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 Volker Frechen




Wochenfotos 2013



  • Alles neu macht das Ende
  • KW 52: Drucksache

    Immer wenn sich ein Jahr dem Ende neigt, sind wir eingeladen, Revue passieren zu lassen. Im Kleinen wie im Großen, im Öffentlichen wie im Privaten.

    Was ist uns widerfahren, was haben wir bewirkt? Was haben wir gemeistert, wo sind wir gescheitert? Was hat uns bewegt, erschüttert und erfreut?

    Auch in den Medien folgt ein Jahresrückblick dem nächsten. Was waren die bedeutendsten Ereignisse des Jahres? Wer die herausragendsten Persönlichkeiten?

    Doch was, wenn wir uns für einen Sachverhalt entscheiden müssten?

    Es fällt schwer, ein einzelnes Ereignis aus dem Strom der Geschichte herauszufischen. Mitunter fehlen uns die Distanz zu den Dingen, der Überblick über alles Geschehene und der Weitblick, seine Bedeutung zu erkennen.

    Ohne lange zu überlegen, kommt mir ein Ereignis in den Sinn, das mich sehr, vielleicht sogar am meisten bewegt hat. Es war nur eine kleine Meldung im Mai.

    Manche werden keine Notiz von ihr genommen haben. Für manche wird es kein "Scoop", sondern nur eine logische Konsequenz gewesen sein. Mich hat die Nachricht nachhaltig erschüttert.

    Anfang Mai stellt der US-amerikanische Jura-Student Cody Wilson einen Bauplan ins Netz, frei verfügbar zum Download.

    Es ist der Bauplan einer Pistole, die aus 16 Komponenten besteht. Davon lassen sich 15 mit einem 3D-Drucker replizieren. Lediglich ein Teil muss ergänzt werden: der Schlagbolzen. Hierfür eignet sich ein handelsüblicher Nagel.

    Im Beisein mehrerer Journalisten hatte Cody Wilson die Funktions- fähigkeit seiner gedruckten Waffe zuvor öffentlichkeitswirksam unter Beweis gestellt.

    Wenige Tage später muss Cody Wilson den Bauplan für den "Liberator", den Befreier, wie er seine Schöpfung nennt, allerdings wieder von seiner Seite nehmen.

    Dennoch: Die Meldung ist ungeheuerlich. Zumal der Bauplan mehr als 100.000 mal heruntergeladen worden sein soll, und im November eine US-amerikanische Firma eine Pistole aus Metall gedruckt hat, die noch schlagkräftiger ist.

    Für mich ist dies die Meldung des Jahres - auch weil sie aufzeigt, was noch alles kommen wird. Im positiven wie im negativen Sinne. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

    Na dann, gute (stille) Nacht!

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  • Frage!
  • KW 51: Wortkreuzung

    Zum Ende des Jahres jährt sich der Beginn eines Rätsels:


    Nicht am Anfang, sondern erst am Ende war das Wort beziehungsweise die sich kreuzenden Wörter.

    Es begab sich am 21. Dezember 1913. In Pulitzers Welt erblickte ein Rohdiamant aus leeren Worthülsen das Licht der Druckerpresse.

    Ihn mit Bedeutung zu füllen, war und bleibt die Aufgabe – auch wenn sich die Form schnell wandelte.

    Zwar gab es für die Schöpfung niemals einen Pulitzer-Preis. Dennoch sind durch sie unzählige Preise vergeben worden.

    Wenn auch am Anfang der Spaß im Vordergrund stand. Und die Wortkombination ihrer Bezeichnung vertauscht war.

    Gesucht ist ein Wort mit 16 Buchstaben...


    ...und schon wird das Rätsel gelüftet:

    Vor 100 Jahren erschien in der Weihnachtsbeilage der Zeitung New York World das erste Kreuzworträtsel.

    Ersonnen haben soll es der aus Liverpool stammende Journalist Arthur Wynne (1871-1945). Er leitete seinerzeit das Ressort Tricks and Jokes der Zeitung und war unter anderem für die Sonntagsbeilage Fun verantwortlich.

    Sein Wort-Kreuz-Puzzle, wie er es nannte, war rautenförmig aufgebaut und umfasste 31 Suchbegriffe. Die hinweisgebenden Erläuterungen fanden sich unterhalb des Rätsels. Zahlen ermöglichten die Zuordnung zu den entsprechenden Leerfeldern.

    Ohne Frage gab es auch früher schon Rätsel, selbstredend auch solche, die nach Wörtern suchten. Doch Arthur Wynne, der mit knapp 20 Jahren in die USA emigriert war, führte einige Neuerungen ein, die bis heute Bestand haben.

    In der New York World erschienen von da ab regelmäßig Kreuzworträtsel - und nicht nur dort. Schnell eroberte diese Form des Rätsels die ganze Welt. 1924 soll in den USA das erste Buch ausschließlich mit Kreuzworträtseln veröffentlicht worden sein.

    Die New York World erschien übrigens zwischen 1860 und 1931. 1883 wurde sie von Joseph Pulitzer aufgekauft. Unter seiner Herausgeberschaft entwickelte sie sich zu einer der einflussreichsten Zeitungen des Landes.

    Den Abdruck des ersten Kreuzworträtsels erlebte Joseph Pulitzer allerdings nicht mehr, er starb 1911. Seine World wurde 1931 verkauft und aufgelöst, die 3.000 Beschäftigten entlassen. Was aus Arthur Wynne wurde, ist nicht bekannt. Vermutlich hat er sich zur Ruhe gesetzt. Er starb am 14. Januar 1945 in Clearwater, Florida.

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  • Schrei dich frei!
  • KW 50: Der letzte Schrei

    „Der Schrei“ ist eines der bekanntesten Bilder überhaupt. Darin steht es Leonardos Mona Lisa (vgl. KW 15), Van Goghs Sonnenblumen oder auch Warhols Marilyns in nichts nach.

    Bis vor kurzem galt es dazu noch als teuerstes Gemälde der Welt, wurde es doch im Mai 2012 bei Sotheby's in New York für sage und schreibe 119.922.500 US-Dollar versteigert.

    (Der Rekord wurde just im November 2013 mit der Versteigerung eines Triptychons von Francis Bacon überboten.)

    Umso erstaunlicher, dass die meisten kaum etwas über das Bild, seine Entstehungsgeschichte und seinen Maler wissen. Oder gar ein anderes Werk dessen benennen könnten.

    Nähern wir uns daher dem Schrei und seinem Maler in 15 Schritten.

    1. Der Maler heißt Edvard Munch (1863-1944). In dieser Woche am 12. Dezember jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal.

    2. Den "Schrei" malt er gleich viermal; zweimal 1893, einmal 1895 und ein weiteres Mal 1910. Darüber hinaus fertigt er zahlreiche Skizzen und Lithografien des Motivs an.

    3. Edvard Munch malt den "Schrei" nicht etwa in Öl auf Leinwand. Zwei Versionen werden mit Pastell auf Holz, die anderen beiden mit Tempera auf Pappe angefertigt. Die Formate schwanken zwischen 74 und 91 cm in der Höhe und 56 und 73,5 cm in der Breite.

    4. "Der Schrei" wird heute rückblickend als Meisterwerk des Expressionismus, mitunter sogar als erstes expressionistisches Bild überhaupt bezeichnet.

    5. Über die Entstehung schreibt Edvard Munch 1892 in seinem Tagebuch:

    "Ich ging mit zwei Freunden die Straße hinab. Die Sonne ging unter – der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut. Ich stand still, todmüde – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. ... ich fühlte den großen Schrei in der Natur ... ich malte dieses Bild ..."

    6. Doch Edvard Munch ist mehr als nur ein "One-Pic-Wonder". Er ist zeitlebens sogar ziemlich produktiv und hinterlässt ein umfangreiches Gesamtwerk. Allein im Munch-Museum in Oslo befinden sich 1.150 Gemälde und 7.700 Zeichnungen.

    7. Zu seinen Schlüsselwerken zählen: Das kranke Kind (1885/86), Madonna (1894), Pubertät (1895), Der Tod im Krankenzimmer (1895) und sicherlich auch "Der Schrei".

    8. Für Edvard Munch steht seine Berufung früh fest. Mit siebzehn Jahren schreibt er in sein Tagebuch: „Meine Entscheidung ist nun, Maler zu werden.“

    9. Im Herbst 1889 hat Munch eine große Einzelausstellung in Oslo (damals noch: Christiania). Anschließend erhält er vom norwegischen Staat für drei aufeinander folgende Jahre ein Künstlerstipendium.

    10. Im November 1892 stellt Edvard Munch erstmals in Berlin aus, 55 Bilder, die von nicht wenigen als pure Provokation aufgefasst werden. Schon nach einer Woche wird die Ausstellung aus Protest wieder geschlossen. Der Name Munch ist mit einem Mal in vieler Munde - und der Maler selbst beschließt, in Berlin zu bleiben.

    11. Zeitlebens leidet Edvard Munch an einer bipolaren Störung ("manisch-depressive Erkrankung"). Zwischenzeitlich gesellt sich ein Alkoholproblem hinzu.

    12. Dennoch ist er nicht einfach nur ein depressiver, verkannter Künstler, wie er mitunter gesehen wird. Sein "Biograph" Steffen Kverneland (s.u.) beschreibt ihn als witzigen und streitbaren Kopf mit vielen Frauen, Freunden und Förderern. Nils Ohlsen, der Direktor der norwegischen Nationalgalerie, schätzt, dass ihn 30 Prozent der Kritiker spannend fanden und ihm positiv gegenüber standen.

    13. Nachdem Edvard Munch mehrere Jahre überwiegend in Frankreich und Deutschland gelebt hat, kehrt er 1909 endgültig nach Norwegen zurück. Hier isoliert er sich zusehends. Er lebt allein für seine Malerei - spartanisch, abgeschieden und umgeben von seinen Bildern.

    14. Mit 80 Jahren stirbt Edvard Munch. Seine Bilder und Aufzeichnungen vermacht er der Stadt Oslo.

    15. Steffen Kverneland hat 2013 eine Comic-Biographie über Edvard Munch vorgelegt - und dafür den wichtigsten Literaturpreis Norwegens erhalten.

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  • Echse und Hopi
  • KW 49: Echs und hopp

    Er war der Reiter auf dem Sturm. Er tanzte auf dem Feuer. Er ritt auf der Schlange. Und er war der König der Echsen - mit der Seele eines Clowns. Vor allem aber wollte er die Pforten der Wahrnehmung aufstoßen und durchschreiten.

    Vor 70 Jahren am 8. Dezember wurde er als James Douglas Morrison geboren. 27 Jahre später starb er unter mysteriösen, vielleicht aber auch ganz profanen Umständen in einem Pariser Hotel.

    Seinen Mythos hatte er bereits zu Lebzeiten begründet und viel daran getan, ihn auch wieder zu begraben. Sein frühes Ableben jedoch hat ihn unsterblich werden lassen.

    Sein Grab auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris ist Pilgerstätte und Touristenattraktion zugleich. Keine andere Grabstätte der dortigen 70.000 Gräber soll angeblich so viele Menschen anziehen.

    In diesem Jahr ist ihm, dem Sänger von "The Doors", eine zweifelhafte Ehre zuteil geworden. Eine Echse aus der Urzeit wurde nach ihm benannt. "Barbaturex morrisoni" heißt nun die Riesenechse, die vor 40 Millionen Jahren in Südostasien lebte.

    Möglich, dass Jim Morrison, der Echsenkönig, auch noch irgendwo haust, wie manch eine/r glauben möchte. Selbst Ray Manzarek, stilprägender Organist bei "The Doors", war davon überzeugt und vermutete ihn auf den Seychellen.

    Manzarek jedenfalls starb im Mai dieses Jahres im Alter von 74 Jahren an Krebs.

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  • MHD längst abgelaufen
  • KW 48: Blechfrei

    Vor 40 Jahren, am 25. November 1973, waren die Straßen in der BRD erstmals weitgehend autofrei. Radfahrerinnen und Rollschuhläufer tummelten sich auf leeren Autobahnen.

    Die sogenannte erste Ölkrise hatte zu einer Explosion der Ölpreise geführt. Binnen eines Tages (am 17. Oktober 1973) war der Preis von drei auf über fünf US-Dollar pro Barrel, also um etwa 70 Prozent gestiegen.

    Die Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) hatte am 16. Oktober beschlossen, ihre Fördermenge Monat für Monat um fünf Prozent zu drosseln. Gegen einige Länder wie die USA und die Niederlande wurde ein komplettes Embargo verhängt.

    Damit sollte die "westliche Welt" wegen ihrer israelfreundlichen Haltung im vierten arabisch-israelischen Krieg (6. bis 26. Oktober) abgestraft werden.

    Der deutsche Bundestag verabschiedete am 9. November als unmittelbare Reaktion darauf das "Energiesicherungsgesetz". Auf dieser Grundlage wurde schließlich ein Fahrverbot an vier Sonntagen im November und Dezember 1973 verhängt.

    Die mittel- und langfristigen Konsequenzen dieser ersten Ölkrise waren immens: einbrechende Konjunktur, wachsende Inflation, steigende Preise und zunehmende Arbeitslosenzahlen.

    Trotz allem lag in der Krise ein Potenzial: Fossile Brennstoffe sind begrenzt und nicht erneuerbar, war eine wichtige Erkenntnis.

    Doch das Umdenken, das stattfand, lief in die falsche Richtung. Um sich weniger abhängig von "arabischem Öl" zu machen, setzten die meisten erdölimportierenden Industrienationen fortan vermehrt auf Kernenergie.

    Die Einsicht, dass Energiesparen und erneuerbare Energiequellen den Weg in die Zukunft weisen, setzte sich damals leider noch nicht durch.

    Mensch könnte denken, heute sind wir schlauer. Leider hat auch der gerade geendete Weltklimagipfel wieder einmal das falsche Zeichen gesetzt: Beschlossen wurde, dass irgendwann später einmal beschlossen werden wird und noch mal später dann vielleicht auch gehandelt wird.

    Was bleibt uns kleinen Lichtern? Im Kleinen handeln und auf Großes hoffen.

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  • Mindestens haltbar bis 1984
  • KW 47: Schöne neue Welt

    Aldous Huxley schrieb mit seinem 1932 erschienenen Roman "Brave new World" eine der bekanntesten Anti-Utopien der Literaturgeschichte.

    Sein Todestag jährt sich in dieser Woche, am 22. November, zum 50. Mal.

    Das von Huxley skizzierte Szenario ist zwar weniger offensichtlich durch Überwachung gekennzeichnet als etwa das in "1984" von seinem Kollegen und Landsmann George Orwell beschriebene.

    Dennoch nehme ich den Anlass zum Anlass, die Frage in den Raum zu werfen, warum die deutsche Regierung auf die Enthüllungen über die NSA noch immer mit weitgehender Zurückhaltung reagiert?

    Eine mögliche Antwort findet sich in der von Ben Scott und Stefan Heumann ("stiftung neue verantwortung") kürzlich veröffentlichten Studie geheimdienstlicher Überwachung in den USA, Großbritannien und Deutschland.

    Ihre Erkenntnis: Zwar verfügt der deutsche BND über weniger Know-How und weniger Ressourcen, grundsätzlich ist aber davon auszugehen, dass sich seine Aktivitäten kaum von anderen Geheimdiensten unterscheiden.

    Darüber hinaus sollen die von Edward Snowden veröffentlichten Dokumente Hinweise auf die enge Kooperation zwischen amerikanischen und europäischen Geheimdiensten enthalten, darunter auch der BND.

    Ob sich Huxley und Orwell bei all dem im Grabe umdrehen? Ich vermute, sie rotieren ohne Unterlass.

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  • Hinter den fiesen Bergen
  • KW 46: Zwergenaufstand

    Selten hat meine Kunst so sehr polarisiert wie die Fotoserie "Das Geheimnis der Zwerge".

    Etwa jede/r Zweite reagiert mit gemischten Gefühlen, nicht wenige sind konsterniert. Zu sehr gilt der Gartenzwerg als Inbegriff des Deutschen. Kein Wunder, bevölkern doch circa 25 Millionen Exemplare unsere Gärten – weit mehr als irgendwo sonst.

    Doch Erkenntnissen des emeritierten Soziologieprofessors Hans-Werner Prahl zufolge stammen seine Urahnen nicht etwa aus Deutschland, sondern aus dem Gebiet der heutigen Osttürkei. Eine historische Merkwürdigkeit, die uns zeigt, wie wandelbar und mitunter absurd das Denken in Grenzen und nationaler Identität ist.

    Die Portraits der Zwerge sind im Garten meiner Großeltern entstanden. Seit meiner Kindheit stehen sie dort. Im Laufe der Jahre sind die mehr und mehr verwittert. Als ich sie Ostern 2009 sonnenbeschienen so zerbrechlich erlebte, war ich mit ihnen versöhnt.

    Dennoch werde ich irgendwann, sozusagen als Gegenpol, eine Collagenreihe machen, die das finstere Geheimnis der Zwerge offenbaren wird. Denn trotz allem bleiben sie auch für mich ein Symbol für kleinbürgerliche Doppelmoral.

    Ein Zwerg aus der Serie macht sich in dieser Woche auf den Weg nach Ghana, um dem dortigen Goetheinstitut einen Besuch abzustatten. Mehr dazu unter Aktuelles/Akut. Mehr zu den Zwergen findet sich unter Fotografie/Zwerge.

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  • Götterdämmerung
  • KW 45: If he had a hammer

    Zum 530. Geburtstag von Martin Luther (1483 - 1546), der auf den letzten Tag dieser Kalenderwoche fällt, mag sich manch eine/r vor dem ein und dem anderen Anlass wünschen, es würden wieder einmal Hammerschläge erklingen, deren Wucht die Grundfesten der katholischen Kirche erschütterten.

    So wie damals, anno 1517, als eben jener seine 95 Thesen mit Hammer und Nägeln an die Pforte der Wittenberger Schlosskirche anschlug, und damit einen Prozess in Gang setzte, der in der Reformation mündete.

    Tatsächlich ist dieser Sachverhalt umstritten, der profane, nicht der theologische. Denn möglicherweise hat Martin Luther seine Thesen gar nicht auf diese spektakuläre Weise publik gemacht, sondern schlicht und einfach per Schreiben übermittelt. Stichhaltige Beweise für seinen provokativen "PR-Coup" gibt es jedenfalls nicht.

    Dass die Geschichte immer wieder erzählt und niedergeschrieben wurde, bis sie schließlich zum Gründungsmythos der Reformation wurde, muss nichts heißen. Luther selbst hat sich dazu jedenfalls nicht geäußert. Übrigens wollte er auch keine Spaltung der Kirche bewirken.

    Im Wesentlichen hat Philip Melanchthon (1407 - 1560) dazu beigetragen, dass sich das Anschlagen der Thesen ins kollektive Bewusstsein eingebrannt hat. Ein Jahr nach Luthers Tod schreibt er im Vorwort zu dessen Werken darüber. Augenzeuge war er jedoch wohl eher nicht, da er erst ab 1518 in Wittenberg weilt und wirkt.

    Enden wir für heute mit vielen offenen Fragen und einer fraglichen Erkenntnis:

    Die Moral von der Geschicht',
    was geschrieben steht,
    das glauben wir nicht!?

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  • Spar-gat
  • KW 44: Zahltag

    Ende Oktober 1929 fand in Mailand der 1. Internationale Sparkassenkongress statt. 354 Delegierte aus 27 Ländern waren angereist.

    Der letzte Kongresstag fiel auf den 31.10. und wurde seinerzeit als Weltspartag ausgerufen. Seitdem wird er in einigen Ländern als solcher begangen.

    Auch in Deutschland gibt es ihn noch, den Weltspartag, auch wenn er an Bedeutung verloren hat. In der Regel findet er am letzten Werktag vor dem 31.10 statt.

    Aktuell lässt sich die Idee des Sparens allerdings nicht mehr ganz so leicht vermitteln:

    Wenn die Zinsen geringer sind als die Inflationsrate, droht eine "kalte Enteignung". Mit anderen Worten, das Ersparte ist im Verhältnis später weniger wert als vorher.

    Gleichwohl bleibt die Sparsamkeit eine Tugend, zumindest wenn sie nicht in Geiz umschlägt.

    Wer sich jedenfalls ab sofort in Sparsamkeit üben sollte: die National Security Agency (NSA) und Franz-Peter Tebartz-van Elst. Amen, over and out.

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  • Bombig
  • KW 43: Bombenpreise

    Nun sind sie also vergeben, die Nobelpreise 2013. Selbst Peter Higgs (vgl. KW 29) ist diesmal bedacht worden.

    Gestiftet wurden die Preise von dem schwedischen Chemiker Alfred Nobel (1833 - 1896), dessen Geburtstag sich in dieser Woche (21.10.) zum 180. Mal jährt.

    Ein Jahr vor seinem Tod hatte Alfred Nobel testamentarisch verfügt, dass etwa 94 Prozent seines immensen Vermögens in eine Stiftung überführt werden sollten.

    Zweck und Ziel der Stiftung: Jene Wissenschaftler aus fünf Disziplinen auszeichnen, deren Erkenntnisse den größten Nutzen für die Menschheit erbracht haben.

    Sein Vermögen hat Nobel seinem Erfindungsgeist und seinem Unternehmertum zu verdanken. Stolze 355 Patente meldet er im Lauf seines Lebens an, an die 100 Firmen gründet er weltweit.

    Reich wird er vor allem durch die Erfindung des Dynamits. Wobei es sich hierbei weniger um eine Neuerung, als vielmehr um eine Nutzbarmachung des Trisalpetersäureglycerinester handelt, ein Sprengstoff, der unter dem Namen Nitroglycerin allgemein bekannt ist.

    Nitroglycerin allerdings ist die Erfindung eines anderen, nämlich des Italieners Ascanio Sobrero (1812 - 1888). Sobrero wirkt als Assistent des Pariser Chemikers Théophile Pelouze (1807 - 1867), später als Chemieprofessor in Turin.

    Als Ascanio Sobrero 1847 Nitroglycerin zum ersten Mal herstellt, ist er von dessen Sprengkraft derart beeindruckt, dass er seine Entdeckung zunächst lieber unter Verschluss hält.

    Alfred Nobel hingegen ist fasziniert. 1850 begibt sich der 17-Jährige auf Studienreise und macht auch in Paris Station. Hier kommt er mit Ascanio Sobrero in Kontakt - und mit dem Nitroglycerin.

    Ende der 1850er beginnt Alfred Nobel mit dem Nitroglycerin zu experimentieren. Zahlreiche Rückschläge säumen seinen Weg zur bahnbrechenden Entdeckung des Dynamits.

    1864 fliegt sein Laboratorium in die Luft, es sterben fünf Menschen, darunter einer seiner Brüder. Es bleibt nicht die letzte unkontrollierte Explosion.

    1866 ist es dann soweit: Er entwickelt das Dynamit, das zu 75 Prozent aus Nitroglycerin besteht, aber wesentlich sicherer zu handhaben ist.

    1867, also 20 Jahre nach Sobreros Entdeckung des Nitroglycerins, meldet er es in zahlreichen Ländern zum Patent an und fängt zeitgleich an, es weltweit mit durchschlagendem Erfolg zu vermarkten.

    Binnen weniger Jahre entwickelt sich Alfred Nobel damit zu einem der reichsten Industriellen seiner Zeit.

    Auch Ascanio Sobrero geht bei der Sache nicht ganz leer aus. Alfred Nobel nennt ihn mitunter als den wahren Erfinder des Nitroglycerins, auch zahlt er ihm lebenslang eine bescheidene Rente.

    Es gibt zwar Hinweise, dass dies nicht ganz freiwillig geschah, und der Betrag in keinem Verhältnis zu seinem eigenen Gewinn stand.

    Auch ist Sobrero in Vergessenheit geraten, während der Name Nobel noch immer in aller Munde ist.

    Aber mal ehrlich: Das liegt nicht an der Erfindung des Dynamits, sondern daran, dass er die Nobelpreise ins Leben gerufen hat. Und dafür sei ihm posthum gedankt.

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  • Friede den Hütten!
  • KW 42: Bombenstimmung

    Ende dieser Woche kommt der Krieg nach Deutschland.

    Sonntag ist es soweit. Beginn: 12:30 Uhr,
    Dauer: vier Stunden.
    Der Gefechtsplatz liegt in der Nähe von Leipzig.

    Schaulustige sind herzlich willkommen. Alle VIP-Tribünensitzplätze sind zwar schon restlos ausverkauft, aber Stehplätze sind noch verfügbar.

    Tatsächlich wird bei Leipzig jedes Jahr im Oktober Krieg gespielt; die sogenannte Völkerschlacht wird nachgestellt.

    In diesem Jahr wird mächtig was aufgefahren. Der Grund: Die Schlacht jährt sich zum 200. Mal. Hinzu kommt das 100-jährige Jubiläum des dazugehörigen Denkmals.

    An die 6.000 Akteure treten mit- und gegeneinander an. Einheiten der Infanterie, Kavallerie und Artillerie kommen zum Einsatz.

    Und das Ganze soll dann nach Ansicht der Veranstalter ein Zeichen des Friedens sein.

    Das ist nicht nur zu hoch für mich, ehrlich gesagt widert es mich auch an.

    Daher lese ich diese Woche lieber ein Buch. Zum Beispiel von Georg Büchner. Dessen Geburtstag jährt sich in dieser Woche nämlich auch zum 200. Mal.

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  • Kominiere, Watson.
  • KW 41: Klein, aber
    oh weh (3/3)


    Beck und Levinson kommen aufgrund ihrer Recherchen zu dem Ergebnis, dass eben dieser Douglas der kleine "Albert B." ist.

    Watson und Rayner beginnen Ende 1919 mit ihrer Versuchsreihe, Douglas ist knapp neun Monate alt. Zunächst werden seine emotionalen Reaktionen getestet.

    Als Douglas elf Monate und drei Tage alt ist beginnt die Konditionierungs- Prozedur. Hase, Ratte, Hund, Fellmantel, Baumwolle, Nikolausmaske, all das wird mit einem Angst auslösenden Reiz (ein lauter Knall) gekoppelt - und in der Folge reagiert Douglas auf diese Reize auch ohne Knall mit Angst.

    Die letzten Tests erfolgen im Alter von einem Jahr und 21 Tagen. Am selben Tag verlässt Arvilla Merritte die Stadt. Ihren Sohn Douglas nimmt sie mit. Es hat den Anschein, dass sie im etwa 60 Kilometer entfernten Mount Airy eine bessere Anstellung gefunden hat.

    Watson ist davon überzeugt, dass "Albert" seine Ängste sein Leben lang mit sich tragen wird und seine Persönlichkeit davon geprägt werden wird.

    Soweit ist es nicht gekommen. Denn Douglas Merritte stirbt am 10. Mai 1925 im Alter von sechs Jahren, zwei Monaten und einem Tag.

    Watsons wissenschaftliche Karriere ist zu dieser Zeit längst am Ende. Tatsächlich ist sie das bereits 1920 - kurz nach der Publikation seiner "großen" empirischen Evidenz.

    Denn als Rayner und Watson ihre Ergebnisse der Albert-Studie veröffent- lichen, sind sie nicht mehr nur Professor und Studentin, sondern auch ein Paar. Das Problem daran: Watson ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

    Ihre Affäre wird publik – und löst einen Skandal aus, der dazu führt, dass Watson seine Professur verliert.

    Er zieht Ende 1920 nach New York und baut sich eine neue Existenz auf, nicht minder erfolgreich. Er geht in die Werbung und verdient bald wesentlich mehr als in seiner Anstellung als Prof. Nebenher schreibt er populärwissenschaftliche Artikel und Bücher.

    Watson und Rayner heiraten 1921 kurz nach Watsons Scheidung und bekommen drei eigene Kinder. Rosalie Rayner aber stirbt bereits 1935 im Alter von 36 Jahren.

    Watson selbst lebt bis zu seinem Tod im Jahre 1958 zurückgezogen auf seiner Farm in Connecticut. Er wird 80 Jahre alt. Ein Jahr zuvor wurde er in Fachkreisen rehabilitiert: Die American Psychological Association verleiht ihm in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen ihre Gold-Medaille.

    Nicht unerwähnt bleiben sollte aber, dass Douglas Merritte nicht das einzige Kind war, das unter Watsons kruden Ansichten gelitten hat.

    1928 gibt Watson einen Erziehungsratgeber heraus, der sich bis 1940 in den Bestsellerlisten hält und damit die Erziehung mehr als einer Generation beeinflusst.

    Ein kleiner Auszug über den Umgang mit Kindern: “Never hug and kiss them, never let them sit on your lap. If you must, kiss them once on the forehead when they say good night. Shake hands with them in the morning.”

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  • Wahnsinn Watson
  • KW 40: Klein, aber
    oh weh (2/3)


    Watson selbst nennt ihn „Albert B.“, seine wahre Existenz bleibt im Verborgenen. Nur soviel: Albert ist das Kind einer Hebamme, die im Kinderkrankenhaus auf dem Uni-Campus arbeitet.

    Er ist ein gesundes und stabiles Kind. Das ist Watson wichtig, damit ihm durch die anstehenden Versuche möglichst wenig Schaden zugefügt wird.

    Zu Beginn der Testreihe ist Albert knapp neun Monate alt. Er ist der einzige Proband. In den nächsten Monaten wird er mehrfach einer experimentellen Prozedur (oder vielmehr Tortur) unterzogen.

    Das Grundprinzip: Nehme einen neutralen Reiz, kopple ihn mehrfach mit einem Angst auslösenden Reiz und schaue, was passiert.

    Löst der neutrale Reiz in der Folge ebenfalls Angst aus? Bewirken vergleich- bare Objekte in gleicher Weise eine Angstreaktion? Bleiben diese erlernten Angstreaktionen über die Zeit hinweg stabil?

    Watson und Rayner glauben all das bestätigt zu haben. 1920 veröffentlichen sie stolz ihre Ergebnisse, die empirische Evidenz, die fehlte – und schildern dezidiert Alberts Angstreaktionen auf eine weiße Ratte, einen Hasen, einen Pelzmantel und anderes.

    Leider, so schreiben sie, konnten sie Albert nicht wieder von seinen Ängsten befreien, also dekonditionieren. Denn Albert und seine Mutter verlassen Baltimore am Tag der letzten Testreihe. Das klingt nach einem unerwarteten Abbruch – und in der Folge wird dies auch häufig von anderen Autoren so dargestellt.

    An anderer Stelle in der besagten Veröffentlichung liest sich das aber anders: Als hätten Watson und Rayner von Alberts bevorstehendem Umzug gewusst und somit den Abbruch bewusst in Kauf genommen. Abgesehen davon, haben sie auch nur vage Ideen, wie eine Dekonditionierung vonstattengehen könnte.

    Albert und seine Mutter werden somit sich selbst überlassen. Einen Dollar sollen sie für ihre Teilnahme erhalten haben.

    Unklar also, ob Alberts Ängste bestehen bleiben und wie sein weiteres Leben verlaufen wird. Watson selbst malt sich aus, dass Albert in zwanzig Jahren eine Psychoanalyse durchlaufen wird. Die Vorstellung amüsiert ihn sogar ein wenig.

    Fast neunzig Jahre später, nämlich 2009, scheint das Rätselt um „Little Albert“ gelöst zu sein. Denn auch den US-Psychologe Hall P. Beck und seine französische Kollegin Sharman Levinson beschäftigt die Frage, was aus ihm geworden sein mag.

    Sieben Jahre lang begeben sie sich auf Spurensuche, wälzen Geburtsregister, alte Akten und Aufzeichnungen, durchsuchen genealogische Datenbanken und finden letztendlich wertvolle Hinweise.

    Vieles deutet darauf hin, dass Arvilla Merritte, geborene Irons, Alberts Mutter ist. 1915, sie ist 17 Jahre alt, bringt sie ihr erstes Kind zur Welt, Maurice, der viele Jahre später bei der Aufklärung des Rätsels eine entscheidende Rolle spielen wird.

    Arvilla Merritte lebt zu dieser mit ihren Eltern im ländlichen Virginia. Als sie mit 20 wieder schwanger wird, zieht sie ins 300 Kilometer entfernte Baltimore. Maurice lässt sie bei ihren Eltern zurück.

    In Baltimore kommt sie zunächst in einem Frauenhaus unter, bevor sie im Kinderkrankenhaus der John Hopkins University Unterschlupf und Arbeit findet.

    Am 9. März 1919 bekommt sie ihr zweites Kind, sie nennt es Douglas. [Fortsetzung folgt]

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  • Watson war hier
  • KW 39: Klein, aber
    oh weh (1/3)


    John B. Watsons (1878 – 1958) Versuchsreihe mit „Little Albert“ zählt zu den klassischen Experimenten der Lernpsychologie.

    Kein Überblickswerk kommt daran vorbei. Unzählige Male wurde darauf verwiesen. Das Experiment wurde wieder und wieder erzählt. Obwohl es sich um eines der grausamsten – und letztlich auch wenig erkenntnisreichen – Experimente der psychologischen Forschung handelt.

    Watson, ein Wegbereiter der wissenschaftlichen Psychologie, wollte an einem Säugling demonstrieren, dass emotionale Reaktionen erlernt werden. Konkret, das Erlernen von Angst.

    Das Vorgehen ist – zumindest aus heutiger Sicht – unvertretbar. Kaum jemanden lässt das Experiment kalt, insbesondere dann, wenn es mit den filmischen Originalaufnahmen garniert wird.

    Ich habe mich stets gefragt, was aus Albert geworden sein mag. In dieser und den nächsten beiden Wochen gehe ich dieser Frage nach. Dabei versuche ich auch zu ergründen, wer dieser Watson war. Das hat jedoch nur am Rande damit zu tun, dass in diese KW sein 55. Todetag fällt.


    1920 soll ein großes Jahr für John Broadus Watson, Psychologieprofessor an der Elite-Uni „John Hopkins University“ in Baltimore, werden. Ein weiterer Meilenstein in seiner beachtlichen Karriere: Seine theoretischen Arbeiten sollen durch experimentelle Evidenz untermauert werden – und damit seinen Status als herausragenden Wissenschaftler weiter festigen.

    Doch es kommt anders als geplant: Denn das Jahr 1920 besiegelt das Ende seiner wissenschaftlichen Karriere.

    Dabei war alles so vielversprechend verlaufen: Er ist der jüngste Professor für Psychologie an der University of Chicago und bekommt 1908 einen Ruf an die Hopkins-Universität in Baltimore. Er gilt als Wunderkind, er ist gefragt, und die Karriereleiter führt ihn steil nach oben.

    Nach nur zwei Jahren wird er zum Dekan der psychologischen Fakultät und Herausgeber des „Psychological Review“.

    1913 legt er mit seinem Artikel „Psychology as the Behaviourist Views It“ den Grundstein für ein neues Verständnis der Psychologie als objektive Naturwissenschaft. Sozusagen die Geburtsstunde des Behaviorismus, der über mehrere Jahrzehnte zur vorherrschenden Richtung in der wissenschaftlichen Psychologie wird.

    Mit 36 wird er zum Präsidenten der American Psychological Association ernannt – dem jüngsten in der Geschichte überhaupt. Renommierte Universitäten wie etwa die Harvard University bekunden ihr Interesse an Watson. Er bleibt in Baltimore, weiß sein Renommee aber zu seinem Vorteil einzusetzen.

    1917 ein weiterer Meilenstein: Zusammen mit J.J.B. Morgan formuliert er die erste behavioristische Emotionstheorie. Der zufolge gibt es drei angeborene Emotionen: Angst, Wut und Liebe. Alles andere ist gelernt. Durch Konditionierung werden die Grundemotionen an neutrale Reize gekoppelt und auf andere Objekte und Kontexte übertragen.

    Watson und Morgan beginnen mit ersten empirischen Untersuchungen. Noch fehlt Watson aber eine zündende Idee, wie er die These der Konditionierung belegen kann.

    1919 ist es dann soweit: Zusammen mit seiner Graduiertenstudentin Rosalie Rayner beginnt er die berühmt-berüchtigte Versuchsreihe mit „Little Albert“. [Fortsetzung folgt]

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  • Handy. - Gesundheit!
  • KW 38: Handlich

    Das Mobiltelefon erlebt in diesem Jahr ein mehrfaches Jubiläum. Und so omnipräsent wie es inzwischen ist, macht es auch vor dieser Seite nicht Halt. Also los:

    Vor 95 Jahren fanden die ersten Versuche mit drahtlosen Fernsprechern auf der Militärbahnstrecke Berlin-Zossen statt. Acht Jahre später konnten Passagiere auf der Strecke Hamburg-Berlin diesen Service erstmals nutzen.

    Vor 55 Jahren baute die Deutsche Bundespost das erste deutschlandweite Mobilfunksystem, das sogenannte A-Netz, für Autotelefone auf. Der Anschaffungspreis eines solchen Autotelefons war in etwa so hoch wie der eines VW-Käfers. In den USA hatte bereits zwölf Jahre zuvor das erste mobile Autotelefonat stattgefunden.

    Vor 40 Jahren wurde der erste Prototyp eines Mobiltelefons gebaut und das entsprechende Patent beantragt. Ein Entwicklerteam bei Motorola um John Francis Mitchell (1928-2009) und Martin Cooper (*1928) zeichnete dafür verantwortlich.

    Vor 30 Jahren brachte Motorola das erste kommerzielle Mobiltelefon auf den Markt. Das DynaTAC 8000X wog etwa 800 Gramm und war unhandliche 33 × 4,5 × 8,9 Zentimeter groß (inklusive Antenne). Ein Jahr später (1984) waren etwa 300.000 Geräte verkauft - trotz stolzem Preis von 3.995,- Dollar.

    Nach Angaben der ICU, der International Telecommunication Union, gibt es derzeit (2013) etwa 6,8 Milliarden Handyverträge weltweit. Damit existieren fast so viele Handys wie Menschen.

    Der "Vater" des modernen Mobiltelefons, Martin Cooper, feiert im Dezember dieses Jahres - und damit kommen wir zum letzten Jubiläum und zum Abschluss dieses Beitrags - seinen 85. Geburtstag.

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  • ohohoh
  • KW 37: Schichtwechsel

    Wir nähern uns dem Internationalen Tag zum Schutz der Ozonschicht (16.9.). Außerdem wurde diese vor 100 Jahren entdeckt. Anlass genug, uns in dieser Woche auf eine Zeitleiste des Ozons zu begeben.

    1785
    Der niederländische Wissenschaftler Martinus van Marum (1750-1837) bemerkt bei seinen Experimenten mit Elektrisiermaschinen ein bläuliches Gas mit stechendem Geruch. 55 Jahre lang bleibt dieses Gas namenlos.

    1839/40
    Der deutsch-schweizerische Chemiker und Physiker Christian Friedrich Schönbein (1799-1868) beobachtet und analysiert eben dieses Gas. Er nennt es Ozon, nach griechisch: ozein (riechen)

    1881
    Der britische Chemiker Walter Noel Hartley (1845-1913) erkennt, dass Ozon das UV-Licht der Sonne absorbiert, und schließt, dass Ozon in großen Höhen zu finden sein muss.

    1913
    Die beiden französischen Physiker Charles Fabry (1867-1945) und Henri Buisson (1873-1944) bestätigen eine erhöhte Ozonkonzentration in der Erdatmosphäre, und gelten damit als Entdecker der Ozonschicht.

    1926
    Der britische Physiker und Meteorologe Gordon Dobson (1889-1976) und sein Kollege D. N. Harrison beobachten beträchtliche natürliche Schwankungen im Ausmaß der Ozonschicht.

    1956
    Verschiedene Forschungsstationen in der Antarktis beginnen mit systematischen Messungen der Ozonkonzentration.

    1971
    Der niederländische Chemiker und Meteorologe Paul J. Crutzen (*1933) entdeckt, dass Ozon durch Stickoxide zerstört wird, als er untersucht, wie sich die Abgase von Überschallflugzeugen auf die Atmosphäre auswirken.

    1974
    Die beiden Chemiker Mario J. Molina (*1943) aus Mexiko und Sherwood Rowland (1927-2012) aus den USA bestätigen den vom Menschen verursachten schädlichen Einfluss von FCKW auf die Ozonschicht.

    1985
    Die britischen Antarktisforscher Joe Farman (1930-2013), Brian Gardiner (*???) und Jon Shanklin (*1953) beschreiben das dortige Ozonloch.

    Im selben Jahr wird das Wiener Übereinkommen zum Schutz der Ozonschicht beschlossen und von 196 Staaten unterzeichnet.

    1987
    Das Montreal Protokoll wird verabschiedet, ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen darüber, die Emissionen von Stoffen zu reduzieren, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen. 1989 tritt es in Kraft. In den Folgejahren wird es weiter ergänzt (London, Kopenhagen, Peking).

    1995
    Crutzen, Molina, and Rowland erhalten als Pioniere in der Erforschung des Ozonlochs den Nobelpreis für Chemie.

    2012
    Die World Meteorological Organization, eine Forschungsinstitution der Vereinten Nationen, meldet eine Erholung der Ozonschicht. Optimistischen Berechnungen zufolge könnte bis Mitte des Jahrhunderts der Stand der 1980er wieder erreicht werden.

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  • Ein Buch, sie zu fesseln
  • KW 36: Tollkühn

    Er war nicht einfach nur ein Geschichtenerzähler. Ein ganzes Genre hat er begründet, eine komplette Mythologie erdacht, komplexe Sprachen ersonnen, fantastische Fabelwesen erfunden und wundersame Welten erschaffen.

    Die Rede ist von John Ronald Reuel Tolkien (1892–1973), britischer Sprach- und Literaturwissenschaftler, Universitätsprofessor und Schriftsteller, dessen 40. Todestag in diese KW fällt.

    Mehr als 150 Millionen Mal sind die sagenhaften Abenteuer der Gefährten aus "Der Herr der Ringe" seit der Erstveröffentlichung 1954/55 weltweit verkauft worden. Sie wurden in über 30 Sprachen übersetzt.

    "Der kleine Hobbit", die 1937 erstmals erschienene Vorgeschichte, ging ebenfalls über 100 Millionen Mal über die Ladentheke. Eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen.

    Aber eines hat J. R. R. Tolkien (1892–1973) nicht geschafft. Er konnte nicht verhindern, dass die Erstauflage von "Der Herr der Ringe" in drei Teilen verlegt wurde – und bis heute oft als Trilogie angesehen wird. Für Tolkien selbst war es immer ein Buch, unterteilt in sechs große Teile.

    Doch als das Werk erstmals in Großbritannien veröffentlicht werden sollte, fürchteten seine Verleger, dass ein Buch von derartigem Umfang keine Abnehmer finden würde. Hinzu kam wohl auch, dass die seinerzeit hohen Papierpreise bei mehr als 1.000 Seiten zu einem zu hohen Verkaufspreis geführt hätten.

    Daher schlug der Verlag George Allen & Unwin Ltd. die Aufteilung in drei Bücher (und gleich auch die dazugehörigen Titel) vor. Tolkien war damit nicht glücklich - weder mit der künstlichen Aufteilung in drei Bände, noch mit den vergebenen Namen. Doch einen anderen Verlag konnte er nicht finden, vergeblich hatte er es versucht.

    Dass Peter Jackson seine fulminante, nicht minder erfolgreiche Verfilmung des "Herrn der Ringe" ebenfalls in drei Teilen in die Kinos brachte, obwohl alle Teile zur selben Zeit gedreht worden waren, wird wohl auch an ökonomischen Gesichtspunkten gelegen haben.

    Zugegeben: Es wäre ein sehr, sehr langer Film geworden, wenn Peter Jackson Tolkiens Verständnis von seinem einen Buch berücksichtigt hätte. Aber eine Hexalogie wäre tatsächlich näher an Tolkien gewesen als die umgesetzte Trilogie - und hätte vermutlich auch genügend Zuschauer gefunden.

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  • Bandsalat?
  • KW 35: Kompakte Kiste

    Im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts sorgt der Däne Valdemar Poulsen (1869–1942) auf der Weltausstellung in Paris für magnetischen Wirbel.

    Sein Telegraphon ist eine der großen Sensationen. Dafür gibt’s dann auch einen Grand Prix.

    63 Jahre später gelingt dem niederländischen Unternehmen Philips ein ähnlicher Coup.

    Poulsens Erfindung der magnetischen Tonaufzeichnung ist über die letzten Jahrzehnte optimiert worden. Doch alle bisherigen Geräte sind ziemlich klobig und kostspielig.

    Das, was Philips ab dem 30.8.1963 auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin vorstellt, ist dagegen handlich und dazu auch noch leicht in der Handhabung.

    Der Philips EL 3300, der erste Kassettenrekorder der Welt, ist ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Tonaufzeichnung.

    Er stellt zwar keine wirkliche technische Innovation dar, seine Ausmaße, seine Usability und sein Verkaufspreis sorgen aber dafür, dass er den heimischen Markt in rasantem Tempo erobert.

    Der dazugehörige Tonträger, die Compact Cassette, ist gerade mal 10,16 × 6,35 × 1,27 cm groß und passt in jede Hosentasche. Der Rekorder selbst wird mit Batterien betrieben und ist damit mobil einsetzbar.

    Andere Firmen bringen in den folgenden Jahren alternative Kassetten auf den Markt, so etwa 1965 die DC International von Grundig und 1976 die Elcaset von Sony und anderen. Den Siegeszug der Compact Cassette kann jedoch keiner aufhalten.

    Bereits 13 Jahre nach ihrer Vorstellung auf der IFA werden in Deutschland mehr Compact Cassetten als Langspielplatten verkauft.

    Erst mit den digitalen Speichermedien, vor allem mit der beschreibbaren Compact Disc ab den späten 1990ern, verliert die Kassette zunehmend an Bedeutung. In Deutschland wird ihre Produktion 2010 eingestellt.

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  • olehhholeoleolehh
  • KW 34: Ballaballa

    Mehr als 13 Millionen Zuschauer strömen zu den 306 Spielen der Ersten Fußballbundesliga in der Saison 2012/2013. Das sind im Schnitt 42.623 Personen pro Spiel.

    Zwischen vier und fünf Millionen Menschen schalten am Samstagabend regelmäßig in die "Sportschau" der ARD. Das Topthema ist meist "König Fußball".

    Keine Nachrichtensendung kommt am Fußball vorbei, selbst wenn sie nur 15 Minuten dauert.

    Kaum vorstellbar, dass dem nicht immer so war.

    Doch erst 1874 kommt die "englische Krankheit", wie das Fußballspiel seinerzeit mitunter verächtlich genannt wird, nach Deutschland. Die beiden Lehrer Konrad Koch und August Hermann holen den Fußball an ihre Schule in Braunschweig.

    Nicht wenige befürchten einen Verfall der Sitten durch diese grobe und rohe "Fußlümmelei". In Bayern ist das Fußballspielen an Schulen sogar bis 1927 verboten.

    Dennoch verbreitet sich der Fußballsport von Braunschweig aus schnell in ganz Deutschland. 1894 stellt Konrad Koch fest:

    „Die Frage, ob Fußball in Deutschland eingeführt werden soll oder nicht, bedarf keiner Erörterung mehr, sie ist durch die Macht der Tatsachen entschieden.“

    1900 gründen schließlich etwa 86 Vereine den Deutschen Fußball-Bund (DFB), den ersten nationalen Dachverband des Fußballsports.

    1962 beschließt der DFB die Einführung einer Bundesliga ab der Saison 1963/64.

    Am 24. August 1963, also in dieser Woche vor fünfzig Jahren, wird der erste Spieltag ausgetragen.

    Der erste Meister dieser neuen Liga wird übrigens der 1. FC Köln. Doch das nur am Rande.

    Viel wichtiger ist die Erkenntnis: Wenn dem nicht immer so war, muss dem auch nicht immer so sein.

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  • Sonnensicht - Sonnenschicht
  • KW 33: Sonnendings

    Sprache unterliegt einer permanenten Wandlung. Neue Wörter entstehen, andere geraten in Vergessenheit.

    Doch Sprache kann mitunter auch außerordentlich starr sein. Nehmen wir zum Beispiel das Begriffspaar "Sonnenaufgang / Sonnenuntergang".

    Bereits im 3.Jh. v.Chr. soll der griechische Astromon und Mathematiker Aristarch von Samos vermutet haben, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht andersherum.

    Etwa 1.800 Jahre später greift Nikolaus Kopernikus die Idee wieder auf (vgl. KW 8). Sein Hauptwerk, im Jahr seines Todes veröffentlicht, trägt maßgeblich dazu bei, dass sich das heliozentrische Weltbild mehr und mehr durchsetzt.

    Heute wissen wir zwar, dass "unsere" Sonne nicht das Zentrum des Universums ist, viel zu viele Galaxien gibt es da draußen.

    Fest steht aber, dass nicht die Sonne auf- und untergeht, sondern die Erdrotation bedingt, dass wir die Sonne nur zu bestimmten Zeiten sehen.

    Sonnenauf- und -untergang sind daher sprachliche Relikte, da sie einem geozentrischen Weltbild verpflichtet sind, also davon ausgehen, dass die Erde der Nabel der Welt ist.

    Ich finde, es ist an der Zeit, die Begriffe den Gegebenheiten anzupassen.

    Doch neue Bezeichnungen zu finden, ist nicht ganz so leicht. Schließlich haben sich die alten vor allem deshalb bis heute im Sprachschatz gehalten, weil sie schlicht und ergreifend so griffig sind.

    Mein erster Vorschlag versteckt sich im Mouseover über dem Bild.

    Weitere Ideen sind willkommen!

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  • Sternweh
  • KW 32: Sternfahrt

    Er ist im Begriff, endgültig den Glauben an sich selbst zu verlieren. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass er das Patent auf seinen Motorwagen angemeldet hat.

    Seit mehr als einer Dekade feilt er unaufhörlich an dem Projekt seines Lebens, der pferdelosen Kutsche.

    Inzwischen hat er bereits den zweiten verbesserten Prototypen gebaut. Sämtliche Probefahrten sind vielversprechend verlaufen, wenn auch mitunter etwas holprig.

    Und doch: Niemand scheint ernsthaft daran interessiert, ein motorisiertes Fuhrwerk zu erwerben.

    Stattdessen machen sich die Leute über ihn lustig. Oft genug werden er und seine Familie auf offener Straße verspottet.

    Hat er aufs falsche Pferd gesetzt?

    Bertha ist es leid. Sie glaubt an ihren Mann, hat immer an ihn geglaubt. Und sie glaubt an seine Erfindung.

    Gerne hat sie ihre Mitgift ins Unternehmen gesteckt. Ohne Murren nimmt sie die Entbehrungen in Kauf, da der Erfolg noch immer auf sich warten lässt.

    Den Spott der Leute kann sie ignorieren. Aber seine Selbstzweifel kann sie nur schwer ertragen.

    Er darf jetzt nicht aufgeben. Der Tag wird kommen, da werden allerorts mindestens genauso viele Motorwagen wie Kutschen auf den Straßen unterwegs sein.

    Sie wird den Beweis antreten, dass sein Wagen etwas taugt. Zur Mutter nach Pforzheim will sie fahren. Nicht mit dem Zug, nein mit Carls Gefährt, dem offenen Dreiradwagen mit zwei Sitzbänken.

    Gut 100 Kilometer mögen das sein. Niemals zuvor ist Carl eine derartige Strecke gefahren. Wie auch, eine Lizenz zum Fahren außerhalb der Mannheimer Stadtgrenzen hat er nicht.

    Was soll's! Bevor irgendwer etwas bemerkt, ist sie schon längst über alle Berge.

    Nur ihre beiden Söhne Eugen und Richard weiht sie ein. Sie werden mitkommen. Oft genug sind sie Carl in der Werkstatt zur Hand gegangen. Falls sie auf der langen Fahrt eine Panne haben sollten, werden die beiden von Nutzen sein.

    Carl selbst ahnt nichts, als er am 5. August 1888 erwacht und in der Küche einen Zettel seiner Frau vorfindet: "Sind zur Mutter nach Pforzheim. Wollten dich nicht wecken."

    Derweil haben Bertha und ihre beiden Söhne bereits einige Kilometer hinter sich gebracht.

    In Wiesloch tanken sie, das heißt sie decken sich in der ortsansässigen Apotheke mit Ligroin, einem Leichtbenzin, ein.

    Kurz vor Bruchsal hilft ihnen ein Schmied, die Antriebsketten zu reparieren. Später verstärkt ein Schuhmacher die Bremsklötze mit Leder.

    Außerdem werden eine Hutnadel, ein Strumpfband und viel Wasser den Wagen am Laufen halten - und selbstverständlich literweise Ligroin, das seinerzeit in Apotheken als Fleckenmittel verkauft wird.

    Tatsächlich erreichen die drei Wagemutigen am selben Tag noch Pforzheim. Knapp 13 Stunden waren sie unterwegs. Aber sie haben es geschafft.

    "Erste Fernfahrt ist gelungen - sind gut in Pforzheim angekommen", telegrafiert Bertha umgehend nach Mannheim.

    Es wird nicht mehr lange dauern, bis Carl Friedrich Benz (1844-1929) kauf- kräftige Kunden für seine pferdelosen Kutschen findet und aus seiner Werkstatt eine florierende Automobilfabrik wird.

    Dazu beigetragen hat auch Bertha Benz (1849-1945). Die erste Fernfahrt in der Automobilgeschichte beschert ihrem Gatten neuen Mut und dessen Vehikel einen werbewirksamen Schub.

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  • Fiesband
  • KW 31: In einem fort

    Er wollte ein Auto für die Massen schaffen. Das ist ihm wahrlich gelungen – zu seiner Zeit und erst recht zu unserer Zeit.

    Mehr als eine Milliarde Kraftfahrzeuge, selbst- verständlich nicht alle aus seiner Produktion, sind heutzutage weltweit unterwegs.

    Dabei hätten sich seine Zeitgenossen, wohl eher schnellere Pferde gewünscht, hätte er sie denn gefragt, soll unser Protagonist der Woche leicht süffisant sinniert haben.

    Henry Ford wird am 30. Juli 1863 geboren und wächst auf der Farm seiner Eltern unweit von Detroit auf. Mit 17 geht er in die Stadt, um eine Ausbildung zum Maschinisten anzutreten.

    Um die 30 wird er Chefingenieur bei Thomas Edison (1847-1931), dem „Erfinder" der Glühlampe und des elektrischen Stuhls.

    1896 konstruiert Henry Ford sein erstes Automobil. Drei Jahre später macht er sich selbständig, muss aber 1901 Insolvenz anmelden.

    Erst mit der Ford Motor Company – und einer Reihe neuer Investoren – gelingt ihm dann ab 1903 der Durchbruch.

    Vor allem sein Modell T, „Blechliesel“ genannt, erobert die Straßen von Amerika. Zwischen 1908 und 1927 werden 15 Millionen Stück produziert.

    Dieser Erfolg gelingt Henry Ford dadurch, dass er die Motivation seiner Beschäftigten steigert, ihre Arbeitsbedingungen verbessert und früh den Effekt von Werbung erkennt.

    Außerdem nutzt und verfeinert er die seinerzeit in der Automobilproduktion noch junge Technik des Fließbands. Dadurch lassen sich die Produktionskosten senken und infolge dessen auch der Verkaufspreis.

    Nebenbei betätigt sich Henry Ford als Verleger. 1919 kauft er sich eine Zeitung, den "Dearborn Independent". Systematisch wird hier in den folgenden acht Jahren antisemitische Propaganda verbreitet.

    Anfang der 1920er erscheint eine Sammlung ausgewählter Artikel in einer vierbändigen Buchreihe unter dem Titel „The international jew“, herausgegeben ebenfalls von Henry Ford.

    Die Bücher werden auch ins Deutsche übertragen und zur Inspiration für den ein oder anderen Nazi. Adolf Hitler (1889-1945) soll in seinem „Kampf“ daraus zitiert haben. In seinem Münchner Büro hängt ein Portrait von Henry Ford. 1938 würdigt er Ford mit der höchsten Auszeichnung, die er an Ausländer zu vergeben hat.

    Henry Ford seinerseits unterstützt Hitler finanziell seit den frühen 1920ern. Später soll er veranlasst haben, dass Hitler regelmäßig 50.000 Mark zum Geburtstag überwiesen werden.

    Ab 1938 steigen die deutschen Ford-Werke auch ins Rüstungsgeschäft ein. In Köln und Berlin rollen massenhaft Fahrzeuge für die Wehrmacht vom Band. Später wird die Produktion um Munition erweitert.

    Dabei kommen auch reihenweise Zwangsarbeiter zum Einsatz, 1943 stellen sie etwa die Hälfte der Belegschaft im Kölner Werk.

    In der Heimat setzt sich Henry Ford zunächst dafür ein, dass die USA nicht in den Krieg eintreten. Später versorgt er auch die US-Armee mit Kriegsgerät.

    Während sich Henry Ford 1915 noch per Schiff auf Friedensmission gen Europa begab, um den ersten Weltkrieg zu beenden, kommt ihm der zweite anscheinend gut zupass. Zumindest profitiert er in doppelter Hinsicht.

    Nach Kriegsende zieht sich der Tycoon aus seiner Company zurück. Sein Enkel tritt seine Nachfolge an. 1947 stirbt Henry Ford mit 83 Jahren. Er wird auf dem Ford-Friedhof in Detroit beerdigt.

    Heute liegt die Ford Motor Company noch immer auf Platz fünf der weltweit größten Autohersteller (gemessen an der Zahl der produzierten Fahrzeuge in 2011).

    Die dunkle Seite der Firmengeschichte wird weitgehend ausgeblendet.

    Auf der firmeneigenen Website rühmt sich der Mutterkonzern der Ford Motor Company nur damit, die Alliierten tatkräftig unterstützt und eine maßgeblichen Beitrag zum "arsenal of democracy" geleistet zu haben.

    2000 soll Ford immerhin 13 Millionen Dollar Entschädigung für seine ehemaligen Zwangsarbeiter gezahlt haben.

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  • Einhornkotze?
  • KW 30: Einhornkuchen

    Auch wenn scheinbar niemand so genau weiß, wieso, weshalb, warum: Der 24. Juli wird als „Internationaler Tag der Freude“ deklariert, angeblich seit 1981.

    Mehr lässt sich nicht über Bedeutung und Initiatoren dieses Freudentages herausfinden.

    Wozu auch, wir könnten uns ja einfach freuen. Doch brauchen wir dazu einen besonderen Tag (und einen Wochenbeitrag)?

    Wie auch immer: Erfreuen wir uns in dieser Woche an einer unkommentierten Sammlung freudvoller Begriffe. Sie sind dem „Deutschen Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm (vgl. KW 14) entnommen.

    Mit diesem ambitionierten Projekt wollten die beiden Brüder Herkunft und Gebrauch aller deutschen Wörter erfassen und erläutern.

    Sie hatten den Aufwand jedoch unterschätzt, als sie 1838 mit der Arbeit begannen. Ursprünglich hatten sie zehn bis 15 Jahre für die Erstellung des Wörterbuchs veranschlagt.

    1854 erschien schließlich der erste Band, mehr als 100 Jahre später, 1961 der 32. und letzte Band.

    Die beiden Grimms erlebten die Fertigstellung freilich nicht mehr. Wilhelm starb bereits 1859 an einer Blutvergiftung, sein Bruder Jacob 1863 an den Folgen eines Schlaganfalls.

    Jacob saß gerade an der Überarbeitung des Eintrags „Frucht“. Die Einträge zu „Freude“ wurden also noch von ihm zusammengestellt und redigiert.

    Nach ihrem Tod wurde das Projekt mit enormem Aufwand weitergeführt. Letztendlich sind etwa 300.000 Stichwörter auf 34.824 Seiten erfasst worden.

    84 Kilo deutsche Sprache, die zwischen 1998 bis 2004 im Auftrag der Universität Trier digitalisiert wurden und nun online eingesehen werden können.

    Hier nun abschließend die geballte Freude:

    Freude,
    Freudebeben,
    freudebebend,
    freudebleich,
    Freudeblick,
    Freudebrausen,
    freudebrausend,
    Freudebringer,
    Freudedank,
    Freudeduften,
    freudedurchdrungen,
    Freudefülle,
    freudefunkelnd,
    freudegebärend,
    Freudegeheul,
    Freudegenosz,
    Freudegeschrei,
    Freudegetön,
    Freudegetümmel,
    freudeglänzend,
    freudehaft,
    freudehell,
    Freudeklang,
    Freudelächeln,
    Freudelast,
    freudeleer,
    Freudelein,
    freudelos,
    Freudemacher,
    Freudemacherin,
    Freudenamt,
    Freudenangst,
    freudenarm,
    Freudenaue,
    Freudenaufenthalt,
    Freudenauge,
    Freudenbaum,
    Freudenbecher,
    Freudenbegrüszung,
    Freudenbewirtung,
    Freudenbezeugung,
    Freudenbild,
    Freudenblick,
    Freudenblitz,
    Freudenblume,
    Freudenblütenkranz,
    Freudenbote,
    Freudenbotschaft,
    Freudenbraus,
    Freudenbringer,
    Freudenbringerin,
    Freudenbund,
    Freudenburg,
    Freudenchor,
    Freudendank,
    Freudendonnerschlag,
    Freudenempfindung,
    Freudenerfolg,
    Freudenernte,
    Freudenerwecker,
    Freudenfahne,
    Freudenfall,
    Freudenfels,
    Freudenfest,
    Freudenfeuer,
    Freudenfeuertrommel,
    Freudenfittich,
    Freudenflug,
    Freudenflut,
    freudenfrisch,
    Freudenfülle,
    Freudengabe,
    Freudengall,
    Freudengang,
    Freudengarbe,
    Freudengast,
    Freudengeber,
    Freudengeberin,
    Freudengebet,
    Freudengebrüll,
    Freudengedränge,
    Freudengefühl,
    Freudengeist,
    Freudengelächter,
    Freudengelag,
    Freudengeld,
    Freudengenosz,
    Freudengenusz,
    Freudengesang,
    Freudengeschmack,
    Freudengeschrei,
    Freudengetümmel,
    Freudengewinn,
    Freudengewitter,
    Freudengewühl,
    Freudenglanz,
    Freudenglas,
    Freudenglut,
    Freudengott,
    Freudengrab,
    Freudengrusz,
    freudenhaft,
    Freudenhalle,
    Freudenhandgrif,
    Freudenhasser,
    Freudenhaus,
    Freudenheer,
    freudenhell,
    Freudenherold,
    Freudenhimmel,
    Freudenhochzeit,
    Freudenhonig,
    Freudenjagd,
    Freudenjauchzer,
    Freudenkehraus,
    Freudenkelch,
    Freudenkerze,
    Freudenkind,
    Freudenkleid,
    Freudenkönigin,
    Freudenkranz,
    Freudenkreis,
    Freudenkrone,
    Freudenkür,
    Freudenlachen,
    Freudenlauf,
    Freudenlaut,
    Freudenleben,
    freudenleer,
    Freudenleere,
    Freudenlicht,
    Freudenlied,
    freudenlos,
    Freudenmacher,
    Freudenmädchen,
    Freudenmahl,
    Freudenmeer,
    Freudenmehrer,
    Freudenmorgen,
    Freudenmost,
    freudenmostig,
    Freudenmut,
    Freudennacht,
    Freudennelke,
    Freudenohnmacht,
    Freudenohrenklingen,
    Freudenöl,
    Freudenopfer,
    Freudenort,
    Freudenpferd,
    Freudenport,
    Freudenpracht,
    Freudenpsalm,
    Freudenquelle,
    Freudenraffer,
    Freudenräuber,
    Freudenrausch,
    freudenreich,
    Freudenreich,
    Freudenreise,
    Freudenrose,
    freudenroth,
    Freudenroth,
    Freudenruf,
    Freudensaat,
    Freudensaite,
    Freudensal,
    freudensatt,
    Freudensatz,
    Freudenschale,
    Freudenschall,
    Freudenschallen,
    Freudenschar,
    Freudenschau,
    Freudenschauder,
    Freudenschauer,
    Freudenschein,
    freudenscheu,
    Freudenschieszen,
    Freudenschmaus,
    Freudenschöpfer,
    Freudenschöpferin,
    Freudenschrei,
    Freudenschusz,
    freudenschwanger,
    Freudenschwärmerei,
    Freudenschwarz,
    Freudenschwester,
    freudenselig,
    Freudensold,
    Freudensonne,
    Freudenspender,
    Freudenspenderin,
    Freudenspiel,
    Freudensprung,
    Freudenstand,
    Freudenstimme,
    Freudenstirne,
    Freudenstolz,
    Freudenstörer,
    Freudenstral,
    Freudenstrom,
    Freudenstunde,
    Freudensturm,
    Freudentag,
    Freudentanz,
    Freudenthal,
    Freudenthau,
    Freudentheil,
    Freudenthräne,
    freudenthränend,
    Freudentisch,
    Freudentod,
    Freudenton,
    Freudentraum,
    Freudentropfe,
    Freudentrost,
    Freudentrunk,
    Freudentugend,
    freudentugendhaft,
    Freudenvater,
    Freudenverderber,
    Freudenverlust,
    freudenvoll,
    Freudenwagen,
    Freudenweide,
    Freudenwein,
    Freudenwerk,
    Freudenwort,
    Freudenzähre,
    Freudenzeichen,
    Freudenzeit,
    Freudenzelt,
    Freudenziel,
    Freudenzug,
    Freuderuf,
    freudescheu,
    Freudeschrecke,
    freudesiech,
    Freudespur,
    freudestralend,
    freudestumm,
    Freudetaumel,
    freudetrunken,
    Freudetrunkenheit,
    freudeverarmt,
    freudeweinend,
    freudig,
    freudigblühend,
    freudiggrünend,
    freudighoffend,
    Freudigkeit,
    freudiglaut,
    freudiglich,
    freudigmutig,
    freudigspielend,
    freudigweinend,
    freudlos,
    freudmütig,
    freudsam,
    Freudspiel,
    freudumgeben,
    Freudung,
    Freudvogel,
    freudvoll

    Wiedersehen macht ja bekanntlich auch Freude. In diesem Sinne: bis nächste Woche!

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  • Piccolöchen-Boson
  • KW 29: Teilchenchen

    Zum Weltraumforschungstag am 20. Juli gibt es in dieser Woche ein Stück in 16 elementaren Teilchen aus der Entdeckungs- und Ernennungsgeschichte eines Bosons, genannt Higgs, ugs. Gottesteilchen; auch wenn die eine Disziplin nicht zwangsläufig mit der anderen zusammenstringt.

    1. Teil
    1964 entwickeln Robert Brout, Francois Englert, Gerald Guralnik, Carl R. Hagen, Peter Higgs und Tom Kibble unabhängig voneinander, zum Teil aber miteinander, jedenfalls ungefähr gleichzeitig die Theorie eines an Masse gewinnenden Mechanismus.

    2. Teil
    B-E-G-H-H-K-Boson?
    Higgs-Boson!
    (Boson = bestimmtes Teilchen in der Teilchenphysik)

    3. Teil
    In der Teilchenphysik beginnt eine Jagd auf das postulierte Boson, vor allem auf den experimentellen Nachweis dessen. Daran beteiligt sind im Laufe der folgenden Jahrzehnte mehrere Tausend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt.

    4. Teil
    1993 veröffentlichen Leon Lederman, Physiker, und Dick Teresi, Wissen- schaftsjournalist, das Buch "The God Particle: If the Universe is the Answer, what is the Question?".

    5. Teil
    Higgs-Boson =
    Gottesteilchen
    [ Higgs = ? ]

    6. Teil
    Eine moderne Legende besagt, Ledermans Verleger habe sich dafür ausgesprochen den Buchtitel "The God damn Particle" um das "Verdammte" zu kürzen. Tatsächlich nennt Leon Lederman dies als einen Grund für die Wahl seines Buchtitels, das aber wohl eher im Scherz.

    7. Teil
    Peter Higgs jedenfalls lehnt die Bezeichnung Gottesteilchen ab. Auch mit der Benennung nach seiner Person hat er sich nicht richtig angefreundet. "The so-called Higgs Boson" oder "Boson named after me" nennt er es mitunter.

    8. Teil
    2009 startet Ian Sample vom Guardian einen Aufruf zur Umbenennung des Higgs-Bosons.

    9. Teil
    X-Boson ?
    Top-Antwort: X = Champagnerflaschen

    10. Teil
    Am 4. Juli 2012 findet im CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, eine Pressekonferenz statt. Verkündet wird, dass ein Teilchen beobachtet und analysiert worden sei, bei dem es sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit um das Higgs-Boson handeln könne.

    11. Teil
    Auch wenn die Erkenntnis unter Vorbehalt und als vorläufig ausgewiesen wird, starten weltweit Spekulationen, ob Peter Higgs der nächste Preisträger des Nobelpreises für Physik sein wird.

    12. Teil
    Das Nobelpreiskomitee entscheidet jedoch für zwei Physiker aus dem Bereich der Quantenmechanik.

    13. Teil
    Selbst wenn in der nächsten Zeit erwiesen werden sollte, dass das gefundene Teilchen dem wie auch immer zu nennenden Boson entspricht - und nicht einem ganz anderen, vielleicht super- symmetrischen. Die Frage, wer dafür den Nobelpreis erhalten soll, ist nicht leicht zu beantworten.

    14. Teil
    Der Nobelpreis wird höchstens an drei Personen verliehen, die zudem noch am Leben sein müssen.

    15. Teil
    Robert Brout ist 2011 verstorben.

    16. Teil
    Bleiben noch 5 + x

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  • Hin(denburg) und weg
  • KW 28: Luftwandler

    Eigentlich wollte ich dem Grafen ein Ständchen zum 175. bringen. Dem, der lange Zeit als Narr verspottet und später dann als Held gefeiert wurde.

    Dann stieß ich auf den kurzen Hinweis, nicht Ferdinand von Zeppelin (*1838, †1917), sondern ein Ungar habe das erste Starrluftschiff gebaut, David Schwarz (*1850, †1897) mit Namen, so dass die fliegenden Zigarren nicht Zeppeline, sondern eigentlich Schwarzer genannt werden müssten.

    Allerdings nahm sein Erfinder ein jähes Ende: Just an dem Tag, an dem sein Luftschiff in die Lüfte hätte gleiten können, starb David Schwarz im Januar 1897 überraschend an Herzversagen.

    Zwar wurde der Jungfernflug im November des Jahres nachgeholt - allerdings mit mäßigem Erfolg, immerhin stieg das Luftschiff auf eine Höhe von 400 Metern, war also flugtauglich und auch lenkbar, musste dann aber notlanden und wurde fast vollständig zerstört.

    Graf Ferdinand von Zeppelin, der ebenfalls seit mehreren Jahren von der Idee angefixt war, ein lenkbares Flugschiff zu bauen, wird die Schritte seines Konkurrenten aufmerksam verfolgt haben.

    Manche Quellen besagen, dass der Graf beim Jungfernflug zugegen war. Meist findet sich auch der Hinweis, Zeppelin habe der Witwe von David Schwarz dessen Patent und Konstruktionspläne abgekauft, und damit von dessen Entwicklung profitiert.

    Die Belege hierfür sind nicht eindeutig. Fest steht aber, dass sich Ferdinand von Zeppelin nach 1897 mit dem Unternehmer Carl Berg zusammentat. Dieser hatte zuvor bereits mit Schwarz an dessen Luftschiff gearbeitet.

    Fest steht aber auch, dass Zeppelin bereits Anfang der 1890er die Vision von "lenkbaren Luftballonen" verfolgte, vielleicht sogar schon früher.

    Der Teilerfolg des Schwarzschen Luftschiffs wird ihm und seiner Sache vermutlich Auftrieb gegeben haben - zuvor war er lange Zeit als "Narr vom Bodensee" verspottet worden.

    Das Joint Venture mit Carl Berg wird ihn ebenfalls beflügelt haben. Schließlich hatten Bergs Ingenieure genaue Kenntnis von dem Schwarzschen Luftschiff.

    1898, also im Jahr nachdem sich der "Schwarzer" in die Lüfte und sein Erfinder ins Jenseits begeben hatten, meldete Ferdinand von Zeppelin das Patent auf sein Luftschiff an. Im selben Jahr begann der Bau an LZ1, dem ersten Zeppelin

    Zwei Jahre später fanden die ersten Testflüge statt. Als sich LZ1 das erste Mal in die Luft hob, beobachteten 12.000 Menschen das Spektakel.

    Bis der Zeppelin für die zivile und militärische Luftfahrt genutzt werden konnte, vergingen noch einige Jahre. Bis dahin verunglückten etliche Luftschiffe und viel Geld wurde verpulvert.

    Die Hochphase der Starrluftschiffe ab Ende der 1920er erlebte der Graf nicht mehr. Er verstarb 1917.

    Damit entging ihm auch das katastrophale Ende: LZ129, die "Hindenburg", ging bei ihrer Landung in den USA in Flammen auf und läutete das Ende der Zeppelin-Ära ein.

    Ferdinand von Zeppelin wurde bereits zeitlebens mit Ehrungen überschüttet. David Schwarz ging weitgehend leer aus. Selbst sein Name ist heutzutage kaum noch bekannt.

    Lassen wir diese Woche also den Grafen und seinen weniger bekannten Vorreiter David Schwarz hochfliegen!

    Dass neben den Zeppelinen einst eine Reihe anderer Starrluftschiffe am Himmel schwebten, tut hier nichts zur Sache.

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  • Für K.
  • KW 27: Tanze Samsa mit mir

    K. weiß nicht,
    wie ihm geschieht.

    Er weiß nur, dass geschieht,
    was geschieht.

    K. ahnt sein Ende.
    Die Hoffnung hat er bereits.

    In Prag begraben. Kein Jahr
    wird mehr vergehen.

    Doch dann atmet er noch einmal
    auf und Unendlichkeit.

    Die ihn sein wichtigstes
    Werk vollbringen lässt.

    Die Los- vor der Auflösung.

    K. zieht nach Berlin. Zu ihr, mit ihr, durch sie.

    Kann er sich lösen.
    Die Dämonen zähmen.

    K. lebt, weil er liebt.
    Endlich unendlich liebt.

    Und auch wenn es vergeht,
    von Anfang an vergeht.

    Bleibt das Glück
    im Tod.

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  • Wendehammer
  • KW 26: Zitatenwende

    Als Barak Obama letzte Woche in Berlin vor dem Brandenburger Tor sprach, wartete manch eine/r gebannt auf einen dieser Sätze, der in die Geschichtsbücher eingeht.

    So wie vor 50 Jahren als sein Vorvorvorvorvor-
    vorvorvorvorgänger am 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg sagte: "Ish bin ein Bearleener."

    Da das eine große, geschichtsträchtige Zitat ausblieb oder vielleicht erst retrospektiv erkannt wird, müssen wir an dieser Stelle mit bereits Gesagtem vorliebnehmen:

    Berlin is the newest city I have come across. Even Chicago would appear old and gray in comparison.
    Mark Twain, 1892

    Das ist die Berliner
    Luft, Luft, Luft.
    Heinrich Bolten-Baeckers, Paul Lincke, 1904


    Ich hab' noch einen
    Koffer in Berlin.
    Marlene Dietrich, 1957

    Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.
    Walter Ulbricht, 15.6.1961

    Ich bin ein Berliner.
    J.F. Kennedy, 26.6.1963

    Berlin ist der Hoden des Westens. Jedes Mal, wenn wir zudrücken, schreit
    der Westen auf.
    Nikita Chruschtschow, 24.8.1963

    A wall can divide a city, but a wall can never divide a people.
    Richard Nixon, 27.2.1969

    Was immer sei,
    Berlin bleibt frei.
    Jimmy Carter, 15.7.1978


    Ich hab noch einen
    Kiffer in Berlin.
    Wolfgang Neuss, 1983

    First we take Manhattan, than we take Berlin.
    Leonard Cohen, 1987/1988

    Mr. Gorbachev,
    open this gate,
    Mr. Gorbachev,
    tear down this wall!
    Ronald Reagan, 12.6.1987

    Die Mauer wird (…) in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind.
    Erich Honecker, 19.1.1989


    Bring glasnost
    to East Berlin!
    George Bush, 31.5.1989

    Die Mauer muss weg! Montagsdemonstration
    in Leipzig, 6.11.1989


    Jetzt wächst zusammen,
    was zusammen gehört. (...) Berlin wird leben und die Mauer wird fallen!
    Willy Brandt, 10.11.1989


    I've been looking
    for freedom.
    David Hasselhoff, 31.12.1989


    (...) nichts wird uns aufhalten, alles ist möglich, Berlin ist frei!
    Bill Clinton, 12.7.1994

    The history of our time
    is written in the life
    of Berlin.
    George W. Bush, 23.5.2002


    People of Berlin – people of the world – this is our moment. This is our time. This city, of all cities, knows the dream of freedom.
    Barak Obama, 24.7.2008

    Die ganze Welt sagt: Es geht gar nicht. Ich sage: Es müsste gehen, aber ich weiß auch noch nicht wie. Hartmut Mehdorn, 11.3.2013

    Die Mauer muss bleiben!
    Demonstration zum Erhalt der East Side Gallery, März 2013

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  • Ohne Wenn und Aber
  • KW 25: Mitten ins Herz

    Werner Sendsitzky will nur kurz etwas besorgen. Gegen 16 Uhr verlässt er die elterliche Wohnung in der Mühlenstraße im Wedding. Es ist der 17. Juni 1953, sein 16. Geburtstag.

    Draußen tobt die Stadt. In den vergangenen Tagen hatten sich bereits vereinzelte Protestmärsche gebildet. Doch heute gehen Zigtausende auf die Straße und machen ihrem Unmut über den neuen Kurs der Regierung Luft.

    Was anfangs als Streik von Bauarbeitern begann, hat sich binnen weniger Stunden zu einem regelrechten Volksaufstand zugespitzt. In mehr als 700 Orten der DDR finden an diesem 17. Juni Demonstrationen statt. Etwa eine Million Menschen beteiligen sich daran.

    In Ost-Berlin wird gegen 13 Uhr der Ausnahmezustand ausgerufen. Etwa 15.000 Volkspolizisten sind im Einsatz, unterstützt von 20.000 sowjetischen Soldaten mit 600 Panzern. Sie sind angehalten, hart durchzugreifen, um den Aufstand umgehend zu beenden.

    An verschiedenen Stellen kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen, so auch am Grenzübergang Chausseestraße/Liesenstraße. Es ist 19:45 Uhr. Steine fliegen. Volkspolizisten feuern mehrere Warnschüsse ab, um eine aus dem Westsektor vordringende Menschenmenge zurückzuhalten.

    Einer dieser Schüsse trifft Werner Sendsitzky mitten ins Herz. Er hatte sich mit mehreren Jugendlichen auf dem Dach einer Baracke postiert. Vermutlich um die Ereignisse aus vermeintlich sicherer Entfernung zu beobachten.

    Werner Sendsitzky verliert das Bewusstsein und stürzt vom Dach. Zwei West- Polizisten fahren ihn ins 800 Meter entfernte Lazarus-Krankenhaus. Doch kommt jede Hilfe zu spät, Werner Sendsitzky ist tot.

    Insgesamt mindestens 55 Menschen sterben rund um den 17. Juni 1953. Über 10.500 werden verhaftet und verhört, etwa 2.000 verurteilt. 36 Jahre vergehen, bis die Forderungen der Demonstrierenden Gehör finden.

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  • Chachacha
  • KW 24: Klebeleben

    Nachdem Kurt Schwitters (*1887, †1948) bereits Anfang 1937 aus Deutschland geflohen war, muss er 1940 auch sein norwegisches Exil verlassen. Fluchtartig, denn deutsche Truppen fallen in Norwegen ein, und für die Nazis gilt Kurt Schwitters als entartet.

    Er entkommt mit Sohn und Schwiegertochter auf einem Eisbrecher und strandet am 18. Juni in Schottland. Mit offenen Armen wird er nicht empfangen: Bis November 1941 ist er in verschiedenen Lagern interniert, ab Juli 1940 auf der Isle of Man.

    Zwar genießt er eine halbwegs privilegierte Behandlung, wohl ist ihm aber nicht.

    Nach außen gibt er den unterhaltsamen Dadaisten, veranstaltet Performances, hält Lesungen, und schreibt Beiträge für das Lagermagazin „The Camp“ – auf Englisch, denn Deutsch will hier keiner mehr so recht sprechen, auch wenn die meisten der Häftlinge aus Deutschland und Österreich stammen.

    Im Privaten erlebt ihn sein Sohn, der sich mit ihm eine Zelle teilt, als desillusioniert und depressiv. Erstmals seit seiner Jugend treten wieder epileptische Anfälle auf.

    Bereits im Oktober 1940 beantragt Kurt Schwitters seine Freilassung, die ihm allerdings erst im November des folgenden Jahres gewährt wird.

    Dennoch ist er während seiner Internierung so produktiv wie selten zuvor – auch wenn es mitunter an Material mangelt. Er arbeitet, um der Verbitterung und Hoffnungslosigkeit zu entgehen, wird sein Sohn später schreiben.

    Nach seiner Freilassung geht Kurt Schwitters nach London und versucht in der dortigen Kunstszene Fuß zu fassen – trotz einiger Ausstellungen mit wenig Erfolg. 1944 erleidet er seinen ersten Schlaganfall.

    Im Juni 1945 zieht Kurt Schwitters ins beschauliche Ambleside im Nordwesten Englands. In seinen Assemblagen verwendet er zunehmend Naturmaterial wie Muscheln, Steine und Knochen.

    Parallel dazu entstehen popartige Collagen, lange bevor die Pop Art überhaupt das Licht der Kunstwelt erblickt.

    Finanziell hält sich Kurt Schwitters mit dem Malen von Portraits und Landschaften über Wasser. Dennoch ist die finanzielle Lage angespannt. 1946 folgt der zweite Schlaganfall.

    1947 beginnt er im knapp sieben Kilometer entfernten Elterwater mit einem weiteren Merzbau. Ein Scheck vom New Yorker Museum of Modern Art, eigentlich für den Wiederaufbau seiner zerstörten Merzbauten in Deutschland und Norwegen bestimmt, entbindet ihn von seiner Lohn- und Brotmalerei.

    Der Merzbau bleibt jedoch unvollendet. Kurt Schwitters stirbt am 8. Januar 1948 an einem Lungenödem und einer Herzmuskelentzündung. Einen Tag zuvor hatte ihn die Nachricht erreicht, dass ihm die britische Staatsbürgerschaft zugesprochen wurde.

    Das Spätwerk von Kurt Schwitters, mehr als 150 Arbeiten aus seiner Zeit in England, zeigt nun das Sprengel Museum in Hannover vom 2. Juni bis zum 25. August 2013. Zuvor war die Ausstellung bereits in der Tate Britain in London zu sehen.

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  • Super
  • KW 23: Superepos

    Anfangs war er superböse, der erste Superheld der Comicgeschichte. In "The Reign of the Super-Man" hat er 1933 seinen großen Auftritt.

    Nichts Geringes als die Superweltherrschaft will dieser Super-Man mit Hilfe seiner übermenschlichen mentalen Superkräfte an sich reißen.

    Als der wahre Superman wenige Jahre später geboren wird, hat er mit seinem Supernamensvetter nichts mehr gemein.

    Seine Supererschaffer, die beiden US-Amerikaner Jerry Siegel und Joe Shuster, hatten ihn einer gründlichen Superrevision unterzogen.

    Der Mann aus Stahl alias Clark Kent alias Superman wird zu einem Kämpfer für das Supergute. Seine mentalen Superkräfte sind durch physische ersetzt. Auch äußerlich haben ihn die beiden einem Superlifting unterzogen.

    Der neue Superman erscheint erstmals 1938 im ersten Superheft der "Action Comics" (veröffentlicht im April auch wenn auf dem Titel Juni 1938 steht).

    Superman feiert also in diesem Superjahr seinen 75. Supergeburtstag, Ob er in die Jahre gekommen ist, dieser Vater aller Comic-Helden, wird eine neue Verfilmung zeigen. Am 20. Juni geht sie in Deutschland an den Start.

    Seine Erschaffer sind bereits in den 1990ern gestorben. Die Rechte an Superman hatten sie dem Verlag 1938 für 130 US-Dollar abgetreten.

    Von Supermans Erfolg, gemeint ist nicht der fiktive, sondern der ganz real-lukrative, haben Siegel und Shuster kaum profitiert.

    Erst 1978, als beide schon im Rentenalter waren, wurde ihnen eine bescheidende lebenslange Zahlung zugesprochen. Im selben Jahr kam der erste Superman-Film in die Kinos. Er spielte weltweit etwa 300 Millionen US-Dollar ein.

    Zum Abschluss ein weiterer Superrekord: Ein Exemplar der ersten "Action Comics"-Ausgabe wurde Ende 2011 für 2,16 Millionen Dollar versteigert.

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  • Steuerlos
  • KW 22: Liebliche Elster

    Wenn in der letzten Maiwoche die Elster ruft, ist dies nicht unbedingt ein Vorbote des Sommers.

    Vielleicht kommt er auch, der Sommer, sicher ist jedoch, dass in Deutschland Ende dieser Woche die Frist zur Abgabe der Steuererklärung abläuft.

    Selten wurde das Thema Steuern so hochgekocht wie in den letzten Monaten. Das liegt freilich nicht an der Abgabefrist. Auch nicht an den über 20 verfügbaren Formularen zur Erklärung der Einkommenssteuer (auch wenn immer mal wieder kritisiert wird, dass das deutsche Steuersystem zu kompliziert sei).

    Das Interesse am Thema verdanken wir prominenten Steuersündern, aber auch einer Partei, die sich wagt, eine Erhöhung der Steuern ins Wahlprogramm aufzunehmen - und dafür sogar manch Zuspruch erhält.

    Vielleicht setzt sich ja doch noch die Erkenntnis durch, dass Steuern nicht dem Staat gezahlt werden, sondern der Gemeinschaft. Der Staat "verwaltet" sie ja eigentlich nur.

    Dass allerdings ausgerechnet die "Elster" zum Namensgeber und Symbol der elektronischen Steuererklärung ernannt wurde, passt nicht zu diesem Verständnis.

    Auch wenn das Apronym auf der Hand liegen mag. Die in Europa seit dem Mittelalter verbreitete Vorstellung von der diebischen Elster spricht für ein anderes Symbol, einen anderen Vogel, ein anderes Tier. Und nein, ich denke jetzt nicht an "Esel".

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  • Drachenmachenkrachersachen
  • KW 21: Drachennöter

    Im Wagner-Jahr fühle ich mich - wodurch auch immer - genötigt, einen Beitrag über diesen großen, kleinen Mann zu verfassen.

    Da in diese Kalenderwoche sein 200. Geburtstag fällt (22. Mai 1813), greife ich also diesmal die Frage aus der 7. KW auf: Warum hatte Richard Wagner ohne GEMA Erfolg?

    Nun, bis zu seinem 29. Lebensjahr hat er keinen nennenswerten Erfolg; stattdessen umso größere Schulden. Vor seinen Gläubigern flieht er nach Riga, London und Paris, wo er größtenteils in prekären Verhältnissen lebt.

    Sein Durchbruch, die Uraufführung der Oper "Rienzi" am 20. Oktober 1842 in Dresden, verschafft ihm den Posten des Kapellmeisters an der Dresdner Hofoper.

    Einige Jahre hat er ein ganz passables Auskommen, bis er 1849 wieder fliehen muss - diesmal aus politischen Gründen.

    In seinem Züricher Exil findet er eine neue Einnahmequelle, nämlich einen Mäzen. So lässt es sich gut leben, dumm nur, wenn man eine Affäre mit dessen Frau beginnt.

    1858 fliegt die Sache auf und mündet in einem Eklat. Richard Wagner begibt sich wieder auf Wanderschaft. Venedig, Paris, Karlsruhe, dann wieder Zürich und anschließend Wien sind die wesentlichen Stationen.

    Seine Versuche, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, scheitern weitgehend. Eine französische Fassung seines "Tannhäuser" wird in Paris verrissen. Auch eine Konzerttour bringt wenig Bares in die Kasse.

    Zwischenzeitlich ist er mal wieder vor ein paar Gläubigern auf der Flucht. Das Geld, das er von neu gewonnenen Gönnern und Mäzenen erhält, reicht einfach nicht.

    1864 kommt er dann endlich in die Gunst eines Mäzens der Königsklasse: Ludwig II. von Bayern, mit 18 Jahren gerade frisch auf den Thron gestiegen, nimmt sich Wagners Geldbeutel an. Doch für Wagners Großprojekt, das Festspielhaus in Bayreuth, reichen selbst dessen Gaben nicht aus.

    Richard Wagner steckt sich daher das Ziel, 1.000 bis 1.500 zahlungskräftige Unterstützer ("Patrone") zu finden, um seine Vision zu realisieren. Mit mehreren Konzerttourneen macht er Werbung in eigener Sache.

    In verschiedenen Städten werden Wagnervereine gegründet, die ihn bei seinem Vorhaben unter die Arme greifen wollen. Doch geht der Plan nicht auf: Es finden sich schlicht und ergreifend nicht genügend "Patrone".

    Damit die Festspiele nicht scheitern, springt zu guter Letzt dann doch Ludwig II. ein. 300.000 Mark überschreibt er Richard Wagner, diesmal jedoch als Kredit.

    Ab dem 13. August 1876 können somit die ersten Wagner-Festspiele in Bayreuth stattfinden. "Der Ring des Nibelungen" wird erstmals vollständig aufgeführt.

    Finanziell ist das Projekt allerdings ein Desaster: Unterm Strich bleibt ein Defizit von rund 150.000 Mark. Hinzu kommen mehr als 200.000 Mark Schulden bei der Bayerischen Staatskasse sowie weitere private Schulden.

    Richard Wagner ist wie schon so oft in seinem Leben bankrott. Widerwillig lässt er seinen "Ring" in Berlin und schließlich von einer fahrenden Operntruppe in verschiedenen europäischen Ländern aufführen.

    Die Tantiemen, eine weitere Einnahmequelle, helfen ihm, seinen Schuldenberg abzutragen.

    Dennoch bleibt er bis zu seinem Tod am 13. Februar 1883 in den Miesen. Sein Defizit bei der Bayerischen Staatskasse ist erst 1906 endgültig abgetragen.

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  • Rille Ralle
  • KW 20: Scheibchenweise

    Emil Berliner (*1851, †1929) ist 19 Jahre alt, als er sich aufmacht in die große, weite Welt. Hannover lässt er (vorerst) hinter sich; das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist sein Ziel.

    Emil Berliner hat zwei große Leidenschaften, die Technik und die Musik. Beides wird er in einer Reihe famoser Erfindungen miteinander in Einklang bringen.

    1877 glückt ihm seine erste Erfindung, ein Kohlemikrofon für dieses neuartige Fernsprechding, Telefon genannt.

    Alexander Graham Bell, dem in den USA ein Jahr zuvor das Patent für das Telefon erteilt worden war, ist begeistert - und Emil Berliner, der mittellose Einwanderer, der Autodidakt, erfährt seine erste (auch monetäre) Anerkennung.

    Im selben Jahr stellt Thomas Edison den Phonographen vor, ein Handkurbel-Gerät, dessen drehbare Walze ein kurzes Gedicht wiedergeben kann.

    Dieser Apparat lässt Berliners Herz und Ohren höher schlagen. Ein Gerät, mit dem Schall nicht nur übertragen, sondern aufgenommen und beliebig oft wiedergegeben werden kann? Sensationell!

    Für Emil Berliner ist der Phonograph Inspiration und Ansporn zugleich. Er erkennt, dass Edisons Tonträger nicht das Optimum darstellt. Ein entscheidender Nachteil: Die Walzen sind nur schwer zu vervielfältigen.

    Emil Berliner experimentiert mit verschiedenen Verfahren und Materialien. Irgendwann kommt er auf die Schallplatte und konstruiert ein dazugehöriges Abspielgerät, das Grammophon.

    1887 meldet er beides zum Patent an. Am 16. Mai 1888 schließlich wird die neue Technik zum ersten Mal öffentlich vorgeführt.

    Nur wenig später erobert das Grammophon die Wohnzimmer dies- und jenseits des Atlantiks. Emil Berliner kann deshalb zu Recht als Vater der Unterhaltungselektronik bezeichnet werden.

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  • Teubo
  • KW 19: Euronien

    Auch in diesem Jahr werden die Europatage (am 5. und 9. Mai), die eigentlich für Frieden und Einheit in Europa stehen und dementsprechend gefeiert werden wollen, von der Dingsbums-Krise überschattet.

    Erstaunlich, dass sich die Finanzexperten bis heute nicht darüber einig sind, wie dieses Dingsbums zu bezeichnen ist. Zur Auswahl stehen Staatsschuldenkrise, Zahlungs- oder auch Leistungsbilanzkrise; und nicht zu vergessen Bankenkrise oder doch gleich Euro-Krise.

    Das liegt daran, dass keine Einigkeit darüber besteht, welche Ursachen in welcher Gewichtung für die Krise verantwortlich zu machen sind. Das muss das Finden einer Lösung ungleich schwieriger machen.

    Und nun ist es wieder passiert: Die Dingsbums-Krise hat auch diesen Beitrag überschattet, so wie sie sich auch sonst immer und überall in den Vordergrund drängt.

    Dabei wollte ich doch an dieser Stelle Werbung für die europäische Vision machen.

    Nun, tief in mir drin bin ich davon überzeugt, dass die Vision so oder so Wirklichkeit wird. Auch mit Krise und ohne Werbung. Es ist ganz einfach eine alternativlos gute Idee.

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  • WehWehWeh
  • KW 18: WWieWeb

    Es gibt Entscheidungen, die verändern die Welt.

    Manchmal sind ihre Konsequenzen sogar so weitreichend, dass ein Leben "ohne" nicht mehr vorstellbar ist.

    Vor zwanzig Jahren wurde eine solche Entscheidung getroffen. Kaum jemand wird sich der Konsequenzen bewusst gewesen sein.

    Es war am 30. April 1993. Das CERN, die europäische Organisation für Kernforschung, gibt bekannt:

    Eine in den eigenen Reihen entstandene Software solle von nun an gemeinfrei sein, verbunden mit dem Recht, sie zu nutzen, zu verändern, zu kopieren und zu verbreiten.

    Die Software heißt "World Wide Web". Ihr Entwickler und Visionär: Sir Timothy John Berners-Lee (*1955).

    Der Rest ist Geschichte - und Zukunft zugleich. Denn die Entwicklung hat soeben, 1989 um genau zu sein, erst begonnen.

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  • DIN A DNA
  • KW 17: Strukturreform

    Am 25. April 1953, vor 60 Jahren also, erschien in der Zeitschrift "Nature" ein knapp zwei Seiten langer Artikel mit dem Titel "Molecular structure of nucleic acids. A structure for deoxyribose nucleic acid".

    Erstmals wurde darin in korrekter Weise der strukturelle Aufbau der DNA beschrieben, die inzwischen allseits bekannte Doppelhelix; eine der wichtigsten Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts - zumindest in der Biologie.

    Die Autoren des Artikels, James Watson (*1928) und Francis Crick (*1916, †2004), wirkten zu jener Zeit an der University of Cambridge und hatten bislang keine nennenswerten wissenschaftlichen Erkenntnisse gewonnen.

    Sie waren nicht die einzigen, die sich auf die Suche nach der "Struktur des Lebens" begeben hatten. Im Gegenteil, war doch ein regelrechtes Wettrennen um die Entschlüsselung der DNA entfacht.

    Keine 100 Kilometer entfernt, am King's College der University of London, befand sich ebenfalls jemand auf einer heißen Spur. Mit Hilfe von Röntgenaufnahmen der DNA kam Rosalind Franklin (*1920, †1958) allmählich zu derselben Erkenntnis wie Watson und Crick.

    Vielleicht wären ihr die beiden auch nicht zuvor gekommen, wenn sie nicht Einblick in ihre unveröffentlichte Arbeiten bekommen hätten - ohne Franklins Wissen wohlgemerkt.

    Franklins Kollege Maurice Wilkens (*1916, †2004) etwa zeigte ihnen eine ihrer Röntgenaufnahmen. Für Watson - wie er selbst bekundet hat - ein Aha-Erlebnis.

    1962 wurden Watson, Crick und Wilkens für ihre Erkenntnisse mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt. Franklin wurde nicht bedacht. Zu früh ist sie an Krebs verstorben, denn nur lebende Personen werden für den Nobelpreis nominiert.

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  • Nassie
  • KW 16: Bless Nessie

    Manche Leute glauben an den Weihnachtsmann. Manche an Schutzengel. Andere wiederum an Trolle, Zwerge und Elfen. Manche gar an die Existenz von Einhörnern oder Menschen.

    Und dann gibt es noch jene, die an Yeti, Yowie und Bigfoot glauben, oder auch an Nessie, die Protagonistin dieser Woche.

    Nessie wurde vor 80 Jahren geboren – zumindest in medialer Hinsicht, denn Überlieferungen zufolge, soll bereits 565 ein "Ungeheuer" (zwar nicht im See, so aber doch) im Fluss Ness gesichtet worden sein.

    Aber erst ab 1933 wird Nessie zu einem weltbekannten Mythos, ausgehend von der ersten Sichtung neuerer Zeit:

    Am 14. April 1933 fahren Aldie und John Mackay nichts ahnend am Loch Ness, einem im schottischen Hochland gelegenen See, entlang.

    Plötzlich sehen sie ein Wesen, einen großen Fisch, einen Wal, was auch immer sich da über die Straße windet und im See verschwindet.

    Gut zwei Wochen später erscheint dann am 2. Mai 1933 mit der Headline „Strange Spectacle on Loch Ness“ der erste Zeitungsartikel über das sogenannte Ungeheuer von Loch Ness (im Englischen: Loch Ness Monster).

    Autor ist der Gelegenheitsjournalist Alex Campbell; sein Bericht erscheint in dem Lokalblatt "The Inverness Courier“.

    Mit einer Spalte in der Zeitung einer Ortschaft mit damals weniger als 20.000 Einwohnern beginnt damit die sagenumwobene Geschichte eines der bekanntesten Kryptide, wie „vor dem Menschen verborgene Tiere“ genannt werden.

    Wenig später ist Nessie in aller Munde, anfangs nur in Schottland, durch weitere Medienereignisse im selben und folgenden Jahr schließlich auch in ganz Großbritannien.

    Das erste Foto wird am 6.12.1933 veröffentlicht. Der erste Film wird am 12.12.1933 gedreht. 1934 erscheint dann ein Buch mit Interviews mit 51 Leuten, die Nessie gesehen haben wollen.

    Am 21. April 1934 wird in der auflagenstarken britischen Tageszeitung „Daily Mail“ jenes Nessi-Foto veröffentlich, das schließlich um die ganze Welt geht.

    Kryptozoologen, so nennen sich die Forscher, die auf der Suche nach verborgenen Tieren sind, schätzen übrigens - laut Wikipedia -, dass zu den etwa 1,5 Millionen bekannten Tieren weitere 15 Millionen unentdeckte hinzukommen.

    Selbst Nessie hat nah und entfernt Verwandte - sie heißen zum Beispiel Mjossie, Storsie, Bessie, Brownessie, Hessie und Chessie.

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  • Mosaik Lisa
  • KW 15: Picasso und die Lisa

    Zum vierzigsten Todestag von Pablo Picasso (* 25.10.1881, † 8.4.1973) gehe ich heute der Frage nach, warum er einst verdächtigt wurde, die Mona Lisa gestohlen zu haben.

    Es begab sich am 21. August 1911. Der aus Italien stammende Handwerker Vincenzo Peruggia entwendet die Mona Lisa unbemerkt aus dem Pariser Louvre.

    Als der Diebstahl entdeckt wird, ist die Aufregung groß - nicht nur im Louvre, dessen Direktor als Folge entlassen wird. Der sensationelle Kunstraub beschäftigt Politik, Presse und Öffentlichkeit.

    Die Polizei jedoch tappt bei ihren Ermittlungen im Dunkeln. Die Belegschaft wird verhört. Der Louvre wird geschlossen und auf den Kopf gestellt. Gefunden werden der Rahmen und ein Fingerabdruck. Aber keine Spur, zu wem dieser gehören könnte.

    Da fällt der Verdacht auf den Belgier Géry Pieret. Dieser hatte zuvor eine Statue aus dem Louvre entwendet und sie anschließend einer Pariser Zeitung überlassen, um zu zeigen, wie leichtfertig der Louvre mit seinen Schätzen umgeht.

    Allerdings hatte Pieret bereits 1907 zwei Statuen aus dem Louvre gestohlen. Zu dieser Zeit wohnte und arbeitete er bei dem Dichter Guillaume Apollinaire, der wiederum mit Pablo Picasso befreundet war. Picasso hatte Pieret damals die Statuen abgekauft.

    Da sich Pieret mittlerweile aus dem Staub gemacht hat, wird Apollinaire verhaftet und sein Haus durchsucht. Im Verhör kommt schließlich die Geschichte mit Picasso zur Sprache, woraufhin auch dieser vorgeladen wird.

    Picasso kann jedoch überzeugend darlegen, dass er beim Kauf der Statuen nicht wusste, dass es sich um Diebesgut handelt. Er und auch sein Freund Apollinaire kommen wieder auf freien Fuß.

    Die Mona Lisa hingegen bleibt für mehr als zwei Jahre verschollen. Dennoch bilden sich Schlangen vor dem Louvre. Tausende wollen den leeren Platz sehen, an dem einst die Mona Lisa hing (später wird dort zunächst ein Bild von Raffael, dann eines von Camille Corot platziert).

    Erst im Dezember 1913 wird Vincenzo Peruggia des Diebstahls der Mona Lisa überführt; dann nämlich, als er sie einem Florentiner Kunsthändler zum Kauf anbietet.

    Sein Ansinnen, so wird er vor Gericht beteuern, war nicht monetärer, sondern nationalistischer Natur. Er wollte die Mona Lisa nach Hause bringen, zurück nach Italien (dabei war es Leonardo da Vinci selbst, der das Gemälde kurz vor seinem Tod nach Frankreich gebracht hatte).

    Seine Strategie geht auf - zumindest was das Strafmaß anbelangt: Er wird lediglich zu ein paar Monaten Haft verurteilt. Da er die Zeit bereits in Untersuchungshaft abgesessen hat, verlässt er das Gericht als freier Mann.

    Die Mona Lisa wird noch in ein paar italienischen Städten ausgestellt, bevor sie schließlich 1914 nach Paris zurückgebracht wird. Der ganze Rummel hat ihr nicht geschadet. Vor ihrem Verschwinden war sie zwar schon berühmt. Aber danach war sie eine Ikone.

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  • Grrrr
  • KW 14: Grimmige Zeiten

    Es war einmal eine Familie aus Hanau, die hörte auf den Namen "Grimm".

    Zwei Söhne machten von sich reden, sie nannten sich "Die Brüder Grimm".

    Doch Brüder gab es derer fünfe, sie alle hießen "Grimm".

    Selbst ihre Schwester Lotte war eine geborene "Grimm".

    Drei weitere Geschwister verstarben früh, auch ihr Name: schlicht und einfach "Grimm".

    Die eingangs Erwähnten sammelten Märchen und Wörter, alles unter dem Label "Brüder Grimm".

    Sie machten sich wahrlich einen Namen, wenn auch unter dem altbekannten "Grimm".

    Mitunter wurden aus den beiden Brüdern die Gebrüder, doch selbst die rief man noch immer "Grimm".

    2013 wird ihrer gedacht, somit trägt dies Jahr den so bezeichnenden Titel "Grimm".

    Auch der Eintrag dieser Woche würdigt die Leistung derer von "Grimm".

    Denn diese Woche jährt sich zum 150. Male der Todestag von Ludwig Emil mit Nachnamen "Grimm".

    Ludwig Emil war ein Maler. Er zeichnete auch seine Geschwister, darunter selbstredend die sogenannten "Brüder Grimm".

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  • Ticketacke
  • KW 13: Zeitverdreher

    Ende der Woche ist es wieder soweit: Die Uhren werden umgestellt, die Sommerzeit wird eingeläutet (auch wenn der Sommer voraussichtlich noch eine Weile auf sich warten lässt).

    Und schon beginnt wieder die Fragerei: vor oder zurück? Eine Stunde mehr oder eine weniger? Abends länger hell oder morgens früher dunkel?

    Meine Ewigkeit, äh, ich meine, Wenigkeit zumindest steht halbjährlich vor dieser Herausforderung der vierten Dimension.

    Zwar lehrte mich Frau D. aus B. vor wenigen Jahren den Merksatz "spring forward, fall back", doch die praktische Konsequenz war, ist und bleibt jedes Mal eine knifflige Angelegenheit.

    Ich tröste mich dann immer damit, dass ich aus einer Zeit stamme, in der es noch gar keine Sommerzeit gab. Vielleicht befinde ich mich auch einfach nur in einem Dauerjetlag, vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück, da weiß ich manchmal weder ein, noch aus.

    Schon oft habe ich mich dem Gedankenspiel hingegeben, wie es wäre, diesen Hokuspokus, diese Pfuscherei an der Zeit nicht mitzumachen. Wie lange würde ich wohl gegen die Zeit leben können?

    Und würde ich mich dann strafbar machen, da das "Einheiten- und Zeitgesetz" die Uhrzeit samt der Dreherei per Dekret verbindlich vorschreibt? Welche Strafe mag einem zeitversetzt tickenden Outlaw drohen?

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  • Wer, wie, Wasser?
  • KW 12: Wasser reichen

    In dieser Woche findet der von der UN ins Leben gerufene Weltwassertag statt (22. März). Darüber hinaus ist gleich das ganze Jahr zum Weltwasserjahr erkoren worden.

    Und vielleicht weil steter Tropfen den Stein höhlt, ist sogar eine ganze Dekade, nämlich von 2005 bis 2015, zur UN-Weltdekade des Wassers ernannt worden.

    [Dass womöglich sogar das Zeitalter des Wassermanns angebrochen ist, tut hier nichts zur Sache.]

    Doch mal ehrlich: Wer hat von all dem Gedenken bislang irgendetwas mitbekommen?

    Das Problem in unseren Breitengraden: Wir haben kein (unmittelbares) Wasser-Problem. Umso schwerer ist es das Thema in Medien und öffentlichem Bewusstsein zu lancieren.

    Global betrachtet sind aber immer mehr Menschen von Wassermangel betroffen.

    Zwar leben wir auf einem blauen Planeten, dessen Oberfläche zu gut 70 Prozent von Wasser bedeckt ist. Doch nur etwa 2,5 Prozent davon sind nutzbares Süßwasser.

    Wasser ist zwar keine endliche, so aber doch eine begrenzte Ressource.

    Und mittelbar sind auch wir betroffen. Denn jedes Produkt braucht zu seiner Herstellung eine bestimmte Menge Wasser, das sogenannte virtuelle Wasser.

    So sind zur Herstellung von einer Tasse Kaffee etwa 140 Liter Wasser erforderlich. Für eine Banane ungefähr 80 und für ein Blatt DIN-A4-Papier circa zehn Liter Wasser.

    Warum steht das eigentlich auf keiner Verpackung? Neben (vermeintlichen) Inhaltsstoffen und diskutierter Nährstoff- Ampel wäre die Ökobilanz des Produktes meines Erachtens eine sinnvolle Ergänzung.

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  • Pi mal Daumen
  • KW 11: Yippi Yeah

    3,
    1415926535 8979323846 2643383279 5028841971 6939937510 5820974944 5923078164 0628620899 8628034825 3421170679
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    3305727036 5759591953 0921861173 8193261179 3105118548 0744623799 6274956735 1885752724 8912279381 8301194912
    9833673362 4406566430 8602139494 6395224737 1907021798 6094370277 0539217176 2931767523 8467481846 7669405132
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    4201995611 2129021960 8640344181 5981362977 4771309960 5187072113 4999999837 2978049951 0597317328 1609631859
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    ...


    Am 14. März ist Pi-Tag.

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  • Silvester-Loop
  • KW 10: Same Procedure

    An anderer Stelle wird in den nächsten Tagen vermutlich zu lesen sein, dass Miss Sophie diese Woche, nämlich am 8. März, 140 Jahre alt wird. Doch ist dem so?

    Miss Sophie, das ist jene betagte Dame, die ihren Geburtstag im Kreise ihrer vier verstorbenen Freunde feiert - und Millionen Fernsehzuschauer daran teilhaben lässt.

    "Der 90. Geburtstag oder Dinner for One" heißt der Sketch, in dem Miss Sophie, verkörpert von May Warden (1891-1978), die Hauptrolle spielt. An ihrer Seite: ihr Butler James alias Freddie Frinton (1909-1968).

    Seit 1972 läuft "Dinner for One" alljährlich an Silvester im deutschen Fernsehen. Auch in Österreich und in der Schweiz ist das Stück zum Silvesterritual geworden.

    Der Sketch, so wie er auch heute noch gesendet wird, wurde am 8. Juli 1963 in Hamburg als Produktion des NDR aufgezeichnet. Als Fernsehpremiere wird häufig eine Live-Show von und mit Peter Frankenfeld am 8. März 1963 genannt.

    Tatsächlich traten May Warden und Freddie Frinton mit "Dinner for One" aber bereits am 9. Dezember 1961 erstmals im deutschen Fernsehen auf.

    In Großbritannien hatten sie den Sketch bereits seit Mitte der 1950er unzählige Male live aufgeführt.

    Geschrieben haben soll "Dinner for One" ein gewisser Lauri Wylie (1880-1951) in den 1920er oder 1930er Jahren. Freddie Frinton soll ihm die Rechte kurz vor seinem Tod abgekauft haben.

    Wie viel er dafür bezahlt hat, ist nicht bekannt. Vom NDR bekamen Freddie Frinton und May Warden ein Honorar von 4.150 D-Mark. Wenig, in Anbetracht des großen Erfolges in Deutschland und anderswo. Denn längst wurde die Sendung in viele andere Länder verkauft.

    In Großbritannien aber wurde "Dinner for One" noch nie im Fernsehen gezeigt.

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  • So weit, so nah
  • KW 9: Durchblick

    Der Legende nach war es spielend leicht, die Erfindung des Fernrohrs:

    Die Kinder eines Linsenschleifers spielen mit zwei geschliffenen Gläsern. Plötzlich sehen sie den Wetterhahn des benachbarten Turmes durch die Gläser betrachtet sehr viel größer als mit bloßem Auge. Aus damaliger Sicht eine Sensation.

    Galileo Galilei wird mit der Erfindung des Fernrohrs in den folgenden Jahren nicht nur richtig Reibach machen, sondern auch das Weltbild seiner Zeit endgültig auf den Kopf stellen. Allerdings muss er dafür auch einige Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen. Denn dass sich die Erde um die Sonne dreht, widerspricht diametral der kirchlichen Lehre seiner Zeit.

    In Kauf genommen hat er wohl auch, dass nicht der eigentliche Erfinder des Fernrohrs sondern er als solcher angesehen wird.

    Denn bereits 1608, und damit fast ein Jahr bevor Galileo sein Fernrohr dem Senat in Venedig vorstellt, wird im niederländischen Middelburg ein Patentantrag auf eben dieses gestellt. Einiges deutet darauf hin, dass Galileo davon wusste.

    Den besagten Patentantrag stellt ein gewisser Hans Lipperhey (um 1570 - 1619), Linsenschleifer und Brillenmacher von Beruf, geboren in Wesel am Niederrhein, seit 1594 in Middelburg ansässig.

    Dass es Jahrhunderte dauert, bis eben dieser als Erfinder des Fernrohrs anerkannt wird, hat verschiedene Gründe, deren Darstellung an dieser Stelle zu weit führen würde.

    Galileo Galilei jedenfalls räumt später ein, dass er nicht der tatsächliche Erfinder ist. Was ihm zugute gehalten werden kann: Er hat die Vergrößerungsleistung seines Fernrohrs deutlich erhöht.

    Sein eigentlicher Verdienst liegt aber in der Verwendung des Fernrohrs zur Beobachtung des Himmels – und den Rückschlüssen, die er daraus zieht. Das kopernikanische Weltbild ist damit nicht mehr zu leugnen.

    Auch wenn die katholische Kirche trotzdem daran festhält und Galileo wegen seiner „ketzerischen“ Thesen peinigt, drangsaliert, einsperrt, unter Hausarrest stellt und ihn letztlich dazu bringt, seinen Thesen abzuschwören – zumindest offiziell.

    Galileo Galilei stirbt schließlich 1642 in Florenz – vollständig erblindet und bettlägerig, weiterhin unter Hausarrest. Erst 350 Jahre später, nämlich 1992, wird er von Papst Johannes Paul II rehabilitiert.

    Über das Leben von Hans Lippershey ist leider wenig überliefert.

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  • Sieh doch
  • KW 8: Weitblick

    In Zeiten von Bachelor und Master würde er als "Bummelstudent" gelten. Ganze zwölf Jahre hat Niklas Koppernigk studiert, dessen Geburtstag sich in dieser Woche (am 19. Februar) zum 540. Mal jährt.

    Möglich war dies vor allem deshalb, weil er bereits nach seinem Grundstudium 1495 zum Domherrn von Frombork (Frauenburg) ernannt wurde. [Onkel sei Dank, der ihm in seiner Funktion als Fürstbischof der Gegend (Ermland / Warmia) den Job verschafft hatte.]

    Der Posten gewährte ihm ein regelmäßiges Einkommen und ließ ihm die Freiheit, sein Studium in Italien fortzusetzen - immerhin bis 1503, inklusive einjährigem Bildungsurlaub in Rom.

    Zurück in Frombork, knapp 100 Kilometer östlich von Danzig gelegen, arbeitet er zunächst als Sekretär und Arzt seines Onkels, später dann tatsächlich als Domherr und weiterhin als Arzt. In seiner Freizeit sinniert er über Astronomisches.

    "Im hintersten Winkel der Welt", wie er Frombork selbst beschreibt, kommt er schließlich zu jener Erkenntnis, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttern wird, nämlich dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht andersherum.

    Für diese "ketzerische" Auffassung hätte er es damals mit der Inquisition zu tun bekommen - hätte er mit der Veröffentlichung nicht bis kurz vor seinen Tod im Jahre 1543 gewartet.

    Auf diese Weise entgeht Nikolaus Kopernikus seiner Verdammung; seine Schriften jedoch stehen lange auf dem Index verbotener Bücher der katholischen Kirche. Rehabilitiert wird er im Grunde erst 2010 - mit einer Messfeier im Frauenburger Dom.

    In Welt und Wissenschaft wird sein Verdienst bereits früher gewürdigt. Ihm zu Ehren wird das heliozentrische synonym auch das kopernikanische Weltbild genannt, mitunter gar von der kopernikanischen Wende gesprochen.

    Unerheblich, dass er gar nicht der erste war, der davon überzeugt war, dass die Erde um die Sonne kreist. Denn Nikolaus Kopernikus war Wegweiser und Inspiration für Giordano Bruno, Johannes Kepler, Galileo Galilei und alle anderen, die im Verlauf der Geschichte daran zweifelten, dass die Erde Mittelpunkt des Universums ist.


    Erheben wir in dieser Woche also unsere Fernrohre auf Nikolaus Kopernikus.

    In der nächsten Woche würdigen wir dann den Erfinder des Fernrohrs (das Kopernikus noch gar nicht zur Verfügung stand).

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  • Alles Liebe
  • KW 7: Ausblick

    Während der Zeit relativ egal ist, wann ihr Beginn gefeiert wird, lebe ich nach Greogors Kalender.

    Und da ich weiterhin Woche für Woche einen Beitrag mit passendem Foto zusammenstellen werde, gebe ich diesmal eine kleine Vorschau, was uns hier in 2013 erwarten wird.

    In den folgenden Wochen und Monaten werde ich mich mit Galileos falschem Ruhm, dem eigentlichen Alfred Nobel, den Brüdern der Gebrüder Grimm und dem ersten Superhelden der Comicgeschichte beschäftigen.

    Mich werden Fragen umtreiben wie zum Beispiel, warum Picasso verdächtigt wurde, die Mona Lisa gestohlen zu haben?

    Oder warum Richard Wagner ohne GEMA Erfolg hatte, während Joachim Ringelnatz 30 Jobs nachgehen musste, und warum das so genannte „Gottesteilchen“ nicht nur anders heißen sollte, sondern auch müsste.

    Außerdem werde ich an dieser Stelle an Nessies mediale Geburt erinnern sowie an die Geburt des ein oder anderen Mediums.

    Ich werde mich hineinversetzen in eine Zeit ohne Autos, ohne „Dinner for One“ und ohne Fußballbundesliga.

    Ich werde Kafkas eigene Verwandlung beschreiben und Schwitters’ Englisch testen.

    Werde fliegenden Zigarren, rollenden Pflaumen und anderen (Kreuzwort-) Rätseln auf den Grund gehen.

    Dem 17. Juni wird genauso ein Beitrag gewidmet sein, wie der Zeit an sich. Krieg und Frieden Europas, aber auch von Mittelerde werden ein Thema sein.

    Und wäre ich Nostradamus könnte ich vielleicht vorhersehen, ob tote US-Präsidenten in gleicher Weise ihren Platz finden werden wie Edvard Munch und Joan Miró.

    Jedenfalls wird Jim Morrison irgendwann im Laufe des Jahres „This ist the end“ singen – und damit schließe ich für diese Woche.

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  • Neuzeitstimmung
  • KW 6: Neuerdings

    Jedem Ende wohnt eine Anfang inne. Getreu diesem Motto wurde und wird in vielen Kulturen der Beginn eines neuen Jahres zelebriert.

    Ende dieser Woche etwa werden knapp 1,5 Milliarden Menschen Neujahr feiern.

    Nehme ich dies zum Anlass für eine Übersicht über die Neujahrsfeste in 2013 (Daten nach dem gregorianischen Kalender):

    1. Januar: überwiegende Teile Europas und Amerikas sowie in Australien, Japan und in vielen anderen - zum Teil auch den im Folgenden genannten - Ländern

    12. Januar: Kayin (Birma)

    14. Januar: Orthodoxe Kirche

    10. Februar: China, Vietnam („Tết Nguyên Đán“), Korea ("Seollal")

    11. Februar: Mongolei ("Tsagaan sar"), Tibet ("Losar")

    12. März: Bali ("Nyepi")

    14. März: Sikh

    21. März: Iran, Kurden, Parsen et al. ("Nouruz"), Bahai ("Naw-Ruz")

    11. - 15. April: Hindus in Indien, je nach Bundesstaat an einem dieser Tage

    13. April: Nepal ("Bikram Sambat")

    13. – 15. April: Thailand ("Songkran")

    17. April: Birma

    25. April: Buddhisten in Thailand, Birma, Kambodscha and Laos

    5. September: Juden ("Rosch ha-Schana")

    11. September: Kopten ("Nairuz"), Äthiopien, Rastafari

    3. November: Jain ("Diwali")

    31. Oktober / 1. November: Kelten ("Samhain")

    4. November: Muslime ("Fatih Mouharram")

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  • X-Ray Man
  • KW 5: Man's World

    Er fotografierte die Crème de la Crème der Pariser Künstlerszene der 1920er und 1930er Jahre: Picasso, Dalí, Matisse, Míro, Breton, Duchamp, Max Ernst und viele andere. Darüber hinaus entstanden Portraits von angesehenen Literaten und Aristokraten.

    Doch Man Ray (1890-1976) war mehr als der Chronist und Hoffotograf der Pariser Hautevolee.

    Mit seinen experimentellen Fotoarbeiten wurde er ein wichtiger Wegbereiter der Moderne - auch wenn ihm die Anerkennung durch manch Künstlerkollegen verwehrt blieb, und der große Durchbruch lange auf sich warten ließ.

    Die Fotografie hatte sich als Kunstform seinerzeit noch längst nicht durchgesetzt. Und die Malerei war nicht Man Rays Stärke, obschon er sich zeitlebens immer mal wieder in ihr versuchte.

    Heute blicken wir mit anderen Augen auf sein vielfältiges und ebenso -schichtiges Werk. [Das spiegeln auch die Auktionsergebnisse aus 2012: ein Ölbild ging für 2,4 Millionen Euro, eine Fotoarbeit für 550.000 Euro über den Tisch.]

    Einen Einblick in sein Schaffen erlaubt vom 31.1. bis zum 5.5.2013 eine Ausstellung im Kölner Museum Ludwig.

    Gezeigt wird das umfangreiche Man Ray- Archiv von Renate und L. Fritz Gruber, das Ende 2012 erworben und für die Ausstellung aufbereitet und um Arbeiten aus dem Bestand ergänzt wurde.

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  • Volk Ding Zero
  • KW 4: Des Malers Kern

    Seine erste Einzelausstellung löst anno 1963 in Berlin einen Skandal aus: Nacktes Fleisch im Großformat? Ein Junge mit Riesenpenis?

    Für die damalige Zeit sind die frühen Bilder des Hans-Georg Kern eindeutig zu freizügig.

    Kern, der sich seit 1961 Georg Baselitz nennt - nach seinem sächsischen Geburtsort Deutschbaselitz -, wird wegen "unzüchtiger Darstellungen" angeklagt. Zwei Bilder werden von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt.

    Bereits in der DDR war Georg Baselitz wegen "gesellschaftlicher Unreife" nach zwei Semestern von der Kunsthochschule geflogen. Weil er lieber malen wollte als zum gemeinschaftlichen Arbeitseinsatz zu fahren.

    1957 war Baselitz daher nach West-Berlin gezogen und hatte sein Studium an der HdK (heute UdK) fortgesetzt - in der Hoffnung in der BRD auf mehr Kunstverstand zu treffen.

    Geschadet hat die doppelte Schmach weder seinem Ruf noch seinem Ruhm: Nur wenig später hat er der Kunstwelt schon den Kopf verdreht. Heute zählt er zu den gefragtesten (und teuersten) Malern der Gegenwart.

    Am 23. Januar feiert Georg Baselitz seinen 75. Geburtstag. Dazu alles Gute.

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  • Aloha ʻoe
  • KW 3: In Echt

    Am 14. Januar 1973 betritt der King of Rock'n'Roll die Bühne des Honolulu International Center. Er wirkt ein wenig nervös.

    Vielleicht weil sich "Aloha from Hawaii" von den mehr als 1.000 Konzerten, die Elvis Presley zwischen 1969 und 1977 gibt, unterscheidet.

    Denn Elvis singt heute nicht nur für das Publikum vor Ort, sondern für die ganze Welt.

    "Aloha from Hawaii" wird via Satellit weltweit übertragen. Live in Australien, Südkorea, Japan, Thailand, auf den Philippinen und in einigen anderen Ländern. Etwas zeitversetzt schließlich auch in Europa.

    Insgesamt erleben schätzungsweise 1,5 Milliarden Menschen in rund 40 Ländern das Konzert am Fernseher - fast dreimal so viele wie bei der Mondlandung 1969.

    "Aloha from Hawaii" ist nicht die erste Live-Übertragung via Satellit. Bereits 1962 läutete John F. Kennedy die neue Ära des Fern-Sehens (und der internationalen Verständigung, wie er in seiner Ansprache hoffnungsvoll verkündete) ein.

    Elvis ist auch nicht der erste Musiker, der live vor einem weltweiten Publikum singt. Bereits 1967 werden die Beatles (gemeinsam mit illustren Gästen wie Mick Jagger und Eric Clapton) mit "All you need is Love" in Echtzeit aus den Abbey Road Studios in die weite Welt übertragen.

    Dennoch schreibt das Konzert Fernsehgeschichte. Nicht nur weil es das erste via Satellit übertragenen Live-Konzert eines Solo-Künstlers und die bis dahin teuerste TV-Produktion ist, sondern vor allem weil es so viel Zuspruch erfährt - und die Menschen ein wenig zusammenrücken lässt.

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  • Tohuwaboh-U-Bahn
  • KW 2: Ur-Bahn

    Erinnern wir uns in dieser Woche an zwei Meilensteine der urbanen Entwicklung. Beide stammen ursprünglich aus Londons Underground, haben aber schnell den Siegeszug um die Welt angetreten.

    1.) Vor 150 Jahren, am 10. Januar 1863 um genau zu sein, wurde in London die erste U-Bahn der Welt in Betrieb genommen; anfangs noch mit Dampflokomotiven betrieben.

    2.) Vor 80 Jahren, also 1933, wurde ein Linienplan der Londoner U-Bahn veröffentlicht, der so radikal einfach war, dass er noch zwei Jahre zuvor als zu gewagt verworfen worden war.

    Statt auf geografischer Genauigkeit baute dieser neue Plan vor allem auf Übersichtlichkeit. Die Abstände zwischen den Stationen wurden angeglichen, die Linien begradigt und schließlich noch mit unterschiedlichen Farben versehen.

    Heute zählt der Plan zu den Designklassikern des 20. Jahrhunderts.

    Das finden nicht nur die meisten Briten, die den Plan in einer BBC-Umfrage 2006 auf Platz 2 der britischen Designikonen des 20. Jahrhunderts wählten - noch vor roter Telefonzelle und Doppeldeckerbus [auf Platz 1: die Concorde].

    In den meisten Städten dieser Welt werden die Pläne des öffentlichen Nah- und oft auch des Fernverkehrs nach seinem Vorbild aufgebaut.

    Entworfen hat den Plan Henry Charles Beck (1902-1974). Selbstverständlich ist der Plan seitdem einige Male überarbeitet worden. Auch schon zu Becks Lebzeiten, ohne dass er daran beteiligt gewesen wäre oder davon profitiert hätte.

    Heute wird Beck als Visionär gefeiert. Vergessen wird dabei oft, dass auch Beck Vorbilder hatte. George Dow (1907-1987) zum Beispiel, der bereits einige Jahre zuvor vergleichbar abstrahierte Pläne für die "London and North Eastern Railway" zeichnete.

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  • Happy blue year!
  • KW 1: Zwischen den Jahren

    Die erste Kalenderwoche des neuen Jahres beginnt im alten. Und dann schlägt's auch noch Dreizehn, nämlich 2013.

    Ein schlechtes Omen? Ich glaube kaum, denn mit dem Aberglauben halte ich es mit dem Mathematiker Raymond Smullyan, der es auf die simple, aber tiefgründige Losung brachte: Aberglaube bringt Unglück.

    Allen Leuten mit einer Triskaidekaphobie, der Angst vor der Zahl Dreizehn, wünsche ich, dass das Jahr schnell vorbeigehen möge.

    Allen anderen wünsche ich ein erfülltes neues Jahr voller Glück, Gesund- und Zufriedenheit.

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