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 Volker Frechen




Wochenfotos 2019



  • Give Peace A Dance
  • KW 33: Tausend gute Wünsche   (Part 23)

    Sehen, was sonst niemand sieht
    Ermöglichen, was nicht geschieht
    Kenntnisstand des Sophokles
    Die Bertha als Haldol-Hostess

    Der Fixpunkt ist Veränderung
    Entschleunigung mit mächtig Schwung
    Ob virtu-analog real, ob hd oder digital
    Dem Netzwerk ist das ganz egal

    In jeder Sprache ein Idiom
    Die goldene Regel als Axiom
    Die Litanei entlässt Metapher
    Die Reflexion den Weltenschaffer

    Erleuchtet durch den Ganges-Strom
    Eingeladen selbst nach Rom
    Nach Mekka und Jerusalem
    Ökumene ganz bequem


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  • Give Peace A Dance
  • KW 32: Tausend gute Wünsche   (Part 22)

    Vergänglich ist die Eitelkeit
    Beständig ist ein jeder Eid
    Die Jahre gehen wie im Flug
    Doch von der Zeit gibt es genug

    Valent, potent und einfach nett
    Mit einem Wort total komplett
    Authentisch, live, in Farbe, echt
    Inschallah, des is scho recht

    Im Lotussitz, leger, ganz rege
    Ein Deli-Dip und Feinsinn-Pflege
    Das Ideal wird Wirklichkeit
    Mach Dich bereit, es ist soweit

    Geeint sind These, Antithese
    Geständnis schafft ergänzt' Genese
    Grundsatz, grandios Geflecht
    Das Scheitern wird zum Menschenrecht


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  • Ganz schön verwinkelt
  • KW 31: Eingelocht und ausgeloggt

    Ups, ich bin ins Sommerloch gefallen. Einmal nicht aufgepasst, schon war es passiert.

    Es hat noch so ploppediplopp, klapperdiklapp gemacht – und weg war ich.

    Jetzt sitz ich hier unten und warte auf eine Eingebung, die mir Leiter sein könnte. Vielleicht kann Karl Winkler helfen.

    Wer so originell um meine Aufmerksamkeit buhlt wie der Mann mit den angewinkelten Schildern, soll im Wochenfoto nicht unerwähnt bleiben.

    Leider gewährt mir die Wächterin des Sommerlochs nur eine einzige Suchanfrage als Onlinejoker. So sei Wikipedia um Rat gefragt:


    Karl Winkler ist der Name folgender Personen:

    Karl Winkler
    (1827–1874), deutscher Maler und Grafiker
    Karl Winkler
    (1845–1900), deutscher Unternehmer in St. Petersburg
    Karl Winkler,
    österreichischer Politiker I, MdL Kärnten
    Karl Winkler (1884–1965), deutscher Polizeibeamter
    Karl Winkler (1891–1961), deutscher Heimatforscher, Literaturhistoriker und Lehrer
    Karl Winkler (1899–1960), deutscher Fußballspieler und -trainer
    Karl Winkler
    (1899–1964), österreichischer Dirigent und Komponist
    Karl Winkler
    , österreichischer Politiker II
    Karl Winkler (1909–1982), deutscher Politiker (FDP), MdL Bayern
    Karl von Winkler
    (1912–1988), siehe Karl von Winckler, österreichischer Unternehmer
    Karl Winkler
    , deutscher Landrat
    Karl Winkler
    (* 1939), österreichischer Sonderschullehrer
    Karl Winkler (* 1941), deutscher Jurist und Autor
    Karl Winkler
    (* 1970), österreichischer Maler
    Karl Alexander von Winkler (1860–1911), deutschbaltischer Maler
    Karl Gottfried Theodor Winkler, eigentlicher Name von Theodor Hell (1775–1856), deutscher Schriftsteller und Publizist
    Karl Gottlieb von Winkler (1722–1790), deutscher Jurist, siehe Carl Gottfried von Winckler
    Karl-Heinz Winkler (* 1948), deutscher Politiker (PRO)
    Karl-Ulrich Winkler (Kalle Winkler; 1960–1994), deutscher Liedermacher
    Karl Wilhelm Winkler
    (1842–1910), deutscher Astronom


    Und jetzt seid ihr dran: Welch Winkler wird mit den Winkelschildern wohl geehrt?

    Wer die richtige Antwort kennt oder errät und an mich (inklusive Sommergruß) mailt,
    bekommt ein verfügbares Q- oder ein T-Werk geschenkt!
    Die Teilnahme ist übrigens auch mittels Postkarte möglich.

    Teilnahmeschluss
    ist das kalendarische Sommerende, der 22.9.2019.

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  • Dä dicke Trumm
  • KW 30: Ohne Schokolade keine Kultur

    Entgegen meiner Ankündigung, diese Woche den Spuren des Künstlers und Galeristen Ingo Kümmel (1937-90) mit der Kulturfabrik Stollwerck zu folgen, bringe ich abweichend ein kleines Zwischenspiel mit der Schauspielerin Trude Herr (1927-91). Auch Frau Herr war mit dem Severinsviertel , in dem die Schokoladenfabrik Stollwerck stand, aufs Engste verbunden.

    Mit Ich will keine Schokolade feiert sie 1960 ihren bundesweiten Durchbruch. Der Song erreicht Platz 18 der deutschen Charts.

    In ihrer Geburtsstadt Köln ist Trude Herr (1927-91) bereits seit 1948 in Erscheinung getreten. Ab dieser Zeit bekommt sie Nebenrollen im Millowitsch-Theater. Mit ihrer ersten eigenen Bühne, der Kölner Lustspielbühne, kann sie sich 1949 noch nicht behaupten, doch stattdessen mehren sich die Engagements im Millowitsch. Bis 1954 arbeitet sie zusätzlich als Bardame in der Barberina-Bar, eines der wenigen schwulen Szenelokale jener Zeit.

    Ab 1954 erobert Trude Herr den Kölner Karneval und erntet als Büttenrednerin zunehmenden Applaus. 1955 spielt sie ihre erste Hauptrolle im Millowitsch-Theater. 1958 wird sie vom Berliner Kabarett Tingel-Tangel engagiert. Zwei Jahre später läuft sie schon im Kino und landet mit Ich will keine Schokolade ihren größten Plattenhit. Den Song trällert sie in ihrer Rolle als Trudchen Pippes im Musikfilm Marina mit Giorgia Moll und Bubi Scholz in den Hauptrollen. Marina feiert am 19.8.1960 Premiere. Ganze 15 Gassenhauer werden in 90 Minuten von zahlreichen Interpreten zum Besten gegeben. Für Trude Herr bringen Film und Song den Durchbruch. In mehr als 30 Filmen wird sie von da ab mitwirken.

    1977 wagt Trude Herr den zweiten Versuch einer eigenen Bühne. Am 9. September eröffnet sie in Köln auf der Severinstraße das Theater im Vringsveedel, also direkt neben der Schokoladenfabrik Stollwerck. Hier schreibt und realisiert sie Stücke wie Die kölsche Geisha (1977), Drei Glas Kölsch (1980) und zuletzt Im zweiten Frühling (1986). Der Spielplan geht von September bis Dezember, die restliche Zeit wird das Theater vermietet oder steht leer. Von 1977 bis 1982 müht sie sich vergeblich um städtische Zuschüsse. Daher steht die Bühne trotz regem und begeistertem Publikum finanziell auf schwachen Füßen. Am 27. Februar 1986 macht Trude Herr ihr Theater dicht – denn auch um ihre Gesundheit steht es nicht zum Besten.

    Mit ihrem Abschiedslied Niemals geht man so ganz kann sie 1987 fast noch einmal an ihren größten Erfolg von 1960 anknüpfen. Das Lied, das sie mit den Lokalmatadoren Wolfgang Niedecken (*1951) und Tommy Engel (*1949) aufnimmt, erreicht im August 1987 Platz 20 der deutschen Hitparade. Trude Herr selbst macht sich im Juli 1987 aus dem Staub. Nach mehreren Operationen zieht sich aus dem Rampenlicht zurück und setzt sich auf den Fidschi-Inseln zur Ruhe. Im Januar 1991 ist sie noch einmal auf Stippvisite in Köln, dann geht sie zum Sterben nach Südfrankreich. In Lauris, einem kleinen Dorf bei Aix-en-Provence, hört ihr Herz am 16. März 1991 zu schlagen auf. Ihre letzte Ruhestätte findet Trude Herr auf dem Kölner Nordfriedhof.

    Im Februar 1995 wird die Grünfläche beim Bürgerhaus Stollwerck im Severinsviertel in Trude-Herr-Park benannt. Im folgenden Sommer wird auf dem Kölner Roncalliplatz vor Domkulisse eine Gedenkrevue abgehalten. Bei Niemals geht man so ganz wird Trude Herr via Video Wall aus einer Aufnahme von 1987 zugeschaltet. Inmitten der „Kölner Allstars“ kommt auch ihre Nichte Giggi Herr (*1942), ebenfalls Schauspielerin, ans Mikrofon. Gigi Herr stand von 1994 an regelmäßig in Walter Bockmayers (1948-2014) Kaiserhof-Theater (ab 2003 im Scala Theater Das kölsche Lustspielhaus) auf der Bühne.

    Das Wochenfoto zeigt das Trude Herr zu Ehren errichtete Denkmal im Trude-Herr-Park. Laut Wikipedia stammt es von Elmar Schulte. Apropos: Die meisten Eckdaten des obigen Beitrags gehen – anders als sonst bei mir üblich – ausschließlich auf Wikipedia zurück.

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  • Der Rest vom Schützenfest
  • KW 29: Possenspiel endet mit Remismatt

    Im Netz ist zu lesen, dass der 1. Kölner CSD im „besetzten“ Stollwerck stattfand (vgl. Beitrag von vergangener Woche). Das sah ich bei meiner Recherche nicht bestätigt. Im CSD-Premierenjahr 1979 gab der Standort zwar Anlass zu Auseinandersetzungen, die Lage spitzte sich aber erst zu, als im Mai 1980 der Abriss drohte. Gehen wir der Sache auf den Grund:

    Die Besetzung der
    Schokoladenfabrik Stollwerck
    im Severinsviertel
    zu Köln anno 1980
    ein „kommunalpolitisches Lehrstück“ ,
    so DER SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 9. Juni 1980

    Nachdem die Schokoladenfabrik Stollwerck ihre Produktion nach Porz verlegt, liegt der City-Standort im Severinsviertel ab Dezember 1975 brach. In Veedel und Politik gibt es unterschiedliche Vorstellungen, wie das rund 55.000 Quadratmeter große Areal samt Fabrikgebäuden genutzt und umgestaltet werden soll.

    Wohnen im Loft ist 1980 in Köln noch eine exotische Vorstellung

    Auf Basis einer Ausschreibung der Stadt Köln – inzwischen Eigentümerin des Geländes, gewinnt 1978 ein Entwurf, der den weitgehenden Abriss der Fabrik und eine Neubebauung mit Wohnhäusern vorsieht. Im Veedel aber wünschen sich große Teile den Umbau zu Wohnungen bei Erhalt der Fabrikanlage. Allen voran die „Bürgerinitiative südliche Altstadt“ („Bisa“), die ebenfalls einen Beitrag zum städtischen Architektur-Wettbewerb eingereicht hatte. Der Bisa-Entwurf sieht vor, bis zu 400 Wohnungen in die vorhandene Bausubstanz einzufügen. „Eine einmalige Chance“, urteilt der Münchner Professor für Stadterneuerung und Wohnen Erich Schneider-Wessling (1931-2017).

    Mehrere Jahre streiten Bisa und Stadtverwaltung über die Umgestaltung Stollwercks. Auch innerhalb der regierenden Kölner SPD ist ein Streit entfacht. Selbst in Architektinnen*kreisen scheiden sich die Geister. „In den USA“, schreibt DER SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 9. Juni 1980, „ist der Gedanke, in ausgediente Fabrikgebäude Wohnungen einzubauen, bereits vielfach verwirklicht. ... Unterdessen ist Loft-living auch hierzulande in Mode gekommen. In Düsseldorf leben Künstler in einer verlassenen Glasfabrik, und in Hamburg-Eimsbüttel wohnen welche, teilweise ganz bürgerliche Typen, in den alten Elektrizitätswerken.“

    Seit der Stilllegung werden Teile des Geländes zeitweise als Quartier an den Circus Roncalli vermietet. Ein Saal wird temporär als Spielstätte vom Kölner Schauspiel und für Konzerte genutzt. Für verschiedene Initiativen aus dem Vringsveedel (= Severinsviertel) bietet das Stollwerck einen Ort für Treffen und Veranstaltungen aller Art. In diese Zeit fallen auch der erste Kölner Pride und die Release-Party von BAP zu ihrer ersten Platte (vgl. den Beitrag von letzter Woche: KW 28/2019).

    Oberstadtdirektor Kurt Rossa (1930-98) genehmigt der Bürgerinitiative Bisa sogar, eine Musterwohnung zu bauen, obwohl er die Fabrikgebäude lieber gestern als heute abgerissen sehen würde. Alle Gebäude zu erhalten, käme für Rossa einer „städtebaulichen Todsünde“ gleich. Aber es sind halt bald Wahlen in NRW; da gilt es die Gemüter zu kühlen.

    Genutzt, besetzt, gesprengt: Das Stollwerck bleibt [provisorisch]

    Kaum sind die Wahlen mit einem unerwartet hohen Sieg der SPD über die Bühne, geht es ans Eingemachte. Fraktionszwang sei Dank, entscheidet der Kölner Stadtrat letztlich einstimmig für den Siegerentwurf. Damit ist der Abriss beschlossen. Doch just bevor die Abbruchunternehmen anrücken, beginnt am 20. Mai 1980 die Stollwerckbesetzung. Zeitweise sind bis zu 600 (vielleicht auch an die 1.000) Leute vor Ort. „An Feiertagen kommen Kölner scharenweise, Pfingsten waren es sogar Tausende“, so DER SPIEGEL.

    Selbst SPD-Chef Willy Brandt (1913-1992) schaltet sich höchstpersönlich ein: Es müsse doch möglich sein, einen solchen Konflikt „auf andere Weise als durch die Polizei zu lösen“. Verhandlungen zwischen Stadt und Besetzer*innen kommen tatsächlich zu einem gemeinsamen Ergebnis – bevor die Lage eskaliert. Folgende Vereinbarungen werden getroffen:

Räumung des Geländes bis 16:00 Uhr desselben Tages
Weitere Planung unter Beteiligung von Bevölkerung und Fachöffentlichkeit
Zwischennutzung des Areals durch ein Kulturzentrum
Fertigstellung der Bisa-Musterwohnung
Wohnraum für wohnungslose Jugendliche unter den Besetzer*innen
Verzicht von Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch und Verzicht auf zivilrechtliche Ansprüche gegen die Besetzer*innen mit Ausnahme schwerer vorsätzlicher Zerstörungen


    Damit endet die Stollwerckbesetzung, eine der größten Besetzungsaktionen in Deutschland, von heute auf morgen. Die freiwillige Räumung des Geländes am 6. Juli 1980 nach 49 Tagen ist beschlossene Sache – und wird auch in die Tat umgesetzt.

    Vor dem Gelände jedoch (und später in der Innenstadt) prallen mehrere hundert Polizist*innen und einige der rund 100 Stollwercker*innen, die bis zum Schluss ausgeharrt hatten, aufeinander. Zum Unmut trägt wohl auch das Großaufgebot der Polizei und das sofortige Anrücken der Abrisskolonne bei. Manch eine*r wird vielleicht auch mit der Übereinkunft oder einfach nur mit dem Ende des Abenteuers hadern.

    Der Traum ist aus, die Legende beginnt

    18 Monate später wird auch der Trakt, auf dem die Bürgerinitiative Bisa ihre Musterwohnung errichtet hatte, in die Luft gesprengt. 1987 fallen die letzten Mauern. Heute erinnert kaum noch etwas an die Schokoladenfabrik Stollwerck. Der zentrale Gedenkort, ein paar Schwungräder eines Kompressors aus der ehemaligen Kühlanlage, ist ein ziemlich trostloser Ort. Ich musste mir meine Erinnerungsfotos regelrecht schönpuzzeln (s. Wochenfoto).

    Doch in diesem kurzen Zeitfenster zwischen Ende 1981 und dem unvermeidbaren Abriss 1987 macht Galerist und Aktionskünstler Ingo Kümmel (1937-90) aus der ehemaligen Schokoladenfabrik die legendäre Kulturfabrik Stollwerck. Er organisiert Veranstaltungen aller Couleur, Theater, Literatur, Kunst und Konzert, unter anderem mit Al Hansen (1927-95), Sigmar Polke (1941-2010), Nico (1938-88) und den Einstürzenden Neubauten (*1980).

    Mehr dazu in der nächsten Woche...

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  • Von was für einer Fahne ist nur der Schatten zu sehen?
  • KW 28: *Parade*–*Beispiel*

    40°44'1.6836'' (N), -74°0'7.7328'' (E) sind die Koordinaten der *Community*. Hier nahm alles seinen Lauf. Vor 50 Jahren, im Stonewall Inn, Greenwich Village, Manhattan, New York. In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 fand in eben jener Bar eine Razzia der Polizei statt.

    Zu jener Zeit gab es regelmäßig Razzien in Kneipen mit *trans*, *bi* und *homo*sexuellem Publikum. Besonders betroffen von Willkür und Schikane waren Afroamerikaner*innen und Menschen mit lateinamerikanischer Herkunft.

    Doch an diesem Abend wehrten sich die Besucher*innen des Stonewall Inn gegen die Kontrolle und die drohende Verhaftung durch die Polizei. Dies war der Ausschlag für tagelange Straßenschlachten.

    Zum 1. Jahrestag des Stonewall-Aufstands wurde das Christopher Street Liberation Day Committee gegründet, das seitdem den New York City Pride veranstaltet. 10 Jahre nach Stonewall, nahm mensch auch in Deutschland allen *Mut* und *Pride* zusammen und griff die *Bewegung* auf. Berlin, Bremen und Köln waren 1979 die Vorreiter.

    Die Location, wo am 30. Juni 1979 der erste Kölner Pride lief, offenbart, dass der CSD noch weit entfernt war vom heutigen Spektakel, aber auch von der errungenen *Akzeptanz*. Das seinerzeit „Gay *Freedom* Day“ genannte Event fand ab 20 Uhr auf dem „verruchten“ Stollwerck-Gelände statt. Es gab Filme, Konzerte, ein Info-Cafe und eine After-Hour-Disco.

    Die Schokoladenfabrik Stollwerck, ein Areal von rund 55.000 Quadratmetern in der Kölner Südstadt, stand seit Dezember 1975 still. Zeitweise wurden Teile des Geländes als Quartier an den Circus Roncalli vermietet. Ein Saal wurde temporär als Spielstätte vom Kölner Schauspiel und für Konzerte genutzt. Künstler*innen aus dem Veedel betrieben hier das „Autonome Kulturzentrum Stollwerck“.

    In seinen Anfängen war der CSD noch eine Nische in der alternativen *Szene*. Weit entfernt von Mainstream und Mitte der *Gesellschaft*. Doch der *Zuspruch* nahm von Jahr zu Jahr zu. 2002 hatte der CSD in Köln mit rund 1,2 Millionen Beteiligten (Teilnehmende und Zuschauende) zum ersten Mal mehr Beteiligte als der Rosenmontagszug. Damit war er (laut Wikipedia) der größte CSD, der europaweit jemals auf die Beine gestellt wurde.

    Vergangenen Sonntag, dem 7. Juli 2019 gab's nun die 40. Auflage des Cologne Pride, mitten in der Kölner City. Um 12 Uhr startete vom anderen Rheinufer aus die *Demo**Parade* unter dem Motto „Viele. Gemeinsam. Stark!“ mit fast 150 Wagen und Fußgruppen über die Deutzer Brücke mitten rein ins Geschehen, einem Straßenfest mit drei Bühnen und Acts wie Haddaway („What Is *Love*“), Ex-Spice-Girl Melanie C., „Mrs. Vain“ und (O-Ton Veranstalter*innen: „fast schon Host des ColognePride“) Conchita Wurst. Das Rahmenprogramm mit einer *Vielzahl* und *Vielfalt* an Veranstaltungen war bereits am 22.6. gestartet.

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    Wer nochmal auf das Foto schaut, entdeckt über der *Regenbogen*-Fahne den Schatten einer weiteren Fahne. Was für eine könnte das wohl sein? Ein Klick aufs Foto zeigt die *Lösung*.

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    Das legendäre Stonewall Inn ist auch heute noch geöffnet,
    und zwar täglich von 12 Uhr mittags bis 4 Uhr morgens.
    Adresse: 53 Christopher St, New York, NY 10014, USA.
    Motto: Where pride began, where pride lives. Live the story.

    Und noch ein 40-Jähriges:
    Die Kölsch-Rock-Band BAP stellte ebenfalls im Stollwerck, fünf Monate nach der Premiere des CSD, ihre erste Platte vor (am 28.11.1979. Titel des Albums: „Wolfgang Niedecken’s BAP rockt andere kölsche Leeder“. Mit ihrem „Stollwerckleed“ schrieben sie (im Nachklang, zum Abgesang) die inoffizielle Hymne der Stollwerckbesetzung. Dat Leed ist auf ihrem 2. Album „affjetaut“ (Kölsch für „abgetaut“) von 1980 enthalten. Das Album erklomm Platz 11 der deutschen Albumcharts.

    Und noch ein Jubiläum:
    Eine meiner drei Schwestern
    hatte am Tag des 40. Kölner CSD,
    also dem 7.7.19, Geburtstag.
    Sie ist 50 Jahre alt geworden.
    Herzlichen Glückwunsch!


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    Bei Wikipedia und auch beim Colognepride ist zu lesen, dass der 1. Kölner CSD im „besetzten“ Stollwerck stattfand. Das sah ich bei meiner Recherche nicht bestätigt. Die 49-tägige Besetzung fand im Frühjahr 1980 statt. Im CSD-Premierenjahr 1979 gab der Standort zwar Anlass zu Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Bürger*innen, die Lage spitzte sich aber erst zu, als im Mai 1980 der Abriss drohte. Näheres dazu in der nächsten Woche...

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  • Torwächter
  • KW 27: Himmel, Gesäß und Zensur

    Wie ich erst jetzt von meinem Korrespondenten aus dem „Reich der Mitte“ erfahren habe, sind die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Niederschlagung der Tiananmen-Proteste kurzfristig abgesagt worden. Man wolle nicht allzu viel Staub aufwirbeln, heißt aus Kreisen des Politbüros, und habe sich daher entschlossen, die Ereignisse stillschweigend zu übergehen. Im Übrigen habe man sich damals korrekt verhalten, stellte Chinas Verteidigungsminister ein für alle Mal klar.

    Tatsächlich ist diese Entscheidung bereits vor 30 Jahren gefallen. Seitdem hüllt sich die chinesische Regierung nicht nur in Schweigen, sie verbittet sich auch jegliche Berichterstattung, Diskussion und jedwedes Gedenken. Das Thema existiert in China einfach nicht. Egal ob in TV, Radio, Presse oder Social Media: Jeder Inhalt, der die Tiananmen-Protesten betrifft, wird blockiert. Selbst über die Zehntausenden, die am 4. Juni 2019 in der autonomen Sonderverwaltungszone Hongkong zusammenkamen, so wie jedes Jahr, um an die Ereignisse zu erinnern und der Opfer zu gedenken, wurde im restlichen China nicht berichtet (und genauso wenig wird vermutlich über die in der Stadt seit Wochen anhaltenden Proteste über die „offiziellen“ Kanäle durchsickern).

    Damals, in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 war das chinesische Militär auf den Tiananmen-Platz im Zentrum Pekings vorgedrungen. Dort hatten seit Wochen zehntausende Menschen, mehrheitlich Studierende, gegen die Allmacht der Kommunistischen Partei protestiert. Zeitweilig sollen mehr als eine Million Menschen auf dem Platz versammelt gewesen sein. Anfang Juni '89 war die Zahl der Protestierenden jedoch auf ein paar Tausend geschrumpft, die mit einem Hungerstreik ihren Positionen Nachdruck verleihen wollten.

    Auch wenn häufig vom Tiananmen-Massaker gesprochen wird, kam es bei der Räumung des Tiananmen-Platzes [dt. Platz (am Tor) des Himmlischen Friedens] selbst zu keinen Toten. In anderen Teilen der Stadt hingegen schon. Die Proteste wurden gewaltsam niedergeschlagen (und die Reformbewegung damit quasi für Jahrzehnte mundtot gemacht). Die Angaben zu den Opferzahlen schwanken von einigen Hundert bis zu mehreren Tausend. Und die Niederschlagung der Proteste war noch lange nicht das Ende der Repressionen. Eine Vielzahl von Personen wurde verhaftet, zu langen Freiheitsstrafen oder zum Tode verurteilt.

    Das Schicksal vieler wird vermutlich für immer ungeklärt bleiben. So zum Beispiel das des Tank Man, dessen Foto um die Welt ging – und bis heute als ikonisches Portrait für zivilen Ungehorsam gegen die Übermacht des Militärs steht. Ein einzelner Mann, bewaffnet einzig mit ein paar Plastiktüten, stellt sich einer Reihe von Panzern in den Weg. Ein Gänsehaut-Moment, kaum zu übertreffen – weder an Symbolkraft, noch an persönlichem Mut.

    Gänsehaut ganz anderer Art bekam ich vor ein paar Jahren beim Lesen eines Spiegel-Artikels über den zunehmenden Einfluss Chinas. Dort war unter anderem zu lesen, dass die Rechte an besagtem Foto von einer chinesischen Bildagentur aufgekauft worden seien. Was, wenn nicht nur der Tank Man selbst, sondern auch dieses geschichtsträchtige fotografische Zeitzeugnis von ihm für immer von der Bildfläche verschwinden würde?

    Die Sorge scheint unbegründet. Zum einen hat nicht nur ein Fotograf die Szene festgehalten, sondern gleich mehrere. Zum zweiten ist das Foto so oft abgebildet worden und hat sich so sehr ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass es wohl niemals ganz getilgt werden könnte. Zum dritten bleiben die Urheberrechte in der Regel weiterhin beim Fotografen. Und dann gibt es ja auch noch die Videoaufnahmen von CNN.

    Doch die Sorge hinsichtlich der Ausweitung und Perfektionierung der Zensur
    , die vielerorts, nicht nur in China, um sich greift, ist so akut wie schon lange nicht mehr.

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    Die Animation im Wochenfoto verwendet zwei Motive unbekannter Urheberschaft. Das eine stammt vom China Light Festival im Kölner Zoo, das andere von einem Stromkasten an der Bahnhaltestelle Venloer Str. / Gürtel ebenfalls in Köln. Wenn die Animation nicht mehr läuft, einfach aufs Bild klicken.

    Der obige Link verweist nicht auf CNN selbst. Bei dem derzeit von CNN bereitgestellten Filmmaterial fehlt leider die vieldeutige Sequenz, in der der Tank Man von wem auch immer weggezerrt wird.

    Bill Gates hat Anfang 2016 das immense Bildarchiv seiner Agentur Corbis Images (mit rund 100 Millionen Bildern und 800.000 Videos) an die Visual China Group (VCG) verkauft. Darin befinden sich nicht nur Fotos vom Tank Man, sondern auch viele andere ikonische Aufnahmen, wie etwa Albert Einsteins Zunge. Seit dem Deal werden die Bilder im Auftrag der VCG außerhalb Chinas pikanterweise von Corbis einstigem Erz-Konkurrenten Getty Images lizenziert.

    Am 1. Tag dieser 27. Kalenderwoche eskalierten die Proteste in Hongkong. Es war Montag, der 1.7.19, der 22. Jahrestag der Übergabe der früheren britischen Kronkolonie an China. Demonstrierende stürmten und besetzten das Parlament. In der Nacht zu Dienstag begannen hunderte Polizisten mit der Räumung. Schlagstöcke, Tränengas und Gummigeschosse kamen zum Einsatz.

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  • Baumelmeister
  • KW 26: Seelenbaumel

    Vielleicht sollte ich heute mal die Seele baumeln lassen. Mir ist danach. Und wenn ihr mögt, tut es mir gleich. Fahrt euren Computer herunter, schaltet euer Handy aus, legt die Beine hoch und heißt den Sommer willkommen!

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    Die Redewendung die Seele baumeln lassen hat mir übrigens nie ganz behagt.

    Es mag daran liegen, dass bei mir beim Wort baumeln eher der Galgen als die Zerstreuung mitschwingt. Oder dass ich, um zu entspannen, nicht nur die Seele, sondern alles andere auch in einen Baumelzustand bringen möchte. Vielleicht auch einfach nur, weil die Redewendung mir zu abgedroschen ist.

    Ich bin der Sache jedenfalls mal auf den Grund gegangen. Nicht der Seele, sondern der Wendung. So wie es scheint, geht die Formulierung auf Kurt Tucholsky1 (1890-1935) zurück. In seiner Erzählung Schloss Gripsholm (1931) schreibt er:

    »Wir lagen auf der Wiese
    und baumelten mit der Seele.«
    2

    Zuvor war dieser Ausdruck (vermutlich) nicht geläufig.3 Was auffällt, ist der Wandel von Tucholskys Schöpfung zu der heute gebräuchlichen Form: Während wir ursprünglich noch mit der Seele baumelten, müssen wir sie heutzutage baumeln lassen. Aus dem gemeinsamen Baumeln wird eine Aktion, bei der das Ziel nicht mehr zwangsläufig der Gleichklang von Seele und Subjekt sein muss. Das Subjekt wird sozusagen zum Befehlshaber der Seele – was ganz schön vermessen ist, ganz egal, welche religiösen, philosophischen oder psychologischen Annahmen wir dem Konzept zugrunde legen.

    Wie dem auch sei,
    belass ich`s dabei.
    Stattdessen leg ich mich auf eine Wiese
    und dreh mich mit der Erde.


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    Ein  Fun Fact zum Schluss: Abgesehen davon, dass Katzen Baumelmeister sind, daher der Cat Content beim Foto, werden Katzen im deutschsprachigen Raum sieben, im englischsprachigen neun Leben zugeschrieben.

    1 Mehr über Tucholsky findet sich in meinem Beitrag in KW13/2016.

    2 Der komplette Passus lautet: »Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. Der Himmel war weiß gefleckt; wenn man von der Sonne recht schön angebraten war, kam eine Wolke, ein leichter Wind lief daher, und es wurde ein wenig kühl. Ein Hund trottete über das Gras, dahinten. ›Was ist das für einer?‹ fragte ich. – ›Das ist ein Bulldackel‹, sagte die Prinzessin. Und dann ließen wir wieder den Wind über uns hingehen und sagten gar nichts. Das ist schön, mit jemand schweigen zu können.«

    3 Axel Hacke (*1956) weist in einer Kolumne in der Süddeutschen darauf hin, dass Tucholsky schon fünf Jahre vor Schloss Gripsholm die Wendung in einem Beitrag für die Weltbühne verwendete: »Die Frauen schlapfen daher. Alles baumelt an ihnen, auch die Seele.
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  • Meisterwald
  • KW 25: Waldesruh

    Wir leben
    und sterben –
    an jedem Tag
    ein bißchen mehr.

    VF, 12.2.1991


    Vielleicht lag es am Genre, dass mich zwei Charaktere aus zwei kürzlich geschauten Serien an zwei mir wichtige Menschen aus meiner Grundschulzeit erinnerten.

    Vermutlich sogar, ist es doch der Reiz von Coming-of-Age-Geschichten, sich zurückzuversetzen (zumindest, wenn mensch aus dem Heranwachsen schon seit Urzeiten herausgewachsen ist).

    Doch eine gewisse Ähnlichkeit der Personen ist in meinen Augen unbestreitbar.

    Es war mir jedenfalls Anlass genug, die Stalkmaschine meines Vertrauens anzukurbeln. Und siehe da, sie ließen sich finden – was ja längst nicht für alle in der Prä-Internet-Zeit Geborenen gilt. Doch ich wünschte, ich hätte die Vergangenheit ruhen lassen.

    Meine erste Liebe arbeitet heute als Theaterregisseurin, scheint ein erfülltes Leben zu leben und sieht so bezaubernd aus wie eh und je. Das freut mich sehr. So weit, so gut.

    Doch mein Kumpel aus Grundschulzeiten ist vor einem halben Jahr gestorben. Ich konnte (und wollte) es erst gar nicht glauben. Aber es besteht kein Zweifel.

    Es ist bereits der zweite Freund von damals, der das Zeitliche segnet. HD starb vor zwei Jahren, FM Ende 2018. Ich hätte sie gern nochmal getroffen. Das muss nun warten.

    Warten muss auch meine eigentlich angedachte Hommage an den Meister des Waldes, der dem Efeu den Rang abgelaufen hat (vgl. KW 24). Danach steht mir momentan nicht der Sinn. Ein Foto muss diesmal reichen.

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  • Melatenschnecke
  • KW 24: Tentakel von Melaten

    Einen Garten zu pflanzen bedeutet,
    an Morgen zu glauben.

    Audrey Hepburn (1929-1993)

    Einst war der Efeu mir die liebste Pflanze. Ich mochte seine Deckkraft, seine Beständigkeit und seine Unbeirrbarkeit. Dann lernte ich seine Wurzeln kennen. Das ließ mich meine Meinung revidieren.

    Im letzten Jahr habe ich meinen Bürolier-Garten zurückerobert. Über die Jahre war er in einen Dornröschenschlaf gefallen. Brombeer, Feuerdorn und Efeu hatten sich freudig ausgebreitet.

    Stück für Stück habe ich den Garten vom Dickicht befreit. Dies war aufwändiger als ich zunächst dachte. Auch, weil ich schon nach wenigen Zentimetern auf eine dicke Schicht Bauschutt stieß. Efeu und Brombeer hatten die gesamte Fläche zudem mit dichtem Wurzelwerk durchsetzt. Unter einem feinen Wurzelnetz fanden sich fingerdicke, meterlange Wurzeln.

    Da der Garten nur 150 Meter Luftlinie vom Melatenfriedhof entfernt ist, lag eine Vermutung nahe: Der Efeu hat sich von dort seinen Weg gebahnt. Denn gepflanzt hatte ich ihn nicht. Melaten hatte seine Fühler ausgestreckt, seine Tentakel ausgeworfen.

    So habe ich 2018 viele Stunden im Garten verbracht. Mehr als 250 werden es gewesen sein. Die meiste Zeit habe ich mit Schutt und Wurzeln gekämpft. Mit jedem befreiten Zentimeter wurde mir ein wenig leichter ums Herz. Schon plante ich meine nächste Ausstellung: im Garten der Kunst.

    Doch soweit bin ich noch nicht gekommen. Ab September 2018 standen andere Herausforderungen an. Dann kam der Winter. Inzwischen bin ich wieder häufiger im Garten anzutreffen. Jetzt, wo die Amseln mit ihrer alljährlichen Brut durch sind, kann ich den Kampf wiederaufnehmen. Und ich werde gewinnen.

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    Mehr über den Melaten findet sich in meinem Beitrag „Haupt- statt Doubtwort“ in KW 33/18.

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  • Ein Fass aufmachen
  • KW 23: Reglæment

    Es brodelt in Deutschland. Zehntausende gehen für Freiheit, Demokratie und nationale Einheit auf die Straße. In Berlin kommt es zu Straßenkämpfen: Sicherheitskräfte gegen Aufständische aller Klassen. Rund 200 Menschen sterben.

    Wir schreiben das Jahr 1848. Die Stimmung ist aufgepeitscht. Die breite Masse will die Macht von König und Adel brechen. Die Revolutionäre werden durch Presse, Plakate und Pamphlete angestachelt. Ganz Berlin ist plakatiert, jeder Pfosten, jeder Baum.

    Der Obrigkeit ist diese Stimmungsmache ein Dorn im Auge. Sie will dem ein Ende bereiten. Da kommt ihr ein Vorschlag des Druckers Ernst Litfaß zupass. Es wäre doch „beruhigender“, schreibt er im April 1848 an die Berliner Polizei, wenn Plakate und Aushänge ihrem billigenden Blick unterworfen wären. Was er im Sinn hat: Endlich die Idee seiner Annoncier-Säulen verwirklichen.

    Bis es soweit kommt, vergehen noch einige Jahre. Da ist von der sogenannten März-Revolution nicht mehr viel übrig. Zensur und Repression sind längst wieder die Regel. Dennoch sind die Säulen eine willkommene Einrichtung, plakatierte Kritik im Keim zu ersticken. Plakate werden nur noch auf den Säulen geduldet. Damit kann ihr Inhalt sehr viel besser kontrolliert und zensiert werden.


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    Über den Säulenunheiligen Ernst Litfaß (1816-1874) habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet (vgl. KW 7+8/2016). Mir kam die Geschichte wieder in den Sinn, als sich CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK, *1962) die Tage um Kopf und Kragen redete. Manch eine*r witterte schon einen Angriff auf die Meinungsfreiheit.

    YouTuber Rezo (*1992) hatte mit seinem knapp einstündigen Video „Die Zerstörung der CDU zu einem heftigen Schlag gegen die sogenannten Volksparteien ausgeholt. Insbesondere die CDU bekam ihr Fett weg. Das Video haben immerhin über 14 Millionen Menschen gesehen; die meisten davon pikanterweise vor der Europawahl.

    Angesichts des schlechten Abschneidens ihrer Partei bei eben dieser Wahl holte AKK dann zum Gegenschlag aus. Nun ja, nicht wirklich. Es waren ein paar Sätze am Rande einer Pressekonferenz, die eigentlich schon gelaufen war. Sie schwafelte etwas über Regeln der analogen Welt, die auch in der digitalen Welt gelten müssten, über Meinungsmache im Netz, später dann noch über Regeln in Zeiten des Wahlkampfs. Diese unbedachten Worte haben dann innerhalb kürzester Zeit eine Welle der Empörung ausgelöst.

    Zu Recht, wie ich finde. Rezo ist weder Troll, noch Populist. Er ist das, was heutzutage Influencer genannt wird. Seine beiden YouTube-Kanäle kommen zusammen auf über 2,5 Millionen Abonnent*innen. Und, ei der Daus, er macht nicht nur in Challenges, Fun Content und Product Placement, sondern er macht sich auch Gedanken und geht gesellschaftlich relevanten Fragen nach (zum Beispiel, wie die Bemühungen der Bundesregierung in Sachen Klimaschutz zu bewerten sind).

    Und, jetzt haltet euch fest: Seine Erkenntnisse spricht er dann auch noch öffentlich aus. Und das im Internet. Und in Zeiten des Wahlkampfs. Seit wann gilt im Wahlkampf denn das Recht auf freie Meinungsäußerung? Zugegeben, bei besagtem Video geht es ganz schön polemisch zu. Aber immerhin handelt es sich um faktenbasierte Polemik. Seine zugrundeliegenden Quellen nennt er.

    AKK hat sich mit ihrer verfehlten Krisen-PR jedenfalls selbst abgewählt. (Vielleicht sind ihre Berater*innen heimliche Merz-Fans?) Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie es noch zur Kanzlerkandidatur schafft. Dagegen spricht auch die „Stimme des Volkes“. Laut einer nach der Europawahl durchgeführten Forsa-Umfrage halten 70 Prozent der Befragten die CDU-Chefin nicht für fähig, die Nachfolge von Bundeskanzlerin Angela Merkel anzutreten.

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    Die klassische Litfaßsäule verschwindet zunehmend aus dem öffentlichen Raum. Eine 2015 gestartete Aktion der KHM, der Kunsthochschule für Medien Köln, lässt sie noch einmal hochleben. Kunst an Kölner Litfaßsäulen ist nun bis 2029 verlängert worden. 25 im Stadtgebiet verteilte Säulen sollen bis dahin regelmäßig, mit einem Motivwechsel alle zwei bis drei Monate bespielt werden.

    Das Wochenfoto zeigt eine Arbeit aus dieser Reihe. Sie stammt von Johanna Reich (*1977) und ist mit „Heroines (Kay with Marilyn), 2014/2015“ betitelt. Leider ist das Werk auf gezeigter Säule nicht mehr zu bewundern. Es war eine jener Säulen, die aus dem Stadtbild verschwinden mussten.

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  • Perpetuum mobile
  • KW 22: ANNΩ WOZUMAL

    Das Rad dreht sich. Weiter und weiter.
    Unaufhörlich. Wie von selbst. Und so wie jedes Jahr spuckt auch dieses eine Reihe von Jubiläen aus, derer wir gedenken.

    Weil sie rund sind respektive weil wir dezimal verdengelt sind. Und wir den Fluss der Zeit von Zeit zu Zeit nur allzu gerne an- und aufhalten möchten. Und meinen, Erinnerung sei vermehrte Freude und wirksame Mahnung.

    Was steht also an anno 2019, und uns bevor (zum Teil auch schon dahinter, weil der Stichtag schon verstrichen ist)?

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    Allgemeine Jubiläen in 2019
    20 Jahre Ende des Kosovokriegs
    20 Jahre Ziviler Friedensdienst
    25 Jahre Ende der Apartheid
    30 Jahre Mauerfall
    30 Jahre Tiananmen-Massaker
    50 Jahre Mondlandung
    50 Jahre Gay Pride
    60 Jahre UN-Kinderrechte
    70 Jahre Grundgesetz
    80 Jahre Beginn des 2. Weltkriegs
    100 Jahre Friedensvertrag von Versailles
    100 Jahre Frauenwahlrecht in D
    100 Jahre Bauhaus
    230 Jahre Beginn der Französischen Revolution

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    Meine Jubiläen in 2019
    1 Jahr MIKADO-Aus nach 15 Jahren
    10 Jahre Ateliero/Bürolier in Köln
    20 Jahre 1. Ausstellung
    30 Jahre kontinuierliches Schreiben

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    Bei dem „Wochenfoto“ handelt es sich um die Transformation eines Flyer-Entwurfs zur MIKADO-Ausstellung „Transform“ im Kurfürstlichen Gärtnerhaus (Bonn) im April 2018 in Form einer Animation.

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  • Gib mir ein E, gib mir ein U
  • KW 21: Wahlweise? – Wähl weise!

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    Wir unterbrechen das Wochenfoto
    für eine wichtige Wahlwerbung:

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    Vom 23. bis 26. Mai 2019 findet in den 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union die Europawahl statt.

    Sie ist die neunte Direktwahl zum Europäischen Parlament. Gewählt werden 751 Abgeordnete.*

    In den meisten Ländern erfolgt die Wahl am Sonntag, den 26.5. Wahlberechtigt sind rund 400 Millionen Menschen.

    Wenn du eine*r von ihnen bist, nutze deine Stimme und mach' dein Kreuz.

    Wähle mit Herz und Verstand.

    Ganz gleich, für wen du dich entscheidst, wähle (für) Europa.

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    *Sofern der Brexit eines Tages vollzogen wird, reduziert sich die Zahl der Sitze auf 705.

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  • Viereckige Augen
  • KW 20: Couch Potato vs. Paper Tiger

    Und ich dachte, ich hätte in der letzten Zeit viel ferngesehen (vgl. KW 19).
    Dabei liege ich noch immer weit unter dem deutschen Durchschnitt von 3:37 Stunden pro Tag.

    Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich diese Zahl lese. Mehr als dreieinhalb Stunden. Pro Tag. Vor der Glotze. Unfassbar. Dieses Pensum könnte ich keine drei Monate durchhalten. Viel zu viel Untätigkeit, Stillstand, passiver Konsum.

    Wenn ich meinen TV-Konsum schon über längere Zeit hochschraube, so wie in den letzten Monaten, dann muss ich währenddessen irgendetwas machen: Schnipsel sortieren, zeichnen oder wenigstens Zeitungen verwerten.

    So kommt es, dass ich im laufenden Jahr bereits über 600 Zeitungen und Bücher zerlegt habe. Für mich als Collagisten sind sie nach wie vor der größte Materialfundus. Mit Abstand die häufigste Zeitung, die ich zerschnipselt habe, ist Der Spiegel. Seit über 25 Jahren bekomme ich ihn Woche für Woche aus dritter Hand in die Finger. Ich lese, was mich interessiert, schneide aus, was ich brauchen könnte, der Rest kommt ins Altpapier.

    Von den schätzungsweise 5.000 Zeitungen, Zeitschriften, Katalogen und Büchern, die ich im Laufe von drei Jahrzehnten zerrupft habe, waren also rund 1.200 Spiegel. Welche Entwicklung hätten meine Collagen und ich genommen, wenn es stattdessen Das neue Blatt gewesen wäre?

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  • Teevee-Art
  • KW 19: Stream as loud you can
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    Serien, die ich in letzter Zeit
    gesehen habe:
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    Babylon Berlin (1+2) +++
    Beat (1) ++
    Der Lack ist ab (1-5) ++
    Der Tatortreiniger (1-7) ++
    Deutschland 83 (1+2) +++
    Deutschland 86 (1+2) +
    Goliath (1+2) ++
    Gortimer Gibbon (1-3) ++
    Hanna (1) +++
    Homecoming (1) ++
    Lost (1-6) +++
    Lucifer (1-3) +
    Merz gegen Merz (1) ++
    Mr. Robot (1-3) +++
    Pastewka (9) +
    Startup (1-3) +++
    Taboo (1) ++
    The Expanse (1-3) +++
    The Man in the High Castle (1-3) ++
    The Marvelous Mrs Maisel (1+2) +++

    [in Klammern: gesehene Staffeln, Pluszeichen:
    Wertung von + = OK bis +++ = sehenswert]

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    Anzahl der Zeitungen, die ich währenddessen zerrupft habe:
    400
      (Stand: 5.5.19)*

    Anzahl der Zeichnungen, die währenddessen entstanden sind:
    020
      (Stand: 5.5.19)

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    Serien, von denen ich mir
    weitere Staffeln anschauen würde:
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    Babylon Berlin
    Der Lack ist ab
    Der Tatortreiniger
    Goliath
    Gortimer Gibbon
    Hanna
    Lost
    Mr. Robot
    Startup
    The Expanse
    The Marvelous Mrs Maisel
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    * Der Unterschied zur in KW 18/19 genannten Zahl ergibt sich daraus, dass ich nicht nur beim Serienschauen Zeitungen und Bücher zerarbeitet habe.

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  • Boom
  • KW 18: Big Bang Sensation

    Es gibt sie ja, die berühmten ersten Male. Sensorische Feuerwerke, die sich in die Erinnerung eingravieren.

    Magische Momente, die auf immer und ewig unvergesslich bleiben. Der erste Kuss, der erste Samenerguss. Das erste Mal Kino, das erste Konzert ...

    Mein Opa erzählte gern, wie er in den 60ern im VierJahreszeiten in Hamburg an der Alster zum ersten Mal in seinem Leben Kiwis.

    Köstlich ist auch die erste Pizza meines Vaters anno 1981. Der erste Familienurlaub in Italien. Sie hat ihm nicht gemundet. Der Urlaub schon.

    Von gustatorischer Warte aus könnte ich meine erste Erdnusssoße bei Tant’ Nelly in Amsterdam beisteuern. Meine Mutter war davon überzeugt, dass es den Kindern wohl oder übel nicht schmecken werde. Doch ich fand's großartig. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Heute jedoch berichte ich von meinem ersten Seriengenuss. Oft genug wird ja kolportiert und proklamiert: Serien seien das neue Kino. Oder: die besseren Filme. Oder: die neuen Romane. Bislang kannte ich all die Serien neueren Datums nur vom Hörensagen, Game of Thrones, House of Cards, Breaking Bad, The Big Bang Theory und wie sie alle heißen. Bislang hatte ich mich da nicht ’rangewagt. So viele Stunden vorm Fernseher oder Monitor sitzen, wer hat denn dafür Zeit?

    Doch vor kurzem war es dann soweit: Lost war meine erste Serie. Sechs Staffeln mit insgesamt 121 Folgen. Im Original. Erst musste ich mich ein wenig einhören. Irgendwann konnte ich dazu übergehen, nebenbei Zeitungen zu zerschnipseln oder zu zeichnen. Zumindest in dieser Hinsicht haben sich all die Serien, die ich im Anschluss geschaut habe, gelohnt. Seit Lost habe ich in vier Monaten 588 Zeitungen und Bücher zerarbeitet (Stand: 25.4.19). Außerdem entstand im Laufe der Staffeln die Collagen-Serie Lost in Lasting. 33 Malpapiercollagen im Format von je ca. 29,7 x 21 cm (Wasserfarbbilder auf Papier von 2017+18 mit Acrylmalerei auf Homers „Odyssee“ von 2014+19).

    Als ich kurz nach dem großen Finale von Lost die erste Folge noch einmal sah, diesmal auf Deutsch, hörten sich die Synchronstimmen in meinen Ohren total falsch an. Aber das ist doch nicht John Lock !!! [Schauspieler Terry O’Quinn (*1952) übrigens in der Rolle seines Lebens.] Und Sawyer, Hugo, Kate, Jack und all die anderen: alle falsch, falsch, falsch !!! Wie lange wird es wohl dauern, bis ich Lost unbedacht und unbeschadet erstmals in deutscher Synchronfassung sehen kann?

    Dieser Moment, die sich anschließenden Gedanken über Sprache und Identität wie auch die in und aus zeitlich-medialem Patchwork entstandenen Collagen Lost in Lasting waren bedeutsamer als Lost selbst.

    Auch, wenn die Serie ohne Frage sehr gut gemacht ist. Nicht ohne Grund war ich sozusagen Lost in Lost – und kann nun durchaus nachvollziehen, welcher Reiz darin liegt, sich dem Serienfieber zu ergeben.

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  • Kunstsalat
  • KW 17: #Who Too

    Anna Nym sagt:
    Kunstgeschichte = Pornografigeschichte

    Anna Nym meint:
    Jedes Kunstwerk = kastrierte Kreativität

    Anna Nym glaubt:
    Kunstvermittlung = Systemerhalt

    Anna Nym weiß:
    Kunstmarkt = der Wurmfortsatz
    des Patriarchats


    Anna Nym macht keine Kunst,
    Anna Nym ist Kunst.
    Doch Anna Nym ist nicht,
    Anna Nym bleibt.

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    KUNSTAKUT PROUDLY PRESENTS:
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    Anna Nyms Altherrenwichse,
    eine Papiercollage im Format 30 x 30 Zentimetern aus dem Jahr 2014, bestehend aus 500 Kunstwerk-Schnipseln von – meist in erotisierter Pose – portraitierten Frauen aus Werken von rund 180 männlichen Künstlern, die zu einem Preis von 666,- Euro veräußert wird [wobei die Hälfte des Reinerlöses dem Bonner Frauenmuseum zukommt].
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    Die Tate Britain in London setzt ein Zeichen gegen die Unterrepräsentanz von Frauen in der Kunst: Ab dem 22.4.19 wird die Geschichte der britischen Kunst von den 1960ern bis heute ausschließlich mit Werken von Künstlerinnen bebildert. „6o Years“ heißt die Schau, die für ein Jahr bei freiem Eintritt zu sehen sein soll. Vertreten sind unter anderem Tracey Emin (*1963), Mona Hatoum (*1952), Bridget Riley (*1931), Rachel Whiteread (*1963) und Lynette Yiadom-Boakye (*1977).
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  • Aus die Maus
  • KW 16: Hit Him

    „Es war der verzweifelte Versuch, diesen Kerl loszuwerden“, antwortete Armin Mueller-Stahl (*1930) auf die Frage, warum er den Film „Gespräch mit dem Biest“ (1996) gemacht habe. Der Film geht von der Idee aus, dass Adolf Hitler (1889-1945) noch lebt. In seinem Bunker-Versteck wird der inzwischen 103-Jährige von einem jüdischen Historiker interviewt.

    Armin Mueller-Stahl schrieb das Drehbuch, übernahm die Regie und schlüpfte selbst in die Rolle des Biests. „Dieses Drehbuch war der Versuch, Hitler im Nachhinein zu bestrafen. Und ich dachte, das Beste wäre, ihn als ein Nichts darzustellen“, ergänzte er in einem SPIEGEL-Interview 2005. Und ist er ihn losgeworden? „Natürlich nicht.“

    Es ist schlicht und ergreifend nicht möglich, das Biest loszuwerden. Es verfolgt uns wie ein Schatten – und manchmal, wenn wir uns im Spiegel betrachten, grinst es uns über die Schulter hinweg hämisch an. Dabei war das Biest nichts weiter als ein Rädchen im Nazi-Getriebe. Nicht allein des Biests wegen tragen wir als deutsche Erblast Schuld und Scham in uns, sondern weil die Mehrheit der Bevölkerung Nazi-Deutschland überhaupt erst möglich gemacht hat, sei es durch aktives Tun oder passives Geschehenlassen.

    Der Wunsch, das Biest loszuwerden, meint nicht, sich der Verantwortung entziehen zu wollen, sondern das Biest in seine Schranken zu weisen. Hitler wird zu oft als das personifizierte Böse herangezogen. Dadurch wird ihm viel zu viel Aufmerksamkeit zuteil. Das ist fast so, als würde er noch immer kleine Siege feiern. Nicht als „Gröfaz“, so aber doch als „Größter Diktator aller Zeiten“. Diese Präsenz steht ihm nicht zu. Viel wichtiger als die Frage, wer Hitler war und wie er zum Superschurken wurde, ist die Auseinandersetzung mit der alltäglichen Gefahr, dem Faschismus zu erliegen. Die Idee, wir müssten uns nur oft genug an die Vergangenheit erinnern, um zu vermeiden, dass sie sich wiederholt, hat sich als unzureichend erwiesen. Mit dieser Strategie ließ sich beispielsweise nicht verhindern, dass das Ausmaß rechter Straf- und Gewalttaten in Deutschland zwischen 1991 und 2016 kontinuierlich gestiegen ist. Binnen 15 Jahren hat es sich nahezu verzehnfacht (vgl. KW 37/18).

    Wir müssen den Blick mehr auf die Gegenwart richten. Nicht das Biest hat das Böse in die Welt gebracht; das Böse steckt in jedem von uns. Und zwar nicht nur als potentielle Mitläufer, Opportunisten und Täter. Egal, für wie aufgeklärt, christlich, humanistisch oder liberal wir uns halten, wir alle laufen Gefahr, andere abzuwerten und auszugrenzen. Was da hilft? Die „Goldene Regel“ findet sich in allen Weltreligionen, in der Philosophie, in der Erklärung der Menschenrechte und ganz eingängig (wenn auch in negativer Form) im Sprichwort:
    Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.
    Und in Deutschland ist es an der Zeit, das deckelnde, nicht selten Reaktanz hervorrufende Schuldgefühl mehr und mehr durch Verantwortungsbewusstsein zu ersetzen.

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    Auch in meiner Kunst komme ich nicht am Biest vorbei: Es findet sich in den Collagen Akt (1992), moonmood (1993), Deutschlandfieber (1995-99) und Leidkultur (2001-03) sowie in den Konzepten Who can resist? (2005) und Achtzig Millionen Mal Hitler (2016), zwei bislang nicht realisierte Rauminstallationen. Zuletzt habe ich das Biest vor etwa einem Jahr in einer Collage aus der Reihe aus den fugen (in die fügung) verwendet. Sie ist noch nicht vollendet. Ich musste die Arbeit an der Serie unterbrechen. All die Bilder des Grauens waren von Woche zu Woche immer schwerer zu ertragen.

    Zeigen kann ich besagte Collage hier leider nicht in voller Gänze. In Zeiten, in denen immer verbitterter ums Urheberrecht gestritten wird, fürchte ich juristische Schritte. Vielleicht ist es auch besser so. Schrieb ich nicht letzte Woche erst: Ich mag keinen Hitler mehr sehen? In diesem Zusammenhang vergaß ich übrigens Jan Böhmermann (*1981). Tatsächlich war er es, den ich zuletzt als Hitler gesehen hatte – was ich im Sinn hatte, als ich von „parodistischem Sidekick“ sprach. Doch was erlaube ich mir zu urteilen. Der Versuch, das Biest loszuwerden, nimmt mitunter groteske Formen an. Jonathan Meese (*1970) lässt grüßen.

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  • Ver-Führer
  • KW 15: Shitler sucks

    Ich mag keinen Hitler mehr sehen. Zigtausend mal musste ich seine Fratze ertragen. Niemand sonst hat in Deutschland eine solche Medienpräsenz. Dieser Personenkult ist unerträglich.

    Ganz egal, auf welche Weise über (Nazi-) Deutschland berichtet wird, der „Gröfaz“ darf nicht fehlen. Damit wird er in seiner Bedeutung überhöht – und letztlich mystifiziert. Auch wenn es sich um eigentlich kritisch gedachte Berichterstattung handelt.

    Ich mag nicht mehr über Hitler lachen oder weinen. All diese Fotos. Immer dieselbe Fresse. Über 300 Mal in meiner Materialsammlung, Schnipsel des Grauens. Und all die Filme. Dutzende, immer mehr. Selbst als billige Lachnummer, und sei es nur als parodistischer Sidekick, ist er willkommener als jemals zuvor. Diese inflationäre Darbietung widert mich an.

    Weder Deutschland, noch Nazi-Deutschland lassen sich auf Hitler reduzieren. Im ersten Fall handelt es sich meist um harmlose Polemik. Im zweiten Fall jedoch unterliegen wir dem Fehler, zu sehr auf die Fratze zu fokussieren – und die Verantwortung für die unsäglichen Gräuel in unzulässiger Weise auf eine Person zu schieben.


    Personalien:
    Der großartige Schauspieler Bruno Ganz (1941-2019) starb am 16. Februar 2019 im Alter von 77 Jahren. Ich würde ihn gern als sympathischen Engel aus „Himmel über Berlin“ in Erinnerung behalten. Doch selbst da drängt sich der Hitler auf.
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    Gleich mehrere Schauspieler waren auf die Rolle des Hitlers festgelegt. Robert „Bobby“ Watson (1888-1965) spielte ihn in zehn Filmen, Carl Ekberg (1903-1976) und Michael Sheard (1938-2005) in jeweils fünf, Billy Frick (1911-1977) und Fritz Diez (1901-1979) in einigen (die genaue Zahl konnte ich nicht beziffern).
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    Zuletzt sah ich Wolf Muser (*1950) als Hitler in der Amazon-Serie „The Man in the High Castle“. Zwischen lauter US-amerikanischen, britischen, kanadischen und australischen Mimen ist er der einzige Schauspieler aus Deutschland.
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    Hier eine (vermutlich nicht vollständige, aber vielleicht die umfangreichste im Netz verfügbare) Liste mit Schauspielern, die in einem Film im genannten Jahr in die Rolle Adolf Hitlers schlüpften (oder eine stark an die Person angelehnte Rolle): 1935: Konparu Minamizato 1940: Charlie Chaplin 1940: Billy Russell 1941: Carl Ekberg (2 Filme) 1942: Carl Ekberg (2 Filme) 1942: Tom Dugan 1942: Robert Watson 1943: Robert Watson 1944: Robert Watson (2 Filme) 1943: Ludwig Donath 1948: Robert Watson 1949: Michail Astangow 1949: Vladimir Savelyev 1950: Vladimir Savelyev 1951: Luther Adler 1955: Albin Skoda 1955: Fritz Diez 1957: Robert Watson 1961: Robert Watson 1962: Robert Watson 1962: Richard Basehart 1966: Billy Frick 1966: Carl Ekberg 1967: Fritz Diez 1967: Dick Shawn 1969-71: Fritz Diez 1970: Sidney Miller 1970: John Cleese 1970: Narciso Ibáñez Menta 1971: Billy Frick 1973: Alec Guinness 1973: Fritz Diez 1973: Franz Trager 1974: Fritz Diez 1974: Billy Frick 1974: Peter Sellers 1975: Günther Meisner 1976: Michael Sheard 1977: Kurt Raab 1977: Billy Frick 1978: Michael Sheard 1978: Heinz Schubert 1981: Anthony Hopkins 1982: Derek Jacobi 1982: Günther Meisner 1983: Günther Meisner 1983: Mel Brooks 1985: Michael Sheard 1987: Michael Degen 1988: Steven Berkoff 1989: Michael Sheard 1989: Udo Kier 1990: Mike Gwilym 1994: Rudolph Fleischer 1996: Armin Mueller-Stahl 1999: Leonid Mozgovoy 2000: Jürgen Schornagel 2003: Robert Carlyle 2003: Simon Sullivan (als 17-Jähriger) 2003: Thomas Brodie-Sangster (als 10-Jähriger) 2003: Michael Sheard 2004: Udo Schenk 2004: Bruno Ganz 2004: Christoph Maria Herbst 2005: Ken Stott 2005: Tobias Moretti 2007: Christoph Maria Herbst 2007: Helge Schneider 2007: Michael Kessler 2008: David Bamber 2008: Mikhail Efremov 2009: Martin Wuttke 2009: Johannes Zirner 2009: Tom Schilling 2011: Jürgen Vogel 2011: Max Giermann 2012: Udo Kier 2013: Robert Meyer 2015: Oliver Masucci 2015-16: Wolf Muser
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    Foto: Paste-up von ARMX (gesehen: Lichtstraße, Köln, August 2018)

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  • Golden Age
  • KW 14: Goldene Mitte

    Ein Schreiben meiner Krankenkasse hat mich wachgerüttelt: Ich habe meine Midlife-Crisis verpasst. Ich hatte einfach zu viel um die Ohren.

    So habe ich den (statistischen) Zenit meines Lebens überschritten, ohne was daraus zu machen. Und jetzt im Nachhinein macht das ja auch keinen Sinn mehr. Das wär' ja albern.

    Damit schwinden die Chancen, dass ich all die Dinge, die ich sowieso noch nie machen wollte, jemals verwirklichen werde. Eine Einradtour auf der Route 66 zum Beispiel, einen Töpferkurs in der Toskana oder Haikus auf Esperanto verfassen.

    Und während ich mit milder Wehmut all der verpassten Chancen gedachte, kam mir in den Sinn, dass es uns an Initiationsriten fürs fortgeschrittene Alter fehlt.

    Jetzt, wo wir immer älter werden, braucht es neue Feste für den Übergang von einem zum nächsten Lebensabschnitt. Und dafür braucht es zunächst einmal eine Neudefinition der Lebensabschnitte. Außer dem Eintritt in den Ruhestand kommt da ja im höheren Alter nichts mehr. Das ist zu wenig – sowohl für jene, die danach noch vierzig Jahre vor sich haben, als auch für jene, deren Renteneintrittsalter immer näher ans Jenseitseintrittsalter rückt. Es braucht Feste fürs Alter(n).

    Das alles wurde mir durch besagtes Schreiben meiner Krankenkasse bewusst. Darin wurde ich mit dem gehörigen Respekt darauf hingewiesen, dass ich nun das richtige Alter erreicht hätte. Nicht, dass ich jetzt unbedingt im besten Alter wäre, aber eben doch in dem Alter, wo mir als gesetzlich Krankenversichertem eine neue Vorsorgeleistung zustünde. Danke für den Hinweis. Sonst hätte ich womöglich auch noch den nächsten Lebensabschnitt verpasst, das Zeitalter der Prostata.

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  • Last Exit?
  • KW 13: Present Regressive

    Geht ihr oder geht ihr nicht, das ist hier die Frage.

    Bald ist Stichtag, liebe Leute, beziehungsweise deadline, dear folks. Actually, ja schon diese Woche. Aber ihr ziert euch noch ein wenig. Well, „Abschied ist ein scharfes Schwert“, eine Lektion, die wir einst von eurem Landsmann, dem Kunstpfeifer Roger Whitaker, der die Tage übrigens seinen 83. Geburtstag feierte, lernen mussten.

    Ich hab's ja gleich gesagt: Bei 51,89 zu 49,11 Prozent müsst ihr das Referendum wiederholen. Auf der Basis könnt ihr doch keinen Blumentopf, geschweige denn einen Brexit gewinnen. Now we have the trouble. Da ist guter Rat teuer, respectively, it's hard to know what to do. Nichts zu machen, schien es lange Zeit, also nothing doing! Aber während am 23.3. europaweit Menschen gegen die EU-Urheberrechtsdeform auf die Straße gingen, versammelten sich in London eine Million Menschen, die gegen den Brexit, zumindest aber für ein neues Referendum votierten. Vielleicht gibt es ja doch noch einen Exit vom Brexit?

    Möglicherweise liegt dem ganzen Hickhack (argy-bargy) ein Kommunikationsproblem zugrunde. Oder vielmehr ein Kompatibilitätsproblem aufgrund divergierender kommunikativer Prägung. Professor Panos Athanasopoulos kann uns das genauer erklären. Athanasopoulos ist Professor für Englisch und Linguistik an der University of Lancaster (GB). Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, wie unsere Sprache unser Denken prägt. „Germans know where they’re going“, schreibt Athanasopoulos, „Britons not“, ergänze ich polhämisch im scheinbaren Einklang mit seinen Forschungsergebnissen (eine Zusammenfassung findet sich hier). Athanasopoulos hat nämlich im direkten Vergleich herausgefunden, dass englischsprachige Proband*innen eher auf die Handlung fokussieren, während deutschsprachige noch das Ziel der Handlung ergänzen. Bilinguale machen es mal so, mal so. Ein Beispiel: Die Proband*innen sehen eine kurze Videosequenz mit einer Frau, die sich in Richtung eines parkenden Autos bewegt. Sagen die Brits: „A woman is walking.“ Sagen die Fritz: „Eine Frau geht zum Auto.“ Also tendenziell, aber wohl signifikant.

    Verweilen die einen also im Augenblick, während die anderen stets das Ziel vor Augen haben? „Der Weg als Ziel“ versus „Der Weg zum Ziel“? Nun, sprachlich ist es nun mal so, dass wir im Deutschen nicht so richtig korrekt im Moment sein dürfen, während die englische Grammatik eine echte Verlaufsform kennt, die „progressive form“, die nicht nur in und zu jeder Zeit angewendet werden kann, sondern sogar muss. Wir hingegen müssen uns da umständlich mit „beim + Infinitiv“ und „im + Infinitiv“ behelfen. Beides funktioniert aber längst nicht bei allen Verben und Handlungen (z. B. „Es ist beim bzw. im Regnen.“). Die „rheinische Verlaufsform“ („sein + am + Infinitiv“) geht zwar mit allen Verben, gilt grammatikalisch aber als falsch, und ist damit ein wenig verpönt. Dabei lässt sich auf keine andere Weise so schön kühme: „Ich bin am verzweifeln!“ Und wenn es dann auch noch „am regnen ist“, da kann mensch den Moment mal so richtig schön auskosten. Gut möglich, dass die Sprache dabei dem Denken und Empfinden hilft.

    Immerhin hat es den Anschein, dass der „am-Progressiv“ zunehmend an Verbreitung und Bedeutung gewinnt (die Bezeichnung „rheinische Verlaufsform“ ist irreführend, da auch Menschen außerhalb des Rheinlands „Sachen am tun sind“). Es tut ja ab und an auch mal ganz gut zu verschnaufen (respektive zu verlaufen), also einfach nur zu sein, anstatt immer nur zu wollen. Auch dies sehe ich durchaus als Argument für die Aufrechterhaltung des europäischen Projekts, diese gegenseitige Bereicherung im Sprechen und Denken, im Fühlen und Sinnieren, im Machen und Sein. Also, liebe Briten, let it be!

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  • Filterfrei
  • KW 12: Fernbescheuert

    In den kommenden Wochen wird das EU-Parlament endgültig über eine neue Richtlinie zum Urheberrecht abstimmen (die sog. „EU-Urheberrechtsreform“).

    Die von der EU-Kommission vorgeschlagene „Reform“ soll das Urheberrecht ans Internet-Zeitalter anpassen. Dies sollte eigentlich bereits 2012 mit dem „Acta-Abkommen“ erreicht werden. Wohl auch wegen massiver Proteste – europaweit gingen rund 200.000 Menschen auf die Straße, wurde „Acta“ ad acta gelegt. Auch diesmal hat sich ein breiter Protest formiert. Am kommenden Samstag wird europaweit demonstriert. Auf der Plattform netzpolitik.org sind für den 23. März 2019 knapp sechzig Demos in dreizehn Ländern gelistet (Stand: 17.03.19).

    Umstritten an der Neuauflage ist besonders Artikel 13. Er sieht vor, dass Plattformen wie YouTube dafür haftbar gemacht werden sollen, wenn ihre User*innen gegen das Urheberrecht verstoßen. Damit bleiben den Betreiber*innen grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder die Rechte klären und einholen. Oder urheberrechtlich geschütztes Material blockieren. Die erste Option scheidet aus. Das wäre zu aufwändig und unrentabel. Bei der zweiten Option ist davon auszugehen, dass Upload-Filter zum Einsatz kommen, also Programme, die bereits beim Hochladen prüfen, ob Bilder, Videos oder Musik urheberrechtlich geschützt sind (bzw. sein könnten) und in diesem Fall den Upload verhindern.

    Dies wird zwangsläufig zu einem sogenannten „Overblocking“ führen: Es werden mehr Inhalte blockiert als erforderlich. Ausnahmen wie Satire, Zitate, Kunst werden nicht zuverlässig erkannt werden können und damit nicht zugelassen werden. Kritiker*innen fürchten daher, dass Upload-Filter das Recht auf Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit erheblich einschränken werden. Manche fürchten gar, dass damit die „Infrastruktur für Zensur“ geschaffen werde.

    Bedroht fühlen sich auch die vielen Internet-Foren. Artikel 13 würde ihnen „massive Haftungsrisiken mit unabsehbaren juristischen und finanziellen Konsequenzen“ aufbürden. Über 4oo deutschsprachige Foren haben sich dem Protest auf der Website foren-gegen-uploadfilter.eu angeschlossen. In ungewohnter Einigkeit stellen sich die Foren von A wie „Abnehmen.com“ bis Z wie „Zierfisch Forum“ gegen die neue Richtlinie. Zusammengenommen haben die 417 Foren sage und schreibe 18.737.270 Mitglieder (Stand: 17.03.19).

    Auch ich fürchte Einschränkungen. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich als Collagist vorgefundenes Material verwende. Ich berufe mich dabei auf die Kunstfreiheit (und stelle jede*rmensch frei, meine Werke im Sinne der Collage auf künstlerische Weise weiterzuverarbeiten). Durchaus denkbar, dass ein Upload meiner Collagen in Zukunft nicht mehr möglich sein wird. Muss ich meine Kunst dann im Darknet zeigen?

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  • Mach dir'n Kopf
  • KW 11: Klassenkampf gegen Klimakiller

    Meinen ersten und einzigen Klassenbucheintrag bekam ich in der sechsten Klasse. Weil ich dem Unterricht fernblieb, um zu demonstrieren.

    Ich war einem Aufruf der Schüler*innenvertretung gefolgt. Sie wollte ein Zeichen setzen. Gegen die geplante Zwangsversetzung von Lehrer*innen. Mit einem schulweiten Streik für die Dauer einer Stunde.

    1987 wurde an vielen Schulen NRWs demonstriert. Oft kam es dabei zum seltenen Schulterschluss von Schüler*innen, Eltern und Lehrkräften.

    Mein Mathelehrer jedoch beharrte auf der Schulpflicht. Damit spaltete er unsere Klasse: Die eine Hälfte folgte ihm in den Unterricht, die andere weigerte sich – und wurde für ihren (zivilen) Ungehorsam per Eintrag ins Klassenbuch bestraft.

    Mein Rechtsempfinden erlitt einen gehörigen Knacks. Schließlich hatten wir den Unterricht ja nicht (allein) aus Lust und Laune geschwänzt, sondern für eine gute Sache demonstriert.

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    Daran muss ich denken, wenn gegenwärtig hinsichtlich der Aktion #FridaysForFuture von Seiten der Politik zur Schulpflicht gemahnt wird. Seit Wochen streiken Schüler*innen in mehreren Ländern freitags für mehr Klimaschutz. Laut Spiegel Online sind für kommenden Freitag, den 15. März 2019, mehr als 860 Proteste in 75 Ländern geplant.

    Den Protest ins Rollen gebracht hat die Schwedin Greta Thunberg (*2003). Bereits seit August 2018 demonstriert die 16-Jährige unter besagtem Motto #FridaysForFuture – und ruft alle Schüler*innen weltweit dazu auf, ihrem Beispiel zu folgen. „Warum für eine Zukunft lernen, die es vielleicht gar nicht mehr gibt?“, fragt sie unter anderem auf der Homepage zur Bewegung gewordenen Aktion. Die engagierte Schülerin wurde soeben von den beiden größten schwedischen Boulevardblättern „Aftonbladet“ und „Expressen“ zur wichtigsten Frau des Jahres gekürt.

    Auch Kanzlerin Merkel zollte in ihrem Video-Podcast jüngst dem Engagement der Schüler*innen Respekt – und wurde dafür parteiintern vehement kritisiert. Sie hatte versäumt, ihr Lob mit einer Schelte zu verbinden. Engagement sei ja schön und gut, aber das solle gefälligst in der Freizeit erfolgen.

    Dass in Deutschland – meinem bescheidenen Eindruck nach – mehr über die Schulpflicht als über den Klimaschutz diskutiert wird, spricht Bände. Der Ernst der Lage wird noch immer von zu vielen geleugnet. Da möchte mensch doch jene mahnenden Volksvertreter*innen ihrerseits an ihre Pflicht erinnern. Vielleicht braucht es dafür einen freitäglichen Generalstreik. Oder eine strafweise Kürzung ihrer Diäten.

    Es kann zumindest niemand mehr behaupten, er/sie hätte von nichts gewusst. Bereits 1975 wurde die Gefahr des Klimawandels einer größeren Öffentlichkeit vor Augen geführt. Der US-amerikanische Geowissenschaftler Wallace Broecker (1931-2019) fragte (mehr oder weniger rhetorisch) im Wissenschaftsjournal „Science“ (No. 4201 vom 8. August 1975): „Klimatischer Wandel: Stehen wir am Beginn einer ausgeprägten globalen Erwärmung?“

    - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Mein damaliger (1987) Sportlehrer hatte die Zeichen der Zeit bereits erkannt. „Wir haben unseren Eltern vorgeworfen“, sagte er, ,,dass sie nichts gegen die Nazis unternommen haben; unsere Kinder werden uns vorwerfen, dass wir nichts gegen den Klimawandel unternommen haben.“ Jetzt also bekommt ihr die Quittung.

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    Postskriptum: Wallace Broecker starb vor kurzem, am 18. Februar mit 87 Jahren in New York City.

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  • Selvfie
  • KW 10: Kunstkernspucken (3/3)

    willkommen
    in collagen.
    ab sofort:
    ausschnitt
    und einblick,
    mittschnitt
    im netzklick.
    www.
    lebenincollagen.
    de

    2000 (Flyer zum Launch
    der 1. Homepage)

    Das Leben ist eine Collage.

    1999 (Titel der 1. Ausstellung)

    anstatt durch kunst
    neuen müll zu schaffen,
    sollte man aus müll
    neue kunst schaffen!
    22.5.94


    Alle Gegensätze sind fließend. Nichts ist isoliert zu betrachten. Kontraste sind nur vorläufige Ergebnisse von Übergängen.
    12.10.93

    Musik ist die Umsetzung einer Idee in Schall, wobei jegliches Geräuch das Produkt einer Idee ist. Nichts ist wirklich ideenlos, nur ein bisschen chaotisch.
    18.10.92

    Allein die Imagination ist allmächtig, unsere Phantasie ermöglicht uns, Traumwelten zu erschaffen, macht uns zu Göttern, zu Herrschern über Leben + Tod, Metaphysik der Gedankenwelt. Einbildungskraft + -macht.
    12.1.92

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  • Knallart
  • KW 9: Kunstkernspucken (2/3)

    ich mache keine kunst
    die kunst macht mich

    13.12.18

    Der eigene Stil
    ist die Kopie
    seiner selbst.

    31.3.17

    Kunst ist,
    wenn man's
    trotzdem macht.

    25.4.14

    ich lebe um zu kleben;
    doch klebe ich am leben?
    ich klebe um zu leben (...)

    2014

    Alles ist mehr
    als die Summe seiner Teile
    und alles ist mehr
    als nur Bestandteil.

    2005

    das wort detailgetreu
    impliziert objektive details, die von jeder person gleich abgebildet werden / können / sollen. doch details werden konstruiert und individuell ausgemalt. der mensch als künstler, als schaffer und bauer, DAS LEBEN IST EIN KUNSTWERK!

    11.12.00

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  • Am Anfang war der Kreis
  • KW 8: Kunstkernspucken (1/3)

    In den 34 Jahren meines Kunstschaffens hat sich nicht nur mein Schaffen selbst, sondern auch das Verständnis meiner selbst und das von meiner und der Kunst an sich gewandelt. Selbstverständlich und glücklicherweise.

    Nachdem ich in der letzten Woche bereits ein 19 Jahre altes Bekenntnis meines Kunst-Unverstandes zum Besten gegeben habe, greife ich diese, nächste und übernächste Woche noch tiefer in die Mottenkiste verschriftlichter Selbstreflektion. Heute schenke ich meinem 19 Jahre alten Selbst Gehör.

    - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Die Natur ist der Künstler
    und schafft sich
    selbst als Kunstwerk.

    Nichts anderes
    kann sich wirklich
    als Kunst bezeichnen.

    Unterschieden werden
    muss allerdings zwischen
    künstlich und kunstvoll.

    Wahre Kunst geht nur
    aus der Natur hervor
    (= natürlich kunstvoll).


    - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Bild und Text:
    VF, Kanada, 1993

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  • Neon Rainbow
  • KW 7: ’O sole millennio

    Um Strom zu sparen, deaktiviere ich des Öfteren meinen Router. Wenn er mehrere Tage vom Netz ist, verliert mein Telefon die Orientierung und springt zurück ins Jahr 2000 (vermutlich das Produktionsjahr). Springe ich heute ebenfalls zurück, für einen kleinen Moment nur:

    2000 meinte es gut mit mir. Ich wohnte in wohliger Gesellschaft in der Rosenstraße, Trier, arbeitete eifrig an meiner Diplomarbeit (Metaphern des Denkens) und bastelte begeistert an meiner ersten Homepage (Leben in Collagen). Viele neue Collagen und Ideen wurden geboren; aus künstlerischer Sicht ein bahnbrechendes Jahr. Und ich, ich wurde 27 – und lebte heiter weiter.

    Über das Leben und die Kunst schrieb ich damals, am 24.9.00:

    jeder augenblick
    ist ein kunstwerk
    jeder augenblick
         zeitschnitt
         ausschnitt
         abschnitt
         mitschnitt
    der momentaufnahme
    des sogenannten lebens
    des gesamten kunstwerks

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  • Blutgelb
  • KW 6: Algoritis

    Oh, je, die mich definierenden Algorithmen sind kaputt: amazon empfiehlt mir die Tage „Damen-Ballettschläppchen“, ebay legt mir „rote, pinke, nude-farbene Lippenstifte“ ans Herz.

    Was hab’ ich nur wieder getan, wo hab’ ich mich rumgetrieben, dass Big Daddy Data derart daneben liegt?

    Zugegeben: Wenn ich meinen Browserverlauf analysieren müsste, würde ich mich ebenfalls schwertun, mir einen Reim auf diese Person zu machen.

    So bringt mein Job als Webredakteur für einen „Global Player“ mit sich, dass ich Woche für Woche um die ganze Internet-Welt reise. Dabei lande ich mitunter auf manch abstruser Seite. Oft genug jedenfalls auf Seiten, die im jeweiligen Land kritisch beäugt werden.

    Und wen und was ich nicht alles google. Für diesen Blog zum Beispiel. Oder aus purer Lust und Laune. Und was für Fragen mein Sohn an Alexa hat. Ob sie Kinder hat zum Beispiel (Antwort 1: „Ich habe keine Kinder, aber viele Freunde.“, Antwort 2: „Muttersein ist etwas, das eine künstliche Intelligenz leider nicht kann.“).

    Kein Wunder, dass die Cookies, die mich tracken, und die Algorithmen, die mich hacken, zuweilen durcheinandergeraten.

    Doch wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass die von Big Daddy Data über verschiedene Personen gespeicherten Daten versehentlich vermischt werden? Und was für Konsequenzen könnte das haben?

    Wenn’s bei einer Empfehlung für Ballettschläppchen bleibt, darüber kann ich schmunzelnd hinwegsehen, aber was, wenn auf einmal das BKA vor der Tür steht?

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  • Blutmond 2019
  • KW 5: Morgenkund

    Es ist einer der wenigen Vorzüge, wenn der Wecker werktags sowieso schon um 5:15 Uhr klingelt:

    Mensch braucht sich nicht extra aus den Federn quälen, um dem astronomischen Spektakel der totalen Mondfinsternis, auch Blutmond genannt, beizuwohnen. Mensch wankt einfach zum Fenster, lichtet die Jalousie und schauet.

    So geschehen in den frühen Morgenstunden des 21. Januars 2019.

    Dabei ist es mir gelungen – und das verkünde ich nicht ganz ohne dem der Sache gebührenden Glanz, dieses extraterrestrische Phänomen mit jenem imposanten Lichtbild einzufangen, das heute das Wochenfoto ziert.

    - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Postskriptum:
    Lasst euch nicht blenden!

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  • Mal eben durchatmen
  • KW 4: Ode an Dich   (6/6)

    Das Kleingedruckte ist präsent
    Die Headline marginal, dezent
    DU bist das Gespräch des Tages
    Spiel es, sing es, sei es, sag es

    One Hit Wonder, Evergreen
    Swag Performance, never seen
    Nur so weiter, mehr davon
    Du bist in, on top und on

    Dein Wille eigen, straight und tough
    Ansporn eisern, Pensum straff
    Die Ausdauer ganz ordentlich
    Da bist du baff, gelegentlich

Schadstoffarm und leistungsstark
Kommst belebend aus dem Quark
Kommst zurecht, bist involviert
Bringst dich ein, bist integriert
Sprachgewandt und pflegeleicht
Die Nymphe dir das Wasser reicht
Fristgerecht, elektrisiert
Ein Diadem dein Haupte ziert

Die Chartsplatzierung ist ein Fest
Weil man dich einfach machen lässt
Du hast den richt’gen Ton getroffen
Sogar das Echo ist von dir besoffen

Als Pionier vorausgeschaut
Hast Start-up-Business aufgebaut
Dein-Wetter-Taft hält wie ‘ne Eins
Das Höchstgebot macht Drei, Zwei, Deins

Level, End, Speed, Life sind high
Du stichst heraus aus Einheitsbrei
Gibst Takt, bist ganz in deinem Element
Du bist, was auf den Nägeln brennt

Die Anerkennung, Anekdote
Die Klimax, Pointe und die Zote
Die Moral von der Geschicht’, der Clou
Alles, was ich will, bist du
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  • Mal eben durchatmen
  • KW 3: Ode an Dich   (5/6)

    Pfundig, boah, olé olé
    Cheers und skål, à ta santé
    Auf dein Wohl, dein Vitamin
    Von ABC bis Zeppelin

    Terra X und Neverland
    Tektonisch Platten, Super-Band
    Mariannengraben, Everest
    Wo du auch bist, da ist ein Fest

    Beatbox in der Rappelkiste
    Buddy auf der Gästeliste
    Hypnotisch Flow, bidubidu
    Probier’s mal mit Balu, Balu

Machst gut Figur, bist richtig schnieke
Bist durch und durch und von der Pike
Bist Chipendale, bist Penicillin
Bist antibiotisch mit Strychnin
Transmitter wirkt, Transponder funzt,
Bist transformiert, dein Glücksschwein grunzt
Bist transzendent und blitzgescheit
Du löst dich auf und machst dich breit

D’accor, konform und einheitlich
Rasant, enorm, befreites Ich
Commitment spricht aus deiner Seele
Correctness steht auf deiner Stele

Weiche Schale, steter Kern
Beliebigkeit, die liegt dir fern
Durchdachter Brauch, ein Wert an sich
Erlaucht, amön und förderlich

Zeig’ dein Antlitz, sei kein Igel
Suche Irrwitz, breche Riegel
Ersetz’ dein Bündel durch Ventil
Präge Ära, werde Stil

Harte Nuss und Fruchtdragee
Beknackte Sorgen sind passé
Ganz gleich, was kommt, was wird, was sei
Sei leicht wie Luft und schwer wie Blei
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  • Mal eben durchatmen
  • KW 2: Ode an Dich   (4/6)

    Nach dem aus textlicher Sicht einfallslosen Einstieg ins neue Jahr in der vergangenen Woche, versuche ich es diesmal mit der „guten alten Ode“ (vgl. KW 37/17).

    Im Herbst 2018 hatte ich sechs Portionen guter Wünsche in Aussicht gestellt, von denen noch drei Runden ausstehen (vgl. KW 41/18).

    Der Zeitpunkt könnte günstiger nicht sein. Ich empfehle mich also mit meinen besten Wünschen für 2019.

Dein Mindmap, das ist sagenhaft
Gibt Orientierung, Rechenschaft
Dein Alibi ist wasserdicht
Farbecht Firnis, Schicht für Schicht
Dein Kommentar bemerkenswert
Ist mustergültig, unbeschwert
Erfrischend’ Beitrag, echt brillant
Auf den Punkt und amüsant

Deine Taten sprechen Bände
Pianoforte, ganz behände
Lorem ipsum, leicht’ Etüde
Promotion und Plattitüde

Mit bon Bravour und Prädikat
Ganz ausgezeichnet, in der Tat
Beeindruckend, so impressiv
So ex- und doch so inklusiv

Bist Zaunpfahlwinker wie im Buche
In feinem Zwirn, in edlem Tuche
Bist hilfsbereit bis auf die Knochen
Fünf Sterne gibt’s fürs Suppe-Kochen

Bist Seraphim auf Untertassen
Mit allen Wassern, nicht zu fassen
Dein Oberstübchen, handgeschöpft
Medusas Haupt lässt’ ungeköpft
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  • 19 ist das neue 18
  • KW 1: heutmorgestern

    zwanzigachtzehn
    ALTALTALTALTALT
    ALTALTALTALTALT
    ALTALTALTALTALT
    ALTALTALTALTALT
    ALTALTALTALTALT
    ALTALTALTALTALT
    ALTALTALTALTALT
    ALTALTALTSTRGENTF

    zwanzigneunzehn
    NEUNEUNEUNEUNEU
    NEUNEUNEUNEUNEU
    NEUNEUNEUNEUNEU
    NEUNEUNEUNEUNEU
    NEUNEUNEUNEUNEU
    NEUNEUNEUNEUNEU
    NEUNEUNEUNEUNEU
    NEUNEUNEUNEUSTRGN

    zwanzigzwanzig
    BALDBALDBALDBALDBALD
    BALDBALDBALDBALDBALD
    BALDBALDBALDBALDBALD
    BALDBALDBALDBALDBALD
    BALDBALDBALDBALDBALD
    BALDBALDBALDBALDBALD
    BALDBALDBALDBALDBALD
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    Bei dem „Wochenfoto“ handelt es sich um eine Schleife der vier Flyer-Variationen zur MIKADO-Ausstellung Transform im Kurfürstlichen Gärtnerhaus (Bonn) im April 2018.

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