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 Volker Frechen




Wochenfotos 2017



  • Buch um Buch
  • KW 46: Wissen für alle (4/5)

    Gabriel Naudé hat als Bibliothekar weitgehend freie Hand und kann über einen beachtlichen Etat verfügen. Er kauft Bücher über Bücher; verhandelt gar nicht erst über Einzelpreise, sondern zahlt nach Regalmetern.

    Bald sind sämtliche Läden in Paris restlos ausverkauft. Er reist nach Flandern, Italien, Deutschland und England, um den Bestand der Bibliothek weiter auszubauen.

    „Wenn Naudé in der Stadt war, sind die Buchläden anschließend wie von einem Wirbelwind leergefegt“, schreibt sein Freund Gian Vittorio Rossi (1577–1647) über ihn (zitiert nach Lemke, 1991*).

    Beim Feilschen ist er gerissen und unerbittlich, meist mit Erfolg. Von kindlicher Freude erfüllt verlässt er dann die Buchhandlung, über und über bedeckt von Staub und Spinnweben. Bereits ein Jahr später ist der Bestand an Büchern derart gewachsen, dass ein Umzug in größere Räumlichkeiten ansteht.

    Am 30. Januar 1644** kommt dann der große Tag, auf den Gabriel Naudé mehr als 15 Jahre gewartet hat: Er öffnet die Türen seiner Bibliothek für die Öffentlichkeit***. 12.000 Druckerzeugnisse und 400 Manuskripte stehen bereit. Jeden Donnerstag von 8:00 bis 11:00 und von 14:00 bis 17:00 Uhr.

    In dieser Zeit erlebt Gabriel Naudé wohl seine glücklichsten Jahre. Er ist am Ziel seiner Vision. Den Bestand der Bibliothek baut er kontinuierlich aus. 1647 zählt sie bereits an die 45.000 Druckwerke.

    Knapp zehn Jahre soll sein Glück andauern. Dann wird es ungemütlich um ihn herum. Ab 1648 erfasst ein mehrjähriger Bürgerkrieg Frankreich, der vor allem in Paris ausgetragen wird und unter der Bezeichnung Fronde in die Geschichtsbücher eingeht.

    Der Protest richtet sich gegen die Regierung, also gegen Jules Mazarin, und das Königshaus. Mazarin muss Paris 1650 verlassen, der Kölner Erzbischof gewährt ihm Exil. Ab 1651 bleibt auch die Bibliothèque Mazarine nicht mehr verschont: Das Parlament beschließt, ihre wertvollen Bestände zu verkaufen.

    [Fortsetzung folgt]

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    * Antje Bultmann Lemke (1991): „Gabriel Naude and the Ideal Library“. The Courier. Paper 280. Syracuse University.

    ** Das konkrete Eröffnungsdatum wird in Lemke (1991) genannt. Nach anderen Quellen wurde die Bibliothèque Mazarine bereits 1643 eröffnet.

    *** Die Öffentlichkeit, an die Naudé denkt und die sich von seiner Bibliothek auch angesprochen fühlt, ist zu dieser Zeit noch immer ein exklusiver Kreis gut gebildeter Personen. Schließlich ist die Alphabetisierungsrate insgesamt noch immer gering. Das Verständnis von einer öffentlichen Bücherei im heutigen Sinne, einer Bücherei also, die tatsächlich allen offen steht und von deren Angebot auch die meisten profitieren können, entwickelt sich erst später.

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  • Ein gutes Blatt
  • KW 45: Wissen für alle (3/5)

    Als Gabriel Naudé Ende 1630 ein Angebot aus Italien erhält, kehrt er Paris den Rücken. Er wird Bibliothekar und Sekretär von Kardinal Giovanni Francesco Guidi di Bagno (1578-1641) und nach dessen Tod von Kardinal Antonio Barberini (1597-1679).

    Elf Jahre bleibt er in Rom. Der Verwirklichung seiner Vision kommt er jedoch keinen Schritt näher. Ganz untätig ist er nicht. 1633 erlangt er seinen Doktor in Medizin an der Universität von Padua. Er wird ehrenhalber zum „Leibarzt von Ludwig XIII“ ernannt (Ludwig XIII war von seinem neunten Lebensjahr bis zu seinem Tod 1642 König von Frankreich, anfangs vertreten durch seine Mutter).

    Auch veröffentlicht er ein paar Schriften, meist Reden für irgendeinen Anlass oder Lobeshymnen auf irgendwelche Gönner. Zufrieden ist er damit jedoch nicht. Möglich, dass sich seine Stimmung zunehmend verfinstert. Vielleicht wirkt sie sich auch auf seine politischen Ansichten aus. 1639 verfasst er jedenfalls einen Aufsatz über Staatsstreiche. Darin spricht er sich vehement für die absolute Monarchie aus, rechtfertigt das Massaker der Bartholomäusnacht von 1572 (auf Befehl der damaligen Königin Frankreichs werden tausende Protestanten ermordet) und argumentiert, der Zweck heilige die Mittel.

    Auch wenn das Buch nur in einer Auflage von zwölf Exemplaren erscheint und Gabriel Naudé im Vorwort betont, es aus Gehorsam und zum Gefallen des Kardinals verfasst zu haben, wirft es einen Schatten auf seine sonst als so liberal und weltoffen beschriebene Haltung. Es ist ein weiteres Zeugnis für seine unabdingbare Loyalität gegenüber seinen Vorgesetzten. Diese Loyalität kennzeichnet ihn Zeit seines Lebens. Sie bringt ihn karrieretechnisch gesehen voran, in hohem Alter aber auch in arge Bedrängnis.

    1642 bekommt er ein verlockendes Jobangebot aus Paris, das er vermutlich ohne zu zögern annimmt. Kardinal Richelieu (1585-1642), regierender Minister Frankreichs, überträgt ihm die Verwaltung seiner Privatbibliothek. Welch glückliche Fügung – wenn auch bedauernswert für andere –, dass sein neuer Arbeitgeber bereits im Dezember desselben Jahres stirbt. Denn als Nachfolger tritt nun Kardinal Mazarin (1602-1661) auf den Plan. Jules Mazarin (eigentlich Giulio Mazarini) wird Gabriel Naudé ermöglichen, wovon er all die Jahre geträumt hat. Beide verbindet ihre Liebe zu Büchern, beide teilen die Vision von einer idealen Bibliothek.

    [Fortsetzung folgt]

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  • Blätterwald
  • KW 44: Wissen für alle (2/5)

    Bis 1632 verwaltet Gabriel Naudé die Bibliothek von Henri de Mesmes, unterbrochen nur von einem Studienaufenthalt in Padua von 1626 bis 1627. In eben dieser Zeit verfasst Gabriel Naudé ein Buch, das nicht nur seiner Reputation und seinem beruflichen Werdegang zugute kommt.

    Sein „Advis pour dresser une bibliotheque“, der 1627 erscheint, begründet die moderne Bibliothekswissenschaft. Er beschreibt in systematischer Weise, wie eine Bibliothek aufgebaut, ausgestattet, angeordnet und verwaltet werden sollte. Die erste umfassende Gesamtkonzeption überhaupt.

    Seine „Anleitung zur Errichtung einer Bibliothek“ ist aber nicht nur nüchterner Ratgeber, sondern zugleich leidenschaftliches Manifest. Denn Gabriel Naudé ist nicht nur ein Bücherwurm mit Ordnungsfimmel; er hat eine Vision. Er sieht eine ideale, universelle Bibliothek, eine Bibliothek, die möglichst umfassend ausgestattet ist, vorurteilsfrei zusammengestellt und kontinuierlich ausgebaut wird, eine Bibliothek – und damit kommt er zu ihrem eigentlichen Zweck –, die aller Welt offen steht, ohne irgendjemanden auszuschließen, um Wissen nicht nur zu erhalten, sondern auch weiterzugeben.

    Das ist neu – und in Teilen auch revolutionär. Widerspricht es doch der Auffassung der meisten Zeitgenossen. So will Gabriel Naudé etwa die Werke sämtlicher Autoren vereinen: ob Klassiker oder Zeitgenosse, ob Bestseller oder „unbeschriebenes Blatt“, ob Buch oder Pamphlet. Keine Meinung soll unberücksichtigt bleiben, mag sie noch so konträr oder ketzerisch erscheinen. Selbst Thomas Bodley (1545-1613), der Gründer der Bodleian-Bibliothek in Oxford, geht längst nicht so weit. Moderne Literatur hat seiner Meinung nach in Bibliotheken nichts zu suchen. Autoren wie William Shakespeare (1564-1616)? Nicht seriös genug!

    Auch das Credo, die Bibliothek für alle Welt zu öffnen, entspricht nicht ganz der gängigen Praxis. Erinnern wir uns: Ganze drei öffentliche Bibliotheken gibt es seiner Zeit in Europa (darunter die eben genannte Bodleian-Bibliothek). Auch die Bibliothek, in der Gabriel Naudé angestellt ist, ist in erster Linie eine Privatbibliothek. Zwar treffen sich dort die Gelehrten der Stadt, aber das einfache Volk bleibt außen vor.

    Sein „Advis“ ist daher auch eine Bittschrift an seinen Arbeitgeber Henri de Mesmes. Formuliert in höflicher und schmeichelnder Weise. Gabriel Naudé will nicht einfach nur Reden schwingen, er will die ideale Bibliothek real werden lassen. Durch den „Advis“, aber auch durch seine anderen Publikationen wird Gabriel Naudé zu einem allseits geachteten Mann. Henri de Mesmes schenkt seinem Anliegen jedoch kein Gehör.

    [Fortsetzung folgt]

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  • Blattweise
  • KW 43: Wissen für alle (1/5)

    Gabriel Naudé
    Arzt, Autor und Bibliothekar
    * 1600 in Paris, Frankreich
    † 1653 in Abbeville, Frankreich

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    Welch wohlklingende Namen: Johannes Kepler, Galileo Galilei, Francis Bacon, René Descartes, Thomas Hobbes. Mit all diesen steht Gabriel Naudé in Briefkontakt.

    Gabriel Naudé ist einer der großen Gelehrten seiner Zeit. Doch warum ist sein Name in Vergessenheit geraten?

    Es mag daran liegen, dass er kein Forscher und Erfinder im eigentlichen Sinne ist. Keine bahnbrechenden Entdeckungen, keine technischen Neuerungen sind sein Verdienst. Zudem wird sein Lebenswerk noch zu Lebzeiten zerstört.

    Und doch ist Gabriel Naudé revolutionär in seinem Denken und wegweisend in seinem Handeln. Gabriel Naudé ist Bibliothekar, Bibliothekar mit ganzer Seele. Seine Vision: die ideale Bibliothek, allumfassend, gut sortiert und für alle offen. Im Alter von 27 Jahren bringt er diese Vision zu Papier, 15 Jahre später kann er sie endlich in die Tat umzusetzen.

    1644 öffnet „seine“ Bibliothèque Mazarin in Paris ihre Pforten. Zu ihrer Blütezeit beherbergt sie mehr als 45.000 Werke. Doch bereits ab 1651 wird sie aus politischen Gründen wieder zerschlagen. Ihren Wiederaufbau erlebt Gabriel Naudé nicht mehr. Er stirbt auf dem Weg aus seinem schwedischen Exil zurück nach Paris. Immerhin in der Gewissheit, dass seine Vision weiterleben wird.


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    Anfang des 17. Jahrhunderts gibt es gerade mal drei öffentliche Bibliotheken in ganz Europa, in Oxford (seit 1602), in Rom (seit 1604) und in Mailand (seit 1609). Nicht, dass es keine Bücher gäbe. Nachdem Johannes Gutenberg (um 1400 – 1468) gegen 1450 den Buchdruck revolutioniert hat, ist die Zahl der Veröffentlichungen rapide und kontinuierlich angestiegen. Es gibt durchaus auch Bibliotheken. Ihr Bestand ist jedoch überschaubar und nur erlesenen Kreisen zugänglich.

    Gut 50 Jahre nachdem Conrad Gessner (1516–1565) versuchte, das gesamte Wissen der Welt in einer „virtuellen“ Bibliothek („Bibliotheca universalis“) zu erfassen, hat jetzt kaum noch jemand einen Überblick. Dabei fehlt es nicht nur an Zeit, sondern es mangelt zusehends schlicht und ergreifend an der Verfügbarkeit. Gessner wollte mit seinem Werk auch einen Impuls für die Gestaltung realer Bibliotheken geben. Doch erst 1627 erscheint ein Werk, das die eigentliche Grundlage dafür schafft. Leidenschaftlich zu Papier gebracht von Gabriel Naudé.

    Gabriel Naudé wird am 2. Februar 1600 in Paris geboren. Seine Eltern, rechtschaffen, aber in bescheidenen Verhältnissen lebend, setzen alles daran, ihrem Sohn eine Ausbildung an der Universität zu ermöglichen. Denn bereits früh erwacht seine Leidenschaft für Bücher – obwohl oder vielleicht auch gerade weil seine Mutter nicht lesen kann. Er studiert zunächst in Paris. Nach absolviertem Grundstudium entscheidet sich er 1620 für die Medizin, obwohl ihm als Sohn wenig wohlhabender Eltern zur Theologie geraten wird.

    Bereits in seiner Pariser Studienzeit erhält er seine erste Anstellung als Bibliothekar. Der damalige Parlamentspräsident Henri de Mesmes (um 1595 – 1650) überträgt ihm die Verwaltung seiner Privatbibliothek. Denn Gabriel Naudé macht bereits mit zwanzig Jahren durch erste, auf eigene Kosten produzierte Publikationen auf sich aufmerksam. Neben einem eloquenten Schreibstil überzeugt er vor allem mit umfangreichem Wissen. An die 100 Schriften wird er in seinem Leben insgesamt verfassen, was nicht nur verwundert, weil er bereits mit 52 Jahren stirbt.

    [Fortsetzung folgt]

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  • Ausgepfeilt
  • KW 42: Ein paar Fußnoten mehr

    So war das also mit dem Opa des Hyperlinks (vgl. die Beiträge der letzten Wochen). Nachträglich sei noch angemerkt, dass Ephraim Chambers (um 1680-1740) weder die Idee der Enzyklopädie noch die Bezeichnung als solches erfunden hat.

    Bereits bei den alten Römern finden sich Begriff und Idee. Der Begriff an sich wird allerdings im Sinne einer gewissen Rundumbildung verwendet.

    Erstmals im Titel einer Publikation taucht Enzyklopädie vor 500 Jahren bei Johannes Aventinus (1477 – 1534) auf. Dessen „Encyclopedia“ von 1517 stellt den Versuch einer systematischen Darstellung der Wissenschaften dar.

    Erst mit Chambers wandelt sich die Enzyklopädie zum Nachschlagewerk über das Wissen der Welt in alphabetischer und verzahnter Weise. Allerdings hatte auch Chambers unmittelbare Vorläufer, allen voran Francis Bacon (1561 – 1626) und John Harris (1666 – 1719).

    In den nächsten Wochen erzähle ich die Geschichte eines weiteren Pioniers der Wissensgesellschaft. Unter dem Titel „Wissen für alle“ wird es um Gabriel Naudé (1600 – 1653) gehen, den Vater der Bibliothek. Vor 390 Jahren hat er seine revolutionäre Vision zu Papier gebracht: eine ideale Bibliothek, allumfassend, gut sortiert und für alle offen.


    Abschließend noch die wesentlichen Quellen, die meiner kleinen Geschichte über Ephraim Chambers zugrunde lagen.

    Quellen zu „Mehr als eine Fußnote wert: Ephraim Chambers“:

    Johannes Aventinus (1517). „Rudimenta Gramaticae“. S. 221. Ingolstadt.

    Richard Cable (Ed.) / BBC (o. J.) British History Timeline. BBC History.

    Canonbury Masonic Research Centre (o. J.). History of Canonbury Tower. London.

    Alexander Chalmers (1813). Chambers (Ephraim). In: The General Biographical Dictionary. A New Edition, Vol. 9, pp. 84-90. London: Nichols, Son, and Bentley.

    Ephraim Chambers (1728). Cyclopædia, or, An Universal Dictionary of Arts and Sciences: containing the Definitions of the Terms, and Accounts of the Things signify'd thereby, in the several Arts, both liberal and mechanical, and the several Sciences, human and divine; the figures, kinds, properties, productions, preparations, and uses, of things natural and artificial; the rise, progress, and state of things ecclesiastical, civil, military, and commercial; with the several systems, sects, opinions, etc. among philosophers, divines, mathematicians, physicians, antiquaries, criticks, etc. The whole intended as a course of antient and modern learning. Compiled from the best authors, dictionaries, journals, memoirs, transactions, ephemerides etc. in several languages. In two volumes.

    Robert Collison (1966): Encyclopaedias: Their History Throughout the Ages, 2d. ed. New York & London: Hafner.

    Clive Emsley, Tim Hitchcock and Robert Shoemaker (2012). London History – Currency, Coinage and the Cost of Living. Old Bailey Proceedings Online, Version 6.0.

    George Cornelius Gorham (1830). Memoirs of John Martyn, F.R.S., and Thomas Martyn, B.D., F.R.S., F.L.S., Professors of Botany in the University of Cambridge. Pp. 63-65. London: Hatchard and Son.

    Heiner Haan & Gottfried Niedhart (2002). Geschichte Englands vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. 2. Auflage. München: C.H. Beck.

    Lucy Inglis (2011). Cyclopaedia: Ephraim Chambers and the “best Book in the Universe”. Blog Georgian London, Eintrag vom 16. April 2011.

    Lawrence A. Miller (o. J.). Cyclopaedia. www.cyclopaedia.org/

    John Nichols (1782). Biographical and literary anecdotes of William Bowyer, Printer, F.S.A. and of many of his learned friends containing an incidental view of the progress and advancement of literature in this kingdom, from the beginning of the present century to the end of the year MDCCLXXVII (pp. 148f, 557f, 641). London: John Nichols.

    Geoff Nunberg (2010). The Organization of Knowledge. University of Caliornia, Berkeley School of Information. History of Information i218.

    Lawrence H. Officer & Samuel H. Williamson (2011). Purchasing Power of British Pounds from 1245 to Present. Website. Chicago: MeasuringWorth.

    Bruce Robinson (o.J.). London’s Burning: The Great Fire. BBC History.

    The Library and Museum of Freemasonry (2010). Freemasons and the Royal Society. Alphabetical List of Fellows of the Royal Society who were Freemasons. Page 19. London.

    The Royal Society (o. J.). President of the Royal Society, Past Presidents. Website. London: The Royal Society.

    University of Cambridge (1910-1911, Ed.). Chambers, Ephraim. In: The Encyclopædia Britannica. Dictionary of Arts, Sciences, Literature and General Information. Eleventh Edition published in twenty-nine volumes, vol. 5, p. 820. Cambridge, New York: University Press.

    Sylvanus Urban (1740). Epitaph on Mr. Chambers. The Gentleman’s Magazine and Historical Chronicle, 10, p. 262. London: Edw. Cave.

    Sylvanus Urban (1787). Original Letters from Ephraim Chambers. The Gentleman’s Magazine and Historical Chronicle, 57, 1, pp. 314f, 381f. London: John Nichols.

    John Walker (1811a). Letters from Ephraim Chambers. A Selection of curious articles from the Gentleman’s magazine. In four volumes. 2d edition. Vol. 3, pp 129-138. Oxford: Munday and Slutter.

    John Walker (1811b). Biographical Anecdotes of Ephraim Chambers. A Selection of curious articles from the Gentleman’s magazine. In four volumes. 2d edition. Vol. 4, pp 189-194. Oxford: Munday and Slutter.

    Richard Watson (1817). Anecdotes of the Life of Richard Watson, Bishop of Landaff, written by himself at different Intervals, and revised in 1814. Published by his Son, Richard Watson, LL. B Prebendary of Landaff and Wells, page 3f. London: Cadell and Davies.

    Wikipedia: Cyclopaedia, Ephraim Chambers, Fleet Street, Geschichte und Entwicklung der Enzyklopädie, Geschichte Schottlands, Kleine Eiszeit, John Senex

    Richard R. Yeo (2001). “The best book in the universe”: Ephraim Chambers’ Cyclopaedia. In: R. R. Yeo: Encyclopaedic visions: scientific dictionaries and enlightenment culture, pp 120-144. Cambridge: University Press.

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  • Zugepfeilt
  • KW 41: Mehr als eine Fußnote wert (4/4)

    Kurz vor seinem Tod unternimmt Ephraim Chambers eine mehrmonatige Reise nach Frankreich. Die Reise soll seiner angeschlagenen Gesundheit zugute kommen. Mit seiner unaufhörlichen Arbeit an der „Cyclopaedia“ hat er sich ein wenig verausgabt. Mit Ende 50 hat er auch schon ein (für die damalige Zeit) passables Alter erreicht.

    Von seiner Reise berichten eine Hand voll Briefe an eine gewisse „Mrs. Chambers“. Ein plausibles Indiz dafür, dass er letztlich doch noch geheiratet hat. Denn eigentlich stand ihm nicht der Sinn nach einer Ehe: „What shall I make a woman miserable to contribute my own ease. For miserable she must be the moment she gives her hand to so unsocial a being as myself” (zitiert nach John Walker, 1811b, S. 192).

    In Frankreich bekommt er das Angebot, eine französische Ausgabe der „Cyclopaedia“ vorzubereiten. Er lehnt ab. Vielleicht, weil er weiß, dass er dieses Projekt nicht mehr vollenden wird können. Denis Diderot (1713 – 1784) und Jean Baptiste le Rond d’Alembert (1717 – 1783) werden sich wenig später dieser Aufgabe annehmen und ein ebenbürtiges, epochales Werk vollbringen.

    Die erhoffte Genesung bringt die Reise jedenfalls nicht. Kurz nach seiner Rückkehr nach London stirbt Ephraim Chambers. Es ist der 15. Mai 1740. Er hat sich ins Canonbury House im Londoner Stadtteil Islington, damals ein kaum besiedelter Randbezirk, zurückgezogen. Dort ist es ruhiger, als im Trubel der Innenstadt. Dort gibt es Wiesen und Felder. Und dort wohnte von 1616 bis 1625 auch schon Francis Bacon (1561 – 1626), ein Verwandter im Geiste.

    Ephraim Chambers wird in einem Kreuzgang der Westminster Abbey beigesetzt. In seinem selbstverfassten Epitaph beschreibt er sich als jemanden, dessen Namen viele gehört, den aber nur wenige gekannt haben, der zwar dem Studium verpflichtet, aber allen Aufgaben der Menschlichkeit verbunden war.

    Zeitzeugen charakterisieren ihn als bekennenden Freigeist, jähzornig, aber mildtätig und außerordentlich genügsam. Im Dezember desselben Jahres stirbt auch John Senex, Chambers Begleiter auf verschiedenen Wegen.

    Es mag ein wenig erstaunen, dass kein Bildnis von Ephraim Chambers die Jahrhunderte überdauert hat. Seine „Cyclopaedia“ lässt er lieber mit einer allegorischen Darstellung der Wissenschaften und Künste schmücken als mit einem Portrait seiner selbst. Eitel war offensichtlich nicht.

    Das eigentlich Erstaunliche ist aber, dass auch die Erinnerung an Ephraim Chambers verblasst ist. Denn mit seinem Projekt, dem „besten Buch des Universums“, wurde Ephraim Chambers zum Vater der modernen Enzyklopädie, und durch sein elaboriertes System von Querverweisen auch zum Großvater des Hyperlinks.

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  • Angepfeilt
  • KW 40: Mehr als eine Fußnote wert (3/4)

    Von 1721 an widmet sich Ephraim Chambers überwiegend dem Projekt seines Lebens: Das beste Buch der Welt will er schreiben, eine Enzyklopädie, die alles Wissen dieser Welt vereint.

    Er liest und studiert, schreibt auf und fasst zusammen. Er lebt spartanisch und zurückgezogen, achtet kaum auf sich selbst und noch weniger auf seine Gesundheit.

    Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Übersetzungen aus dem Französischen oder Lateinischen ins Englische (so v. a. 1723: A Treatise of Architecture; 1726: The Practice of Perspective; 1727: A new Method of Chemistry).

    Von 1726 an sucht er nach Investoren für den Druck seiner „Cyclopaedia“. Tatsächlich kann er eine illustre Schar an Geldgebern für sein Projekt gewinnen. Von Anfang an als Verleger mit an Bord: John Senex.

    1728 ist es dann soweit, die erste Auflage der „Cyclopaedia, or, An Universal Dictionary of Arts and Sciences“ erscheint. Zwei Bände mit zusammen mehr als 2.000 Seiten. Prall gefüllt mit unzähligen Einträgen, Referenzen und Querverweisen. Umfassend, kompakt und systematisch dargestellt, von A bis Z. Zusammengestellt von Ephraim Chambers in mühevoller Kleinarbeit. Das Ergebnis von vielen Jahren Arbeit. Zu einem Preis von vier Guineas (was nach heutigen Maßstäben etwa 450,- Euro entspricht).

    Die „Cyclopaedia“ ist ein Erfolg. „The pride of booksellers and the honour of the English nation” wird der Verleger William Bowyer sie ein wenig später nennen (zitiert in Nichols, 1782, S. 148). Und in der Tat: Ephraim Chambers hat wenn auch nicht die erste, so doch die beste Enzyklopädie seiner Zeit verfasst, die Grundlage zahlreicher erweiterter Auflagen und das Vorbild nachfolgender Enzyklopädien.

    Die „Cyclopaedia“ macht Ephraim Chambers zu einem allseits geachteten Mann, weit über die Grenzen Englands bekannt. 1729 wird er in Anerkennung seiner Leistungen von der ehrwürdigen Royal Society of London aufgenommen. Eine Ehre, die übrigens auch John Senex ein Jahr zuvor zuteil wird. Bei der Royal Society handelt es sich um eine Gesellschaft ruhmreicher Wissenschaftler, der bis 1727 kein geringerer als Isaak Newton (1642 – 1727) vorsteht.

    Ephraim Chambers ruht sich aber auf seinem Ruhm nicht aus. Bis zuletzt arbeitet er unaufhörlich an seiner Enzyklopädie, wird für einige Zeit außerdem Herausgeber einer Zeitschrift für Literatur und ist weiterhin als Übersetzer tätig.

    Zehn Jahre später, 1738, erscheint die zweite Auflage der „Cyclopaedia“, überarbeitet und erweitert, jetzt auch mit einem Index, in dem alle Referenzen ohne eigenständigen Eintrag verzeichnet sind. Ein Jahr später folgt bereits die dritte Auflage, an einer vierten arbeitet Ephraim Chambers, ihre Veröffentlichung erlebt er jedoch nicht mehr.

    [Fortsetzung folgt]

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  • Eile mit Pfeile
  • KW 39: Mehr als eine Fußnote wert (2/4)

    Die Ausbildung bei einem Mechaniker sagt Ephraim Chambers genauso wenig zu wie die darauf folgende (deren genaue Profession nicht überliefert ist). Handwerk und Handel sind seine Sache nicht.

    Gut möglich, dass er auch einfach zu abgelenkt ist. London bietet unendlich viele Möglichkeiten für einen wissbegierigen, gedankenhungrigen jungen Mann wie Chambers. Sein späteres Werk lässt vermuten, dass er schon in dieser Phase seines Lebens alles aufsaugt wie ein Schwamm.

    Als er schließlich 1713 (oder 1714) seine dritte Ausbildungsstelle antritt, ist er bereits deutlich über 30. Das ist ungewöhnlich, nicht nur wegen des fortgeschrittenen Alters: Sein Ausbilder ist kein geringerer als John Senex (1678 – 1740), einer der renommiertesten Kartographen seiner Zeit. Ihm liegen jede Menge Bewerbungen vor. Warum also entscheidet er sich ausgerechnet für Ephraim Chambers, der gerade mal zwei Jahre jünger als er ist, zwei abgebrochene Ausbildungen hinter sich und auch sonst nur wenig vorzuweisen hat?

    Vieles deutet darauf hin, dass die beiden einen besonderen Draht zueinander haben. Zumindest teilen sie eine ähnliche Weltanschauung und Geisteshaltung. Nicht ohne Grund bekleiden beide später hohe Posten bei den Freimaurern, die sich in London 1723 offiziell konstituieren. Und auch sonst kreuzen sich ihre Wege selbst nach Beendigung der Lehrzeit.

    Senex’ Werkstatt und Laden befinden sich in der Fleet Street, dort wo die „Daily Courant“ ihren Sitz hat, die erste Tageszeitung Englands, die nur wenige Jahre zuvor 1702 gegründet wurde. In eben diesem Planquadrat Londons wird Ephraim Chambers von nun an die meiste Zeit seines Lebens verbringen. Das „Gray’s Inn“, wo er nach seiner Ausbildung 1721 unterkommt und bis zu seinem Tod lebt, ist keine Meile von der Fleet Street entfernt.

    Die Ausbildung bei John Senex scheint jedenfalls die richtige Wahl zu sein. Vor allem weil Ephraim Chambers die Möglichkeit hat, sich weiterzubilden, in erster Linie in Geographie und Astronomie. Doch sein Lehrmeister lässt ihm genug Freiraum, sich auch anderen Feldern zu widmen. Hinter der Ladentheke wird Ephraim Chambers jedenfalls selten gesehen und auch seine handwerklichen Fähigkeiten fallen selbst nach achtjähriger Lehrzeit eher bescheiden aus.

    [Fortsetzung folgt]

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  • Völlig verpfeilt
  • KW 38: Mehr als eine Fußnote wert (1/4)


    Ephraim Chambers
    Autor, Herausgeber und Übersetzer
    * um 1680 in Kendal, Großbritannien
    † 1740 in London, Großbritannien

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    Anfang 30, zwei abgebrochene Berufsausbildungen, kein Vermögen, keine nennenswerten Referenzen. Ephraim Chambers hat nicht viel vorzuweisen, als er 1713 in die Lehre bei dem renommierten Kartographen und Erbauer von Globen John Senex tritt.

    Aber er hat einen Plan: Das beste Buch des Universums will er verfassen. Die Ausbildung ist nur Mittel zum Zweck. Denn Kartograph im herkömmlichen Sinne will Ephraim Chambers nicht werden. Das Wissen der Welt will er „kartographieren“; so wie es vor ihm noch keinem gelungen ist.

    Es wird fünfzehn Jahre dauern, bis sein Plan aufgeht: 1728 erscheint seine „Cyclopaedia, or, An Universal Dictionary of Arts and Sciences“ in zwei Bänden mit mehr als 2.000 eng bedruckten Seiten und einer Fülle an alphabetisch geordneten Einträgen. Die Mühe hat sich gelohnt: Mit der „Cyclopaedia“ legt Ephraim Chambers die bis dato beste Enzyklopädie vor und erlangt Ruhm und Anerkennung.

    Im Laufe der Jahrhunderte ist sein Name jedoch verblasst. Zu Unrecht, denn Ephraim Chambers, der Sohn einfacher Bauern, Berufsabbrecher und Bücherwurm, ist nicht nur der Vater der modernen Enzyklopädie, sondern auch der Großvater des Hyperlinks.

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    Gegen Ende des 17. Jahrhunderts hat sich London weitgehend von den Krisen der letzten Jahrzehnte erholt. Da waren nicht nur die Bürgerkriege und die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Schottland und Irland, die das ganze Land in Mitleidenschaft gezogen hatten. London selbst wurde vor allem durch zwei Katastrophen erschüttert: Die „große Pest“ (1665/66) mit knapp 70.000 Opfern und der „große Brand“ (1666), der zwei Drittel der Stadt zerstört und bis zu 100.000 Menschen obdachlos gemacht hat.

    Nach Jahren des Wiederaufbaus erstrahlt London um 1695 in neuem Glanz. Die innenpolitische Lage hat sich seit 1689 zunehmend stabilisiert (allerdings dauern die Konflikte mit Irland, Schottland und auch Frankreich weiter an). London ist wieder eine florierende und stetig expandierende Metropole, in jeglicher Hinsicht der Dreh- und Angelpunkt Englands. Außerdem Magnet für die vielen vom Land, die Arbeit und Ruhm in der Stadt suchen, darunter auch Ephraim Chambers.

    Im ländlichen Kendal, gut 400 Kilometer nordwestlich von London, wo er geboren (um 1680) und aufgewachsen ist, halten ihn keine zehn Pferde. Zu viele Fragen schwirren in seinem Kopf herum, als dass er in die Fußstapfen seiner Eltern Mary und Richard treten und ein beschauliches, aber entbehrungsreiches Leben als Farmer auf dem Land führen wollte. Für ein Studium reicht das Geld allerdings nicht. Bereits sein ältester Bruder studiert auf Kosten der Familie in Oxford. Bleibt eine Ausbildung in der großen Stadt, irgendwas mit Handel oder Technik, Hauptsache London.

    [Fortsetzung folgt]

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  • Eine Frage der Perspektive
  • KW 37: Verwunschen

    Ein Wähnen,
      das Gewissheit wird
    Ein Wissen,
      das nicht mehr verwirrt
    Erkenntnis,
      die allmählich gärt
    Verbindung,
      die unendlich währt



    Was aus einer Laune heraus begann und dann als Idee aufgegriffen wurde, entwickelte schnell ein Eigenleben. Anfang des Jahres dachte ich zunächst daran, 52 Strophen zu schreiben (vgl. KW 2). Als innerhalb weniger Wochen aber mehrere hundert entstanden waren, wählte ich den Arbeitstitel „1.000 gute Wünsche“ – ohne jedoch die Zahl mit einem konkreten Vorhaben zu verbinden.

    Von KW 3 bis KW 21 waren an dieser Stelle bereits 95 Strophen zu lesen, die zugleich mit Bildern einer neuen Fotoserie, den NEON-Triolen, einhergingen. Inzwischen sind tatsächlich über 1.000 Strophen entstanden, also Vierzeiler wie der eingangs zitierte. Das ist der Grund, warum ich heute noch einmal auf die Ode“, ein weiterer Arbeitstitel, zu sprechen komme. Nun werde ich die Wünsche ein wenig ruhen und reifen lassen.


    Stattdessen konzentriere ich mich von nun ab auf die Vorbereitung der anstehenden MIKADO-Ausstellung, die vom 4. bis 15. Oktober 2017 in der Fabrik45 in Bonn zu sehen sein wird. Weitere Infos finden sich hier.


    Im Wochenfoto geht es in den nächsten Wochen um das Leben von Ephraim Chambers (um 1680-1740), den „Opa des Hyperlinks“. Ephraim Chambers ist einer jener Wegbereiter der Wissensgesellschaft, mit denen ich mich in meinem Textprojekt Vom Buchdruck zur Wikipedia“ beschäftige.

    Chambers verfolgt zeitlebens ein megalomanes Projekt, die Arbeit an einer umfassenden Enzyklopädie. Das beste Buch des Universums will er verfassen. Das Wörtchen „zeitlebens“ ist allerdings ein wenig übertrieben. Tatsächlich findet er erst relativ spät zu seiner Berufung.

    1728, mit etwa 48 Jahren veröffentlicht er schließlich seine englischsprachige „Cyclopaedia, or, An Universal Dictionary of Arts and Sciences“, die durch ihre Fülle und Präzision, aber auch durch ihr elaboriertes System von Querverweisen besticht. Daher auch mein Label: Opa des Hyperlinks. Mit seinem Werk, an dessen erster Auflage er 15 Jahre lang arbeitet, wird er aber auch zum Vater der modernen Enzyklopädie überhaupt.


    Bietet das Leben eines Lexikonschreibers wirklich genug Stoff für eine spannende Geschichte? Oh ja! Lasst Euch überraschen! In den nächsten vier Wochen werde ich sie an dieser Stelle erzählen und ebenfalls mit einer weiteren neuen Fotoserie kombinieren.

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  • Sit down
  • KW 36: Möbelemang

    Bequeme Sitzmöbel im öffentlichen Raum? Super Idee!

    Mag sich die Person gedacht haben, die nebenstehendes Sofa auf der Vogelsanger Straße im Kölner Stadtteil Ehrenfeld platzierte.

    Doch dann kam der Regen.

    Die Löwen in der Höhle wird die Idee jedenfalls kaum überzeugen können. Allenfalls die Milben im Polster.

    Die Szenerie erinnerte mich an den Film „Weltverbesserungsmaßnahmen“ von 2005. Das Duo Datenstrudel präsentierte in acht Episoden absurde Ideen, wie die Welt lebenswerter gestaltet werden könnte.

    Eine dieser Ideen: Im Dilemma der Krise zwischen „Kosten sparen“ und „Menschen sparen“, werden Büroräume einfach ins Freie verlegt, um Raumkosten zu sparen und Mitarbeiter zu halten. Die Stadt als Büro.

    Ganz amüsant. Weniger amüsant stellt sich mir allerdings meine reale Bürosituation dar. Ich bräuchte dringend einen größeren Arbeitsraum. Dass das Angebot in einer Stadt wie Köln bescheiden ist (die Preise hingegen nicht), ist ja klar.

    Dass aber der Nachweis einer Festanstellung samt Einkommensnachweis der letzten drei Monate heuer eine Voraussetzung für einen Mietvertrag darstellt, verwundert mich dann doch.

    Ich gebe zu, die Idee, auf der meine Freiberuflichkeit fußt, ist nicht sonderlich innovativ. Aber sie trägt sich und mich. Ich verfüge zwar nicht unbedingt über ein festes, so aber doch stabiles Einkommen.

    Vielleicht sollte ich einfach mal beim WDR nachfragen. Nachdem Christine Westermann und Götz Alsmann vor rund einem Jahr ausgezogen sind, müssten da ja ein paar Zimmer frei sein.

    Vielleicht hätte ich auf der „Community Couch“ aber auch einfach mal Platz nehmen sollen, anstatt einen süffisanten Beitrag darüber zu schreiben. Wer weiß, was sich daraus ergeben hätte?

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  • Ährengarde
  • KW 35: Geleckt, geleakt

    Vor rund einem Jahr erzählte ich hier von einer Busfahrt durch Sri Lanka, bei der ich eine verstörende Beobachtung machte (KW 39/2016).

    Vor kurzem bescherte mir der ÖPNV wieder eine Begegnung der anderen Art. Ein Bild, das ich so schnell nicht wieder aus meinem Kopf bekommen werde. Ich fuhr nach Ehrenfeld im Bus.

    Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld liegt mein Arbeitsraum. Wenn es das Wetter so will, steige ich vom Rad auf den Bus um, um dorthin zu gelangen. Ehrenfeld ist inspirierend. Dementsprechend wird dem ehemaligen Arbeiterviertel oft der Stempel „Szeneviertel“ aufgedrückt. Hier fühlen sich „Nerds, Künstler und Familien mit Kindern gleichermaßen wohl“ (sagt beispielsweise das Stadtmarketing). Auch ich fühle mich in Ehrenfeld ganz gut aufgehoben. Den Hype kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Für mich bringt er vor allem die Konsequenz steigender Mieten.

    In Ehrenfeld hat auch der artrmx e.V. seine Homebase. Der 2006 gegründete Kunstverein hat 2011 das CityLeaks Urban Art Festival ins Leben gerufen, ein biennales Festival für zeitgenössische urbane Kunst und Kultur. Die vierte Auflage des CityLeaks findet vom 01. bis 24. September 2017 statt. Das Aktionszentrum liegt diesmal rund um den Ebertplatz in der Kölner Altstadt-Nord. Mehr Infos finden sich hier.

    Aber ach, eigentlich wollte ich ja von meinem ÖPNV-Erlebnis erzählen. Ich saß in Fahrtrichtung im Bus. Meiner Sitzbank vorgelagert waren drei Sitzplätze im 90-Gradwinkel zu mir. Die ersten beiden waren frei, auf dem dritten saß ein Mann, der intensiv mit der Reinigung seines Smartphone-Displays beschäftigt war. Doch alles Reiben und Wischen schien nicht das gewünschte Ergebnis zu bringen. Zu guter Letzt – ich traute meinen Augen kaum – rollte er seine Zunge aus und leckte beherzt an seinem Handy. Das muss wahre Liebe sein! (vgl. KW 19/2015)

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    Das Wochenfoto baut diesmal auf einer Zusammenstellung von Street Art, die in Ehrenfeld zu entdecken ist. Die meisten der gezeigten Arbeiten sind im Rahmen von CityLeaks entstanden. Zu sehen sind Ausschnitte aus Werken von huami, Marina Muun & Slav Vitanov, El Bocho, Faith47 und BWoL (oben, von links) sowie von Rakaposhii, Yaikel, Ethos, Captain Borderline Crew und wholeheart (unten, von links). Einige davon werden auch diesmal wieder Farbe in die Stadt bringen. Ich freu mich drauf!

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  • Ruby Blue
  • KW 34: Coinci-Sense


    Treffen sich zwei Gedanken.

    Sagt der eine:
    Einspruch.
    Sagt der andere:
    Ausspruch.

    Sagt der eine: Einsicht.
    Sagt der andere:
    Aussicht.

    Sagt der eine: Einweg.
    Sagt der andere:
    Ausweg.







    Ein überdimensionaler Käfig. Darin Menschen, die sich mit Farbe bewerfen und sie beiläufig auf Leinwand bringen. Dann die Frage: Ist das Kunst? Die Antwort gibt ein zeternder, polternder Immendorff, der sich ob des vermeintlichen Banausentums echauffiert und in Rage redet.

    Es war sicherlich keine Sternstunde des Privatfernsehens. Es war einer dieser Versuche Anfang der 90er, neue Formate zu erfinden, die sich abheben, provozieren und Quote machen. Ich hatte zufällig reingezappt. Den Namen der Show habe ich vergessen. Das Konzept dahinter sowieso. Was mir aber in Erinnerung geblieben ist, ist die Empörung des Jörg Immendorff. Verstanden habe ich sie nicht. Sie wirkte genauso inszeniert wie der Rest der Show.

    Wie ich darauf komme?

    1. Auch die Blue Man Group (vgl. KW 33) hinterfragt regelmäßig den Kunstbegriff – auf vergleichbar platte Weise. Hier wird Farbe auf Leinwand gespuckt, das entstandene Werk dann als Kunstwerk proklamiert. Den Begründern der Blue Man Group geht es nach eigenem Bekunden nicht (mehr) um die große Kunst. Unterhaltung steht im Vordergrund. Warum dann aber das Kokettieren mit der Kunstkritik, wo doch zweifelsohne äußerst kreative Köpfe am Werk sind?

    2. Wie schon den von Sol LeWitt (1928-2007, vgl. KW 32) so brachte der Kalender vor kurzem auch den zehnten Todestag von Jörg Immendorff (1945-2007). Es schien mir eine Erwähnung wert.

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    Mich erreichte die Frage, ob ich die beiden Plakate für das letzte (und damit auch aktuelle) Wochenfoto nebeneinander montiert hätte? Nein, ich habe diese plakative Korrespondenz genauso vorgefunden. Ein Klick auf den dieswöchigen Ausschnitt offenbart die ganze Szene.

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  • True Blue
  • KW 33: Coinci-Dence


    Treffen sich zwei Plakate.

    Sagt das eine:
    Ausdruck.
    Sagt das andere:
    Eindruck.

    Sagt das eine: Ausstellung.
    Sagt das andere:
    Einstellung.

    Sagt das eine: Auskommen.
    Sagt das andere:
    Einkommen.







    Der öffentliche Raum bescherte mir zu blauer Stunde eine Begegnung mit illustren Gestalten. Auf dem Weg zum See. Eine Litfaßsäule. Zwei Plakate treten in Interaktion.


    Plakat links

    Adolf Erbslöh. Der Avantgardemacher.
    Ausstellung bis zum 20.8.2017 im Von der Heydt-Museum in Wuppertal.


    Adolf Erbslöh (1881-1947) wurde in Wuppertal geboren, lebt aber ab 1904 vorwiegend in München. Hier setzt er sein in Karlsruhe begonnenes Kunststudium fort und wird bald fester Bestandteil der Münchner Szene. Mit Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky gründet er 1908 die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.). Der Gruppe schlossen sich u.a. Franz Marc, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter an.
    Doch 1911 kommt es zum Bruch: Eben jene drei treten mit ein paar anderen aus der N.K.V.M. wieder aus. Bereits Anfang des Jahres hatte Kandinsky wegen gruppeninterner Streitigkeiten den Vorsitz der N.K.V.M. niedergelegt. Stattdessen entwickelt er Ideen für Aktivitäten unter dem Namen Der Blaue Reiter und kann Franz Marc und andere dafür gewinnen.
    Adolf Erbslöh hingegen wird Kandinskys Nachfolger als Vorsitzender bei der N.K.V.M. Doch 1913 orientiert er sich mit Alexej Jawlensky ebenfalls um. Beide werden Mitglied der Münchener Neue Secession, der u.a. Paul Klee, Max Beckmann und Emil Nolde angehören.
    Nach dem ersten Weltkrieg nimmt Adolf Erbslöh seine künstlerische Arbeit wieder auf und wendet sich der Neuen Sachlichkeit zu. Ab 1933 darf er nicht mehr ausstellen, er gilt als entartet. Er zieht sich ins Private zurück und stirbt 1947 im oberbayerischen Irschenhausen mit 66 Jahren.
    Das Ausstellungsplakat zeigt sein Bild Mädchen mit rotem Rock von 1910.


    Plakat rechts

    Blue Man Group. The only show as colourful as life.
    Im Rahmen der Welttournee ist die Show u.a. vom 29.11. – 17.12.17 im Kölner Musical Dome zu Gast.

    Die Blue Man Group feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum. 1987 trat erstmals ein loser Haufen von Performancekünstlern in Erscheinung, die in und um den New Yorker Central Park zu verschiedenen Aktionen zusammenkamen.
    Drei davon, nämlich Matt Goldman, Phil Stanton und Chris Wink gründeten ein Jahr später die Blue Man Group. Mit ihrer Mischung aus Musik, Comedy, Theater, Kunst und Performance in stets blauer Maskierung machten die blauen Barden schon bald von sich reden.
    Inzwischen gibt es permanente Shows in sechs Städten und die ein und die andere Tour. Mehrere Hundert Leute sind mittlerweile Teil des Unternehmens. Im Juli 2017 wurde die Blue Man Group vom Cirque du Soleil gekauft. Ein strategisches Ziel beim Deal: Expandieren, vor allem auf dem chinesischen Markt.
    Das Plakat wirbt für die aktuelle Welttournee, die in Deutschland neben Köln auch Hamburg, München und Frankfurt erreicht.

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  • Lichtecht
  • KW 32: Lebenslinie

    Sol LeWitt (*1928) war ein US-amerikanischer Künstler des Minimalismus. Er prägte den Begriff der Konzeptkunst: Konzept und Idee eines Kunstwerks sind wesentlicher als dessen Ausführung.

    So kam es vor, dass er zur Eröffnung einer seiner Ausstellungen reiste, ohne zu wissen, wie die Umsetzung gelungen war. Die überließ er nämlich oft anderen.

    Sol LeWitt (†2007) war von Bauhaus, Konstruktivismus und De Stijl beeinflusst. Und von Marcel Duchamp (1887-1968).

    Bekannt wurde er vor allem durch seine wandfüllenden Arbeiten: Über 1.200 dieser „Wall Drawings“ sollen umgesetzt worden sein. Daneben entstanden Skulpturen, Objekte, Künstlerbücher, Zeichnungen und Guachen.

    Sol LeWitt (1928-2007) hat nicht viel Aufhebens um seine Person gemacht. Viel lieber ließ er seine Werke für sich und für ihn sprechen. Beziehungsweise seine Ideen, denn „Ideen allein können Kunstwerke sein“, schrieb er 1969 in seinem Aufsatz „Sätze über konzeptuelle Kunst".

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    Sol LeWitt (2007-1928) schuf im und für das Bonnefantenmuseum in Maastricht ein in gleicher Weise groß- wie feinartiges Werk. Dessen hoch programmatischer und doch bescheidener Titel „Wall drawing #801 : Spiral“ (1996) verrät wenig über seine wahre Größe. Größe in vielfacher Hinsicht. Den Kuppelraum des Museums verwandelt Sol LeWitts „Spiral“ in eine Kapelle.

    Die Idee ist denkbar einfach: Eine weiße Linie windet sich die schwarzen Wände entlang, rundherum bis hoch in die Kuppel, immer gleich dick, mit immer gleichem Abstand (10 cm). Sie inrundet den Raum 143 Mal und kommt auf eine Läge von rund 5,7 Kilometern. Acht Leute haben bei der letzten und aktuellen Ausführung von 2011 30 Tage lang an der Umsetzung gearbeitet.

    Was in Worten wenig spektakulär klingt, entfaltet vor Ort eine gewaltige Wirkung. Wirklich, einmalig und universell. Unbedingt hinfahren, ansehen, ein- und ausatmen!

    Einen kleinen Vorgeschmack gibt es auf der Internetseite des Bonnefantenmuseums. Mehr über Sol LeWitt, sein Konzept und Schaffen (einschließlich Entstehung der Spirale) bietet die sehenswerte Dokumentation „A film about Sol LeWitt“ (2012) von Chris Teerink mit hörenswerter Filmmusik von Rutger Zuydervelt (alias Machinefabriek).

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  • Pitschpatsch
  • KW 31: Das Leben, ein Comic?

    Aber was wurde aus Daniel Düsentrieb? Das ist die letzte aller Fragen, zumindest derer, die ich auf meiner Reise in meine inspirative Kindheit beantworte (vgl. KW 27).

    Nun, da gab es diesen Wunsch, eine naturwissenschaftliche Karriere einzuschlagen. Nebenbei wollte ich schreiben. Gleichzeitig fühlte ich mich aber auch im Kunstunterricht sehr zu Hause. Das war in der Grundschulzeit.

    Dies alles wurde aber letztlich von der Musik überlagert. Vom sechsten Lebensjahr bis zum Abi habe ich eine musikalische Ausbildung genossen. Musik wurde mehr und mehr zu meinem Leben, Berufswunsch inklusive. In meiner musikalischen Hochphase spielte ich in einer Band und zwei Schulorchestern, hatte Geigenunterricht und improvisierte, experimentierte und komponierte in meiner Freizeit.

    Dann kamen Abi, Auszeit und Zivi – und ein Kompromiss bei der Wahl meines Studienfachs (Psychologie). Die Idee dahinter: Musiktherapeut werden. Doch die Musik wurde zunehmend von der Kunst verdrängt, bis sie irgendwann keinen Raum mehr einnahm. Zwischenzeitlich zog ich tatsächlich eine wissenschaftliche Laufbahn in Betracht. Doch das Dasein an der Uni erschien mir letztlich dann doch zu weit vom wahren Leben entfernt.

    Über all die Jahre geblieben sind die Kunst und das Schreiben – und ich weiß sehr zu schätzen, dass beides mein heutiges Berufsleben bestimmt. Statt wissenschaftlicher Erkenntnis produziere ich Bilder und Texte, statt Apparaturen erfinde ich Ideen und Geschichten. Und wenn mir mal das ein oder andere fehlt, schreibe ich eine Geschichte über einen Erfinder oder mache aus der Kunst eine Wissenschaft.

    So werden denn auch im laufenden Wochenfoto-Jahr hier an dieser Stelle die Geschichte von Gabriel Naudé (1600-1653), dem „Vater der Bibliothek“, und die Geschichte von Ephraim Chambers (ca. 1680-1740), dem „Großvater des Hyperlinks“ erzählt werden.

    Doch was hat es mit dem dieswöchigen Wochenfoto auf sich, abgesehen davon dass die Collage im weitesten Sinne zu Daniel Düsentrieb passt?

    Es ist eine Referenz an den Beitrag der vorletzten Woche. Ein Beispiel jener Serien, die aus meinem alten Comics entstehen und die ich vor einer Weile wieder aufgegriffen habe. Tatsächlich entstehen innerhalb dieser Serie aus den alten Comics sogar neue. Sie sind meist kurz und schwarz-humorig. Ein weiteres Beispiel findet sich in KW 23/2013, wo ich eine kleine Beitrag über Superman und seine Erfinder geschrieben habe.

    Im Rahmen meiner Online-Retrospektive sind ebenfalls weitere „Comix“ zu sehen. Bis zum 10.8.2017 ist jene Seite noch freigeschaltet, auf der ich die meisten der seit 1997 entstandenen Collagen-Serien vorstelle. Zu erreichen über diesen Link.

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  • Holy Hole
  • KW 30: Nicht Grinch, noch Crunch

    Während ich damals mein Müsli aß, schaute ich fern. Ich ging noch zur Schule und statt Radio lief beim Frühstück MTV. Es war gar nicht so, dass dort meine eigene Playlist gespielt wurde. Im Gegenteil: Wer auf MTV war, war für mich weniger interessant.

    Aber es waren die goldenen Zeiten des Musikfernsehens. Lange bevor es durch Klingeltonwerbung korrumpiert wurde. Da lief ein Video nach dem anderen: kleine Geschichten und große Gesten, bunte Schnipsel und fade Posen. Und nicht selten: großes Kino.

    Damals, Anfang der 90er, erschien dann auch Nirvana auf der Bildfläche. Im September 1991 kam Nevermind raus. Der Opener Smells Like Teen Spirit wurde ein Hit – auch auf und dank MTV. Keine Frage, der Sound war nett, nicht völlig neu, aber schon eher mein Ding. Auch die Videos waren gut, manche sogar herausragend. Trotz allem war genau das mein Problem mit Nirvana und denen, die fortan unter dem Label Grunge liefen: zu kommerziell.

    Auch Kurt Cobain (1967-1994) war der Trubel nicht ganz geheuer. Er hat es dann geschafft, dem Hype ein Ende zu setzen. Leider bezahlte er dafür mit seinem Leben. Am 8. April 1994 schoss sich Kurt Cobain, der Sänger von Nirvana, 27-jährig, mit einer Flinte das Hirn aus dem Kopf. Ich weiß noch genau, was ich an diesem Tag gemacht habe (vgl. KW 15/2014).

    Die drei großen Bands des Grunge Nirvana (1987-1994), Pearl Jam (seit 1990) und Soundgarden (1984-1997, 2010-2017), alle aus Seattle, habe ich dann erst später kennen- und letztlich auch schätzen gelernt. Es gab noch weitere Bands, die im Dunstkreis des Grunge gehört wurden. Und nicht nur Kurt Cobain hat sich schon vorzeitig zur Geschichte gemacht.

    Und nun auch noch Chris Cornell. Erhängt in einem Hotelzimmer, am späten Abend des 17. Mai. Kurz nach einem Gig mit den 2010 wiederbelebten Soundgarden. Er wurde 52.

    Chris Cornell hatte eine großartige, fast vier Oktaven umfassende Stimme. In den letzten Jahren hat er ihr noch mehr Raum gegeben. Er trat alleine auf, sang und begleitete sich auf der Gitarre. Welch ein Glück. Es werden Perlen bleiben.

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    Chris Cornell (1964-2017) hätte vor wenigen Tagen Geburtstag gehabt. Dieser Tag, der 20. Juli 2017 wurde nun zu einem weiteren traurigen Todestag. Chester Bennington (1976-2017), Leadsänger der Nu-Metal-Band Linkin Park, erhängte sich in seinem Haus in Kalifornien.

    Chris Cornell und Chester Bennington waren gute Freunde. Auf Cornells Beerdigung Ende Mai hatte Bennington „Hallelujah“ von Leonard Cohen (1934-2016) gesungen. In Gedenken an seinen Freund hatte er auf Twitter geschrieben: „I can't imagine a world without you in it.“ Es war verdammt noch mal mehr als eine Floskel.

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    Den Toten des Grunge

    Andy Wood (1966-1990), Sänger von Mother Love Bone
    Kurt Cobain (1967-1994), Sänger von Nirvana,
    Kristen Pfaff (1967-1994), Bassistin von Hole
    Shannon Hoon (1967-1995), Sänger von Blind Melon
    Layne Staley (1967-2002), Sänger von Alice in Chains
    Mike Starr (1966-2011), Bassist von Alice in Chains
    Scott Weiland (1967-2015), Sänger der Stone Temple Pilots
    Chris Cornell (1964-2017),
    Sänger von Soundgarden, Audioslave & Temple of the Dog

    und all denen, die trotz des Grunge des Lebens durchhalten,
    ein Lied mit einem Klick.

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  • Mach weg den Dreck
  • KW 29: Zum Katzen

    Vertrauliches Transkript
    einer inneren Redaktionssitzung.


    Chefredakteur (Chef): Also, was haben wir für diese Woche?
    Redakteur 1 (Red 1): Ich hab was zu Daniel Düsentrieb vorbereitet. Mir war, als wär da noch was offen geblieben...
    Chef: Was soll das sein?
    Red 1: Na, der Einfluss jener frühen Identifikationsfigur auf die Entwicklung unseres Protagonisten.
    Stellvertr. Chefredakteur (Stv Chef): Schon wieder was Biographisches. Nie im Leben. Wir sind hier nicht im Nähkästchen.
    Red 1: Aber...
    Volontär (Volo): Macht doch mal was mit Katzen!
    Chef: Kommt gar nicht in Frage.
    Chef vom Dienst (CvD): Also gut, was gibt’s noch?
    Redakteur 2 (Red 2): Wir könnten noch mal die Ode aufgreifen. Ich bin jetzt bei 787 Strophen.
    Red 1: Nein, nicht schon wieder dieses Gewaber. Wer liest denn so was?
    Red 2: Wir hatten durchaus positives Feedback...
    Stv Chef: Eine Handvoll Kommentare, das war's. Das ist mir zu wenig. Nein, nein. Keine Poesie mehr. Das ist zu abgehoben. Gibt’s hier denn keine konstruktiven Vorschläge?!
    Volo: Machen wir doch mal was mit Katzen!
    CvD: Komm uns nicht wieder mit Katzen...
    Volo: Wieso? Katzen kommen immer gut. Sex sells, but cats count!
    CvD: Wir wollen hier aber nicht die Masse bedienen.
    Freier Journalist (Freier): Also, ich hab da was in der Pipeline. Noch nicht ganz ausgereift, aber durchaus mit Potenzial.
    Chef: Ich höre...
    Freier: 80. Geburtstag von Philip Glass!
    Stv Chef: Der Minimalist?
    Freier: Genau.
    Stv Chef: Und?
    Freier: Nun ja, ich dachte, wir wiederholen dann immer so die Worte, so als Referenz und Stilmittel.
    CvD: Das ist ein alter Hut, das hatten wir doch schon bei Terry Riley.
    Freier: Wann soll das gewesen sein?
    CvD: Keine Ahnung. Ich bin hier nicht für den Inhalt verantwortlich, und schon gar nicht für das Inhaltsverzeichnis. Apropos: Wie weit sind wir damit?
    Praktikant (Prakti): Noch in den Anfängen. Wir hatten die Retrospektive zwischengeschoben.
    Stv Chef: Wer hat das so entschieden?
    Prakti: Na, Sie, wer sonst?!
    Stv Chef: Nicht frech werden, Freundchen, ja!
    Prakti: Ich mein ja nur...
    Chef: So kommen wir nicht weiter. Jetzt mal Butter bei die Fische. Es muss doch irgendwas geben... Zur Not irgendein Gedenktag oder Jubiläum. Damit sind wir doch auch sonst immer ganz gut gefahren...
    Stv Chef: Wie wär's mit 100 Jahren Jazz?
    Chef: Nicht schlecht, aber zu rechercheintensiv, jetzt so kurzfristig. Weiter...
    Red 1: 200 Jahre Fahrrad!
    Red 2: 100 Jahre Chucks!
    Volo: 10 Jahre i-Phone!
    CvD: Hör mir auf mit Fallobst! Du hast mir damals schon die Apfeluhr reingemogelt.
    Chef: Wie wär's mal wieder mit einem Beitrag aus der Reihe „Vom Buchdruck zur Wikipedia“? Hatten wir schon lang nicht mehr.
    Stv Chef: Haben wir da noch was auf Halde?
    Red 1: Weiß nicht, mal schauen... 500 Jahre Enzyklopädie! Ist aber noch nicht geschrieben.
    Stv Chef: Dann fällt das flach. Sonst was?
    Red 1: Kleinen Moment... ja, hier, 1627, erste öffentliche Bibliothek.
    Stv Chef: Gibt das was her? Letztes Jahr die Sache mit dem Dualsystem, wie hieß noch der Typ...
    Red 2: Thomas Harriot...
    Stv Chef: Genau der. Das war mir zu langatmig. Da fehlte mir die Würze der Kürze.
    Freier: Und überhaupt: „Erste Bibliothek“, das ist doch nicht sexy. Aber wo wir schon bei 500 Jahren sind, da gibt’s doch nur eins: Reformation! So nach dem Motto „500 Jahre Reformation: die erste große Super-Revolution“!
    Chef: Was zu Luther im Lutherjahr?! Kannst'e vergessen! Da können wir nur verlieren.
    Freier: Wieso? Mein Beitrag damals war doch super. Also, die Sache mit den Thesen, dass der die gar nicht ans Tor geschlagen hat, das war doch ein echter Coup. Das könnten wir doch noch mal aufwärmen.
    Chef: Ein Coup?! Träum weiter! Nee, lass mal den Luther. Das können andere besser. Noch mal zurück zum Bücherwurm. Wie heißt der überhaupt?
    Red 1: Welcher jetzt? Der eine oder der andere?
    Chef: Na der, der schon fertig ist natürlich.
    Red 1: Gabriel Naudé.
    CvD: Wie lang wär das?
    Red 2: Na, wieder so vier Wochen.
    Stv Chef Herrje, vier Wochen. Da bleibt auch wieder keiner am Ball!
    Volo: Mein ich doch die ganze Zeit! Immer diese Special-Interest-Geschichten, damit können wir nichts reißen. Lasst doch mal truly über Cat Content nachdenken!
    Stv Chef: Jetzt reicht's mir aber! So lang ich hier verantwortlich bin, wink ich hier keine Katzenkacke durch. Kannst'e knicken. Never ever. Und jetzt raus, Kaffee kochen!
    CvD: Und Bilder?
    Bildredakteur (Bred): Wozu jetzt?
    CvD: Na, zu Naudé, was denn sonst?!
    Bred: Ich bin da an was dran. Was mit Pfeilen. Sollte eigentlich für den Typ mit den Links sein.
    Chef: Für wen?
    Red 1: War letztes Jahr schon mal angedacht. Ephraim Chambers hieß der, glaub ich. Gilt als Opa des Hyperlinks. Text steht.
    Stv Chef: Lass mal bei der Sache bleiben. Passen die Pfeile auch zu Naudé?
    Bred: Weiß nicht, muss ich mich erst mal reinlesen.
    CvD: Und irgendwas mit Büchern?
    Bred: Da hab ich ja diese Serie mit den Seiten. So'n Blätterswoosh.
    Prakti: Ja, die sind schick.
    Stv Chef: Schick? Die sind öde, aber so was von. Viel zu blass. Nee, wir hatten doch gerade erst die Schwarz-Weißen. Wir brauchen dringend was mit Farbe.
    Prakti: Hatten wir doch letzte Woche.
    Stv Chef: Nee, einen ganzen Lauf brauchen wir.
    Bred: Was mit Verlauf?! Gute Idee! Das probier ich mal aus. Also den Swoosh mit Verlauf. Das könnte funktionieren. Da brauch ich aber ein paar Tage für. Vielleicht muss ich da noch mal nachshooten.
    Stv Chef: Gut, mach das mal. Aber zackig!
    CvD: Und was nehmen wir dann für diese Woche?
    Chef: Dann macht halt was mit Katzen, zum Kuckuck noch mal!
    Stv Chef: Sag ich doch.

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  • Hex und plopp
  • KW 28: Plopp Art

    Wie war das denn jetzt mit dem Einfluss von Dada und Disney auf mich und meine Kunst (vgl. KW 27)?

    Im ersten Jahrzehnt, den 1990ern, sind meine Collagen stark von Dada und Surrealismus, aber auch vom Konstruktivismus beeinflusst. Doch auch damals blitzen hier und da schon Pop und Op Art durch.

    Die Jahrtausendwende markiert einen Wendepunkt:

    Farbe und Form gewinnen an Bedeutung. Die Variation im Ausdruck nimmt zu. Der Mut zur Reduktion steigt – und zugleich die Kraft zur Konzeption. Pop und Op Art brechen sich endgültig Bahn.

    Zu dieser Zeit lege ich den Grundstein für gleich sechs neue Collagen-Serien: Space, Icons, Comix, Flyer Pop, Triolenpop und Op-Pop. Wie man sieht: Der Name ist mitunter Programm.

    Die erste Ausstellung, die mich nachhaltig beeinflusste, war 1989 eine Retrospektive von Andy Warhols Werk im Kölner Museum Ludwig. Aber mein exzessiver Comic-Konsum in Kindertagen, war wohl mindestens genauso prägend für meine späteren Collagen. Ganze Serien bauen auf den Heften von damals, wie z.B. die „R[ed]-Werke“ oder die bereits erwähnten „Comix“.

    Und doch ist die Pop Art nur ein Einfluss von vielen. Wenn ich schon bei prägenden Museumsbesuchen bin: Etwa zur gleichen Zeit entdeckte ich das Museum Insel Hombroich, wo dann auch Kurt Schwitters zu mir sprach (vgl. KW 27).

    Mich auf „Pop“ zu reduzieren, würde mir nicht gerecht – und wäre mir auch im Schaffen zu wenig. Ich mache seit einem Vierteljahrhundert Collagen. So gern ich auch Elemente aus Comics, Alltag und Werbung verwende, und selbst das Repetitions-Prinzip der Pop Art als Stilmittel aufgreife, bleibe ich in meiner Entwicklung ungern stehen. Ich versuche, die Möglichkeiten der Collage immer weiter auszuloten. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

    Ich arbeite oft in Serie. Vielleicht, weil ich von der Musik komme. So entsteht jedes Jahr eine Art Album aus Collagen. Inzwischen sind über 30 Serien entstanden. Manchmal besteht eine Serie aus nur wenigen Arbeiten. Bei den Q-Werken umfasst jede der neun Serien stolze 169 Exemplare. Manche Serien sind nicht begrenzt oder beendet. Von Zeit zu Zeit greife ich sie wieder auf. Manche sind gar auf Lebenszeit angelegt.

    Das schafft Kontinuität und gibt auch der Veränderung eine Chance. Ob sich dabei dennoch ein eigener Stil oder wenigstens ein roter Faden ergibt? Darüber kann sich nun jede/r ein eigenes Bild machen: Für einen Monat (vom 10.7. bis zum 10.8.) gibt es jetzt erstmals einen Überblick über fast alle Serien seit 1997. Ein Klick genügt.

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  • Kurtig
  • KW 27: Merzen mit Herzen

    Meinen ersten Merz-Bau plante ich mit acht. Nicht weit von meinem Elternhaus entfernt war ein Stück Brachland. Dies schien mir gut geeignet. Ich erinnere mich nicht mehr an Details. Die einzigen Entwürfe waren in meinem Kopf und sind seitdem verblasst.

    Ich erinnere mich auch nicht mehr daran, wann genau ich das Vorhaben umsetzen und wie ich es finanzieren wollte. Fast mein gesamtes Taschengeld ging zu diesem Zeitpunkt für den Kauf von Yps- und Micky-Maus-Heften drauf.

    Und dies war im Übrigen auch die Quelle meiner Inspiration. Denn von Merz wusste ich damals noch nichts. Aber da gab es diese eine Geschichte, die alles änderte.

    Ich weiß nicht mehr, wer der Protagonist war, vermutlich Donald Duck. Und der hatte dieses durch und durch verrückte Haus gebaut. Im übertragenen und im wörtlichen Sinne. Ein Fantasieschloss ohnegleichen. So was in der Art wollte ich auch machen.

    Das Ganze war nicht einfach nur ein Hirngespinst. Das Unterfangen war gut durchdacht und stand auch betriebswirtschaftlich auf einer soliden Grundlage. Als Eintrittsgeld schwebte mir eine Mark pro Person vor. Stelle man sich mal vor: Eine ganze Mark!

    Ich weiß nicht mehr, was mich von meinem Weg abgebracht hat. Ob es daran lag, dass das Brachland irgendwann bebaut wurde? Oder daran, dass es eben doch nicht Donald war, mit dem ich mich identifizierte? Donald war mir durchaus sympathisch. Aber meine Identifikationsfigur in Entenhausen war definitiv Daniel Düsentrieb.

    Wäre es nicht interessant zu erforschen, welchen Einfluss die Figuren des Disney-Universums auf seine Leserinnen und Leser genommen haben? Was ist wohl aus denen geworden, die sich in Dagobert Duck oder gar in Gustav Gans wiedergefunden haben?

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    Vom Ober-Merzer Kurt Schwitters (1887-1948) habe ich erst sehr viel später erfahren. Kennengelernt habe ich ihn über seine Arbeiten – ohne jedoch zu wissen, dass sie von ihm stammen.

    Auf der Museumsinsel Hombroich (vgl. KW 20/2014) hängen einige Assemblagen von Kurt Schwitters. Das Ausstellungskonzept sieht jedoch keine Schilder vor. Die Werke sprechen für sich – und Schwitters Arbeiten haben mich auf Anhieb in ihren Bann gezogen.

    Im Kontext von Dada habe ich dann ein wenig mehr über Kurt Schwitters erfahren, ihn dann aber erst 2001 über einen Sammelband mit Anekdoten näher kennengelernt [G. Schaub (1993): Kurt Schwitters: „Bürger und Idiot“]. In den letzten Jahren habe ich mich intensiver mit seinem Leben und Werk beschäftigt. Was ich dabei festgestellt habe: Eigentlich war er immer bei mir, in mir, über mir, was auch immer.

    Die Tage, am 20. Juni nämlich, wäre Kurt Schwitters 130 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass gibt es nachträglich in dieser Woche einen frischen Scherenschnitt und einige Links zu früheren Beiträgen mit Bezug zu Schwitters.

    Und ich bin mir sicher: Den banalen Einstieg mit persönlicher Note wird mir der Schöpfer von Merz, der Großvater der Pop Art und Bruder im Geiste nicht nur nachsehen, nein, er wird darüber schmunzeln.

    Hier sind die Links:

    KW 25/2012: Ursinn (Einfluss der Stare bei der Enstehung der Ursonate)
    KW 24/2013: Klebeleben (Schwitters Emigration und sein Leben danach)
    KW 30/2014: Kunstschluss (Anekdote zu Schwitters Sammellust und Klebesinn)
    KW 02/2015: Pop Out (Geburt der Pop Art)
    KW 19/2016: Labendarben (Geburt von Dada)


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  • Ehrengarde?
  • KW 26: Steine ehren

    Ein Pflasterstein,
    Der war einmal
    Und wurde viel beschritten.
    Er schrie: Ich bin ein Mineral
    Und muß mir ein für allemal
    Dergleichen streng verbitten!“

    Jedoch den Menschen fiel's nicht ein,
    Mit ihm sich zu befassen,
    Denn Pflasterstein bleibt Pflasterstein
    Und muß sich treten lassen.


    Joachim Ringelnatz

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    Als Joachim Ringelnatz (1883-1934, vgl. KW 25) seine ersten Gedichte veröffentlicht, ist er noch weit vom Ruhm entfernt, den er in den 1920er Jahren erlangen wird. Zwar tritt er bereits ab 1909 im Simplicissimus in München auf und wird unter verschiedenen Pseudonymen auch in der gleichnamigen Satirezeitschrift gedruckt. Doch sein Honorar ist bescheiden. Für einen Auftritt im Simpl erhält er anfangs ein Bier, mehr nicht.

    1911 hat er davon die Schnauze voll, verlässt München und verdingt sich als Wahrsagerin, Bibliothekar, Dekorateur, Fremdenführer, verkauft zwei Bilder und bekommt ein kleines Salär für seine Buchveröffentlichungen. Die ersten erscheinen 1910. Der eingangs zitierte „Pflasterstein“ stammt aus dem Sammelband „Die Schnupftabaksdose. Stumpfsinn in Versen und Bildern.“, der 1912 noch unter seinem Geburtsnamen Hans Bötticher verlegt wird. Joachim Ringelnatz nennt er sich erst ab 1919.

    Die goldenen Zwanziger Jahre sind auch seine Glanzzeit. Joachim Ringelnatz ist so populär wie die Comedian Harmonists. Seine Auftritte, seine Tourneen ein großer Erfolg im ganzen Land. Mit Aufkommen der Nationalsozialisten endet sein Ruhm. Das erteilte Auftrittsverbot ist nicht nur in finanzieller Hinsicht ein Desaster.

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    Das eingangs zitierte Gedicht dient als Brücke. Es spannt sowohl einen Bogen zu dem Bonmot von Charlie Chaplin in KW 24, greift noch einmal Joachim Ringelnatz aus KW 25 auf, und bildet auch eine Überleitung zu den sogenannten „Stolpersteinen“, deren Schöpfer in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert.

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    1993 formuliert Gunter Demnig (*27. Oktober 1947) das Konzept der „Stolpersteine“, die Verlegung von Gedenksteinen für Verfolgte des Nationalsozialismus. Mittlerweile sind rund 61.000 Steine in 1.100 Orten in Europa verlegt worden. Die Pflastersteine sind oben mit einer goldglänzenden Gedenktafel aus Messing versehen, auf der eine kurze Notiz über die bedachte Person informiert. Jeder Stolperstein wird per Hand gefertigt und dann im öffentlichen Raum, meist vor dem letzten Wohnort der jeweiligen Person, im Boden eingelassen.

    Bereits vor den Stolpersteinen war das Spurenlegen im öffentlichen Raum Thema im Wirken des Bildhauers und Aktionskünstlers Gunter Demnig, der heute in Frechen bei Köln lebt. Mit den Stolpersteinen jedoch hat er sich selbst ein Denkmal geschaffen. Im Vordergrund steht aber das Gedenken an die Opfer in Form eines länderübergreifenden, dezentralen Mahnmals.

    Allerdings stößt diese Form des Gedenkens nicht überall auf Zustimmung. In manchen Städten, wie zum Beispiel in München, ist die Verlegung der Steine im öffentlichen Raum nicht gestattet. Die Vorstellung, dass die Gedenksteine mit Füßen getreten werden, ist für manche/n ein Graus. Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass Steine geschändet werden.

    Ich persönlich finde Konzept und Umsetzung herausragend. In Ergänzung zu den monumentalen Denkmälern und den didaktisch aufbereiteten Gedenkstätten, sorgen die Steine dafür, dass wir all überall auf die Gräuel der Nazis gestoßen werden. Dass der Opfer länderübergreifend in gleicher Form gedacht wird, macht auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie groß und umfassend das Leid war, das von Hitlerdeutschland ausging.

    Doch werden die Opfer dadurch mit Füßen getreten? Meines Erachtens liegt diese Interpretation nur auf den ersten Blick nahe – und bleibt zu sehr am Konkreten hängen. Es stimmt, viele Leute laufen unbedacht über die Steine, also ohne zu stolpern. Doch die wenigsten werden dies absichtlich tun. Die Symbolkraft, die von den Steinen ausgeht, kombiniert mit ihrem Wiedererkennungswert und ihrer weiten Verbreitung machen die Stolpersteine für mich zu einer wichtigen Form des Gedenkens, die ich in den Städten Europas nicht missen möchte.

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  • Rirarutsch
  • KW 25: Muscheln knuddeln

    Auch wenn Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ den Rowohlt-Verlag vor dem Ruin rettete und zunächst nur die Hälfte des Verlagsprogramms von den Nazis verboten wurde (vgl. KW 24), dauert es nicht lange, bis der Verlag gänzlich zunichtegemacht wird.

    Ernst Rowohlt (1887-1960) erhält 1938 Berufsverbot, Anfang 1939 emigriert er in die USA. Sein Verlag wird der Deutschen Verlagsanstalt untergeordnet. 1943 wird er schließlich ganz geschlossen. In der Begründung fallen zwei Namen: Hans Fallada (1893-1947) und Joachim Ringelnatz (1883-1934) 1. Beide hatte Rowohlt verlegt und gefördert.

    In der Zeit, in der Fallada im rowohltschen Verlagsbüro mitarbeitete, kam der Kabarettist und Autor Joachim Ringelnatz sporadisch dort vorbei – sehr zur Freude aller Anwesenden. Joachim Ringelnatz muss ein Erlebnis gewesen sein. Jeder Besuch ein Ereignis. In der Weimarer Republik war er so populär wie die Comedian Harmonists.

    Bei einer Begegnung 1934 jedoch – Fallada hat sich längst aus der Stadt zurückgezogen – ist Joachim Ringelnatz kaum wiederzuerkennen, nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Nationalsozialisten haben ihm ein Auftrittsverbot erteilt – seine Haupteinnahmequelle ist damit versiegt. Auch seine Bücher werden zeitweise beschlagnahmt und verbrannt. Vermutlich ist er bereits an Tuberkulose erkrankt.

    Hans Fallada trifft das Schicksal Ringelnatz' zutiefst. Er beschließt, ihn finanziell zu unterstützen – und überweist ihm bis zu seinem Tod eine monatliche Rate. Ernst Rowohlt (oder doch der Gastronom Albert Peltzer?) arrangiert ein Treffen mit Hitlers Chefideologen Alfred Rosenberg (1893-1946, zu der Zeit „Beauftragter des Führers für ... Schulung und Erziehung der NSDAP“). Vielleicht kann Ringelnatz in einem persönlichen Gespräch Wogen glätten, wenn er gute Miene zum bösen Spiel macht.

    Rosenberg erwartet Ringelnatz in der Bar Peltzer. Als Ringelnatz erscheint, erhebt sich Rosenberg zur Begrüßung. Doch Ringelnatz sagt nur ein Wort, laut und bestimmt: „Nein“, dreht sich auf dem Absatz um und zieht von dannen.

    In der Folgezeit helfen Freunde und private Spendenaktionen, nach langem Ringen schließlich auch die Schillerstiftung dem völlig mittellosen Ringelnatz, Lebensunterhalt und Sanatoriumsaufenthalte zur Behandlung der Tuberkulose zu bestreiten. Im Oktober 1934 wird er schließlich aus dem „Waldhaus Charlottenburg“ entlassen. Die Ärzte können nichts mehr für ihn tun.

    Joachim Ringelnatz stirbt am 17. November 1934 im Alter von 51 Jahren in seiner Berliner Wohnung am Sachsenplatz (heute Brixplatz). Er wird auf dem Waldfriedhof Heerstraße unter einer Grabplatte aus Muschelkalk beerdigt. Neun Personen begleiten seinen Sarg. Gespielt wird sein Lieblingslied „La Paloma“. Sein Freund, der Schauspieler Paul Wegener (1874-1948) verliest eines seiner letzten Gedichte, Liebeserklärung und zugleich Trost für seine Frau Muschelkalk Ringelnatz (1898-1977):


                An M.

                Der du meine Wege mit mir gehst,
                Jede Laune meiner Wimpern spürst,
                Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst-
                Weißt du wohl, wie heiß du mich oft rührst?

                Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
                Meine Liebe wird dich überdauern
                Und in fremden Kleidern dir begegnen
                Und dich segnen.

                Lebe, lache gut!
                Mach deine Sache gut
    !



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    Diese Version der Geschichte, dass der Verlag wegen der Veröffentlichung von Ringelnatz und Fallada geschlossen wird, findet sich in verschiedenen Quellen. David Oels (*1972) hegt daran in seiner Dissertation „Rowohlts Rotationsroutine“ jedoch gewisse Zweifel, zum Beispiel weil Joachim Ringelnatz bei den Nazis nicht konsequent als „Persona non grata“ galt. 1944 soll er in einem Propagandablatt als „schnurriger Kauz“ vorgestellt worden sein, der so manchen „erfrischenden Vers geschrieben hat.“

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  • Meer fragen
  • KW 24: Erde treten

    Vor 85 Jahren hat er den Rowohlt gerettet. Und wie immer beim Schreiben auch ein Stück weit sich selbst.

    Im Frühjahr 1932 hat Hans Fallada (1893-1947) binnen sechs Wochen sein Murkelwerk verfasst. Es sollte sein erfolgreichstes Buch werden und bleiben.

    Der Stoff traf den Nerv der Zeit. Der „Kleine Mann“ wurde zur Ikone all der Gebeutelten, „was nun?“ zur Losung der Abgehängten. Und derer gab es viele in Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Der Roman wurde über Nacht zum Erfolg. Die Resonanz war überwältigend, und die Absatzzahlen waren es auch. Den Rowohlt-Verlag bewahrte das Buch vor dem Bankrott.

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    „Kleiner Mann, was nun?“ ist 2016 endlich in der Originalfassung erschienen.

    Ernst Rowholt (1887-1960) hatte dazu gedrängt, das Manuskript zu kürzen und zu entschärfen. Das Klima war angespannt. Die Nazis machten sich zusehends breit. Ein Jahr später kamen sie an die Macht. Die Hälfte des Verlagsprogramms wurde in der Folge verboten.

    Auch wenn der „Kleine Mann“ verschont blieb, hatte er bereits bei Erstveröffenlichung etwa ein Viertel seines Textes eingebüßt und wurde in den folgenden Ausgaben weiter geglättet. In der Neuauflage des Berliner Aufbau-Verlags ist nun erstmals Falladas eigentliche Fassung zu lesen.

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    Während ich „Kleiner Mann, was nun?“ letztes Jahr zum ersten Mal las, stolperte ich im Wartezimmer meiner Zahnärztin über ein nettes Bonmot von Charlie Chaplin (1889-1977):

    Stolpern ist die einzige Möglichkeit, der Welt einen Tritt zu verpassen.

    Der Satz passt zur Stimmung des Romans: Den Launen des Schicksals ausgeliefert sein, und doch nicht aufgeben. Stets Hoffnung und Anstand bewahren, bestenfalls sogar den Humor.

    Allerdings konnte ich das Zitat nicht verifizieren. Gelesen hatte ich es in einem Interview mit dem Schauspieler Bjarne Mädel (*1968). Und wen hat der wiederum gespielt (außer den Tatortreiniger, Ernie und den Dietmar-Bär)? Den „kleinen Mann“. Auch wenn es sich nicht um eine Fallada-Verfilmung handelt, war es eine Erwähnung wert.


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  • Arttic
  • KW 23: Das war das

    Auf ein Wort, ein letztes. Und dann ist erst mal wieder Schluss mit Poesie. Denn ich habe nämlich gar keine Ahnung von Gedichten.

    Zu diesem Schluss gelangten zumindest mein Englisch- und mein Sportlehrer bei der Bewertung meiner Abiklausur, wie ich nach über zwei Jahrzehnten endlich erfahren habe.

    Vor einer Weile konnten wir unsere Abiklausuren abholen. Ansonsten wären sie im Schredder gelandet. Ich hatte nie ganz verstanden, warum ich in Englisch verhältnismäßig schlecht abgeschnitten hatte.

    Jetzt habe ich es Rot auf Weiß. Es lag nicht im Geringsten an meiner fremdsprachlichen Leistung, sondern an meiner Fehlinterpretation des zu bearbeitenden Gedichts:

    „Im inhaltlichen Bereich zeigt die vorliegende Arbeit insofern gewisse Schwächen, als sie sich in weiten Passagen zu wenig konkret aufgabenbezogen mit dem vorgelegten Gedicht auseinandersetzt. (...) Die inhaltliche Leistung bewegt sich im unteren Bereich von 'ausreichend'.“

    Aber was will man auch anderes erwarten von jemandem, der die Freude am Reimem den

    Schlümpfen („Der Willi mit der Brilli.“),
    Pumuckl („Was sich reimt ist gut.“) und
    Garfield („Müde und satt, wie schön ist datt.“)

    zu verdanken hat? Vermutlich hatte meine Deutsch-LK-Lehrerin ihre Erwartungen genau aus diesem Grund deutlich heruntergeschraubt, als sie mich mit viel zu guten Noten bedachte.

    Warum ich aber Gedichte schreibe, wenn ich doch keine Ahnung davon habe? Aus pubertärem Leichtsinn hatte ich einst damit begonnen – und konnte es seitdem nie ganz lassen, obschon ich mich redlich bemüht habe, der Versuchung zu widerstehen.

    Bei der „Ode“ (vgl. die Beiträge der letzten Wochen) sprudelt es nun einfach so aus mir heraus. Ich kann mich dem kaum verwehren. Warum? Ich weiß es doch auch nicht.

    Und endlich ist mir die Überleitung zu einem Gedicht von Wilfried Schmickler (*1954) gelungen, das ich das ganze letzte Jahr mit mir herumtrug, um es im Wochenfoto unterzubringen, es dann aber doch nicht geschafft habe, obwohl es an der ein und der anderen Stellle so gut gepasst hätte.

    „Ich weiß es doch auch nicht“ war der Titel eines seiner Soloprogramme. Das Gedicht hingegen trägt den Titel „Die Gier“ und lässt sich eindrucksvoll intoniert auf YouTube erleben oder in Wilfried Schmicklers Buch „Es war nicht alles schlecht“, erschienen 2009 bei WortArt, erlesen.

    Und jetzt reichts. Ab nächster Woche werden hier wieder Anekdoten und Personen im Vordergrund. Wer wird uns begegnen? Unter anderem Hans Fallada, Chris Cornell, Joachim Ringelnatz, Laurie Anderson, Kurt Schwitters und Sol LeWitt. Viel Spaß damit.

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  • Noch ganz dicht?
  • KW 22: Oder was?

    Die Poesie heilt die Wunden,
    die der Verstand schlägt.

    Novalis (1772-1801)

    Mal ehrlich: Wer liest denn heute noch Gedichte? Der Dichter Hans Magnus Enzensberger (*1929) hat mal nachgezählt: Er kam auf ± 1.354 Menschen.

    Die Frage ist natürlich: Wo fängt die Poesie an, wo hört sie auf? Ein Reim allein jedenfalls macht noch kein Gedicht. Genauso wenig wie Wortwahl und Form.

    Das Spektrum reicht nicht nur von klassischer Liebeslyrik bis zum experimentellen Lautgedicht.
    Wenn ich auch Musik als Poesie verstehe, ist die „Enzensbergersche Konstante“ schnell ausgehebelt. Ein paar Millionen Klicks auf Youtube? Keine Seltenheit. Es stimmt ja auch: Ein Song kann poetischer sein als ein Sonett, ein Spoken Word trefflicher als der verfasste Vers und der Flow flüssiger als die Metrik.

    In der Musik muss sich die Poesie nicht einmal mehr verstecken. Im Gegenteil: Dort scheint sie gegenwärtig sogar ein Kassenschlager zu sein. Allein in den letzten beiden Jahren sind in Deutschland fünf Doppelalben unter dem Label deutschsprachige „Songpoeten“ veröffentlicht worden. Darauf enthalten sind 213 Lieder von immerhin rund 100 Interpreten.

    Es verwundert wenig, wer auf den zehn CDs alles in allem am häufigsten vertreten ist: Adel Tawil, Clueso und Xavier Naidoo mit neun, acht bzw. sieben Songs. Es folgen Peter Fox mit sechs sowie mit jeweils fünf Liedern Philipp Poisel, Gregor Meyle, Philipp Dittberner und Silbermond. Und dann noch jede Menge andere, zum Beispiel die „One-Hit-Wonder“ Herbert Grönemeyer, Wolfgang Niedecken und Rio Reiser mit lediglich einem Song.

    Es ist offensichtlich, dass kommerzielle Gesichtspunkte bei der Auswahl der Interpreten und Songs mehr gepunktet haben als die poetische Qualität. Wer dann nämlich auf einer solchen Compilation meines Erachtens keinesfalls fehlen dürfte, sind allen voran: Blixa Bargeld, Alin Coen, Element of Crime, Sophie Hunger, Peter Licht, Tocotronic – und meinethalben auch AnnenMayKantereit, die aber vermutlich für die nächste Scheibe schon eingeplant sind.

    Doch nicht nur in der (X für ein) U-, sondern auch in der vermeintlichen Hochkultur hat die Poesie Konjunktur. Oder überschätze ich die Strahlkraft eines 2015 aus der Taufe gehobenen Festivals für Weltliteratur mit dem klangvollen Namen „Poetica“. Moment, ich google kurz die Besucherzahlen der dritten Auflage von Januar 2017. Ah, verstehe, es waren ± 1.354 Leute.

    Wer sich darauf einen Reim machen kann? Vielleicht Bob Dylan (*1941), dem im Oktober 2016 der Nobelpreis für Literatur zugedacht wurde. Anfang April 2017 hat er die Auszeichnung dann auch endlich mal abgeholt. Er war gerade in der Gegend. Seine nicht enden wollende Welttournee hatte ihn zu einem Konzert nach Stockholm geführt.

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  • Für Felix
  • KW 21: Ode was?

    Das war sie also, meine „Ode der guten Wünsche“. Zumindest ein Auszug dessen, was seit Jahresbeginn entstanden ist, und ein Vorgeschmack darauf, was daraus wachsen könnte.

    Die Ode der guten Wünsche ist ein assoziativer, affirmativer Ritt und Flug durch alles, was Freude spendet, Erfüllung schafft und Sinn stiftet. Sie ist eine Hommage an das Leben - wie auch an Sprache und Kindheit.

    95 Strophen waren in den vergangenen Wochen hier zu lesen. Knapp 700 dieser Vierzeiler sind inzwischen geschrieben.

    Noch sind die Strophen unsortiert und unredigiert. Bislang stehen - meist in Erstfassung - gereimte Aufzählungen und Affirmationen neben Sprüchen fürs Poesiealbum, Aphorismen, Küchenpsychologie und tiefem Sinn. Manches wird wohl auch aussortiert.

    Ode ist weiterhin als Arbeitstitel gedacht. Mir ist noch kein passender Name eingefallen.

    Ein Kessel Buntes,
    Potpourri der guten Laune,
    Affirmationskette,
    Aphoristisches Aphrodisiakum,
    WunderWortWelle,

    alles nicht das Richtige. In den Beiträgen der letzten Wochen lief sie daher einfach unter „1.000 gute Wünsche“. Vielleicht mache ich ja tatsächlich die 1.000 voll. Der Schreibfluss ist jedenfalls noch nicht versiegt, auch wenn ich ihn etwas drosseln musste.

    Die Ode der guten Wünsche wäre wohl niemals ohne meinen Sohn Felix Leon (*2012) entstanden. Sie ist also für Dich, mein geliebter Löwe. Möge Dein Leben voll Freude und Glück und von Sinn erfüllt sein! Möge Dein Namen Omen sein!

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  • Mach mal'n Punk

  • KW 20: Intermezzo


    Friedrich Schiller (1759-1805) fand seine Ode „An die Freude“ so mittelprächtig. Die Vertonung durch Ludwig van Beethoven (1770-1827) hat er nicht mehr erlebt (vgl. KW 30/2012).

    Beethoven wiederum ist 150 Jahre zu früh gestorben, um sich an der Geburtsstunde des Punks erfreuen zu können. Vor kurzem war sein 190. Todestag (26.3.).

    Auch der Punk ist inzwischen Geschichte. 40 Jahre ist es her, dass die Sex Pistols „We're the future“ sangen - und die Zukunft zeitgleich zunichtemachten. „No Future“ war nicht nur die wesentlich einprägsamere Zeile in „God Save The Queen“, sondern auch ihr eigentliches Statement.

    Besagten Song gaben Johnny Rotten (*1956) und Co 1977 anlässlich des 25-jährigen Thronjubiläums der Queen zum Besten. Selbstverständlich standen sie nicht auf der Gästeliste. Am 7. Juni, dem Höhepunkt der Feierlichkeiten, charterten sie ein Boot mit dem Namen „Queen Elisabeth“, schipperten auf der Themse zum Parlament und lärmten los - bis das Boot schließlich von der Polizei geentert wurde.

    Queen Elisabeth (*1926) konnte am 6.2.2017 ihr 65-jähriges Thronjubiläum feiern. Die Sex Pistols hingegen waren 1978 schon wieder Geschichte. Während ihrer US-Tour Anfang 1978 schmiss Johnny Rotten das Handtuch. Im November 1977 war ihr einziges Studioalbum „Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols“ erschienen.

    Eine Variation des damaligen Albumcovers ist diesmal das Wochenfoto. Das Artwork stammt ursprünglich von Jamie Reid (*1957). Das Cover und seine Queen-Collage zur erwähnten Single der Pistols wurden zu grafischen Ikonen des Punk - auch wenn Vivienne Westwood (*1941) die Optik wesentlich stilbildender prägte.

    Vivienne Westwood ist heute eine der großen Modedesignerinnen. Auch Jamie Reid ist immer noch als Künstler und Designer unterwegs. Wenn auch mit bescheidenerem Erfolg. Anfang April hat er die ersten Teile seiner neuen Klamottenlinie mit dem Namen „Ragged Kingdom“ (= zerlumptes Königreich) vorgestellt. 2017 feiert er seinen 60. Geburtstag. An dieser Stelle, Dank + Glückwunsch + Link: www.jamiereid.org

    Die Beethoven-Mozart-Variation des Punk-Covers war 2007 mein Beitrag zur (nicht umgesetzten) Gestaltung des (nicht mehr existenten) ideenreich-Schaufensters anlässlich des Bonner Beethovenfestes. Eigentlich wurde uns ja das gegenteilige Bild vermittelt: Mozart (1756-1791) war der Punk. Das legen zumindest Miloš Forman (*1932) in seinem Film „Amadeus“ (1984) und Falco (1957-1998) in seinem Song „Rock me Amadeus“ (1985) nahe.

    Doch immerhin hat Beethoven die Hymne Europas komponiert, indem er Schillers Gedicht zur Ode vertonte, womit wir wieder beim Ausgangspunkt dieses assoziativen Intermezzos angekommen wären. Nächste Woche folgt dann ein Nachklang zu den guten Wünschen, die ich in KW 2 in Ermangelung eines anderen treffenden Begriffs ebenfalls als Ode bezeichnet hatte. Wie ich dazu stehe, wie es dazu kam und wie es damit weitergeht, werde ich vielleicht schon in KW 21 beantworten können.

    Dank Wikipedia habe ich übrigens erfahren habe, dass das Artwork des Pistols-Covers „nicht die für einen urheberrechtlichen Schutz nötige „Schöpfungshöhe“ erreicht. So konnte ich mir den Spaß der Variation erlauben. Aber verstehe einer das Urheberrecht: In Sachen Moses' Kraftwerk-Sample ist noch immer keine Einigung erzielt worden (vgl. KW 25/2016). Der Original-Track stammt übrigens auch aus dem Jahr 1977. Moses Pelham (*1971) verwendete daraus 20 Jahre später ungefragt zwei Sekunden Beat. Kraftwerk-Mitbegründer Ralf Hütter (*1946) fühlt sich deswegen bis heute bestohlen - und klagt und klagt und klagt.

    Eine Einigung über die nächste Ausstellung von MIKADO (*2003) wurde hingegen erzielt: In den ersten beiden Oktoberwochen 2017 werden wir in der Fabrik45 in Bonn ausstellen. Thematisch bewegen sich unsere Arbeiten im Spannungsfeld „Inspiration - Kopie“ (vgl. KW 43/2016). Auch da wird unter anderem die Frage des Urheberrechts aufgeworfen. Neben den Bildern werden Musik, Performances und Lesungen das Programm abrunden. Auch die Ode der guten Wünsche wird dabei eine Rolle spielen.

    Also, und das ist nun definitiv das Ende dieses Beitrags: Save the Date!

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  • Erfüllt

  • KW 19: Tausend gute Wünsche
      13/13

    Pandoras Büchse, Blinde Kuh
    Ein Ausweg bleibet immerzu
    Balsam, Döschen, Räucherwerk
    Entwicklung schafft der Früchtezwerg

    Die Kompassnadel ist geeicht
    Das Wasser der Lagune seicht
    In Best-Balance von Mast bis Kiel
    Beweglichkeit bleibt Oberziel

    Aladin im Lampenschirm
    Helle Leuchte, flimmernd firm
    Schutzengel auf Luftmatratze
    Heilig Schein und Tigertatze

    Abwechslung als Zeitvertreib
    Astreines Hirn, astraler Leib
    Ausgelassen röhrend Hupe
    Durchblick mit betörend Lupe

    Kontaktspray für die Kumpanei
    Besprechungskeks, ganz klüngelfrei
    Interesse an Gemeinsamkeit
    Springend Funke, knisternd Scheit

    Amtlich Vorsprung, zeitig ab
    Werter Ursprung, niemals schlapp
    Fest im Sattel, Kräfte schonen
    Beachtlich Mühen, die sich lohnen

    Auf der Höhe, unterm Strich
    Immer ganz, nie eigentlich
    Durch und durch, Gelée Royal
    Bedeutungvoll und epochal


    [zurück zu KW 37/2017]
    [zurück zu KW 29/2017]
    [zum Start der Tausend guten Wünsche]

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  • Erfüllt

  • KW 18: Tausend gute Wünsche
      12/13

    Kurze Rede, langer Sinn
    Konsonanz von Anbeginn
    Das Eisen schmieden, bis es passt
    Barmherzig, milde, ohne Hast

    Teppichflug und Besenritt
    Mobil im Alter, fit im Schritt
    Als Fährtenleser auserkoren
    Gütlich einig, frei geboren

    Halleluja, Hula-Hoop
    Gern gesehen, willkommen im Club
    Reiki, Tai-Chi, Buddha-Fahrt
    Fünf Freunde, Jahwe mit am Start

    Weltformel, Pythagoras
    In jedem Ärmel steckt ein As
    Die Antennen auf Empfang
    Ritsche, Ratsche, Yin und Yang

    Hossa, Hossa, Heißassa,
    Welch Symphonie, Tatatata
    Bratapfel und bunter Strauß
    Glückspilzjoker, trotz‘ dem Gauß

    Mit jedem Deut von Omen schwärmen
    Welch ein Wesen, Herzen wärmen
    Sockel, Pfeiler, ausgewogen
    Fair, gerecht und gut erzogen

    Daumen hoch, in höchsten Tönen
    Kreativ den Künsten frönen
    Das Paradies liegt auf der Hand
    Passt Du nicht auf, bleibt’s unerkannt

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  • Börse Vorahnung
  • KW 17: Zwischenruf

    Douglas Coupland (*1961) stellt in seinem aktuellen Buch „Bit Rot“ wiederholt die Frage, wie unser Prä-Internet-Hirn beschaffen war? Wer sich nicht mehr erinnern kann: Vielleicht weiß Google die Antwort.

    Dass es nicht nur die großen medialen Entwicklungen sind, die unser Leben verändern, wurde mir vor gut zwei Wochen noch einmal deutlich vor Augen geführt.

    Es war Freitag, der 7. April. Gegen 14:30 Uhr schaute ich mir die „Tagesschau um zwölf“ an. Es war der Tag nach dem US-Bombardement eines syrischen Luftwaffenstützpunktes.

    Der obligatorische Schwenk zur Frankfurter Börse wurde mit der Frage eingeleitet, wie denn die Anleger auf die Militärintervention reagierten?

    Und ich dachte mir: Ist das wirklich die zentrale Frage?

    Selbstverständlich kamen in der Sendung auch Stimmen aus der Politik zu Wort. Doch wenn schon ein Zeitfenster für ein dialogisches Format eingeräumt wird, muss dann ausgerechnet ein Börsenexperte befragt werden?

    Und ich erinnerte mich, dass die Schalte zur Börse nicht schon immer Bestandteil der Tagesschau war.

    Erst mit dem Börsengang der Telekom setzte ein Aktienhype ein, der medial befördert wurde. Ab 1997 wurde werktäglich in der „Tagesschau um fünf“ nach Frankfurt geschaltet. Seitdem wurde die Börsenberichterstattung Schritt für Schritt ausgebaut.

    Und ich fragte mich, was das über den Zustand unserer Welt aussagt? Und welche Einschätzung von wem in welcher Form von viel größerem Belang wäre?

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    „Bit Rot“ ist eine Sammlung von Essays und Kurzgeschichten des kanadischen Autors Douglas Coupland aus den letzten Jahren. Weitere Coupland-Buchtipps finden sich in KW 44/2015 und KW 51/2016. Einen kurzen Beitrag zur Geschichte des Internets habe ich in KW 18/2013 geschrieben.

    Das Wochenfoto zeigt ein grandioses Paste-Up des Künstlers Tim Ossege (*1984) aka seiLeise, das vor kurzem, vielleicht auch noch gegenwärtig an verschiedenen Stellen in Köln zu sehen war/ist.

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  • Erfüllt

  • KW 16: Tausend gute Wünsche
      11/13

    Punktgenau und flächendeckend
    Kreise schließend, Kräfte weckend
    Unerschrocken, aussichtsreich
    Erfolgsgekrönt bei jedem Streich

    Bleibend Werte, mega Schnäppchen
    Dreikäsehoch und mundend Häppchen
    Harnisch in Verkleidungstruhe
    Erfrischungsstäbchen für die Ruhe

    Manege frei, nach vorne schauen
    Nicht mehr zögern, sich auch trauen
    Gebetsmühle und Minnesang
    Sei mit dabei, zieh mit am Strang

    Als Leuchtturmwächter eine Pracht
    Heureka, die Falte lacht
    Des Rätsels Lösung immer nah
    Gedanken, die sind frei und klar

    Zungenkuss beim Kaffeekränzchen
    Kesse Lippe, flottes Tänzchen
    Hosianna und Juchhe
    Grazile Schwäne auf dem See

    Marmelade und Kompott
    Reiselustig, neuer Trott
    Frischer Wind und günstig Strömung
    Easy going schafft Gewöhnung

    Hätte, hätte, Fahrradkette
    Lieber strahlen um die Wette
    Halt nicht fest an jedem Zoll
    Es wird schon werden, wie es soll

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  • Erfüllt

  • KW 15: Tausend gute Wünsche
      10/13

    Herz aus Gold und Stein im Brett
    Gut gekleidet, stets adrett,
    Fest verwurzelt, selbstgewiss
    Teamplayer im Kompromiss

    Bestnoten in A und B
    Ideenreich von Kopf bis Zeh
    Alles geht, selbst beim Roulette
    Für alle Fehler: Steuerung Zett

    Gordisch Knoten ist ne Schleife
    Außen Glanz und innen Reife
    Mandala im Rosenkranz
    Stuhlkreis stärkt die Resonanz

    Ippchen, Dippchen, Silberknippchen
    Dem Schicksal schlagen wir ein Schnippchen
    Schneller, höher, immer weiter
    Schritt für Schritt auf Himmelsleiter

    Mündung, Quelle und Verlauf
    Siegessicher, obenauf
    Dolmetscher beim Babelbau
    Bunter Hund und funkelnd Pfau

    Bügelperlen, BMX,
    Best of ever, clever Mix
    Kongruent sein ohne Zwang
    Konsistent ein Leben lang

    Langer Atem mit Menthol
    Sauerstoff und Aerosol
    Weichspüler und Wärmekissen
    Alles da, musst nichts vermissen

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  • Trumpfator
  • KW 14: Quatsch mit SOSze

    Wir unterbrechen das Wunschkonzert für eine dringliche Eilmeldung:

    - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Als ich die Tage in die Zukunft reiste, traute ich meinen Augen kaum. Da waren überall Trump-Statuen. Einfach überall. Da schauderte es mich gewaltig, und ich machte stante pede wieder kehrt.

    Da ich mir aber schon dachte, dass mir niemand glauben würde, habe ich all meinen Mut aufgeboten und ein Foto gemacht. Sehen Sie also zur Linken das Abbild eines besonders eindrucksvollen steinernen Trumpfators.

    Dass ich nun damit an die Öffentlichkeit gehe, kann mich in Teufels Küche bringen. Mit Zeitreisen ist es jetzt jedenfalls vorbei. Fotos von der Zukunft? Ein massiver Verstoß gegen Paragraph 3 der Zeitreiseverordnung.

    Sei's drum. Das war es mir wert.

    - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Ist natürlich alles Quatsch. Meine letzte Zeitreise liegt schon sehr viel länger zurück. Und bei der Statue handelt es sich um einen Kentauren, der auf den Entwürfen des Bildhauers Georg Grasegger (1873-1927) basiert.

    Die Kentauren sind Wesen der griechischen Mythologie, halb Pferd, halb Mensch. Sie werden als unbeherrscht und lüstern beschrieben. Daher gilt: Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig, wenn auch irgendwie naheliegend.

    Und Mr. America? Wird in spätestens einem Jahr die Lust an der Politik verlieren und seinen Posten räumen, weil er eben doch nicht schalten und walten kann, wie er will. Aus unverlässlichen Quellen habe ich erfahren, dass er dann den Mond besiedeln möchte.

    Recht so, wünschen wir ihn uns genau dahin, am besten schon vor Ablauf seiner Lustspanne, denn das, was er mit seinem Einfluss anrichten kann, ist auch schon schlimm genug.

    Da reicht allein ein Stichwort, eines von den vielen. Nehme ich heute aus aktuellem Anlass mal „Klimaschutz“ (vgl. KW 45/2016 zur Wahl des US-Präsidenten und dem Klimaabkommen von Paris und KW 37/2012 zum Glauben an den Klimawandel).

    - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Schaffen wir noch eine Schleife? Eine geht noch, schließlich folgt in der nächsten Woche schon wieder die Fortsetzung der guten Wünsche.

    Die Kentauren sollen von Ixion, dem König der Lapithen, und einer Wolke abstammen (danke, Wikipedia). Und jetzt kommt's:

    Flugzeugkondensstreifen
    sind gar keine Flugzeugkondensstreifen.
    Es sind Wolken.

    Ist das nun ein Beispiel für alternative Fakten? Keine Spur, ab sofort ist das so was von wahr.

    Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) hat ihren Wolkenatlas erweitert und nach 30 Jahren neu aufgelegt. Darin findet sich jetzt neuerdings die Wolkenart mit dem Namen Homomutatus.

    Bezeichnet werden damit Kondensstreifen, die sich nicht sofort verflüchtigen, sondern längere Zeit am Himmel verbleiben, zerfasern und wolkenähnliche Gebilde annehmen.

    Da kommt mir spontan die Idee zu einem Kreativwettbewerb: Male oder fotografiere eine Wolke, die zu dem Namen Homomutantus passt. Das wird ein Spaß. Bis nächste Woche!

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  • Erfüllt

  • KW 13: Tausend gute Wünsche
      9/13

    Flanieren durch den Säulengang
    Ist Strategie beim Tatendrang
    Schamanentrank mit Himbeertorte
    Geöffnet eine jede Pforte

    Einkehr auf der Wanderschaft
    Durch Kollagen die Haut gestrafft
    Massage, Wärme, Infrarot
    Innere Mitte, Lack im Lot

    Tausendsassa, Riesenwicht
    Schwerelos, erfüllt, erpicht
    Pausenclown und weiser Narr
    Erhaben ob der Twitterschar

    Kleiner Onkel, E-Gitarre
    Meinetwegen auch 'ne Karre
    Salbe, Standbein und Talent
    Zuverlässig' Kukident

    Geschützte Nische, lohnend' Sparte
    Heißer Tipp und Dauerkarte
    Erste Klasse, super Quote
    Einvernehmen, Liebesbote

    Full-House-Pasch im Würfelbecher
    Pfeile aus des Amors Köcher
    Käsespieß, Rosinenpicker
    Sich‘re Bank, allwissend' Spicker

    Alle Farben, transparent
    Ein Handeln, das die Absicht nennt
    Gut gemeint und gut gemacht
    Stets konsequent durchdacht

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  • Erfüllt

  • KW 12: Tausend gute Wünsche
      8/13

    Wohlgesonnen, gute Geister
    Bojen, Brücken, Kitt und Kleister
    Schwimmring, Anker, Lotsenschiff,
    Planschen im Korallenriff

    Rock’n’Roll und Waschbrettbauch
    Würdevoller weißer Rauch
    Vogelzwitschern, gut' Gespür
    Die Pflicht, die wird zur Kür

    Komfortzone mit Wolkenpuschel
    Sandmann, Zahnfee, Lockenwuschel
    Rein' Gewissen, Snoezelraum
    Spontan, bedacht, Impuls im Zaum

    Nickiflaum, Oasenhauch
    Salbung durch den Weihrauchschmauch
    Glühwürmchen, Panini-Sticker
    Federball und Fußball-Kicker

    Paillettenjacke, Federboa
    Trip-Hop-Trance-Dub-Reggae-Goa
    Luftig leicht im festen Stand
    Odeur, Bukett, ein Kilo Schmand

    Hummelhintern, Baldrian
    Orakel mit beschwingtem Wahn
    Fundament aus Spiritus
    Wo alles kann und längst nichts muss

    Ladenhüter, Kassenschlager
    Respekt ist fett, die Gier ist mager
    Geduld ganz groß, die Augen offen
    Erleuchtung kommt durch Glauben, Hoffen

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  • Erfüllt

  • KW 11: Tausend gute Wünsche
      7/13

    Ohrensteif und Halspastillen
    In Hängematte Hardcore-Chillen
    Schmusedecke, Schnuffeltuch
    Stein der Weisen, gutes Buch

    Frischer Geist und Freu-Gemüt
    Segelyacht und Reitgestüt
    Weiße Weste, Kennerblick
    Einsicht folgt auf jeden Klick

    Treuepunkte von der Fee
    'Ne Wiese voll mit Vier-Blatt-Klee
    Erfrischung schafft der Wedelfächer
    Zum Mantra wird der Zungenbrecher

    Narrenfrei und erdverbunden
    Galanterie, geheilte Wunden
    Steckenpferd und Utopie
    Labsal an der Fantasie

    Euphorie im Himmelsbett
    Funkensprühen beim Ballett
    Popcorn, Puffreis, Pfannekuchen
    Stets zu finden, statt zu suchen

    Epen, Verse, Hymnen, Lieder
    Sowohl als auch, statt für und wider
    Schubidu, Nanu-Nana
    Glitter, Glam und du bist da

    Ode an die Konvergenz
    Lebkuchen und Transzendenz
    Ergötzen liegt im Kaffeesatz
    Zu jeder Zeit an richtig Platz

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  • Don't trust Trump...
  • KW 10: Fist Fake

    Es lässt sich ja nicht alles schönreden. Da kann ich noch so schöngeistig daherkommen. Da muss ich doch mal kurz innehalten und das Ringelreihen der guten Wünsche unterbrechen.

    Das Ansinnen an sich mag ja gut und schön sein. Nach dem Motto, Worte werden zu Taten werden. Oder sei es auch nur als affirmative Autosuggestion.

    Aber die Annahme ist vielleicht doch zu schön, um wahr zu sein. Womit wir auch schon beim Thema meines kleinen Einschubs wären: dem Fake.

    Aus schönem Schein wird allerdings zunehmend schöne Scheiße. Wie es so schön heißt. Wenn wir nämlich Fake mit News koppeln. Aber immer schön der Reihe nach.

    Fake News sind nichts Neues. Falschmeldungen kamen und kommen vor. Als Ente, Gerücht, Mutmaßung, Manipulation oder Täuschung. Meist konnten sie als solche entlarvt und richtiggestellt werden.

    Auch Medienkritik hat Tradition und Berechtigung. Zu analysieren, wer was wann wem wie wozu und mit welcher Konsequenz vermittelt, macht schon Sinn. Auch zu hinterfragen, wie objektiv die Berichterstattung ist und wie wahr sie überhaupt sein kann.

    Vor dem Hintergrund massenhaft ideologisch gefärbter und geformter Meldungen ist auch durchaus ein gesundes Misstrauen angebracht. Freie Medien sind ja sowohl historisch als auch gegenwärtig eher die Ausnahme als die Regel.

    Was mich allerdings beunruhigt: Selbst da, wo die Freiheit der Meinung, der Rede und die der Presse zumindest theoretisch als Staat und Gesellschaft konstituierend hochgehalten werden, ist es ziemlich schlecht um die Reputation der Medien bestellt.

    Statt kritischer Rezeption macht sich Verunglimpfung breit. Statt die Presse als Motor der Demokratie und Freiheit, als „vierte Säule des Staates“ zu würdigen, wird sie pauschal als „Lügenpresse“ diffamiert.

    Wenn sie dann auch noch von höchster Stelle diskreditiert wird, so wie von Mr. America praktiziert, und von so manch anderem durch gezielt gestreute Fake News unterminiert wird, dann sind nicht nur die Medien, sondern auch das Recht auf freie Meinung ganz grundsätzlich und auch ernsthaft in Gefahr.

    Was also tun? Dagegen anschreiben? Fakedetektoren entwickeln? Faktenchecker engagieren? Candy Storms initiieren? Den Trollarmeen Elfenheere entgegenstellen? Medienkompetenz als Schulfach etablieren? Eine Imagekampagne in die Wege leiten?

    All das wird helfen, allerdings kaum, um verlorenes Vertrauen wiederaufzubauen. Was also? Ich muss gestehen: Ich weiß es nicht, ich bin ratlos. Was ich nur weiß: Nächste Woche geht es hier trotz allem wieder weiter im Text, weiter mit den guten Wünschen.

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  • Erfüllt

  • KW 9: Tausend gute Wünsche
      6/13

    Leidenschaft und große Pläne
    Sesamstraße, starke Zähne
    Bärenkräfte, Poesie
    Verzückung wie noch nie

    Frohlocken in der Weltenseele
    Lobpreis aus geölter Kehle
    Verständnis schafft ein jeder Satz
    Besinnung und Rabatz

    Prima Klima, Aura nett
    Auf der Walz und Balz im Bett
    Heilfasten im Überfluss
    Flötentöne, Höchstgenuss

    Elfenhaar und Sahnesteif
    Schaukelpferd, Kometenschweif
    La Ola auf dem Rummelplatz
    Minitrix, Piratenschatz

    Schneckenrennen, Wellenreiten
    Im Hier und Jetzt für alle Zeiten
    Steineflitschen, Einradfahr‘n
    Flügelflicken, Seemannsgarn

    Pulverschnee und Wattebausch
    Tiefsinn prägt ein' jeden Plausch
    Freudenfeuer, freie Sicht
    Schnörkellos, erhellend schlicht

    Schwarze Zahlen, Eselsbrücken
    Entscheidung stets aus freien Stücken
    Ruhekissen, Heimspielort
    Versprechen hält ein jedes Wort

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  • Erfüllt

  • KW 8: Tausend gute Wünsche
      5/13

    Pauken, Glocken und Trompeten
    Remmidemmi und Radau
    Fun-Fanfaren und Kometen
    Brimbambatz beim Höhlenbau

    Glanzbilder und Puppenwagen
    Mythen, Märchen, Fabeln, Sagen
    Zerstreuung nach der Pausenglocke
    Amüsement bei jeder Flocke

    Sprüche klopfen, Wahrheit reden
    Weisheit finden in den Veden
    Pläsiergeplänkel, Wolke Sieben
    Allseits ewig hier und drüben

    Versöhnung im Gebetesraum
    Paternoster, Einheitstraum
    Harfenklänge, Schiffetuten
    Der Weg das Ziel auf Navirouten

    Partykeller, trautes Heim
    Psalme, Suren und ein Reim
    Zepter, Gral und Amulett
    Bodenheizung im Parkett

    Lorbeerkranz, geschnitten Brot
    Zuflucht nach dem Rettungsboot
    Feste Bande, Mut zur Lücke
    Ehrenwort und Kuchenstücke

    Barfuß durch den Morgentau
    Kopf und Zahl bei jeder Wahl
    Maskottchen einer Blumenschau
    Nach jedem Hügel weites Tal

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  • Erfüllt

  • KW 7: Tausend gute Wünsche
      4/13

    Refugium im Regenbogen
    Wetterleuchten, weiche Wogen
    Kerzenlicht im Mondesschein
    In der Brandung Felsenstein

    Wissensgier, Zufriedenheit
    Gesund, gesegnet und gescheit
    Stelldichein und Lebenssaft
    Ein Elixier das Freude schafft

    Purzelbaum, Gelassenheit
    Kopfstand und Erhabenheit
    Tiefgang, Frohsinn, Gipfelstürmer
    Phosphorsäure, Erdnusswürmer

    Ein Kirmesrennrad aus Lakritze
    Stets der Meinung, das war Spitze
    Baiser-Getunke im Kakao
    Zuckerwatte, lecker Tao

    Wippe, Roller, freier Fall
    Pflastertrost im hellen All
    Follow me und like mich gern
    Verbundenheit mit nah und fern

    Wunschkonzert im Sonnenbad
    Gold‘ne Mitte, zwanzig Grad
    Kühler Schatten, Rampenlicht
    Ein Getränk, das immer zischt

    Lotto-Sechser in der Sauna
    Golden Schnitt in Flora, Fauna
    Sicherheit und Gaumenschmaus
    Blumendank, Applaus, Applaus

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  • Erfüllt

  • KW 6: Tausend gute Wünsche
      3/13

    Augenklappe, Dinoeier
    Ukulele, neue Leier
    Samstagabend, Badespaß,
    Eiscreme, Ketschup, Wetten, dass

    Bauchpinsel und Talisman
    Ein Wille, der auch immer kann
    Ein Mögen, das Bestimmung find't
    Wie Pusteblumen leicht im Wind

    Katzenschnurren, Schäferstunde
    Augenweide, Ehrenrunde
    Musikknochen, Glutamat
    Satte Ernte, sinnig Saat

    Engtanz auf Pyjamafete
    Kornfeldbett und bunte Knete
    Gleitflug über Rodelpiste
    Spieluhr in der Rappelkiste

    Ball, Ballon und Knisterbrause
    Adrenalinbonbons in Supersause
    Träume im Dendritenrausch
    Seide, Taft trifft Extraflausch

    Cherubenchöre, Löwenmähne
    Schlendrian und Glückes Strähne
    Ohrenklingeln, Puddingteilchen
    Katzengold und Plunderveilchen

    Offenbarung, Götterspeise
    Punsch und Nektar eimerweise
    Blödelei aus einem Guss
    Lobhudeleicht im Lebensfluss

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  • Erfüllt

  • KW 5: Tausend gute Wünsche
      2/13

    Siegertreppchen, Empathie
    Pheromone, Potpourri
    Tarnkappe und Schutzpokal
    Logenplatz und Nervenstahl

    Momentmagie und Zaubertrick
    Schokoküsse, Einhornglück
    Ohrwurm, Endorphinentanz
    Freie Zeit mit Firlefanz

    Feuerwerk und Matschepfützen
    Gefühl bis in die Fingerspitzen
    Verstand quillt aus den Poren raus
    Sinn sogar in Saus und Braus

    Plätzchenteig und Kirschkernspucken
    Entdeckermut und Achselzucken
    Seifenblasen, Sternschnuppsausen
    Schnitzeljagd und Schokoflausen

    Muschelkette, Schloss aus Sand
    Herzklopfen und ruhige Hand
    Mußestunde, sechster Sinn
    Jedes Los ein Hauptgewinn

    Samthandschuhe, Sympathie
    Kurzweil und harmonisch Chi
    Logisch Chaos, Quantenstring
    Mutter unser im I-Ging

    Spatzenhand und Taubendach
    Aufgeschlossen, freundlich, wach
    Aloha, Servus, Salve, Howgh
    Uno, Halma und Mau-Mau

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  • Erfüllt

  • KW 4: Tausend gute Wünsche
      1/13

    Gummitwist und Wasserrutschen
    Drachenflug im Überschall
    Konfettidrops zum Dauerlutschen
    Freifahrtschein für überall

    Dickes Fell mit Gänsehaut
    Superheld trifft Astronaut
    Autoscooter, Nasebohren
    Verliebt bis über beide Ohren

    Karussellfahrt ins Schlaraffenland
    Gute Reise, gutes Pfand
    Schmetterling, Delfingesang
    Kuschelrock und kosmisch Klang

    Friede, Freude, Eierlaufen
    Drahtseilakt im Bällebad
    Pferde stehlen, Schiffe taufen
    Patenter Rat und gute Tat

    Wonne, Sonne, Wohlgefallen
    Vanillesoße, Korkenknallen
    Hitzefrei und Lagerfeuer
    Rosenwasser, gut und teuer

    Knallerbsen mit Tusch und Trumpf
    Unerschöpflich Geld im Strumpf
    Kleinodhaus im Kletterbaum
    Weiche Landung, Badeschaum

    Ringelpiez mit Tingeltangel
    Kribbelbauch und Krabbelkopf
    Große Fische an der Angel
    Gelegenheit am Schopf

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  • Weiser Wunsch
  • KW 3: In Hülle und Fülle

    Pustekuchen. Planänderung.

    Der Start der Ode wird
    um eine Woche verschoben.

    Statt 52 Strophen sind
    inzwischen über 100 entstanden.

    Ich dachte mir schon,
    dass der Text im Fluss bleibt,
    hatte aber nicht erwartet,
    dass die guten Dinge
    immer weiter sprudeln.

    Was nun? Einfach laufen lassen.
    Wenn die Inspiration ins Stocken gerät,
    schauen, was und wie viel entstanden ist.
    Dann weitersehen.

    Als kleiner Vorgeschmack aber
    gleichwohl schon mal vier Strophen
    aus der Ode der guten Wünsche:


    Ponyhof und Wundertüte
    Gottes Segen, Kismets Güte
    Manna und Ambrosia
    Rambazamba mit Trara

    Ahnung, Fügung, Seelenbaumel
    Strickliesel im Freudentaumel
    Frische Brötchen aus der Dose
    Knusperschloss und Chuzpe-Chose

    Malefiz und Pupsekissen
    Allumfassend Geist und Wissen
    Tropfkerzen aus Plüsch und Tüll
    Grüner Daumen, Chlorophyll

    Entenfüttern sanft und leise
    Müßiggang auf Pilgerreise
    Pomp, Askese, Cortisol
    Softeis, Messwein, Ethanol



    Als Übung in Heiterkeit
    übrigens sehr zu empfehlen:

    Alles Gute und Schöne memorieren,
    notieren, kombinieren und neue
    Bilder generieren. Macht Laune.

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  • Immer 27
  • KW 2: Ich wünsch Euch was

    Weiter geht's.
    Neues Jahr, neues Glück.
    Für Dich, für mich, für alle.
    Das Rad dreht sich.

    Die Zukunft ist jetzt,
    wo das Nu schon wieder war.
    Wie? Eben jetzt gleich.
    Und allseits jederzeit.

    Was ich mir wünsche?
    Was ich mir für Euch wünsche.

    Was das ist?

    Noch feile ich an meiner Ode
    der guten Wünsche in 52 Strophen.

    Bis nächste Woche
    wird sie vorerst vollendet
    und damit wieder am Anfang sein.

    Denn ab dann gibt's hier
    nur noch Wohltat für die Seele.
    Wir können es gebrauchen.

    Bis dahin:

    Viel Freude und
    gutes Gelingen
    beim Leben
    der Bestimmung!

    -----------------------------------

    „Ode der guten Wünsche“
    klingt hochgestochen
    bis abschreckend.

    Muss das sein?
    Muss nicht, aber wird.

    Doch keine Sorge:

    Keine schwierig Lyrik
    klebt mir im Sinn,
    sondern vielmehr
    buntes Bonbonmot.

    Gute Wünsche eben,
    wenn auch gereimt
    und in Strophen.

    Lasst Euch überraschen!

    Bei gleichbleibender wöchentlicher
    Frequenz könnte ich mit diesen
    52 tweettauglichen Strophen
    ein ganzes Jahr füllen.

    Mache ich aber nicht.

    Ich verdichte den Text
    auf dreizehn Wochen.

    Jede Woche gebe ich vier
    jeweils vierzeilige Strophen
    zum Besten und
    kombiniere fotografisch
    mit wundersamen NEON-Triolen.

    Ab April geht es mit dem Wochenfoto
    dann wieder wie gewohnt weiter.

    [zurück zu KW 37/2017]

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  • augenleiden
  • KW 1: Schneid gehabt?

    Hannah Höch (1889-1978)
    hat die Kunst begraben.
    Um sie zu bewahren.

    Während viele Freunde ins Exil gehen, manche verhaftet und deportiert werden, bleibt sie in Berlin.

    Sie knickt nicht ein, begehrt aber auch nicht auf. Sie zieht sich zurück. Das ist ihre Strategie.

    Sie weiß, was ihr blühen kann. Ihre Augen sind nicht verschlossen.

    Viermal hat sie die „Entartete Kunst“, die Propagandaschau der Nazis besucht. Auch sie wird an den Pranger gestellt.

    Nicht in der Ausstellung. Aber im Grundlagenwerk zur Wanderschau, dem Buch „Säuberung des Kunsttempels“. Ihre Kunst gilt fortan als entartet.

    Offiziell malt sie jetzt Blumen. Stillleben, Aquarelle. Ihre Arbeiten im Verborgenen spiegeln das Grauen.

    1939 kauft sie ein kleines Haus mit großem Garten in Berlin-Heiligensee. Hier verkriecht sie sich. Wartet ab.

    Hier bewahrt sie ihre eigenen und die Bilder von Freunden, vor allem von Kurt Schwitters (1887-1948) und Hans Arp (1886-1966).

    Zudem zahlreiche Dokumente und Reliquien der Berliner Dada-Zeit.

    Genug, um sie und alle anderen ehemaligen Mitstreiter an den Galgen zu bringen.

    Die Legende besagt, sie hatte alles in Kisten verpackt und im Garten vergraben.

    -----------------------------------

    Im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr ist bis 8. Januar 2017 noch die Ausstellung „Hannah Höch (1889-1979). Revolutionärin der Kunst“ zu sehen.

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