Frage dieser Woche erst gar nicht. Der Sachverhalt wird als gegeben vorausgesetzt, das Klischee will es so: Alle Künstler /-innen haben einen Spleen, sind Spinner oder sonst wie verrückt.

    "So wie die Verrücktheit, in einem höheren Sinn, der Anfang aller Weisheit ist, so ist Schizophrenie der Anfang aller Kunst," schreibt Hermann Hesse (1877-1962) in seinem "Steppenwolf".

    Unweigerlich taucht das Bild von Vincent van Gogh (1853-1890) auf, der sich zunächst sein Ohr und später dann (vermutlich) auch noch seinen Lebensfaden abschnitt.

    Doch ist dem so? Sind
    alle Künstler/-innen "verrückt"?

    Tatsächlich gibt es Hinweise dafür, dass sich die Persönlichkeitsprofile von sehr kreativen und wenig kreativen Menschen unterscheiden.

    Kreative (wie Künstler, Autoren, Wissenschaftler und ihre Kolleginnen) kennzeichnet tendenziell eine hohe intrinsische Motivation, stark ausgeprägte Neugier, Offenheit und Flexibilität, eine gute Konflikt-, Frustrations- und Ambiguitätstoleranz,
    die Fähigkeit zur kontrollierten Regression sowie ein hohes Maß an Unabhängigkeit.

    Keineswegs Eigenschaften, die das Auftreten einer psychischen Störung begünstigen, eher im Gegenteil.

    Wenn es nun aber um die emotionale Stabilität geht, scheiden sich offenbar die Geister. Während Wissenschaftler /-innen eher über ein hohes Maß an emotionaler Stabilität verfügen, findet sich bei Künstler /-innen und Schriftsteller /-innen die gegenläufige Tendenz.

    Eine groß angelegte Studie aus Schweden zeigt darüber hinaus, dass zwischen verschiedenen Störungen differenziert werden muss (Simon Kyaga et al.: Creativity and mental disorder. In: British Journal of Psychiatry, Nov. 2011, 199: 373-379.)

    Untersucht wurde, ob 300.000 psychisch Kranke (sowie ihre Verwandten) verstärkt kreativen Berufen nachgehen.

    Menschen mit einer einfachen (unipolaren) Depression zeigten keine "Auffälligkeiten": Ihre Vorliebe für kreative Berufe war nicht größer als beim Durchschnitt.

    Anders Patient/-innen mit einer bipolaren Störung, bei der sich Phasen der Manie und der Depression abwechseln: Sie waren überdurchschnittlich häufig als Künstler/-in oder Wissenschaftler/-in tätig.

    Unter Schizophrenie- Patient/-innen fanden sich
    ebenfalls viele bildende Künstler/-innen, allerdings nur wenige Wissenschaftler/-innen.

    Ist das Klischee damit bestätigt?

    Keineswegs, denn die befragten Verwandten zeigten vergleichbare Auffälligkeiten in der Berufswahl, ohne jedoch an einer psychischen Störung erkrankt (gewesen) zu sein.

    Außerdem bleiben all jene Kreative unberücksichtigt, die im Laufe ihres Lebens nicht an einer psychischen Störung erkranken.

    Bedacht werden muss letztlich auch, dass die Prävalenz für manche psychische Störungen erstaunlich hoch ist.

    So erleiden beispielsweise 16 bis 20 Prozent aller Menschen zumindest einmal im Laufe ihres Lebens eine klinisch relevante Depression. Davon sind längst nicht alle außergewöhnlich kreativ.

    Wir wären gut daran beraten, unsere Klischees (und Stigmata) zu hinterfragen. Sowohl jene für Kreative, als auch jene für psychisch Kranke.

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  • Kunstpreis?
  • KW 32: Kunstpreis?
    [Fragen zur Kunst (8/11)]

    Selbst wenn ein Bild gefällt, kann sein Preis zum Stein des Anstoßes werden. Mitunter wird dann die Frage, "Ist da eine Null zu viel?" (oder zwei oder drei) in den Raum geworfen.

    Selbstredend handelt es sich auch hierbei selten um eine ernst gemeinte Frage, wie an dem meist mitschwingenden bissigen Unterton leicht herausrauszuhören ist.

    Dennoch widmet sich der Beitrag dieser Woche ganz ernsthaft der Frage, wie der Preis eines Kunstwerks bestimmt wird?

    Tatsächlich unterliegt die Preisgestaltung in der Kunst niemals nur den üblichen Marktprinzipien (wie Angebot und Nachfrage, Umlage der Kosten für Material, Personal und Produktion).

    Das macht die Preise weniger nachvollziehbar. Manchmal erscheinen sie gar als willkürlich und werden dann schnell als übertrieben eingestuft.

    Wenn über Preise in der Kunst berichtet wird, handelt es sich meist um die Vermeldung erzielter Rekordsummen bei Kunstauktionen.

    Eine verbreitete und durchaus verständliche Reaktion darauf: verständnisloses Kopfschütteln.

    Nachvollziehbarer wird die Preisgestaltung hierdurch jedenfalls nicht.

    Dabei gibt es bereits seit Zeiten des Impressionismus einen bis heute gängigen Versuch, die Preise für Kunst mit einer einfachen Formel zu objektivieren:

    Mensch addiere Höhe und Breite eines Werkes und multipliziere mit dem individuellen Faktor XYZ. Schon ergibt sich der Preis für ein Werk.

    Entscheidend ist nun die Bestimmung des für eine/-n Kunstschaffende/-n geltenden Faktors.

    Keine Frage: Der zu multiplizierende Faktor bietet jede Menge Spielraum für Willkür, Bauchgefühl und subjektive Bewertung.

    Es spielen aber auch eine Reihe nachvollziehbarer Kriterien eine Rolle wie etwa die Ausbildung, die verwendeten Materialien, bisherige Ausstellungen und die Resonanz darauf, die Präsenz in den Medien und die Preisentwicklung bei bisherigen Verkäufen.

    Darüber hinaus gibt es ein paar ungeschriebene Gesetze:

    _Preise für die Arbeiten eines/r Kunstschaffenden fallen nie, idealerweise steigen sie (und damit auch der Faktor) im Laufe der Zeit.
    _Sonderangebote sind ebenso verpönt wie 90- oder 99-Cent-Preise.
    _Werke eines/r Kunstschaffenden haben bei gleicher Größe den gleichen Preis, unabhängig von der Qualität der Arbeit.

    Zum Abschluss ein kleines illustres Beispiel: Gerhard Richter wurde zu Beginn seiner Karriere mit einem Faktor von maximal 10 gehandelt. Heute liegt er im hohen fünfstelligen Bereich

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  • Kunstverstand?
  • KW 31: Kunstverstand?
    [Fragen zur Kunst (7/11)]

    Kommen wir unweigerlich zurück auf die populär gewordene Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? (vgl. KW 25)

    Gerne wird in diesem Zusammenhang die ein oder andere Anekdote über versehentlich zerstörte Kunstwerke von Joseph Beuys (1921-1986) erzählt.

    Wie etwa ein Hausmeister an der Kunstakademie in Düsseldorf die aus fünf Kilogramm Butter bestehende "Fettecke" des Kunstmeisters entfernte.

    Zugegebenermaßen fällt die Verortung von Kunst heute ungleich schwerer als noch vor 100 Jahren.

    Eine schier unendliche Fülle an Positionen und Perspektiven, Stilen, Medien und Materialien macht vor allem eines deutlich, nämlich dass es die eine „wahre“ Kunst nicht gibt.

    Als Kasimir Malewitsch (1879-1935) 1914 sein erstes „Schwarzes Quadrat“ malte (vgl. KW 14), brach er mit so ziemlich allen die Kunst knechtenden Konventionen. Immerhin: Er blieb Pinsel, Farbe und Leinwand treu.

    Anders Marcel Duchamp (1887-1968), der etwa zur selben Zeit den Kunst- Begriff vollends auf den Kopf und infrage stellte. Für seine Ready-mades erhob er konkrete Gegenstände zur Kunst, manchmal ohne sie überhaupt zu verändern. So wurde beispielsweise aus einem Urinal eine „Fontäne“.

    In seiner Radikalität ist dieser „Angriff“ auf die „ehrwürdige“ Kunst kaum zu übertreffen. Danach war jedenfalls nichts mehr wie zuvor.

    Das Profane und Banale zog immer häufiger in die Kunstwelt ein. Das Objet trouvé, das vorgefundene Objekt, wurde von Dadaisten und Surrealisten kultiviert, das Alltägliche von der Pop Art zelebriert.

    Andy Warhol (1928-1987), der Prophet des Profanen, machte keinen Unterschied zwischen den Dingen, die für ihn abbildenswert waren. Ob Mao, Marilyn, Mercedes oder Micky Maus: „All is pretty“, war seine Devise.

    Auch Joseph Beuys verwendete Dinge des Alltags. Neben Fett waren Honig, Filz und Kupfer seine bevorzugten Utensilien.

    Allerdings transformierte er sie. Der "Belanglosig- keit" Duchamps stand er kritisch gegenüber. "Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet" ist daher 1964 der Titel einer seiner bekanntesten Aktionen.

    Duchamp hatte nicht nur den Kunstbegriff infrage gestellt. Zuletzt hatte er sich auch zunehmend vom Kunstbetrieb zurückgezogen, um sich dem Schachspielen zu widmen.

    Bei Warhols (bekannteren) Werken wird selten die eingangs erwähnte Frage aufgeworfen. Trotz oder gerade wegen ihrer Beliebigkeit hat sich die Pop Art landläufig als "Kunst" etabliert. Beuys hingegen gilt oft noch immer als sperrig, schwer vermittelbar und wenig massentauglich.

    Dabei haben Beuys und Warhol einander durchaus geschätzt - auch wenn sie meist als "idealtypische Gegenspieler" angesehen werden. Beuys erkannte Warhols revolutionäres Element. Warhol seinerseits war der Überzeugung, Beuys solle in die USA kommen und dort Präsident werden.

    Vielleicht dauert es noch weitere 100 Jahre, bis auch Joseph Beuys' Arbeiten und Ideen bei der Masse ankommen. Ich jedenfalls bin überzeugt, dass er uns noch immer viel zu sagen hat - genauso wie Warhol und Duchamp.

    Die konservierten Überreste von Beuys' Fettecke sind übrigens vor kurzem im Rahmen einer Kunstaktion zu Schnaps destilliert und verköstigt worden. Und auch hier scheiden sich die Geister, ob dies denn Kunst sei, womit sich der Kreis wieder einmal schließt.

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  • Kunstschluss?
  • KW 30: Kunstschluss?
    [Fragen zur Kunst (6/11)]

    "Was soll das denn sein? - Ich kann überhaupt nichts erkennen! - Ist das Bild überhaupt schon fertig?"

    Auch solche Fragen muss sich die Kunst gefallen lassen. Denn nicht immer gefällt, was zu sehen ist. Und manchmal soll auch gar nichts zu erkennen sein. Abstrakte Kunst zum Beispiel hat gar nicht erst den Anspruch, die reale Welt abzubilden.

    Kunst will auch nicht um jeden Preis gefallen. Eine wichtige Funktion von Kunst ist, mit gewohnten Sehweisen zu brechen, um zu irritieren, zu verstören, vielleicht sogar aufzurütteln – und neue Perspektiven zu eröffnen.

    Daher sind viele Künstler/-innen, die inzwischen längst in den Olymp aufgestiegen sind, zunächst oder zeitlebens auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen.

    Kunstdrucke von Claude Monet (1840-1926) finden sich heute im Discounter um die Ecke. Anfangs galt der Impressionismus jedoch als Schmiererei. So lebte Monet lange Zeit am Rande des Existenzminimums. Erst Ende des 19. Jahrhunderts fanden seine Werke nehmend Anerkennung und Abnehmer.

    Den Begriff Impressionismus prägte übrigens der Journalist, Autor und Maler Louis Leroy (1812-1885). 1874 veröffentlichte er einen abschätzigen Artikel über eine Ausstellung in Paris. Unter den rund 30 beteiligten Künstlern waren auch Auguste Renoir, Paul Cézanne, Edgar Degas und eben Claude Monet.

    Monets Bild Impression soleil levant war der Aufhänger für Leroys Veriss mit dem Titel „Ausstellung der Impressionisten“. Zu dem konkreten Bild schrieb er: „Der Entwurf eines Tapetenmuster ist ausgereifter als dieses Seestück.“

    Die Malweise der Impressionisten galt nach gängigem Kunstverständnis als unvollkommen, unfertig. Heute hingegen stellt der Impressionismus eine bedeutende Epoche der Kunstgeschichte dar.

    Die Frage wann ein Bild fertig ist, muss also jede/-r Künstler/-in zunächst einmal für sich selbst beantworten. Wenn ein Bild ausgestellt wird, kann davon ausgegangen werden, dass es aus subjektiver Sicht des/der Schaffenden vollendet ist.

    Wenn der betrachtenden Person diese Erkenntnis verwehrt bleibt, empfehle ich: Weitermachen! Bild nachmalen und komplettieren! Vielleicht ergibt sich daraus wiederum eine neue Perspektive.

    Zum Abschluss noch eine kleine Anekdote über Kurt Schwitters (1887-1948), die Raoul Hausmann (1886-1971) erzählte:

    Unter einem apfelgrünen Abendhimmel, vor einem hohen schwarzen Bahndamm brannte eine kümmerliche Straßenlaterne.(...) Da stand eine Statue, eine Frau mit vorgestreckten Armen, darüber ausgebreitet Hemden und andere Wäsche.(...)

    Auf dem Boden kniete ein Mann, umgeben von Schuhen, Kleidungsstücken, vor einer Handtasche voll Papieren, wie den Eingeweiden eines geschlachteten Tieres. Er hantierte mit Schere und einer Tube Klebstoff auf einem Stück Karton. Die beiden Personen waren Kurt und Helma Schwitters.(...)

    Im Nahekommen fragte ich: "Kurt, was tust du da?" Schwitters blickte von unten auf, antwortend:

    "Es ist mir eingefallen, daß ich noch schnell in mein Klebebild 30B1 ein Stückchen blaues Papier in die linke untere Ecke einfügen muß, ich bin gleich fertig."

    [aus: Raoul Hausmann: Am Anfang war Dada. Hrsg.: Karl Riha & Günter Kämpf. Gießen: Anabas]

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  • Kunsthandwerk?
  • KW 29: Kunsthandwerk?
    [Fragen zur Kunst (5/11)]

    Auch dieses vermeintliche "Bonmot" taucht in der Regel als Ausruf mit ironischem Unterton auf:
    "Malen will gelernt sein!"

    Die Wendung ist keineswegs auf den Bereich der Kunst beschränkt. Wir begegnen ihr immer dann, wenn jemand seinen Unmut, seine Kritik auf herablassende und degradierende Art zum Ausdruck bringen möchte.

    Inhaltlich knüpfen wir nahtlos am Beitrag der letzten Woche an: Kommt Kunst von Können? Kann Kunst also gelernt werden?

    Selbstverständlich gibt es Kunsthochschulen. Die erste Europas, die Accademia, wird 1563 in Florenz auf Initiative von Cosimo I dei Medici (1519-1574) gegründet.

    Kein geringerer als Michelangelo Buonarroti (1475-1564) wird neben Cosimo zum ersten Präsidenten ernannt - auch wenn er zu dieser Zeit gar nicht in Florenz, sondern in Rom weilt.

    Michelangelo selbst hatte ab seinem 14. Lebensjahr eine künstlerische Ausbildung genossen. Doch hätte sie gereicht, um ihn zu dem "Genius" zu machen, der er war? Vermutlich nicht. Schließlich war er nicht der einzige gelernte Bildhauer und Maler seiner Zeit.

    Es gehört eben doch ein bisschen mehr zum KünstlerInnendasein:

    Talent und Ideenreichtum, Vision und Willenskraft, Ausdauer und Disziplin, eine gesunde Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstzweifel, der Mut, mit Konventionen zu brechen, die Bereitschaft, sich inspirieren und sich zugleich nicht beirren zu lassen, sind essentielle Ingredienzien des Musencocktails.

    Andererseits ist eine Ausbildung nicht zwingend erforderlich, um als KünstlerIn Bedeutendes zu schaffen - und auch erfolgreich zu sein.

    Das teuerste Kunstwerk aller Zeiten ist derzeit ein Triptychon von Franics Bacon (1909-1992). 2013 wurde es für 106 Millionen Euro versteigert. Bacon war Autodidakt - und glücklicherweise auch schon zu Lebzeiten vom Erfolg gekrönt.

    Auf die Frage, ob mensch Kunst lernen kann, können wir also wie so oft im Leben mit einem entschiedenen "Jein" antworten.

    Dass uns diese Frage nach der künstlerischen Befähigung überhaupt so sehr umtreibt, mag an einem linguistischen Missverständnis liegen.

    Wie in der letzten Woche aufgezeigt, hat die Verknüpfung "Kunst kommt von Können" eine lange Tradition. Ursprünglich lag der Kunst jedoch ein anderes Verständnis zugrunde.

    Im Rahmen seiner etymologischen Studie kommt Wilhelm Kufferath von Kendenich (*1939) nämlich zu dem Schluss: Kunst kommt von Wissen, nicht von Können.

    Um die Verwirrung komplett zu machen, schließe ich mit einem Zitat von Pablo Picasso (1881-1973):

    Als Kind
    ist jeder
    ein Künstler.
    Die Schwierigkeit
    liegt darin,
    als Erwachsener
    einer zu bleiben.

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  • Kunstfertigkeit?
  • KW 28: Kunstfertigkeit?
    [Fragen zur Kunst (4/11)]

    Seltener als Frage, sondern meist als ironisch gemeinter Ausruf kommt diese „Stilblüte“ der Kunstkritik daher:
    "Kunst kommt von Können!"

    Kurz und knapp wird damit zum Ausdruck gebracht, dass ein Kunstwerk und seinE ErschafferIn zumindest mit Skepsis, wenn nicht gar mit Abweisung bedacht werden.

    Die Wendung hat bereits mehrere Kunstepochen überdauert: Verbrieft ist sie laut Wikipedia erstmals in Johann Leonhard Frischs "Teutsch-Lateinischem Wörter-Buch" von 1741.

    1894 ergänzt der seinerzeit erfolgreiche Bühnenautor Ludwig Fulda (1862-1939): "Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieß es 'Wulst'“.

    Was nach einst gängigen Kriterien zutreffend gewesen sein mag, hat heute längst an Gültigkeit verloren.

    Jemand, der/die mit meisterlicher Kunstfertigkeit zu Werke geht, muss noch lange kein/-e Künstler/-in sein. Und bedeutsame Kunstwerke kann auch schaffen, wer über keine Ausbildung oder keine ausgefeilte Technik verfügt.

    Die Bedeutung von Kunst, die Qualität eines Werkes hängt von vielen Faktoren ab, nicht allein von der Qualität der Ausführung.

    Kunst lebt von der Idee, ihrer Umsetzung, ihrer Wirkung.

    Kunst berührt und empört, Kunst schmiegt sich und eckt an, Kunst gibt Antworten und Fragen zugleich, Kunst will und soll, und meistens ist sie einfach nur.

    „Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen.“, ist daher eine viel treffendere Formulierung. Sie geht zurück auf den Komponisten Arnold Schönberg (1874-1951).


    Sowohl Ludwig Fulda, als auch Arnold Schönberg wurden 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste in Berlin ausgeschlossen. Allerdings nicht wegen ihrer künstlerischen Leistung, sondern wegen ihrer jüdischen Abstammung.

    Schönberg immigrierte rechtzeitig in die USA, Fulda verpasste den Absprung. 1939 nahm er sich das Leben.

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  • Sprachkunst?
  • KW 27: Sprachkunst?
    [Fragen zur Kunst (3/11)]

    Wenn es um die Betrachtung eines Kunstwerks geht, taucht schnell die Frage auf, was will uns der/die Künstler/-in damit sagen?

    Lapidar formuliert drückt sie meist Unverständnis, manchmal auch Abwertung aus.

    Grundsätzlich ist die Frage nach der Intention des Kunstschaffenden legitim.

    In gewisser Weise zollt sie ihm/ihr auch Respekt: Die Deutungshohheit obliegt dem/der Künstler/-in.

    Sie ist aber bei weitem nicht der einzige Weg, sich ein Kunstwerk zu erschließen.

    Die Vorstellung, der/die Künstler/-in lege eine einzig wahre Bedeutung in sein/ihr Werk, fußt auf einem veralteten Kommunikationsmodell.

    Aspekte wie Biografie, Entstehungskontext, Schaffensperiode, unbewusste Anteile, Materialwahl, (kunst-) historische Verortung, Präsentation, Rezension und Wirkung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Nicht nur aufseiten des Kunstschaffenden.

    Mindestens genauso spannend wie die Frage: "Was will uns der/die Künstler/-in mit dem Kunstwerk sagen?", ist die Frage: "Was will mir das Kunstwerk sagen?".

    Das erfordert allerdings die Offenheit, sich weitgehend vorurteilsfrei einzulassen.

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  • Lebenskunst?
  • KW 26: Lebenskunst?
    [Fragen zur Kunst (2/11)]

    Vincent van Gogh
    (1853- 1890) verkaufte
    zu Lebzeiten lediglich
    ein Bild. Heute erzielen seine Werke Rekordpreise.

    Wie auch die Arbeiten von Jeff Koons (*1955). 2013 wurde einer seiner „Balloon Dogs“ für 58,5 Millionen Dollar versteigert.

    Der Unterschied: Jeff Koons lebt – und offensichtlich sogar sehr gut von seiner Kunst. Vincent van Gogh hingegen war auf die finanzielle Unterstützung seines Bruders angewiesen.


    Die Frage, ob ein/-e Künstler/-in von der Kunst leben kann, interessiert viele. Dementsprechend oft wird danach gefragt.

    Obwohl der Sachverhalt wenig über die Qualität der Werke aussagt.

    Und die Antwort in den meisten Fällen sowieso „Nein.“ lautet. Nur zwischen fünf und zehn Prozent der bildenden Künstler/-innen in Deutschland können allein vom Verkauf ihrer Arbeiten leben.

    So gesehen ist die Frage eine rhetorische. Und unverfroren noch dazu.
    Wer sonst wird derart direkt nach Gehalt und Lebensstandard befragt?

    Künstler/-in sein heißt, Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Wem es gelingt, sich mit prekären Lebensumständen zu arrangieren und trotz der Notwendigkeiten des Alltags kontinuierlich Zeit und Muße für die Kunst zu finden, hat viel erreicht.

    Relevant ist also nicht die Frage: "Können Sie von Ihrer Kunst leben?", sondern vielmehr: "Können Sie für Ihre Kunst leben?". Nur dann nämlich kann Kunst entstehen.

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  • Fragen zur Kunst
  • KW 25: Fragen zur Kunst

    Auf einmal stand sie im Raum, die Frage,

    Ist das Kunst
    oder kann das weg?


    Und eh wir uns versahen, hatte sie sich zu einem geflügelten Wort entwickelt, selbst wenn der zitatgebende Banause unbekannt blieb.

    Inzwischen findet sie sich auf Postkarten, Taschen, Tassen, T-Shirts, Kühlschrankmagneten und was weiß ich noch wo.

    Selbst in Presse und Blogs hat sie sich zu einer beliebten Headline gemausert.

    Viele scheint sie zu amüsieren, diese Frage nach der Kunst.

    Insgeheim drückt sie auch ein Unverständnis, mitunter gar eine Ablehnung gegenüber moderner Kunst aus.

    Es ist nicht die einzige vor Ambivalenz triefende Frage an die Kunst.

    In den nächsten Wochen gebe ich an dieser Stelle Antworten auf einige Klassiker wie etwa:

    - Kann man von
      der Kunst leben?

    - Was will uns der
      Künstler damit sagen?

    - Kommt Kunst von Können?

    - Kann ich das auch?

    Das Ganze garniere ich mit einer Retrospektive meiner malerischen Anfänge, also Bilder die ich zwischen meinem 12. und 18. Lebensjahr gemalt habe. Könnte spannend werden.

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  • Urgrund
  • KW 24: Kriege re-kapitulieren

    2014 steht ganz im Zeichen des Krieges: 100 Jahre Beginn Erster Weltkrieg, 75 Jahre Beginn Zweiter Weltkrieg. Weltweit werden unzählige Veranstaltungen, Ausstellungen und Beiträge ihrer beider gedenken.

    Der Schatten beider Kriege ist auch heute noch so groß, dass sie selbst die Feiern zum Fall der Berliner Mauer in denselben stellen werden. Immerhin ein Vierteljahrhundert ist (am 9.11.2014) seitdem vergangen.

    Möglicherweise sitzt der Schrecken beider Kriege noch immer tief – auch wenn die meisten von uns weder den Zweiten, geschweige denn den Ersten bewusst miterlebt haben.

    Wie sonst aber wäre zu erklären, dass wir gut und gerne ausblenden, dass Krieg keineswegs Historie ist? Er ist Realität und Alltag. Wenn auch nicht direkt vor unserer Tür.

    Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung zählte in seinem Konfliktbarometer 2013 414 politische Konflikte, darunter 45 "hochgewaltsame Konflikte", von denen wiederum
    20 als "Kriege" eingestuft werden.

    Viele dieser Konflikte dauern an, manche bereits seit mehreren Jahrzehnten. Wer wird derer im "Kriegsjahr 2014" gedenken?

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  • πr²
  • KW 23: Kreise ziehen

    „Ich würde gerne Werke schaffen, die so selbstverständlich sind wie sich rhythmisch wiegendes Schilf oder der immer wiederkehrende Wellenschlag am Strand.“ (Ad Dekkers, 1967)


    Der niederländische Bildhauer Ad Dekkers (1938-1974) wollte Kunst schaffen, die keiner Erklärung bedarf, die für sich selber steht und wirkt, ohne sich der „Illusion“ zu bedienen.

    Ad Dekkers strebte nach reiner Wahrheit und absoluter Harmonie. Und zeitlebens versuchte er ein Gleichgewicht herzustellen – in seinen Arbeiten, in deren Wirkung auf den Betrachter – und nicht zuletzt auch in sich selbst.

    Elementare geometrische Formen, allen voran Kreis und Quadrat, der Ausdruck über Fläche und Linie und die Reduzierung der Farbigkeit bestimmen ab 1960, als er beschließt, sich ganz der bildenden Kunst zu widmen, zunehmend sein Werk.

    Anfangs ist er stark von Piet Mondrian (1872-1944), Ben Nicholson (1894-1982) und Hans Arp (1896-1966) inspiriert. Im Laufe seines Schaffens findet er seine eigene „Formsprache“ und kommt vor allem in seinen Reliefs dem eigenen Ideal immer näher.

    Dennoch plagen ihn Zweifel. Daran kann auch die zunehmende Anerkennung als Künstler nichts ändern. Er stellt in Paris, London, São Paulo, New York und natürlich in den Niederlanden aus. 1968 ist er bei der Documenta in Kassel vertreten.

    Zwischen 1967 und 1973 entstehen fast nur noch monochrom weiße, gelegentlich schwarze Werke. Ab 1973 stellt er sich erstmals wieder dem „komplizierenden Faktor“ der Farbe, allerdings beschränkt auf die Primärfarben Rot, Gelb und Blau.

    In den wenigen Jahren seines Lebens entstehen Zeichnungen, Skulpturen und Reliefs von zeitloser Eleganz, schlichter Schönheit und bescheidener Zurückhaltung.

    In seiner Kunst ist Ad Dekkers das Gleichgewicht schließlich gelungen. In sich hat er es nicht gefunden. Am 27. Februar 1974, kurz vor seinem 36. Geburtstag, nimmt er sich das Leben.


    Das Bonnefanten Hedge House, gelegen im limburgischen Wijlre, 20 Kilometer östlich von Maastricht, bietet noch bis zum 29.6.2014 die seltene Gelegenheit, das Werk Ad Dekkers in natura kennenzulernen.

    Weitere Infos unter www.hedgehouse.eu

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  • Tischtetris?
  • KW 22: Klötze kleckern

    Wenn ich zum 30. Geburtstag von Tetris dessen Geschichte erzählen wollte, würde ich versuchen, mit 1.600 Zeilen auszukommen.

    Denn genau so viele Zeilen hatte die erste für den PC adaptierte, in Pascal programmierte Version dieses legendären Computerspiels.

    Für einen Programmierer sind 1.600 Zeilen ein Witz; heutige Spiele kommen nicht selten auf weit über eine Million Zeilen Quellcode.

    Andererseits entsprechen 1.600 Zeilen in einem bekannten Programm zur Textverarbeitung bei 1,5-fachem Zeilenabstand und einer Schriftgröße von 12 Punkt etwa 47 DIN-A4-Seiten.

    Für das Erzählen einer Geschichte gar nicht wenig, doch birgt dieses kleine Spiel jede Menge Handlungsstränge und Spannungskurven in sich:

    Da ist zum einen die Erfolgsgeschichte des Spiels selbst, ein Erfolg, der bis heute anhält:
    Ab Mitte der 1980er erobert Tetris von der Russischen Akademie der Wissenschaften aus die ganze Welt. 2014 wurde die Marke von 425 Millionen bezahlter Smartphone- Downloads geknackt.

    Da ist zum anderen die Erfolgsgeschichte seines Erfinders, Alexei Paschitnow (*1956), der lange warten musste, bis auch er vom kommerziellen Erfolg profitiert hat. Denn die Einnahmen fließen zunächst in die Staatskasse der UdSSR. Heute lebt er nach eigener Aussage ganz gut von seiner genialen Erfindung.

    Da ist außerdem der langwierige Lizenzstreit zwischen den damaligen Global Playern der Spiele- und Konsolenindustrie (allen voran Atari, Maxwell und Nintendo), der mehr als eine Firma ins Straucheln brachte.

    Und letztlich sind da noch die persönlichen Geschichten der weiteren Tetris-Entwickler und -Programmierer, die dsa Spiel für den PC adaptierten und nach und nach optimierten.

    Von den meisten wie etwa Mikhail Potyomkin und Mikhail Kulagin ist wenig bekannt. Einzig Vadim Gerasimov (*1969) ist noch im Netz zu finden. Er arbeitet heute bei Google Australia. Von der Legendenbildung rund um das Spiel sind sie allesamt ausgeklammert worden.

    Auch von Paschitnows engstem Kollegen an der Akadamie, Dmitri Pawlowski (1954- 1998), der mit diesem auch nach der Entwicklung von Tetris eng zusammenarbeit, ist wenig überliefert - außer sein tragisches Ende: 1998 bringt er zunächst seine Frau und seinen 12-jährigen Sohn um, anschließend sich selbst.

    Jede Menge Bausteine also für eine spannende Geschichte, die vielleicht ein anderer an anderer Stelle einmal erzählen wird.

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  • idiotisches Idiom
  • KW 21: Wer die Wahl hat

    400 Millionen Wahlberechtigte,
    28 Länder,
    751 Mandate,
    ein Parlament.

    Ende dieser woche wird das europäische Parlament gewählt. Binnen vier Tagen (vom 22. bis zum 25.5.) werden die Stimmen in den einzelnen Mitgliedsländern abgegeben.

    Eine organisatorische und logistische Herausforderung?

    Schon, aber ein Klacks im Vergleich zu:

    814,5 Millionen Wahlberechtigte,
    35 Bundesstaaten und Unionsterritorien,
    543 Mandate,
    ein Parlament.

    In der vergangenen Woche ist die umfangreichste Wahl in der Geschichte der Menschheit zu Ende gegangen.

    Fünf Wochen lang wurde in ganz Indien gewählt. 930.000 Wahllokale wurden eingerichtet, rund 1,4 Millionen Wahlmaschinen und etwa 6,6 Millionen Wahlhelfer waren im Einsatz.

    Das Ergebnis: In jedem Fall wurde der Wandel gewählt.

    Die seit zehn Jahren (in Koalition mit anderen Parteien) regierende Kongresspartei musste herbe Verluste einstecken.

    Aller Voraussicht nach wird Narendra Modi von der BJP der neue Premier Indiens – mit welchen Konsequenzen, wird sich erst noch zeigen.

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  • Von dem aus dem Morgenland
  • KW 20: Neuss, Deutschland

    Es ist vielleicht der schönste Kunstort in Nordrhein-Westfalen:

    Das Museum Insel Hombroich.

    Hier finden sich Werke von Corinth, Calder, Arp, Matisse, Yves Klein, Graubner, Schwitters und anderen,

    im Dialog mit fernöstlicher Kunst,

    einem Ausstellungskonzept
    von Gotthard Graubner (1930-2013) folgend

    in begehbaren Skulpturen
    von Erwin Heerich (1922-2004),

    eingebettet in eine von Bernhard Korte renaturierte Park- und Auenlandschaft,

    in der auch Anatol Herzfeld (*1931)
    sein Atelier hat.

    Alles in allem ein Gesamtkunstwerk, das wir der Initiative des Maklers und Kunstsammlers Karl-Heinrich Müller (1936-2007) verdanken.

    Wer noch nicht da war:
    Unbedingt hinfahren!

    Museum Insel Hombroich
    Minkel 2, 41472 Neuss
    www.inselhombroich.de

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  • Paukenmann
  • KW 19: Neuss' Deutschland

    "Deutschlands Kabarettist Nr. 1" (Der Spiegel, 1973) hat einiges dafür getan (oder vielmehr gelassen), dass sich sein Vermächtnis schon zu Lebzeiten ein wenig in Schall, vor allem aber in Rauch verflüchtigte.

    Wolfgang Neuss (1923-1989), der "Gagman" (Frankfurter Abendpost, 1949), der 1951 vor 20.000 Menschen in der Berliner Waldbühne auftrat, zog sich in den 1970er weitgehend zurück - vom Kulturbetrieb, vom öffentlichen Leben.

    Das "Ungeheuer von Loch Neuss" (taz, 1983) lebte fortan als "Philosoph und Mystiker" (AZ, München, 1973) in einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg und machte nur noch selten von sich reden.

    Obwohl der "Chef-Querkopf" (Die Zeit, 1966) auch im Alter seinen Biss nicht verloren hatte, selbst wenn er sich fortan meist als zahnloses, "zotteliges altes Weib" (Bunte, 1975) zeigte.

    Zum 25. Todestag (5.5.) des "ersten Staatsquerulanten" (Süddeutsche Zeitung, 1965) gibt es diese Woche einige seiner tiefgründigsten und aberwitzigsten Weisheiten - auf dass die Erinnerung an den Mann mit der Pauke nicht gänzlich verblasse:


    Ich bin kein Beispiel,
    ich bin ein Vorspiel.

    Heute mach ich mir kein Abendbrot, heute mach ich mir Gedanken.

    Stell Dir vor es geht
    und keiner kriegts hin.

    Ich bin der, vor dem mich meine
    Eltern immer gewarnt haben.

    Ich lache Tränen, heule Heiterkeit.

    Ich rauche den Strick,
    an dem ich sonst hängen würde.

    Kunst statt Krieg
    (heißt die Botschaft von meiner Hand).

    Der gesunde Menschenverstand
    ist reines Gift.

    Das Beharren auf Klarheit ist purer Aberglaube. Eine Sichtweise die nicht befremdet ist falsch.

    Nur wenn wir den Wahnsinn in dem wir leben lieben werden wir ihn los.

    Man muss das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen und die Verfassung
    vor ihren Schützern.

    Nicht im Tun liegt die Sache
    sondern im Lassen.

    Es gibt einen viel intimeren Kontakt als Beischlaf: Beidenken.

    Eine Frage schwirrt mir durchs Hirn: Kann man so geschickt schweigen, daß man verstanden wird?

    Meine Zeit ist gekommen, wenn die Welt wieder so zum Lachen ist, dass es sich lohnt, dritte Zähne anzuschaffen.

    Wir haben gar keine Chance nicht zu leben, wir leben immer. Man lebt nur ab, um zu leben, man lebt immer.

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  • Eine strahlende Zukunft?
  • KW 18: Verstrahlt

    Aus einem Physik-Schulbuch
    von 1966:


    Aber auch die Rückstände der kernenergetischen Stoffe senden gefährliche radioaktive Strahlen aus. Die Rückstände, Atommüll genannt, müssen daher unschädlich gemacht oder tief vergraben werden. Das ist ein besonders schwieriges Problem, das bis jetzt nur unbefriedigend zu lösen war.


    Aus dem Standortauswahlgesetz (StandAG) vom 23.7.2013:

    §1 (1) Ziel des Standortauswahl- verfahrens ist, (...) für die im Inland verursachten, insbesondere hoch radioaktiven Abfälle den Standort für eine Anlage zur Endlagerung (...) in der Bundesrepublik Deutschland zu finden, der die bestmögliche Sicherheit für einen Zeitraum von einer Million Jahren gewährleistet.

    §1 (3) Das Standortauswahlverfahren soll bis zum Jahr 2031 abgeschlossen sein.


    Aus einer Meldung der Bundesregierung vom 11.4.2014:

    Bundestag und Bundesrat haben sich über die Zusammensetzung der sogenannten Endlagerkommission verständigt. Sie soll bis 2015 Kriterien erarbeiten, auf deren Basis nach einem geeigneten Ort für die endgültige Lagerung radioaktiven Mülls gesucht werden kann.


    Aus dem Bauch heraus:

    Ein Endlager, das Sicherheit für eine Million Jahre bietet? Wer glaubt ernsthaft daran, einen solchen Ort finden oder konstruieren zu können?

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  • Unsinn macht Sinn
  • KW 17: Sprachspieler

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    Aus gegebenem Anlass:

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    Hans-Günter Kowalski, Garten- und Landschaftsbauer im Wittgensteiner Land, sucht ab sofort eine helfende Hand mit grünem Daumen.

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    Der Anlass, der gegeben:

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    Der 125. Geburtstag von Ludwig Wittgenstein (* 26.4.1889, † 29.4.1951), seines Zeichens (in quasi-chrono-logischer Reihenfolge) Ingenieur, Philosoph, Linguist, Soldat, Lehrer, Gärtnergehilfe, Innenarchitekt, Philosoph, Krankenpfleger, medizinisch- technischer Assistent, Philosoph.

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    Die Erkenntnis, die zugrunde liegt:

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    Was sich überhaupt sagen lässt,
    lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. (L. Wittgenstein, 1922: Tractatus logico-philosophicus).

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  • Foto: Graffito an der Bonner Viktoriabrücke
  • KW 16: Meister Macke

    Im April 1914 reisen die drei befreundeten Maler August Macke (1887-1914), Paul Klee (1879-1940) und Louis Moilliet (1880-1962) durch Tunesien.

    Oft wird von ihrer "legendären Tunisreise" gesprochen. Im "Spiegel" wird sie gar "neben Goethes Italienreise zur berühmtesten Reise der deutschen Kulturgeschichte" stilisiert.

    Macke und Klee sind während ihres Aufenthalts äußerst produktiv. Zahlreiche Skizzen und Bilder entstehen. "Ich habe heute schon sicher 50 Skizzen gemacht. Gestern 25. Es geht wie der Teufel, und ich bin in einer Arbeitsfreude, wie ich sie nie gekannt habe", schreibt August Macke am 10.4. an seine Frau.

    Für August Macke ist die Reise nach Tunesien zugleich seine letzte. Nur sechs Monate später stirbt er am 26.9.1914 als Soldat im zweiten Weltkrieg. Er hatte sich freiwillig gemeldet.

    In Bonn steht noch immer das Haus, in dem August Macke in seinen letzten drei Lebensjahren die meiste Zeit verbracht hat. Heute beherbergt es ein kleines Museum.

    Doch nicht nur das: In einem Radius von weniger als einem Kilometer um das Macke-Haus herum haben sich zahlreiche Kunstorte etabliert. Hier findet sich sozusagen die "kleine Bonner Museumsmeile".

    Gut erkunden lässt sie sich beim Macke-Viertel-Fest, das am 3. Mai 2014 stattfindet. Für all die, die bis dahin nicht warten wollen, folgt eine Liste mit allen aktuell bestehenden Orten:

    August Macke Haus
    Bornheimer Straße 96
    www.august-macke-haus.de

    Bonner Kunstverein / Artothek / Gesellschaft für Kunst und Gestaltung
    Hochstadenring 22-24
    www.bonner-kunstverein.de

    Künstlerforum Bonn
    Hochstadenring 22-24
    www.kuenstlerforum-bonn.de

    Kreuzung an St. Helena
    Bornheimer Str. 130
    www.kreuzung-helena.de

    Raum für Kunst und Natur
    Eifelstraße 22
    www.raum-fuer-kunst-und-natur.de

    Fabrik 45
    Hochstadenring 45
    www.fabrik45.de

    KULT 41
    Hochstadenring 41
    www.kult41.net

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  • Evermind
  • KW 15: Zwischen den Zeilen

    Ich weiß genau,

    was ich vor 20 Jahren gemacht habe,

    am 8. April 1994,

    an dem Tag,

    als Kurt Cobain tot aufgefunden wurde,

    und wie ich die Nachricht erfuhr,

    als ich nachts nach Hause kam

    und MTV einschaltete.

    Aber was spielt das für eine Rolle,

    wenn vielleicht wichtiger

    war und ist,

    was ich nicht gemacht habe

    und was ich nicht weiß,

    was ich nicht weiß.

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  • Nach dem Krieg...
  • KW 14: Zum Quadrat

    Eine "Ikone der neuen Kunst" nennt Kasimir Malewitsch (1879-1935) sein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. Vor hundert Jahren malt er die erste Version.

    Ein Jahr später stellt er das Bild neben anderen Arbeiten im neuen Stil in der "Letzten futuristischen Ausstellung" in St. Petersburg erstmals aus. Die Kritiken zeigen sich (zunächst) wenig begeistert.

    Doch nach der Oktoberrevolution 1917 wandelt sich das Klima in seiner russischen Heimat: Kasimir Malewitsch gilt nun als Vorreiter, der mit verschiedenen Posten bedacht wird, so etwa mit einer Professor an den „Freien staatlichen Kunstwerkstätten“ in Petrograd (Sankt Petersburg).

    Keine Zehn Jahre später jedoch wendet sich das Blatt wieder. Unter Stalin (1878-1953) fällt Kasimir Malewitsch in Ungnade - wie viele andere "Avantgardisten" auch.

    Malewitschs Stil, der "Suprematismus", gilt in offiziellen Kreisen immer weniger als "erhaben". Von seinem aktuellen Posten als Leiter des Kulturinstituts in St. Petersburg wird er entbunden.

    Da kommt die Beteiligung an der "Großen Berliner Kunstausstellung" (7.5. bis 30.9.1927) gerade recht. Mehr als 70 Bilder hat Kasimir Malewitsch im Gepäck, als er am 29.3.1927 in Berlin ankommt.

    Während seiner Zeit in Deutschland reist Malewitsch auch nach Dessau, um Kontakte zum Bauhaus zu knüpfen. Er könnte sich vorstellen zu bleiben. Vielleicht sogar als "Formmeister" neben so illustren Kollegen wie Lyonel Feininger, László Moholy-Nagy, Wassily Kandinsky und Paul Klee.

    Die Begegnung mit Walter Gropius, dem Bauhaus-Direktor, verschafft allerdings nicht die erhoffte Perspektive. Zu groß sind aus Gropius Sicht die Differenzen. Einzig eine Publikation von Malewitschs Schriften in der Bauhaus-Reihe wird vereinbart.

    Bis zum 5. Juni bleibt Kasimir Malewitsch in Deutschland; dann muss er aus unerfindlichen Gründen überstürzt abreisen. Seine Arbeiten lässt er zu Verwahrung in Berlin. Denn er möchte alsbald wiederkommen.

    Doch dazu kommt es nicht mehr. Sein Aufenthalt in Berlin im Frühjahr 1927 bleibt seine erste und letzte Auslandsreise überhaupt.

    Zurück in Russland arrangiert sich Kasimir Malewitsch mit den neuen Verhältnissen. Vielleicht tragen sie auch dazu bei, dass er zu einem figürlichen Stil zurückkehrt.

    Doch seine Stellung als Großmeister der russischen Avantgarde wird er zeitlebens nicht mehr wiedererlangen. Der "Sozialistische Realismus" fordert eine andere Kunst.

    1929 stellt er in der Moskauer Tretjakow Galerie dennoch eine Retrospektive auf die Beine. Dort, wo er 1915 erstmals sein Schwarzes Quadrat zeigte. Doch die Reaktionen sind überwiegend negativ.

    1935 stirbt Kasimir Malewitsch an einem Krebsleiden. Eine angemessene Würdigung in seiner Heimat wird ihm erst im Zuge der Perestroika wieder zuteil.

    Heute gilt sein Schwarzes Quadrat auf weißem Grund tatsächlich als Ikone der Modernen Kunst. Kaum ein anderes Bild hat die Kunst derart auf den Kopf gestellt.


    In der Bundeskunsthalle in Bonn sind in der Ausstellung "Kasimir Malewitsch und die Russische Avantgarde" bis zum 22.6.2014 mehr als 300 Arbeiten von Kasimir Malewitsch zu sehen.

    Auch im K20 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf wird Ende der Woche (4.4.) eine Ausstellung mit Arbeiten Malewitschs eröffnet. "Der weiße Abgrund Unendlichkeit" läuft bis zum 6.7.2014 und kombiniert Malewitsch mit Piet Mondrian (1872-1944) und Wassily Kandinsky (1866-1944).

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  • Was, Ser?
  • KW 13: Der Fluss des Schreibens
                              (4/4)

    Es ist nicht bekannt, ob Henry Mill diese Maschine jemals gebaut hat, die Wortwahl der Patentschrift ist da nicht ganz eindeutig. Auch ihre Beschreibung mag noch etwas vage anmuten.

    Dennoch: Mit diesem Patent ist die Idee der Schreibmaschine offiziell geboren. Und bis zu seinem Tod verbleiben Henry Mill noch mehr als fünf Jahrzehnte, eigentlich genug Zeit, seine Idee auch in die Tat umzusetzen.

    Zumal er bis ins hohe Alter sehr rüstig ist. Erst wenige Jahre vor seinem Tod erleidet er einen Schlaganfall, dessen Folgen ihn ein wenig beeinträchtigen.

    Dennoch lässt es sich Henry Mill nicht nehmen, weiterhin zu den wöchentlichen Meetings zu erscheinen. 1767 wird ihm Robert Mylne (1733–1811) als Assistent zur Seite gestellt. Henry Mill bleibt der Firma bis zu seinem Tod als Berater erhalten. Auch sein Gehalt wird ihm weiter gewährt.

    Henry Mill wird 88 Jahre alt. Er stirbt einen leisen Tod – abgesehen von einem kleinen Poltern, das seine Angestellten am frühen Morgen des 25. Dezembers 1770 vernehmen. Nachdem sein Frühstück, das sie ihm vor die Schlafzimmertür zu stellen pflegten, gegen Mittag noch immer unberührt ist, schöpfen sie Verdacht.

    Sie finden ihn bewusstlos auf dem Boden liegend. Der herbei gerufene Arzt kann nichts mehr für ihn tun. Am nächsten Morgen ist Henry Mill verstorben.

    Er wird am 7. Januar 1771 in einer Gruft in der Kirche zu Breamore, 160 Kilometer südwestlich von London, beerdigt. Vermutlich lebt dort seine Schwester, Mrs. Hubert, die nach eigener Aussage zwei Jahre älter und jünger als ihr Bruder ist, so ganz genau weiß sie das nicht mehr. Schließlich geht sie auch schon auf die Neunzig zu.

    Sie lässt ihrem Bruder zu Ehren im Nordflügel der Kirche eine Tafel mit einem Epitaph errichten. Seine Besitztümer werden am 18. April 1771 in London versteigert. Henry Mill hat keine Nachkommen. Er blieb unverheiratet.

    Er hinterlässt allerdings einige originelle Spielereien sowie mathematische, philosophische und zahlreiche mechanische Instrumente wie in seinem Testament bzw. dem Auktionskatalog vermerkt ist.

    Darunter möglicherweise auch sein Prototyp der Schreibmaschine. Was daraus geworden ist, ist nicht bekannt. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif für eine Maschine, mit der man schreiben kann wie gedruckt.

    Das würde erklären, warum heute nur noch wenig über Henry Mill bekannt ist. Schon 1779 beklagt James Nelson, dass das Andenken an seinen langjährigen Freund Henry Mill zunehmend verblasst. Für das Gentleman’s Magazine, einem seinerzeit beliebten Monatsmagazin, das von 1731 bis 1907 in London erschien, schreibt er 1779 eine Kurzbiographie.

    Darin betont er, dass die Annehmlichkeiten des fließenden Wassers in London in erster Linie dem Geschick und der Arbeit von Henry Mill zu verdanken sind. Was selbst Nelson nicht erwähnt: Auch die Idee der Schreibmaschine verdanken wir Henry Mill.

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  • Das Ziel:
  • KW 12: Der Fluss des Schreibens
                              (3/4)

    Henry Mill fällt früh durch sein technisches Geschick auf. Durch sein Studium vertieft er seine Kenntnisse in Mechanik und Hydraulik.

    Anschließend bekommt er einen Job bei der "New River Company“. Vielleicht ist seine entfernte Verwandtschaft zu Hugh Myddelton von Vorteil, vielleicht kann er aber auch einfach durch seine Kompetenz überzeugen. Sein erstes Patent meldet er immerhin schon 1706, also mit 23 Jahren, an.

    Anfangs ist Henry Mill als Ingenieur und Vermesser angestellt, später wird er zum Chefingenieur ernannt. Bis zu seinem Tod wird er diesen Posten bekleiden. Bis dahin wird aber noch viel Wasser die Themse und auch den „New River“ herunter fließen.

    Seinen Wohnsitz verlegt Henry Mill von Holborn an den „Strand“, jene Verbindungsstraße zwischen London und Westminster, die an der Themse verläuft. Er mietet die oberen zwei Etagen eines Hauses, in unmittelbarer Nähe zum Sumerset House.

    Von seinem Fenster aus hat er einen fantastischen Blick auf den Fluss, das rege Treiben der Schiffe, das Schwappen des Wassers, am Horizont die sanften Hügel der Surrey Hills. Ein Landhaus brauche er bei dieser Lage nicht, wird er später zu einem Freund sagen. Der Ausblick ist Entspannung genug. Ein weiterer Vorteil: Zum Büro ist es ebenfalls nicht weit, rund ein Kilometer.

    Als Ingenieur der „New River Company“ arbeitet Henry Mill unaufhörlich an einer Optimierung der Wasserversorgung. Der Kanal selbst und auch die Versorgungsleitungen von Islington werden zunehmend verbessert. Neue Brücken werden gebaut, Streckenabschnitte verlegt, das Röhrensystem effizienter gestaltet, zudem neue Ortschaften erschlossen.

    Er nimmt seine Arbeit sehr ernst, und ist dabei auch sehr erfolgreich. Die „New River Company“ entwickelt sich mit ihm und durch ihn zu einem florierenden Wirtschaftsunternehmen.

    Als Dank wird Henry Mill später sogar in Öl verewigt, in voller Lebensgröße, gemalt von keinem geringeren als Franics Cotes (um 1725 – 1770), dem angesagten Portraitmaler der 1660er. Das Bild hängt in der Firmenzentrale, in der Nähe der Blackfriars Bridge, die 1669 eröffnet wird, entworfen übrigens von John Mylne, dem Nachfolger von Henry Mill.

    Es ist eine Ironie des Schicksals, dass die Firmenzentrale der „New River Company“, dem Wasserversorger Nummer 1, in den 1670ern in Flammen aufgeht – mit ihr auch das einzige Bildnis von Henry Mill.

    Alles in allem lebt Henry Mill ein erfülltes Leben. Er bekleidet eine einträgliche und ehrbare Stellung, wohnt großzügig auf zwei Etagen in einem Haus an der Themse, in einer ziemlich noblen Gegend, leistet sich zwei Hausangestellte und auch den ein oder anderen Luxus.

    Nebenbei hat er Zeit für seine zahlreichen Ideen und Einfälle. Nach getaner Arbeit sitzt er in seiner Wohnung, blickt aus dem Fenster und lässt seine Gedanken schweifen.

    Er ist um die 30 als er eine Idee hat, die nicht nur Optimierung schafft, sondern etwas völlig Neues darstellt. Nicht den Fluss des Wassers, sondern den Fluss der Worte will er bändigen.

    Ihm schwebt eine Maschine vor, mit der jedermann schreiben kann, als wäre es gedruckt. Eine Maschine, mit der Gedanken und Worte sofort festgehalten werden können. Eine Druckmaschine für den Hausgebrauch sozusagen.

    1714 geht er mit dieser Idee an die Öffentlichkeit, er beantragt ein Patent, das ihm auch gewährt wird. In der Patentschrift wird festgehalten, dass er eine Maschine (oder Methode) erfunden und perfektioniert habe, mit der Buchstabe für Buchstabe in Papier oder Pergament gepresst werden könne, so sauber und exakt, dass kein Unterschied zu einem Druckerzeugnis festzustellen sei.

    Diese Abschrift sei eindrucksvoller und haltbarer als jedes andere (handschriftlich) verfasste Zeugnis, könne weder gelöscht, noch gefälscht werden, und sei damit von großem Nutzen für jede Gemeinde, insbesondere bei öffentlichen Niederschriften. [Fortsetzung folgt]

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  • Wortfluss
  • KW 11: Der Fluss des Schreibens
                              (2/4)

    London ist gegen 1600 nach Paris mit Abstand die größte Stadt Westeuropas. Innerhalb von 50 Jahren hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt und die 250.000 überschritten. Tendenz: weiter steigend.

    Das macht London zu einer kulturellen und wirtschaftlichen Hochburg, bringt allerdings auch Herausforderungen mit sich. Hygiene ist eines der größten Probleme der Stadt. Ein Abwassersystem existiert nicht. Selbst sauberes Wasser ist Mangelware; es kommt aus Brunnen oder der verschmutzten Themse.

    Abhilfe schaffen soll ein Kanal, der frisches Wasser aus dem gut 30 Kilometer entfernten Fluss Lea in die Stadt bringt. Die Idee dazu hat Kapitän Edmund Colthurst (um 1545-1616) im Jahr 1602. Zwei Jahre später beginnt er mit diesem (für seine Zeit gewaltigen) Bauvorhaben. Allerdings gerät das Projekt schon nach vier der insgesamt 65 Kilometer umfassenden Strecke ins Stocken.

    Manche Quellen sagen, dass Colthurst das Geld ausgeht, andere, dass er vorsätzlich ausgebootet wird. Ab 1609 jedenfalls nimmt Hugh Myddelton (um 1555–1631) das Projekt in die Hand. Er ist Minenbesitzer, Kaufmann und angesehener Goldschmied – auf seiner Kundenliste steht unter anderem das britische Königshaus. Außerdem ist er Mitglied des Parlaments.

    Unter Myddelton macht das Projekt zunächst Fortschritte. Doch im Laufe der viereinhalb Jahre dauernden Bauphase kommt auch dieser an seine finanziellen Grenzen. Zusätzlich gibt es auch noch Querelen mit den Landbesitzern, denen das Land gehört, durch das sich der Kanal gräbt. Sein Glück: Er kann den König höchstpersönlich mit an Bord holen.

    Damit sind nicht nur die finanziellen Probleme, sondern auch die Streitigkeiten mit den Landbesitzern aus der Welt geschafft. Denn dem Projekt darf von nun an niemand mehr im Wege stehen.

    1613 ist der Kanal, der fortan „New River“, der neue Fluss, genannt wird, soweit fertig gestellt, dass er feierlich eröffnet werden kann. Die Zeremonie findet mit Pauken und Trompeten am 29. September des Jahres unter Beisein der Londoner Prominenz in Islington statt, dort wo der der Kanal in einem Auffangbecken (dem „New River Head“) endet.

    Hugh Myddelton ist zwar fast bankrott, aber die Ehre ist ihm (bis heute) sicher. Der ruhmreiche Höhepunkt: 1622 wird er vom König zum Baronet ernannt.

    Für London ist der neue Fluss ein Segen. Nach und nach werden die einzelnen Stadtteile über Holzrohre von Islington aus mit Wasser versorgt. Das ist zwar nicht sonderlich effektiv und auch die Wasserqualität lässt weiterhin zu wünschen übrig. Dennoch bringt der Kanal nicht nur die Annehmlichkeit fließenden Wassers. Allein dessen Verfügbarkeit trägt schon zu einer verbesserten Hygiene bei.

    Nach und nach stellt sich auch der wirtschaftliche Erfolg ein. Denn die Leute, und derer gibt es immer mehr, brauchen Wasser. Das gibt es selbstverständlich nicht umsonst. Immer mehr Haushalte beziehen das flüssige Gut von der „New River Company“.

    Als die Eheleute Andrew und Dorothy Mill 1683 ihren ersten Sohn Henry im Londoner Stadtteil Holborn zur Welt bringen hat die Einwohnerzahl die 500.000 überschritten. Einzig die Pestwelle und der große Brand von 1656/66 haben das Bevölkerungswachstum kurzzeitig stoppen können, jetzt dehnt sich die Stadt weiter aus – und mit ihr der Bedarf an Wasser.

    Henry Mill (1683–1770) wird dafür sorgen, dass dieser Bedarf auch weiterhin gedeckt werden kann. [Fortsetzung folgt]

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  • Schreib, Maschine!
  • KW 10: Der Fluss des Schreibens                             (1/4)

    In diesem Jahr feiert eine Idee ihren 300. Geburtstag. Es ist eine jener Ideen, die die Welt revolutionierten. Auch wenn noch fast ein Jahrhundert vergehen musste, bis die Idee (nachweislich) umgesetzt wurde.

    In dieser und den nächsten Wochen zeichne ich ein Portrait desjenigen Mannes, der diese Idee als erster patentieren ließ. Es handelt sich um Henry Mill (1683-1770), Ingenieur und Vermesser aus London. Los geht's...


    Wasser ist sein Element. Zeitlebens arbeitet Henry Mill für die „New River Company“, jener Gesellschaft, die London seit dem frühen 17. Jahrhundert mit frischem Wasser versorgt.

    Bis zu seinem Tod wird er der Firma als Berater zur Seite stehen. Seinen Wohnsitz sucht er mit Bedacht aus. In der Nähe der Firma und in der Nähe des Wassers möchte er leben.

    Henry Mill entscheidet sich für ein Haus an der Themse, zwischen London und Westminster gelegen. Von dort hat er einen herrlichen Blick auf den Fluss, die Surrey Hills am Horizont. Er sitzt gerne am Fenster, lässt seinen Blick schweifen und seine Gedanken fließen.

    Eines Tages kommt ihm eine Idee: Einen Apparat möchte er bauen, einen Apparat mit dem jeder schreiben kann, als wäre es gedruckt. 1714 meldet er sein Patent an, die Idee der Schreibmaschine ist geboren. [Fortsetzung folgt]

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  • XXO
  • KW 9: Häusertanz

    Wenn Frank o. Gehry (*1929) baut, tanzen mitunter die Häuser.

    Oder sie wirken zusammengewürfelt, collagengleich.

    Manchmal erwecken sie den Anschein, als hätten sie das ein oder andere Erdbeben überstanden.

    In jedem Fall heben sie sich ab, fallen auf und heraus - was ihm nicht nur positive Kritik eingebracht hat.

    Dennoch: Ohne die von ihm entworfenen Bauten wäre die (Architektur-) Welt sehr viel trister.

    Zu seinen Werken zählen unter anderem das Guggenheim in Bilbao, die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, das MARTa in Herford und demnächst das höchste Wohnhaus Deutschlands in Berlin.

    Am 28.2. wird Frank O. Gehry 85 Jahre alt. Dazu alles Gute!

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  • Grenzgänger
  • KW 8: Aus dem FF

    Er hat auf sage und schreibe mehr als 500 Platten mitgewirkt.

    Er spielt Gitarre, Geige, Bass, Klavier, Percussion und manchmal singt er auch dazu.

    Er improvisiert und komponiert. Er macht Jazz, Rock, Avantgarde, Neue Musik – und doch kann kein Label seine Musik fassen.

    Die Liste seiner Bands, Kollaborationen und Projekte ist lang, vielleicht sogar unendlich.

    1990 wurde ihm der ausgezeichnete Dokumentarfilm "Step Across the Border" gewidmet.

    Am Mills College in Oakland, USA, hat er seit 1999 eine Professur für Musik inne.

    2010 wurde ihm von der University of Huddersfield, GB, ein Ehrendoktortitel verliehen.

    Und doch sind weder sein Name noch sein Schaffen einem größeren Publikum bekannt.

    Bedauerlicherweise, denn mich hat Fred Frith (*1949), der Grenzgänger zwischen den musikalischen Welten, seit jeher inspiriert.

    In dieser Woche (17.2.) feiert er seinen 65. Geburtstag. An dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch!

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  • Von Zeit zu Zeit
  • KW 7: Ohne Worte

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  • Sagmal
  • KW 6: Denksprache

    Zum 75. Todestag (4.2.) des US-amerikanischen Linguisten Edward Sapir gibt es diesmal 75 Gedankenstriche.

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    Weil er die Diskussion, inwieweit unsere Sprache unser Denken beeinflusst, neu angestoßen hat.

    Dafür sei ihm gedankt.

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  • Karlaua
  • KW 5: Kaisers Meider

    Ich habe nie ganz verstanden, warum Karl der Große (747 o. 748 - 814) häufig als Vater Europas bezeichnet wird?

    So wird beispielsweise der nach ihm benannte "Internationale Karlspreis zu Aachen" an Personen verliehen, die sich um die europäische Einigung in besonderer Weise verdient gemacht haben.

    Ein autokratischer Herrscher und Feldherr, der mehr von Expansionsdrang, denn von einer europäischen Vision getrieben war, als Leitfigur für Europa?

    Das deckt sich nicht mit meinem Bild von einer Europäischen Gemeinschaft.

    Wie auch immer: Karls Todestag jährt sich in dieser Woche zum 1.200 Mal. In Aachen begeben sich zu diesem Anlass ab Juni gleich drei Ausstellungen auf Spurensuche.

    Auch der Karlspreis wird 2014 erneut verliehen. Diesmal an Herman Van Rompuy, den ersten ständigen und nach wie vor amtierenden Präsidenten des Europäischen Rates.

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  • Der Tod ist ein Dandy.
  • KW 4: Gedankenritt

    brennende Giraffen
    schmelzende Uhren
    Schubladen
    Krücken
    Schnurrbart
    Spazierstock
    Fassade
    exzentrisch
    überheblich
    Dandy
    Maler
    Muse
    Gala
    Gala
    Gala
    Träume
    Unbewusstes
    Psychoanalyse
    Sigmund Freud
    Surrealismus
    Ein andalusischer Hund
    Luis Buñuel
    Spanien
    Franco
    Hitler
    Exil
    Paris
    Max Ernst
    Paul Éluard
    Gala
    Gala
    Gala
    André Breton
    Surrealistengruppe
    Spannungen
    Bruch
    missverständlich
    verschrien
    kommerziell
    überall Ausstellungen
    eigene Museen zu Lebzeiten
    gefälschte Drucke
    Parfum
    Picasso
    Postkarten
    Küchenkalender


    Keine Frage, mein Gedankenstrang rankt sich um Salvador Dalí (1904-1989).

    2014 gibt Anlass für zwei "Jubiläen": Im Mai jährt sich Dalís Geburtstag zum 110. Mal (11.5.). In diese Woche fällt sein 25. Todestag (23.1.).

    In meinem collagierten Schaffen war ich anfangs sehr von Dalí (und anderen Surrealisten) inspiriert. Irgendwann hatte ich mich dann sattgesehen. Kaum ein Künstler wird derart vermarktet.

    Auch seine (vermeintliche) Verehrung von Hitler und Franco nährten meine Abscheu.


    Vielleicht nehme ich den Anlass zum selben, ihm noch mal eine Chance zu geben.

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  • auf Anfang
  • KW 3: Pinselschritt

    1992, mit 18 Jahren, habe ich beschlossen, meinen Pinsel durch eine Schere zu ersetzen.

    Erste Zeichnungen und Malereien waren bereits seit 1985 entstanden.

    Doch das Aufwachsen in den 1980ern hatte in mir einen radikalen Kunstbegriff keimen lassen: Ich wollte durch meine Kunst nicht neuen Müll, sondern aus Müll neue Kunst schaffen.

    Von da ab sind bis 2004 fast ausschließlich Collagen, Assemblagen und Objekte entstanden.

    Bis 1999 war ich dabei strikt dem Recyclinggedanken verbunden. Für meine Bilder verwendete ich also nur Vorgefundenes (vor allem Zeitschriften), ohne Material eigens für die Kunst zu kaufen (mit Ausnahme des Klebstoffs).

    Im Laufe der Zeit kamen mir jedoch immer häufiger Ideen, die sich ohne Zukauf von Material (wie etwa farbigen Karton oder Trägerplatten aus Holz) nicht realisieren ließen.

    1999 war ich dann bereit, meinen Grundsatz ein wenig aufzuweichen. Der Großteil meines verwendeten Materials blieb allerdings Altpapier. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Seit 2004 nimmt die Fotografie jedoch wieder einen bedeutsamen Stellenwert in meinem kreativen Schaffen ein.

    Ab 2007 hat sich schließlich das zeichnerische Element wieder einen Weg gebahnt. Und Ende 2013 habe ich nun auch wieder zum Pinsel zurückgefunden.

    Dies hat - anders als 1992 - sehr persönliche Gründe: Mit meinem inzwischen 17 Monate alten Sohn tauche ich in die Welt der Farben ein. Mit Bunt- und Wachsmalstiften sowie mit Wasserfarben. Dadurch wurde ich inspiriert.

    Die bislang entstandenen Arbeiten werden als Bildgrund für eine neue Collagenreihe dienen. So wie sich die unterschiedlichen Techniken in den letzten Jahren immer häufiger mischen.

    Doch wer weiß: Vielleicht wird sich die Malerei in meinem Verständnis eines Tages von der Collage emanzipieren.

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  • schnipp, schnapp
  • KW 2: Scherenschnitt

    Als Henri Matisse (1869-1954) in den 1940er Jahren seinen Pinsel zunehmend durch eine Schere ersetzt, ist Heinz Berggruen (1914-2007) begeistert. Andere schütteln verständnislos den Kopf.

    Heinz Berggruen hat eine Passion für Kunst. Sein erstes Bild, eines von Paul Klee (1879-1940), erwirbt er 1940. Der Grundstein einer umfangreichen Sammlung. Mehr als 200 Arbeiten werden es zum Ende seines Lebens sein.

    Als er eine Mappe mit Lithographien von Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) zum doppelten Preis verkauft, ist dies eine Art Schlüsselerlebnis. 1947 macht sich Heinz Berggruen in Paris als Galerist und Kunsthändler selbständig.

    Er konzentriert sich auf Kunst von Picasso, Matisse, Cézanne, Chagall, Miró und Klee. Außer Cézanne und Klee kennt er all diese Maler persönlich. Vor allem mit Pablo Picasso (1881-1973), den er 1949 kennenlernt, verbindet ihn eine langjährige Freundschaft.

    1953 organisiert Heinz Berggruen die weltweit erste Ausstellung mit Scherenschnitten von Matisse. Berggruen hatte Matisse in dessen Atelier besucht. Die Bedeutung der Scherenschnitte aus mit monochromer Gouache bemalten Papierbögen hatte er sofort erkannt – während Matisse Sohn, selbst Kunsthändler in New York, abgewunken hatte, das Spätwerk seines Vaters auszustellen. Auch der Pariser Kunstkritiker und Verleger Christian Zervos kam zu dem Schluss: „Diese Arbeiten sind inakzeptabel.“

    1980 gibt Berggruen seine Galerie auf, um sich dem Aufbau seiner Sammlung zu widmen. Ab 1996 werden 113 Bilder seiner Sammlung in Berlin gezeigt. Der eigens renovierte Stülerbau gegenüber dem Schloss Charlottenburg trägt von da an den Namen „Museum Berggruen“.

    Am 21. Dezember 2000, verkauft Heinz Berggruen einen Großteil seiner Sammlung weit unter Wert an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es ist eine „Geste der Versöhnung“, wie er selbst sagt.

    Nachdem er am 6. Januar 1914 in Berlin geboren war, lebte er ab 1936 in den USA. Eine Rückkehr nach Deutschland steht für ihn als Jude außer Frage. Nach dem Krieg kommt er für kurze Zeit nach München, bevor er dann 1947 nach Paris zieht. Sechzig Jahre vergehen, bis sich Heinz Berggruen auch wieder in Berlin niederlässt. Abwechselnd weilt er bis zu seinem Tod in Frankreich, der Schweiz und Deutschland.

    Am 23. Februar 2007 stirbt Heinz Berggruen in Paris. Er wird auf eigenen Wunsch in Berlin-Dahlem beerdigt. Das Museum Berggruen hat weiterhin Bestand.

    2013 wurde es um das benachbarte Kommandantenhaus erweitert und umfasst nun rund 1.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Es beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen der Kunst der klassischen Moderne, darunter mehr als 120 Arbeiten Picassos und rund 70 von Klee. Außerdem Werke von Georges Braque, Henri Laurens, Paul Cézanne, Alberto Giacometti und selbstverständlich auch von Henri Matisse.

    Matisse Spätwerk, seine Scherenschnitte („gouaches découpées“), an denen er bis zu seinem Tod 1954 arbeitete, gilt heute als eine seiner bedeutendsten Schaffensperioden.

    Die Tate Modern in London zeigt vom 17. April bis 7. September 2014 120 Scherenschnitten. Anschließend zieht die Ausstellung ins Metropolitan Museum of Art in New York.

    [Leider ist der Erweiterungsbau des Museum Berggruen wegen Sanierungsarbeiten aktuell wieder geschlossen.]

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  • koru
  • KW 1: aller anfang


    am anfang war

    das ende das,

    ende war der

    anfang zu bean,

    beginnen war das

    wort am anfang,

    und es war das,

    das ende war

    der anbeginn,

    es zu beginnen.

    9.12.1994



    Auch im vierten Jahr in Folge findet sich an dieser Stelle Woche für Woche ein neuer Beitrag mit einem passenden Bild. Das kann eine Collage, eine Illustration, eine Grafik oder ein Scan sein. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um ein Foto.

    Ausnahmsweise beginne ich das neue Jahr mit einem alten Text. Das ist stimmig, weil die erste Kalenderwoche bereits im alten Jahr startet.

    Ich wünsche uns allen jedenfalls ein erfülltes Neues!

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